Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 49 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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NRTIML -JÜDISCHES DRGRN erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjahr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Gapzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige * # ##■&■£■»■» ■&**#■»# # Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemp]are20 b. Postsparkassenkonto 104.067. ■*•*••*•*■****■****•*** Nr. 49. Wien, Freitag den 9. Dezember 1910. IV. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Aus dem Parlamente. Revolution im Paschalik Stern. Mißbräuche bei den Kultuswahlen. _ Ausweisungen russischer Juden aus Österreich. Jüdische Kunst in Wien. Zionistischer Distriktstag. Die Sozialdemokraten und die Schanker. Aus dem jüdischen Leben. Parteinachrichten. Vereinsnachrichten. Mittwoch, den 14. Dezember wird auf Einladung des Vereines zionistischer Hochschüler „Theodor Herzl“ Martin Buber (Berlin) einen Vortrag über „Erneuerung des Judentums“ halten. Der Vortrag findet im Festsaale des Ingenieur- und Architektenvereines (1., Eschenbachgasse Nr. 9) statt. Beginn präzise 8 Uhr abends. Karten ä K 5.—, 3.—, 2.—, 1.— sind zu haben in Guttmamis Hofmusikalien-Handlung (I., Opernhaus), bei Kehlendorfer (I., Krugerstraße 8) und im Vereinslokal (VIII., Lenaugasse 7, Tür 10) von 7—9 Uhr abends. Telephon 18.451. Aus dem Parlamente. Dienstag, den 6. Dezember hielt Abg. Dr. St rau eher als Sprecher des Jüdischen Klubs“ in der Budgetdebatte eine eineinviertel Stunden lange Rede, welche wir im Auszuge folgen lassen. Der Eindruck der Rede im Parlament war der denkbar beste. Die mannhafte Art und die Entschiedenheit, mit der Doktor StrauctierdieForderungenderjüdischenBevölkerung in Oesterreich erhob, übten tiefeWirkung. ln beredterWeise schilderteerdieNotder galizisch-jüdischen Proletarier und trat für die unglücklichen Opfer der Propinationenerlöschung in Galizien und der Bukowina ein. Unter den zahlreichen Abgeordneten, welche Abg. Straucher zuhörten, befand sich auch der Führer der polnischen Volkspartei Stapinski, über ejessen Einfluß tausende jüdische Schanker ihre Schänkerkonzession und damit auch ihren Lebensunterhalt verloren habet]. Abg. Stand benützte die Gelegenheit, den Abg. Stapinski durch geschickte Zwischenrufe vor dem ganzen Hause als Haupturheber der Härten bei der Verleihung der Konzessionen zu brandmarken. Dr. Straucher plaidierte auch für verschiedene Staatsangestelltenkategorien und bekundete damit, daß die Fürsorge der jüdischen Abgeordneten,. welche sich vornehmlich ihren eigenen Stammesgenossen zuwendet, auf alle Notleidenden erstreckt. Heiterkeit erregte die Apostrophierung des Abg. Gail aus *Farnopol, welcher während der Rede des Abg. Straucher im Sitzungssaale erschien und nach dem Zwischenrufe des Dr. Straucher, der ihn einlud, näherzutreten, ach schleunigst drückte. Die Rede des Aög. Straucher hatte noch den bedeutendsten Erfolg, daß der Minister für Galizien Dulemba hernach sowohl dem Abg. Stand als auch Doktor Straucher erklärte, daß er für die galizischen Schänker das möglichste tun werde. Dr. Straucher behandelt eingangs seiner Rede die Verhältnisse in der Bukowina. Er erinnert an die seit Jahren über die vielfache Vernachlässigung des Landes geführten Klagen und Beschwerden, die aber bisher erfolglos geblieben seien. Er schildert die Bodenbesitzverhältnisse in der Bukowina. Die Hälfte des Bodens gehöre dem Großgrundbesitz, und dazu noch der toten Hand eines Fonds. Von einem bäuerlichen Grundbesitz könne überhaupt kaum Jüdische Kunst in Wien 1909-1910. Ein Rückblick von Dr. Oskar Rosenfeld. Schon vor längerer Zeit tauchte in Wien das Projekt auf, eine umfangreiche Gruppe jüdischer Kunstwerke als den Ausdruck einer spezifisch jüdischen Kunstanschauung vorzuführen. Es wäre gewiß wertvoll, die verschiedenartigsten Talente unmittelbar aus ihren Werken zu studieren und gewiß gäbe eine ästhetische und historische Analyse derselben ein Resultat, von dessen Wirkung nach außen wir uns gegenwärtig Keine Vorstellung machen können. Anderseits aber ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß durch besonders lebhaftes Betonen nationaler Schlagwörter eine Verwirrung der Begriffe eintreten kann, wie es z. B. in Berlin im Winter 1908 geschehen ist. Daß sich jederzeit eine Front von Gegnern findet, welche aus Uebereilung, Mißverständnis oder angeborenem Negationsgefühl Opposition treibt, ist ebenso selbstverständlich wie die Verhimmelung einer jüdischen Sache durch naive Optimisten. In diesem Falle würden beide Teile unrecht tun; denn zur Inszenierung einer solchen Ausstellung gehört ein strenges, sachgemäßes Prinzip, das in sich selbst Berechtigung besitzt. In Wien selbst konnte man in der Saison 1909/10 hinlänglich Bedeutsames finden und die Symptome einer wahrhaften Regeneration auf bildnerischem Gebiete machten sich in erfreulicher Weise bemerkbar. Was Anzahl und Qualität der ausgestellten Werke betrifft, fand sich eine Steigerung der Werte vor und auch das Interesse für die jüdischen Künstler scheint an Boden gewonnen zu haben. Selbst unter den Jungen, welche sich um das heurige Rothschildsche Künstlerstipendium bewarben, fielen einige bedeutsame Talente auf, und es wird Sache der einflußreichen Persönlichkeiten sein, vor allem diese Anfänger materiell zu fördern. Denn aus dieser jungen Garde sollen ja jene Männer hervorgehen, denen es bestimmt ist, den Begriff „jüdische Kunst“ zu fertigen und die neuen Ideale unserer Zeit in bildnerischn Formen umzuprägen. Unter den älteren Meistern hat sich, nach zehnjährigem Ringen um die letzte Gabe des Ausdruckes, Jehudo Epstein einen Ehrenplatz errungen. Seine künstlerische Entwicklung, in einer Monographie von Franz Servaes bereits fixiert, weist Berg- und Tallinien auf, wahrscheinlich durch das Individuum selbst bestimmt. Immerhin mußte sich eine Darstellung in den neunziger Jahren damit begnügen, von seiner Physiognomie bloß einen Schattenriß zu geben. Die am Schaffen so reichen Jahre 1900—1910. in denen der Künstler sich erst gefunden zu haben scheint, besonders die Ausflüge nach Taormina und nach Holland, deren Ausbeute wir in den verschiedenen Ausstellungen kennen lernen konnten, mußten unberücksichtigt bleiben und werden einem künftigen Biographen zur Ergänzung des Gesamtbildes dienen müssen. Mit Verzichtleistung auf alles Episodenhafte strebt Epstein dem rein Malerischen zu. Historische Aktionen oder Gruppenbilder wie die bekannte Makkabäerszene Saul und David, oder das Begräbnis in den Lagunen, gehören einer, wenn nicht gesprochen werden. Im Bauernstände herrsche eine geradezu verzweifelte Stimmung. Es müsse die Durchführung einer großzügigen, zielbewußten staatlichen Hilfsaktion zur durchgreifenden Sanierung der trostlosen wirtschaftlichen Verhältnisse und zur ökonomischen Hebung des Landes gefordert werden. Die Einleitung einer solchen staatlichen Hilfsaktion wurde bereits von der Regierung Beck den Abgeordneten der Bukowina in Aussicht gestellt, bis heute aber habe man nichts weiter darüber gehört. Regierung und Parlament dürften nicht weiter Zusehen, wie die Bevölkerung Hunger leidet und durch den Lebensmittelwucher ausgebeutet werde. Hierauf wendet sich der Redner der Besprechuung der jüdischen Fragen zu. Er präzisierte das Verhältnis des „Jüdischen Klubs“ zur Regierung und erklärte, daß dieser nach wie vor oppositionell sei, da die Regierung die Erfüllung seiner Forderungen bisher nur versprochen, die Versprechungen aber nicht gehalten habe. Redner weist speziell auf das Elend breiter Schichten der jüdischerrBevölkerung hin. In keinem Parlament der Weit werde so viel wie bei uns über Juden und das Judentum gesprochen, zumeist Unrichtiges, tatsächlich nicht Erwiesenes. Diese Judenfrage aber wird und muß einmal aufgerollt werden. Die Vertreter der jüdischen Wählermassen aus der Bukowina und Galizien sind wohl am besten in diese unsagbar traurigen Verhältnisse eingeweiht. Redner gibt sodann eine ausführliche Schildernng des unter den galizischen und Bukowinaer luden herrschenden Elends, zu dessen Vermehrung die E n tzi e h u n g d e r Schankkonzession beigetragen hat. Er verlangt ferner, daß bei der nächsten Volkszählung nicht nach der Umgangssprache, sondern nach der Muttersprache überwundenen, so doch entfremdeten Epoche an. Die Kollektivaussellung im Herbst 1909 steht unter dem Zeichen einer koloristischen und luministischen Tendenz. Licht-, Luft- und Wolkenstudien beherrschen den Raum. Außer zwei Porträts, die wiederum Epsteins kühne und impulsive Darteilungsart dokumentieren, und einigen Studienköpfen alter Frauen und Männer sehen wir Ausschnitte aus der Farbenwelt der Lagunen. Wir finden das schillernde Licht der letzten Sonne, den grellen Mittag, die Mannigfaltigkeit der Reflexe, das phantastisch-verschwimmende oder kalte Mondlicht in ungezählten Variationen. Zu der meisterhaft bewältigten Harmonie der Töne gesellt sich eine poetische Auffassung der Motive, die bei einem so raffinierten Koloristen überrascht. Ein gutes Stück Abenteurerlust und Bohemienbewußtsein steckt in diesen Bildern, aber sie sind, obgleich begrenzten Stoffes, doch nicht Stückwerke eines zur Manier erstarrten Virtuosen. Will man Epstein als schaffendes Individuum in eine Formel pressen, welche seine Kunst restlos in sich schließt, dann darf man nicht allein von dem bisher Geleisteten ausgehen, sondern man muß auch der in seiner Kunst liegenden Keime gerecht werden. Deshalb wäre es einseitig, wenn man ihn als einen Künstler bezeichnen wollte, der die äußere Erscheinung auf Grund seiner malerischen Prinzipien und eines persönlichen Temperaments in einer höchst singulären Randschrift wiedergibt; vielmehr neige man sich dem Bekenntnis zu, daß er dahin strebt, innerhalb der Grenzen der bilden-