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Jüdische Zeitung · 1910-12-09 · 49 (9.12.1910) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
49 (9.12.1910)
Date
1910-12-09
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 Nr. 49 sehen Kapitalisten haben dies seit langem eingesehen und sich daher immer , mehr dem Baugeschäft zugewandt. Nichtsdestoweniger bleibt auch für ausländisches Kapital auf diesem; Gebiete sowohl in Jaffa wie auch; in anderen Städten, ja sogar in manchen Kolonien, noch genug Spielraum. Jubiläumsfeier zu Ehren Ben-Jehudas in Jerusalem. Gestern fand im hiesigen Beth-Am eine eindrucksvolle Feier zu Ehren Elieser Ben-Jehudas aus Anlaß seines 30jährigen Aufenthaltes in Erez Jisrael statt. Nach der Eröffnungsansprache des Herrn Dr. Segall (leitenden Arztes im Rothschild- Hospital) entwickelte der junge hebräische Schriftsteller Zemach in einem, gehaltvollen und formvollendeten Referate die Bedeutung Ben-Jehudas um die Wiederbelebung der hebräischen Sprache, für die er nicht nur in Wort und Schrift, sondern auch durch die Tat während der dreißig Jahre seines Wirkens in Palästina gekämpft habe. Herr Dr. Metmann erging sich in einer wissenschaftlichen Darlegung des Entwicklungsganges der hebräischen Sprache, die niemals im jüdischen Volke zu leben aufgehört hat. Ben-Jehudas Verdienst sei es, die neueste Phase der Wiederbelebung der hebräischen Sprache auch in Haus und Schule eingeleitet zu haben. Dr. Thon wies auf Ben-Jehuda als auf den Typus des wiederverjüngten Hebräers in Erez-Jisrael hin. In ihm habe sich die Umwandlung vom Golusjuden zum modernen hebräischen Palästinenser jäh und unvermittelt vollzogen. Er faßte den Entschluß, nach Palästina überzusiedeln, um sich hier national ausleben zu können, und hat sofort seine ganze Lebensweise diesem Programm gemäß verändert und eingerichtet. Den neuen Stil des palästinensischen Lebens, den alle andern, die-hieher kommen, sich langsam erringen, habe Ben-Jehuda durch kraftvolles Wollen mit einem Schlage für sich gefunden. Im Namen derjenigen Kreise, deren Standpunkt von dem Ben-Jehudas abweicht, sprachen Herr Seminarlehrer Dr. Rabin, der den idealen Charakter des Jubilars pries, und. Schriftsteller K. L. Silmann. Herr Ben-Zwi, der Präsident der Poale-Zion, gab der Huldigung der Arbeiterschaft Ausdruck. Eine große Menge begleitete um 2 Uhr nachts Ben-Jehuda nach Hause und brachte Hedarufe auf den Jubilar aus. Brief aus Galizien. Von unserem Korrespondenten. Lemberg, 27./XI. Kein Land hat an der Volkszählung ein solches Interesse wie Galizien.. Hier, wo Polen und Ruthenen gegeneinanderstehen, kommt es darauf an, welche Nation die Majorität im Lande haben wird. Die Nation, die die meisten Volksgenossen aufweisen kann, hat das Recht, die politische Macht für sich in Anspruch zu nehmen. Beide Nationen agitieren darum schon seit Monaten, um das Volk über diesen Punkt aufzuklären. Polnische und ruthenische Agitatoren reisen von Stadt zu Stadt und im ganzen Lande werden Flugschriften verteilt. Es war bisher Usus, daß die neunhunderttausend juden den Polen zugezählt wurden. Nun, wo die polnische Nation fast um eine Million vergrößert worden war, war es ihr leicht, sich über die Ruthenen hinwegzusetzen. Als Stimmvieh waren die Juden den Polen immer gut genug. Das soll jetzt nun anders werden! Die Juden Galiziens wollen bei der nächsten Volkszählung als eigene Nation auftreten. Das zionistische Zentralkomitee hat die Parole ausgegeben, daß sich die Juden weder als Polen, noch als Ruthenen ausgeben, sondern als selbständige nationale Gruppe, indem sie als ihre Umgangssprache „die jüdische Sprache“ angeben. Abgesehen vom nationalen Standpunkt erfordert es auch die Klugkeit, daß sich die Juden keiner der beiden Nationen anschließen. Leisten sie den Ruthenen Gefolgschaft, so werden sie sich den Haß und die Chikanen der Behörden zuziehen, gehen sie aber mit den Polen, dann haben sie die ganze ruthenische Nation gegen sich und vergrößern die Macht der Polen, derselben Polen, die die Juden bei der Landtagswahlreform übergangen und tausende jüdische Schänker brotlos gemacht haben. Die Schankkonzessionen sind nun verteilt. Viele Gutsbesitzer und Beamte haben neue Einnahmsquellen bekommen, aber dafür gibt es jetzt in jeder galizischen Stadt eine große Zahl jüdischer Familien, die ohne Existenz sind und langsam der t Verelendung anheimfallen. Vor einigen Tagen hat der Schänker-Verband den Statthalter ersucht, daß diejenigen Schänker, die .bis jetzt das Schankrecht hatten, wenigstens für das Uebergangsjahr die Konzessionen weiter erhalten sollen. Dieses Gesuch hat aber keine Aussicht, eine günstige Erledigung zu finden. Ein Palästinasammelheft. Gar oft geschieht es, daß selbst bei offiziellen Bekennern des Palästinaprogramms nicht nur die Mannigfaltigkeit anderer Notwendigkeiten oder Interessen, sondern sogar die Betätigung des Programmes selbst. Parteiarbeit, die Arbeit der Mittel und Wege den Blick vom Ziele ablenkt oder überhaupt noch gar nicht recht zum Ziele kommen läßt. Aus diesem Grunde, und in solchem Sinne kann das von der „Welt“ herausgegebene Sonderheft „Palästina“ nur freudig begrüßt werden. Drängt sich doch unwillkürlich die Erinnerung auf, daß seit dem Beginne der neuzionistischen Bewegung, die mit der Begründung der „Welt“ verknüpft ist, eine derartige Herausgabe die erste ist. Und nicht nur, daß eine Palästina-„Welt“ einmal erschienen ist, sondern auch wie sie erschienen ist! Es handelt sich hier um keine äußere Agitation zum längst vertrauten zionistischen Programm, sondern um ein gut Stück „Innenagitation“ im Sinne sachlicher Aufklärung, praktischer „direkter“ Ziele, manchmal sogar um Ansätze von Vertiefung. Letzteres zeigt sich vor allem darin, daß nicht mehr ausschließlich, wie es auch in der zionistischen Presse geschieht, das jüdische Volk der Gegenwart und das jüdische Palästina der Gegenwart gleichsam in Isolation von dem großen Strome geschichtlichen Werdens behandelt werden. Denn — um einen Gedanken Mathias Achers auszudrücken — nicht das momentane, sozusagen willkürliche Wollen, hat in sich seine Berechtigung, Zukunft zu schaffen, sondern das historisch gewordene Wollen. So wurzelt eigentlich die zionistische Gegenwartströmung im Kulturjudentum, das sich in einer Weltanschauung und Lebenslehre ausdrückt, in der Sprache das Leben des Volkes vergeistigt und im Lande die physischen Bedingungen der Verwirklichung sich zu eigen macht. Dieses Grundproblem wird mehr als einmal mehr oder weniger bewußt in einigen jener Artikel berührt, welche der Geschichte des Palästinagedankens oder dem Verhältnis von Sprache und Volk oder den Kulturfragen gelten. In diesem Sinne seien aus verschiedenen „Rahmen“ der Redaktion herausgehoben: Sokolow: Palästinismus und Nationalsprache; E. Täubler: Die allgemein-geschichtlichen Grundlagen der Palästinabestrebungen im 16. Jahrhundert und in der neuesten Zeit; Simon Bernfeld: Palästina in der Religionsgeschichte; Dr. J. Niemincowe: Der Vorschlag der Jabnehakademie; David Jellin: Die Renaissance der hebräischen Sprache. Es sind natürlich mehr Anregungen als abschließende Gedanken, sie schließen wenig praktisch zusammen, lassen aber die Spuren eines größeren Zusammenhanges erkennen, als eines solchen, der sogar dem üblichen praktischen Kulturzionismus zugrunde liegt. Näher werden viele Leser durch die Erörterung jener Fragen angeregt werden, welche die Erweckung und Erschließung des Landes betreffen. Denn hier können aus dem Schoße der Natur Werke geboren werden und, wenn das Volk einer geistigen Renaissance entgegenreifen soll, muß es die Arbeit der physischen Renaissance an sich selbst vollziehen können und wollen. Ueber den Juden als Kolonisten hören wir allerdings nicht viel, mehr aber über die Institutionen, welche dem Aufschwünge von Land und Volk in modernster Weise gerecht werden sollen. So erörtert Dr. Ruppin, welch großen Dienst die Landentwicklungsgesellschaft der privaten Ansiedlung und der Kolonisation überhaupt leistet. Sie ist in gewissem Sinne das Administrativorgan der Kolonisation und ergänzt hierin den Nationalfonds, dessen Eigenart als „Volksschatz“ von Dr. Bodenheimer nicht zwecklos zum scundsovieltenmal dargelegt wird. Die technische Entwicklung' der Landwirtschaft in Palästina kann eine wesentliche Förderung erfahren durch die neue Versuchsstation, deren Ziele wissenschaftlicher, wirtschaftlicher, teilweise sogar pädagogischer Alt Ahronsohn schildert. Ebenso werden auch die hygienischen Fragen sehr eingehend erörtet: die Absichten des zu gründenden hygienischen Instituts von D. Mühsam, die eine willkommene Ergänzung finden durch Sandlers ansführliche Schilderung der Gesundheitsverhältnisse Palästinas und durch eine Würdigung der Aufgaben der palästinensischen Aerzteschaft seitens des Sichroner Arztes Dr. Joffe. Solche Aufklärungen wie sie z. B. von Sandler gegeben werden, sind von besonderem Nutzen, da in dieser Beziehung vielfach irrtümliche Anschauungen gang und gäbe sind. Von verschiedenen Seiten stoßen wir auf die Entwicklung dessen, was eben jetzt noch im Werden ist. So muß gerade im Westen eine Darstellung des Werkes der Chowewei Zion (Glücksohn-Odessa) viel Interesse erregen, da die Geschichte des Chowewei-Zionismus mit der der Kolonisation auf das innigste verwoben ist. Diese Gesellschaft hat ja doch die ersten nationalen Institutionen in Palästina geschaffen und bedeutet noch heute sehr vielen Tragkraft und Stütze. Seit einigen Jahren insbesondere hat sich das Odessaer Komitee, das die heutige Organisationsform der Chowewe Zion bildet, die Anregung der Privatinitiative zur Aufgabe gesetzt. Wird so die Geschichte Palästinas bis in die Gegenwart fortgeleitet, so erfährt dies eine willkomme Ergänzung durch Nachrichten über die koleidoskopartig gemischte jüdische „eingesessene“ Bevölkerung, insbesondere Jerusalems, obwohl eigentlich auch all diese Bevölkerungsschichten zum größten Teile erst jungeingewandert sind. In diesem Sinne bietet der Aufsatz Grünhuts: „Ueber die jüdische Bevölkerung Palästinas“ so manches, was sonst fast nirgends zu erfahren isL Der Verhältnis der jüdischen und arabischen Bevölkerung in ihrem Aufeinandertreffen, wird von Dr. Auerbach wenigstens von der politischen Seite her berührt. Die Steigerung eines produktiven jüdischen Bevölkerungseiementes wird als das wichtigste Mittel zur Steigerung des jüdischen Prestiges im Lande bezeichnet. In neuartiger Weise lernen wir das arabische Volk in einem Aufsatze von Regr. Bärwald: „Bauliche Probleme in Palästina“ kennen, der nämlich über die architektonische Geschicklichkeit dieses Volkes, obgleich diese in primitiven Formen ausprägt, manches zu erzählen weiß und zudem ein für jede jüdische Siedlung wichtiges Problem behandelt. Die vielfältigen Möglichkeiten der palästinensischen Bodenkultur bilden die Grundlage allen Aufschwunges. Sie werden von Prof. Warburg in Zusammenhang mit den klimatisch geographischen Bedingungen der Entwicklung anschaulich erörtert und entrollen ein reiches Zukunftsbild, das zur Verwirklichung nur ernster Arbeit bedarf. Gerade die Not der Bevölkerung aber ist es, der Mangel der Arbeit als des grundlegenden sozialen Entwicklungsfaktors, was die Schaffung kleiner Gewerbe erfordert und eine Erziehung des palästinensischen Volkes zur Arbeit. Dies gilt in hervorragendem Maße für die Frauen und in diesem weiten Sinne faßt Frau Sarah Thon die Ziele des Frauenbundes in Palästina auf, der bereits in Jaffa und Jerusalem Spitzenkurse errichtet hat und an die Gründung einer Haushaltungsschule denkt. Diese Tendenzen berühren sich mit denen des „Bezalel“, über dessen seelische Vorgeschichte uns Professor Schatz erzählt, ebenso wie von seiner ersten Begegnung mit Theodor Herzl. Ueber Schul- und Erziehungssystem in Palästina schreibt einiges Uebersichtliche und einiges Prinzipielle D. Thon — es folgen ausführliche Berichte des Jaffaer hebräischen Gymnasiums und der Tachkemonischule. Weiterreichende Entwürfe sind der der Jabnehakademie von D. Niemirower und der Vorschlag der Gründung einer jüdischen Universität in Jerusalem von Abrahams in Chicago. Heinr. Löwe schreibt über das Bibliothekswesen. Von wirtschaftlichen Fragen wird noch der Weinbau von berufener Seite (durch Meinowitz in Rischon le Zion) behandelt „Palästina als Knotenpunkt des Weltverkehrs“ von Obering. Jos. Lau. Finanz- und Kreditwesen in ihrer durch die Kulturverhältnisse bedingten Eigenart sowie die spezielle Art der Operationen der Anglo Palestine-Company durch den Bankleiter Levontin und Dr. Katzenelsohn. In organisatorischer Beziehung ist noch der Vorschlag D. Joffes zu erwähnen, eine palästinensische, allgemeine Konferenz von lediglich repräsentativem Charakter einzuberufen.

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