Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 49 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2438141-2438273-2438323--2196-2441851- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. .49. JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 Ausweisungen russischer Juden aus Oesterreich. Im Mährisch-Ostrau-Karwiner Revier werden jetzt mit drakonischer Strenge und ohne individuelle Unterscheidung russische Juden ausgewiesen. Die Handhabe bildet die Gefährdung körperlicher Sicherheit, und fremden Eigentums. Trotzdemes nächgewiesön ist, daff die meisten Anschläge gegen Leberf und Eigentum von Personen von in- und ausländischen Christen und nur' ganz sporadisch von Juden begangen werden, stürzt sich gerade das k, k.! Polizeikommissariat in Mährisch-Ostrau, wahrscheinlich über höheren Auftrag auf die russischen Juden und weist sie aus. Dadurch, daß die Abschiebungen ohne Individualisierung erfolgen, geschieht es, daß von dieser Maßregel zahlreiche ganz, unbescholtene, ihrem Erwerbe redlich nachgehende russische Juden getroffen wurden. : Dürch die oft plötzlichen Abschiebungen geraten die Familien in bittere Not. Der schon vorher karge Erwerb, Mangel an entsprechenden Unterkünften und dadurch hervorgerufene Krankheiten und die herannähende Winterszeit beleuchten das Bild noch greller. Trotz des im Revier herrschenden Arbeiter mangels finden die Abschiebungen statt. Es jst nicht möglich, alle Namen der Ausgewiesenen festzustellen. Hier seien nur einige angeführt: 1. Bernhard Segelmann, Magazineur; 2. Samuel Berak, Schneidergehilfe; 3. Wolf Perlgericht, Sberigler; 4. Isac Berg, Schneidergehilfe; 5. Adolf Bentelmann, Tischler; 6. N. Buchwald, Arbeiter; 7. N. Bibecko, Schneidergehilfe; 8. Aron Grünbaum, Taglöhner; 9. Josef Feiner, Taglöhner; 10. Leopold Siatorub, Schneidergehilfe; ll. Israel Grünspan, Schneidergehilfe; 12. Bernhard Nozyal, Schneidermeister; 13. Heinrich Rosenberg, Schuhmachermeister (Karwin). . Dabei hat B u c h w a 1 d bereits acht Jahre in der Petroleumraffinerie Dr. Böhm & Comp, in Oderfurt bei Mährisch-Ostrau fleißig gearbeitet. B i b e c k o war vier Jahre in Ostrau als Schneidergehilfe beschäftigt. Eine Unterstützung Ausgewiesener ist bei der summarischen Verhandlungsweise, die die k. k. Polizei in Mährisch-Ostrau anzuwenden beliebt, leider fast unmöglich.-Der Mährisch-Ostrauer Volksverein „Zion“ hat zwar in anerkennenswerterWeise eine Rechtshilfe organisiert, doch wird deren Tätigkeit dadurch erschwert, daß offenbar mit den ausgewiesenen Juden bei der Polizei ein Protokoll aufgenommen wird, in welchem sie die Partei auf ein Rechtsmittel verzichten läßt. Der Referent unterläßt es offenbar, die Partei über die Tragweite des Verzichtes auf ein Rechtsmittel auf zu klären. So;hat: es dm Polizei dann leicht, Aufschiebungsgesuche unbeantwortet zu lassen. Die Juden, sind im Reviere eine große Macht. Es - ist aber überaus bedauerlich, daß sie diese Macht nicht .einmal zur Linderung der Praxis bei den. Äusweisungsverfügungen ausnüfzen. Wo ist dieKultusgemeindeg e. b 1 i e b e n? : Der „Jüdische Nätionalverein für O e s t e r re ich“ wird alles: däränsetzen, diesem Treiben der Polizei ein Ende zu machen. Es wird gebeten, sich in jedem einzelnen Falle an den Verein zu wenden, der. alle gesetzlichen Schritte bei den Zentralbehörden unternehmen wird. ‘ Der „J ü d i s c h e K1 u b“ i wird das Gesamtministerium interpellieren und auch diese Dinge im Plenum , des Hauses zur Sprache bringen. Erfolg beschieden sein sollte, so ist er nur auf das Konto des rekU»raetüchtigen Verlages und einer Menge, zu setzen, der jedes Gefühl für echte und wahre Kunst abhanden gekommen ist. Ebenfalls bei Heller am Bauernmarkt sah man Emil 0 r 1 i k s neue Arbeiten und ein Dutzend Radierungen des alten J o s e f. I s r a e l s. Wie sich in einem Prisma die Sonnenstrahlen brechen, ebenso mannigfaltig brechen sich die modernen Kunstbestrebungen an Orliks kräftigem Temperament. Er ist ein'Tausendsassa, mit allen malerischen Mitteln anvertraut, ehrlich und gründlich, dabei von sprühendem Geist, stets interessant und immer auf der Lauernach originellen Sprüngen. Die Radiernadel versteht er ebenso zu handhaben, wie den Stift und den Pinsel. Die radierten Porträts von Gustav Mahler, Hermann Bahr, Gerhart Hauptmann sind Dokumente, der-höchsten künstlerischen Kultur, vollendet in der Form, prägnant im Ausdruck und die Ueberwindung des Stofflichen durchc den Geist überzeugungsvoll darlegend. Am meisten.aber überrascht Josef Israels zweiter Erühiitjg, der in. üppiger Fülle Blüten treibt und wie ein Wunder anmutet. Seine Radierungen zeigen nicht die geringste Spur einer Ermüdung, wie sie bisweilen auf. den Bildern seiner letzten Epoche wahrymehmen. ist, nicht die tastende, energielose Hand des Alters. Dieselben Motive sind es, wie die seiner großen Gemälde; das Meer, der Strand, die Kinderstube Und die dämmerigen holländischen Interieurs,; .aber während jene Bilder wie Epen wirken, erleben -wir, die'- Radierungen .als . lyrische Gedichte, indem‘sich, uns’das, was dort durch das Mittel der Färbe ziim Ausdruck gebracht wird, hier als reine, intuitiv empfundene Linie därbietet. Die sozialdemokratischen Abgeordneten und die Schänkerfrage. Abgeordneter Breiter hat im Einverständnis mit dem jüdischen Klub im Parlament einen Dringlichkeitsantrag wegen der Schänkerfrage eingebracht, in dem die Regierung aufgefordert wird, auf die galizische Statthalterei dahin zu wirken, daß die noch nicht vergebenen Konzessionen nur an solche Schänker vergeben werden, die bis jetzt das Schankrecht hatten, ferner, daß das Schankrecht jetzt noch nicht aufhören soll, sondern daß eine Uebergangsz’eit geschaffen werde, damit die Schänker, die ihre Konzession verlieren, sicjj um eine neue Existenz umsehen können. Dieser Dringlichkeitsantrag hätte nur dann seinen Zweck erfüllt, wenn er sofort zur Verhandlung gekommen wäre. Abgeordneter Breiter hat nun seinen Dringlichkeitsantrag über die Affaire Wetzler-Glombinski, der gerade auf der Tagesordnung stand, wie es parlamentarisch üblich ist, vorläufig zurückgezogen, damit das Parlament noch vor den Weihnachtsferein zur Schänkerfrage Stellung nehme. Präsident Pattai ei klärte sich auch schon bereit, den Dringlichkeitsantrag sofort auf die Tagesordnung zu setzen, aber die Sache scheiterte an dem Wiederstand der — sozialdemokratischen Abgeordneten. Abgeordneter Diamant der Vertreter des Lemberger jüdischen Wahlbezirkes erklärte, daß es nicht angehe, über diesen Antrag außer der Reihe verhandeln zu lassen und so wird im Parlament über die Schänkerfrage erst dann gesprochen werden, wenn es längst zu spät sein wird. Die Sozialdemokraten haben sich auch geweigert, den Dringlichkeitsantrag zu unterschreiben und so stehen sie jetzt an der Seite des Polenklubs gegen die jüdischen Schänker. Daß die Polen alles anwenden, damit im österreichischen Parlament über galizische Angelegenheiten nicht gesprochen wird, ist längst bekannt, aber daß die Sozialdemokraten, die doch gegen jedes Unrecht auftreten sollten, dort wo die Unterdrückten zufällig Juden sind an ihr Programm vergessen, ist recht bemerkenswert. Die galizische Statthalterei und die galizischen Behörden werden ihnen für ihr energisches Auftreten gegen den Dringlichkeitsantrag Breiter und Genossen Dank wissen. Der Distriktstag ist durch ein erfreuliches Moment bedeutsam. Der feste Wille zu ernster Arbeit, der bei allen Rednern, besonders den Delegierten der Organisationen zum Ausdruck kam, berechtigt für die kommenden Jahre zu den besten Erwartungen. Es hat sich gezeigt, daß die diesjährigen Kultuswahlen für unsere Organisation, die in den letzten zwei Jahren viel zu wünschen übrig ließ, ein Stahlbad war, aus dem sie neu gekräftigt hervorging. Niederlage der Polen in Tamopol. Die Polen haben für ihr antisemitisches Treiben in Tamopol eine Lehre bekommen, die sie sich merken werden. Bei den letzten Wahlen zum Tarnopoler Gemeinderat haben sich die Juden mit den Ruthenen vereinigt und die Polen haben zwei Mandate verloren. Das ist die Strafe für die jahrelange antisemitische Wühlarbeit der Polen. Daraufhin hat das „Slowo Polzkie“ den Tainopoler Juden mit antisemitischen Exzessen gedroht. Die Antwort kam aber von einer Seite, von der man es nicht erwartet hatte. Der „Jednoc“, das Blatt der jüdischen Assimilanten in Galizien, hat in einem Leitartikel, der betitelt ist „Wohin steuern wir?“ dem „Slowo Polzki“ tüchtig die Meinung gesagt. Man kann sich also denken, wie arg es die Allpolen treiben, wenn sogar die Assimilanten wild zu werden beginnen. Kultuswahlen in Teschen. Nach Bielitz kommt Teschen an die Reihe. Auch hier haben unsere Gesinnungsgenossen einen großen Erfolg bei den Kultuswahlen zu verzeichnen gehabt. Mit überwiegender Majorität wurden bei den Kultuswahien am 27. November die Gg. Gg. Heinrich Altmann Samuel Eisner Gustav Zuckermandel Ignaz Borger (T.-zijnietz) in den Kultusausschuß und Gg. Herr lg. Kolban als Ersatzmann gewählt. Brief aus Czernowitz. Parteinachrichten. Franz Oppenheimer in Wien. Franz Oppenheimer wird Ende nächster Woche in Wien über die „Siedlungsgenossenschaft“ sprechen. Ort und Zeit werden durch Plakate bekanntgegeben werden. * * * Innerösterreichischer Distriktstag. Am 8. Dezember fand in Wien der innerösterreichische Distriktstag statt. Vertreten waren sämtliche Wiener Vereine und eine große Zahl von Organisationen aus der Provinz. Die Verhandlungen leitete Gg. Dr. HugoLöwy, der den Rechenschaftsbericht des abtretenden Distriktskomitees erstattete. Gg. Dr. Paul W e isengrün sprach über die letzten Kultuswahlen in einer großangelegten Rede. Gg. Adolf Böhm erstattete ein Referat über die Aufgaben der Studentenschaft. Die gehaltvollen Ausführungen übten auf die Delegierten und Gäste eine großeWirkung aus. Gg. Dr. J. Körner sprach über die Aufgaben des neuen Distriktskomitees. Der Distriktstag sprach dem Kultuswahlkomitee den Dank, den Gesinnungsgenossen Doktor Paul W e i s e n g r ü n, Dr. J. K ö r n e r, ing. Julius Groag und JUC. Alexander Geller den besonderen Dank und Anerkennung für die unermüdliche und erfolgreiche Tätigkeit anläßlich der Kultusgemeindewahlen aus. Ueber Antrag des Gg. Alexander Geller wurden hierauf folgende Gesinnungsgenossen in das Distriktskomitee gewählt: Zum Präsidenten Dr. med. J. H. Körner, ferner R.-Abg. Dr. Benno Straucher, Obmann des „Jüdischen Klub“, Architekt Dr. A. Karplus, Ingenieur J. KöppeI, Dr. Hugo Zuckermann, Hugo Eben, Julius Groag, Dr. med. Arminski, Dr. Herrmann Löw, Dr. Robert Beer. (Studentenversammlug in der Aula der Czernowitzer Universität. - Eine jüdische Mensa.) Unter dem Vorsitze des Herrn Professor W o j u z k i fand über Einladung der Ausschüsse des „Universitäts-Studentenheims“ und des „akad. Kranken- und Unterstützungsvereines“ eine von Hörern und Hörerinnen überaus stark besuchte Versammlung statt. Als Vertreter der Universität nahmen an dieser Versammlung Rektor Fried wagner, Dr. Petschek und Prof. Kogler teil. Die Versammlung hatte die Veranstaltung eines akademischen Balles zu Gunsten obgenannter Institutionen und „M ensaangelegenh e i t e n“ zur Tagesordnung. Auf das Referat über den ersten Punkt folgte eine längere erregte Debatte, an der unter anderem insbesondere die Herren kand. jur. Schnapp („Hebronia“) und abs. jur. K r ärn e r („Zephira“) sich beteiligten. Herr kand. Jur. Schnapp, der im Namen der fünf jüdischen Verbindungen und der gesamten jüdischen Finkenschaft sprach, unterzog die Verwaltung des Studentenheims einer vernichtenden Kritik. Er wies unter lebhafiem Beifall der Zuhörer nach, daß die erwähnte Institution, die ihr Entstehen ausschließlich jüdischem Gelde verdankt, merkwürdiger Weise unter der Herrschaft der Rumänen steht. An der Hand einer sorgfältig ausgearbeiteten Statistik zeigte der Redner, daß die jüdischen Studenten in krasser Weise bei der Verteilung der Wohnzimmer zu Gunsten der Rumänen zurückgesetzt werden. Die anderen Nationalitäten seien deshalb auch nicht gebührend berücksichtigt. Die jüdischen Studenten fordern eine gründliche Abhilfe. Abs. jur. Krämer verwies darauf, daß es den Juden bei allen Stiftungen „ohne Unterschied der Nation und Konfession“ (lies jüdischen), ähnlich ergehe und erklärte, da der Vorsitzende, unterstützt vom Dekane Doktor Petschek, eine weitere Kritik nicht zuließ, die jüdischen Studenten werden die Oeffentlichkeit über die famose Wirtschaft im Studentenheim aufklären. Zum zweiten Punkte der Tagesordnung, „Mensaangelegenheiten“, ergriff nach dem Hauptreferenten, der für die Gründung einer neuen allgemeinen Mensa akademica eintrat und eine in diesem Sinne abgefaßte Resolution verlas, kand. jur. Rot hf e 1 d („Zephirah“) das Wort. Er erklärte, daß die gesammte jüdische Studentenschaft das Projekt begrüße. Unter stürmischen Hedarufen der Zuhörer forderte er aber für jüdi-