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Jüdische Zeitung · 1910-12-09 · 49 (9.12.1910) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
49 (9.12.1910)
Date
1910-12-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZgJTUNG. Nr. 49 oder Nationalität gezählt werde, damit die jüdische Nationalität bei der Volkszählung berücksichtigt werden könne. Wir werden die Rede in der nächsten Nummer in extenso veröffentlichen. * * * Der Jüdische Klub“ hat in seiner letzten Sitzung sich mit in den nächsten Tagen im Parlament zur Verhandlung kommenden Gegenständen befaßt und folgende Beschlüsse gefaßt: Für die Debatte über die Verlängerung des Bankprivilegiums und die Aufnahme der Barzahlungen wurde Abg. Dr. Mahler als Redner bestimmt. Der Klub wird für die Regierungsvorlage stimmen. Diese Haltung wird dadurch begründet, daß die Oesterreichisch-ungarische Bank bisher Hypothekarkredit fast ausschließlich in Ungarn, weniger in Oesterreich, überhaupt nicht in Galizien und der Bukowina gewährt hat. Bei Aufnahme der Barzahlungen wird es jedoch der Bank ermöglicht, solchen Kredit auch für Galizien und die Bukowina zu gewähren, was für die jüdische Bevölkerung dieser Länder von Vorteil ist Zum serbischen Handelsvertrag wird Abg. Dr. Straucher, zur Verlängerung der Geschäftsordnungsreform Abg. Stand sprechen. Der Jüdische Klub“ hat sich auch mit der am 11. Dezember in Wien stattfindenden Sitzung der Reichsexekutive beschäftigt Auf der Tagesordnung stehen u. a. die Volkszählung und die Verhältnisse in der jüdischen Partei in der Bukowina. Es steht zu erwarten, daß sämtliche Mitglieder des Klubs sich an diesen Beratungen beteiligen werden. Zu den Wiener Kultusgemeindewahlen. Revolution im Pascbalik Stern. Für den Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde, Dr. Stern, sind böse Zeiten gekommen. Er, der bisher gewohnt war, nach dem Despotensprüchlein „sic volo, sic jubeo, sit pro ratione voluntas“ seine Regierung zu führen, er, der Widerspruch nur vom hören sagen kannte, sieht sich auf einmal einer offenen Revolution gegenüber. Seine Mamelucken haben ihm den Gehorsam gekündigt. Die Sache trug sich so zu: Die Nominierung der Kandidaten für den Kultusvorstand betrachtet Dr. Stern als eine ausschließlich ihm vorbehaltene Agende. Sind Wahlen in Sicht, setzt er sich mit seinen Allergetreuesten zusammen und bestimmt, wer von seinen Gnaden den Kunst zu einer Anschauung der Welt (nicht Weltanschauung) zu gelangen. Typisch für sein Empfinden ist der Mangel jedweder Reflexion. Außer Epstein treten uns noch zwei Landschafter entgegen: Adolf Kaufmann, der seinen wohlgegründeten Ruhm alljährlich durch kräftigere Bilder festigt, voll neuer, packender Motive, bisweilen wie sie Liebermann liebt (Strand bei Katwyk und Kanal in Brügge) und der leider so früh dahingegangene Rudolf Quittner, geschickt und witzig bis in die Fingerspitzen, frappierend durch sein Kolorit und unermüdlich in der Auffindung interessanter Boulevardstücke, dabei aber das eigene Menschtum mit allerlei Drapierungen wohlweislich verhüllend. Mehr vom Menschen offenbart, mit heißem Ringen um den individuellen Ausdruck, L a z a r K r e s t i n. Sein weiches, fast sentimentales Gemüt, umgeht die harten Kanten und die scharfen Kontraste; daran hauptsächlich scheitert sein Bemühen, zu einem strengeren Ausdruck zu gelangen. Was ihm fehlt ist Stil, Einheit zwischen Form und Inhalt Was er im Ueberfluß besitzt, ist Empfindung und inneres Erlebnis. Ganz besonders die Ghettopoesie in ihrem ostjüdischen Charakter durch allgemeinere Charaktertypen gemildert, hat an Krestin, seitdem Isidor Kaufmann ein wenig in den Hintergrund getreten ist einen vortrefflichen Vertreter gefunden. Die prächtigen Judengreise, die grübelnden oder debattierenden Talmudschüler sind in kurzer Zeit, neuerdings durch Reproduktionen populär geworden. N. Schattenstein ersetzt das, was ihm an Seele fehlt durch modische Eleganz. Indem er, der Parvenü unter den Porträtisten, bewußt oder unbewußt, sich von seinem Modell abhängig macht, muß er gleichsam in gesellschaftlicher Verzürn Kultusvorsteher ernannt werden solle. Diese Kandidaten werden dann noch zum Scheine von einem aus den zuverlässigsten Elementen zusammengesetzten „Zentralwahlkomitee“ bestätigt. Diese Einrichtung wurde erst geschaffen, seitdem wir Zionisten in den Wahlkampf .eingetreten sind. Eine Ablehnung der von Dr. Stern Präsentierten war bisher noch nie vorgekommen. Man schluckte ohne Murren, was der Allgewaltige vorsetzte. Doch bei den diesjährigen Wahlen geschah das Unerhörte. Der Allianzmann Pappenheim, dessen eifrigster Protektor Dr. Stern ist, fiel im Zentralwahlkomitee durch. Der Präsident schnob Rache. Rasch hatte er einen Plan ausgeheckt, wie Pappenheim doch Kultusvorsteher werden könne. Elf Tage nach den allgemeinen Wahlen am 7. Dezember, fanden die Wahlen der Privilegierten, der „Höherbesteuerten“ statt. Hier gibts kein Zentralwahlkomitee. War es bisher auch durch die Tradition geheiligte Sitte, daß den „Höherbesteuerten“ nur Männer aus ihrer Kurie präsentiert wurden, mit der Tradition mußte gebrochen werden, wenn der Präsident es will. Pappenheim wurde Kandidat für die Höherbesteuerten. Doch auch da hatte Dr. Stern die Rechnung ohne seine plötzlich widerhaarig gewordenen Mamelucken gemacht. Pappenheim fiel mit zirka SO gegen ISO Stimmen des Outsider Juwelier Zirner durch. Der Stern des Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde droht zu erlöschen. * * * Mißbräuche bei' den Kultusgemeindewablen. Es muß anerkannt werden, daß die meisten Wahlkommissionen in objektiverWeise ihres Amtes gewaltet haben. So . waren es im 9. Bezirk die Vorsitzenden, Hofrat Rappaport und Dr. Katzan, die strenge darauf bedacht waren, daß im Wahllokal von Gemeindebediensteten und einzelnen Kommissionsmitgliedern, welche sich den Pflichten ihrer Stellung nicht bewußt zu sein schienen, kein Unfug getrieben werde. Auch Dr. Auerbach, der im 3. Bezirk Vorsitzender war, wird dasselbe nachgerühmt. Hingegen hatten einzelne Kommissionen im 2. Bezirk die Neigung, galizische Wahlen zu machen. Mitglieder der Kommission in der Leopoldsgasse — Vorsitzender war dort Herr Max Frank — trieben die schamloseste Agitation für die „offizielle“ Liste. Hier lag ein ganzer Stoß von offiziellen Kandidatenlisten auf, die von den Kommissionsmitgliedern den Wählern, die mit unausgefüllten Stimmzetteln erschienen waren, öffentlich zugesteckt wurden. So tauschte das Kommissionsmitglied Isidor Kleiner dem Wähler Josef F. den Stimmzettel für die Vertrauensmännerwahl ein. Dr. Philipp H. wollte leere Stimmzettel abgehen, wurde jedoch von dem Kommissionsmitglied Brieger solange bearbeitet, bis er unter Benützung der ihm von Brieger zugesteckten offiziellen Liste seine Zettel ausfüllte. Sogar Tinte pflichtung seinen künstlerischen Prinzipien untreu werden. Die Zugeständnisse dem Modell gegenüber (hier wörtlich zu nehmen) erniedrigen bisweilen das Porträt zu einem Plakat. Lächerlich hohl und dadurch fast bizarr wirkt das willkürlich gewählte Format der Bilder, das affektierte Lächeln und die zu einem Kompliment einladende Haltung der schönen Frauen, denen der Maler schmeichelt, so daß man oft sich bemüssigt fühlt, auszurufen: „Sie sind entzückend, Gnädige!“ Von David Kohns in gemischter Technik (Rötel und Kohle) gezeichneten Porträts gibt es nichts Neues zu sagen, ebenso wie von Viktor Scharf, der in seinen gediegenen, technisch vollendeten Bildnissen sich einem dunklen Galerieton, wahrscheinlich aus heuchlerischen Absichten, nähert. In aufsteigender Linie bewegt sich die Entwicklung des bisher allzuwenig gewürdigten Otto H e r s c h 1, der den schwierigsten Licht- und Farbenproblemen nicht ausweicht, sondern im Kampfe um die Gabe der Vollendung immer höhere Anforderungen an sein Talent stellt. Im Hell ersehen Kunstsalon, dereinen wichtigen Faktor im Wiener Kunstleben zu bilden beginnt, erschien Lilien mit den Originalzeichnungen seiner Bibelillustration. Außerdem waren einige Radierungen und eine größere Anzahl guter Exlibris zu sehen. Die Nörgler und Pessimisten, welche jeden künstlerischen Aufschwung im Interesse ihres Prinzips verneinen, sprachen Lilien schon in jener Zeit, als seine Schwarz-Weißblätter sich den Beifall einer verhältnismäßig großen Gruppe erobert hatten, Entwicklungsmöglichkeiten ab. Es war gewiß nicht leicht, durch kleine, im Format anspruchslose und im Ausdruck begrenzte Zeichnungen sich einen Erfolg zu sichern. Den Illustrationen, welche Lilien zu Rosenfelds „Liedern des Ghetto“ und Fjder holte ihm dieser freundliche Herr. Der Wähler Adolf Kn., welcher keinen Stimmzettel für die Vertrauensmänner hatte, wurde vom -VorsitzendenrStellVertreter auf die am Tische im Wahllokal liegenden offiziellen Zettel aufmerksam gemuht, mit dem gemerken, .er möge einen .solchen Zettel benützen, „falls er diese Liste wählen wolle“. Derartige W.ahibeeinflussungen ereigneten sich Jjestäur dig. Selbstverständlich sind alle diese Herren in ihrem sonstigen politischen Leben „deutchsfreisinnjg“ und wir wären begierig, zu hören, welchen Lärm diese Leute schlagen würden, wenn christlichsoziale Kommissionsmitgiieder öffentlich derartigen Unfug treiben würden. Nach außen „freiheitlich“, bei Behandlung aller jüdischen Angelegenheiten aber reaktionär und brut3l, das ist ein beliebtes Spiel in unserer Kultusgemeinde. Damit die Gesellschaft komplett sei, fehlte auch der Ehrenwort-Neustadtl nicht. Wenn die Freiheitlichsozialen nichts anderes getan hätten, als diesen Mann an die Oberfläche zu bringen, müßte jeder anständige Mensch ihre politische Gemeinschaft meiden. Er stand vor der Tür des Wahllokals in der Malzgasse und benahm sich, als wolle er seine Qualifikation zu einem S c h a m e s nachweisen. Er hatte die Taschen vollgestopft mit ausgefüllten amtlichen Stimmzetteln, riß oppositionellen Wählern die Stimmzetteln aus den Händen, griff sogar in ihre Taschen, bis ihm zuletzt einer von unseren Gesinnungsgenossen einen tüchtigen Schlag auf die Hand gab, worauf er endlich verschwand. Eine recht heitere Szene spielte sich im Wahllokal Leopoldsgasse ab. Ein Agitator der Kultusgemeinde trat auf den Vorsitzenden Max Frank zu und verlangte von ihm eine Bestätigung darüber, daß er einen „offiziellen“ Wähler herbeigeschleppt habe. — Als ein grober Unfug muß es auch gerügt werden, daß der Kultusvorstand seine Amtsräume für die Sitzungen des offiziellen Wahlkomites hergab und daß von den Amtsräumen der Kultusgemeinde aus die offiziellen Wahlaufrufe verschickt wurden. Unseren Gesinnungsgenossen wurde auch die Ausfolgung amtlicher Stimmzettel verweigert, während die Wahlmacher des Kultusvorstandes über Stimmzettel in Hülle und Fülle verfügten. — Allen diesen Dingen gegenüber bewiesen unsere Gesinnungsgenossen, und selbst die jüngsten, eine bewundernswürdige Ruhe, die sich so mancher von den „gereiften“ Herren der Kultusgemeinde zum Beispiel nehmen könnte. Wir werden den Kultusvorstand an diese Mißbräuche aber rechtzeitig erinnern und werden sie in Zukunft zu verhindern wissen. Schon heute aber müssen wir verlangen, daß Männer, welche der Ansicht sind, daß ihre Berufung in eine Wahlkommission einen Freibrief für unerlaubte Wahlbeeinflußung bedeute, zu diesem Amte nicht mehr herangezogen werden. und dem Buch „Juda“ des Börriers von Münchhausen schuf, fehlte zwar nicht der agitatorische — fast möchte ich sagen— aktuelle Zug: immerhin aber waren sie Begleiter zu einem Text, der durch den Widerstand eines teilnahmslosen Publikums sich seinen Weg bahnen mußte. Ganz anders verhält es sich mit den Illustationen zur Bibel. Wenn schon an und für sich zwischen „Bibel“ und „Illustration“ ein Widerspruch besteht, den selbst die größten Meister des Stiftes oder des Pinsels völlig aufzuheben nicht imstande waren, erscheint hier das Wagnis umso größer, als es sich gleichzeitig um eine Bibelausgabe handelt. Die Frage, ob die klassischen Verbildlichungen der biblischen Welt dem Geist dieser ewigen Schöpfung näher kamen, ob sie ihn erweiterten oder beeinträchtigten, läßt sich nur vom Standpunkte des betreffenden Zeitalters, der geistigen und religiösen Strömungen und Anschauungen aus beantworten. Rembrandts, Dorres, Walter Cranes und Thomas Darstellungen spiegeln den Geist nicht nur ihrer Epoche wieder, sondern auch den ihrer eigenen künstlerischen Individualität. Und jeder große Künstler wird eine Illustration der Bibel in seinem eigenen Geiste neu entstehen lassen. Liliens biblische Zeichnungen sind Aeußerungen eines großen, aber zur Schablone erstarrten Talentes, das nicht aus noch ein kann, das sich in eine Sackgasse verrannt hat und die Begrenzlheit der eigenen Ausdrucksmittel als etwas endgiltig Typisches ansehen lassen will. Von der Größe und Fülle, von der Schlichtheit und anschaulichen Breite dieses grandiosen Epos ist in Liliens Randschrift auch nicht ein Hauch zu verspüren. Selbst die äußerliche gefällige, mit Vignetten überladene Erscheinung kann über die Nüchternheit des gesamten Werkes nicht hinwegtäuschen. Und wenn dieser Bibelausgabe ein großer buchhändlerischer

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