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Jüdische Zeitung · 1910-12-02 · 48 (2.12.1910) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
48 (2.12.1910)
Date
1910-12-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 48 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite S lieh, daß es. der Judenheit als solcher.sehr gut gehen könne, und dabei, dach-.das Judentum durch Taufe und Mischehe dem Untergang entgegengehe. Eine jüdische Politik müsse höhere Ziele haben, als jenen Kampf gegen den Antisemitismus, sie müsse sich um das Schicksal des Judentums kümmern, d. i. der historischen Kontinuität zwischen allen Judenschaften der einzelnen Kulturepochen. Für eine Politik des Judentums haben bisher die theoretischen Grundlagen gefehlt. Es handelt sich um die Frage, ob die Erhaltung der jüdischen Rasse eine Kulturforderung sei. Neben dem Streben nach Erhaltung des Judentums bestehen gegenwärtig im Effekt ersteres übertreffend Tendenzen zur Auflösung des Judentums. Redner bespricht die Taufbewegung als'Symptom dieses Zersetzungsprozesses. Im letzten Jahrhundert seien über 224X00 Personen aus dein Judentum ausgetreten. In den letzten 25 Jahren sind in Wien allem ca. 10.000 Austritte zu verzeichnen gewesen. Dr. Z. breitet ein umfassendes statistisches Material über die rapid anwachsende Abfallbewegung aus, wie er es in seinem Buche gab, und beleuchtet den Umstand, daß. es vornehmlich die höheren Schichten und freien Berufe sind, welche das Hauptkontingent liefern, nicht aber etwa die wirtschaftlich gedrückten. Drei Motive seien hauptsächlich für den Uebertrilt maßgebend: 1. Die Karriere, 2. die Ehe, 3. ideologische Motive. Die Gründe, .warum, das (udehtum notwendigerweise einen immer geringeren Einfluß auf die Juden ausübt, hat eine Reihe von Ursachen. Hauptsächlich sind: 1. Daß in unserer gegenwärtigen Zeitepoche die Religion an Boden verlieit, 2. daß sich der Einfluß des jüdischen Milieus stark vermindert hat, 3. daß die höheren Stände das Judentum verachten und geringschätzen, weil die Juden nach ihrer Ansicht nicht zu den hervorragenden Kulturvölkern gehören. Wie soll man die Taufe öffentlich beurteilen? Welche Mittel gegen die Abfallbewegung ergreifen? Die nicht aus Ueberzeugung erfolgende Taufe ist schön dadurch abgeurteilt, daß sie in der Regel einen Meineid bedeutet. Auch die Konfessionsloserklärung ist eine tiefstehende Handlung. Sie ist die Lossagung von einer Gemeinschaft, der man durch Geschichte und Vererbung augehört. Das Judentum ist nicht bloß eine Konfession, sondern auch eine anthropologische Klassifikation. Die vorgeschlagene Boykottierung der Apostaten, so heilsam sie auch wäre, ist ein zweifelhaftes Mittel. Denn sie bekämplt nicht die Ursachen des verminderten Haltes. Da können nur nützen ad 1 und 2 die Versuche nach Art der Neoorthodoxie, welche aber doch nicht imstande sind, die Kraft der alten Orthodoxen zu ersetzen und ad 3 ein genaues Studium der Rassenfrage. Aber auch dies könnte den Auflösungsprozeß nur verzögern. Am radikalsten könnte diesem nur abgeholfen werden durch solche Verhältnisse, durch welche das Herantreten der Versuchung unmöglich gemacht würde. Was an der Taufbewegung noch ganz besonders nachteilig für das Judentum erscheint, ist der Umstand, daß sich gerade die obersten und reichsten Schichten taufen lassen, so daß durch die Taufbewegung die soziale Struktur des Volkes fortwährend zu dessen Ungunsten verändert wird. Stärker noch als die Taufe wirkt die Mischehe im Sinne der Auflösung des Judentums. ln England, Frankreich und Italien ist das Judentum, abgesehen von den östlichen Zuwanderern in London und Paris, nahezu völlig durch Mischehe aufgesogen werden. In Wien waren 1906 13 Prozent aller jüdischen Ehen Mischehen, in Budapest 1907 19 Prozent, in Frankfurt a. M. 1908, 30'7 Prozent, in Berlin 1905 44'/j Prozent, in Hamburg 491/» Prozent, in Kopenhagen 82'9 Prozent etc. (Redner teilt ein großes Material, speziell über die Progression der Zahlen mit.) Sozialökonomisch bietet das Zuströmen der Juden in die großen Städte eine Hauptgelegenheit zur Mischehe. Haben wir ein Recht, uns dem geschichtlichen Prozeß der Auflösung des Judentums er.tgegenzustemmen? Diese Frage kann nur von einem höheren Gesichtspunkte aus beantwortet werden. Es ist die Frage nach dem Werte der jüdischen Rasse und führt daher zur Behandlung der Rassenfrage überhaupt, um eine theoretische Begründung für oder gegen ein solches Eingreifen zu schaffen. Redner ei örtert nun in großen Zügen die Rassenfrage im Sinne seines Buches. Es ist unmöglich im Rahmen eines bloßen Referats diese interessanten Ausführungen zu bringen, die den eigentlichen Inhalt des Vortrags bildeten. Wir wollen nur das Resultat anführen, daß schon auf Grund der rein theoretischen Ergebnisse sich der Rassenwert der Juden als ein sehr hoher ergibt. Ein semitischer Rassenstolz kann aber auf die gewaltigen Tatsachen der Geschichte sich stützen und bedürfte keiner anderen Motivation. Redner weist besonders auf die Leistungen der arabisch-jüdischen Epoche in Spanien hin, welche in den gebräuchlichen Lehrbüchern unterdrückt wird. Selbst die .Renaissance hat dort ihren Ursprung gehabt. Redner entwickelt, daß die Reinheit der Rassen ein wichtiges politisches Ziel sei. Hierin hat Chamberlain recht. Kein Volk hat so unvermischtes Blut, wie das jüdische. Die höchsten Typen der Menschheit können nur auf dem Mutterboden der Rassenreinheit erwachsen. Es ergibt sich daraus, daß das einzige Mittel, das Judentum und seine Rassenreinheit zu erhalten, wäre, wenn die Juden in geschlossener Masse beisammen wohnen würden. Sie müßten da aber auf alle Berufe verteilt sein. Namentlich müßten sie zum Teile zur Urproduktion zurückkehren. Da zu einer solchen gewaltigen Metamorphose die Mithilfe wertvoller ideeller Faktoren nicht entbehrt werden kann, muß das Land durch historische Bande auf seine Einwohner läuternd und seelisch revolutionierend einwirken. Deshalb bin ich Zionist. (Stürmischer Beifall.) Der Zionismus erscheint als eine der höchsten und größten Aufgaben der Kulturmenschheit, da er eine bedeutende Rasse erhalten will. Durch Rückkehr zu normalen Verhältnissen würden die Juden die ganze in der Rasse liegende potentielle Energie zur Entfaltung bringen. Es gilt der Dissoziation die psychische und physische R egeneration entgegenzusetzen. Es gilt, den Glanz unseres Namens wieder herzustellen. Für sittlich denkende Menschen gibt es nur eines: dem blind waltenden Schicksal den Willen zur freien Tat entgegenzusetzen. Und doch wäre eine solche Eiwägung falsch. Sobald es sich um das Schicksal von Massen handelt, dürfen keine noch so hohen Prinzipien, sondern muß einzig und allein die kalte und nüchterne Berechnung maßgebend sein. Wenn eine rein realpolitischeBetrachtungeingleichesResultat ergäbe, wie die idealpolitische, dann erst wäre der Zionismus begründet. Redner zeigt, welche Tendenzen die ökonomische Lage der Juden beherrschen. Er schildert in breiten Zügen die fortschreitende Depossedierung der Juden in allen Berufen. Ein markantes Beispiel bietet die drohende Veränderung der Spitäler. Dadurch wird in Wien ein sehr großer Teil der Aerzte in ihrer Existenz bedroht und auch alle jüdischen Aerzte in ihrer Ausbildung. Es ist daher dringend nötig, für das jüdische Volk ein Asyl zu suchen, wo es ein normales Leben aufbauen, namentlich aber auch zur Urproduktion zurückkehren kann. Dort wird cs kein Gesetz der Depossedierung geben, Redner zeigt auch, wie dahin auch die Emigrationsfrage drängt: 100X00 Juden strömen vom Osten jährlich ab, wogegen sich die Einwanderungsländer immer mehr versperren. Die Zerstreuungspolitik ist nicht mehr möglich, es handelt sich heute um die Territorialisierung und Konsolidierung der Massen. Redner wendet sich gegen die Anschauung, er hätte sich in seinem Buche pessimistisch über den Zionismus ausgesprochen. Er habe nur ausgeführt, daß infolge der Aversion der höchststehenden Schichten des Judentums die Kraft des Zionismus in keinem Verhältnis zur ungeheuren Größe seiner Aufgabe stehe. Um eine solche zu lösen, dazu gehören auch Machtmittel. Sollte durch endliche Unterstützung der intellektuellen und materiell kräftigen Schichten des Judentums der Zionismus über das Apostolat herüberkommen, dann ist für jeden, der sich den Stolz auf sein Volkstum bewahrt hat, dieser Stolz ein „Epitaph“ nur auf jenes Judentum, das wir hinter uns nehmen wollen: Das Judentum ■der ewigen Schicksalsschläge, das Judentum der Diaspora. Dr. Zollschan erntete reichen Beifall. Sein überaus warmes Bekenntnis zum Zionismus wirkte nicht minder stark auf das Auditorium. Der Gewinn dieses Abends kann nicht hoch genug geschätzt werden. Parteinachrichten. An die Wiener Parteigenossen! Das gefertigte Komitee spricht allen Vereinen, Verbindungen, insbesondere dem wackeren Mädchenverein „M o r i a h“, sowie allen Einzelpersonen, die bei der diesjährigen Kultuswahlkampagne durch ihre eiserne Disziplin und durch ihren opferwilligen Arbeitseifer unserer Partei den schönen Erfolg erringen halfen, den herzlichsten Dank aus. Das jüdisch-demokratische Kultuswahlkomitee. ♦ * * Innerösterreichischer Distriktstag. Der ordentliche innerösterreichische Distriktstag findet Donnerstag, den 8. Dezember, 10 Uhr vormittags, im Zionistischen Zentralverein, IX. Türkenstraße 9, statt. Die Tagesordnung wird rechtzeitig bekanntgegeben werden. Parteisteuer und Schekel sind bis spätestens 6. Dezember abzuliefern. Vereine, die dies unterlassen, verlieren ihr Vertretungsrecht. * * * Sitzung des Aktionskomitees. Am 22., 23. und 24. November fand in Berlin die Sitzung des großen Aktionskomitees statt, an der 20 Mitglieder desselben teilnahmen. Die Wiener Mitglieder waren wegen der gleichzeitig stattgefundenen Kultuswahlen am Erscheinen verhindert. Der vom engeren Aktionskomitee vorgelegte Rechenschaftsbericht behandelt die Lage des Zionismus in einigen Ländern (Rußland, England) und andere wichtige, die Organisation sowie die Vorbereitungen für den nächsten Kongreß betreffende Fragen. Bezüglich des Nationalfonds heißt es im Bericht: Wenn in Betracht gezogen wird, daß der Nationalfonds die ganze Sammelarbeit für die Siedlungsgenossenschaft geleistet hat, ist das Ergebnis der Sammlungen, verglichen mit dem Vorjahre, als befriedigend zu bezeichnen. In einigen Ländern stellte sich die Notwendigkeit heraus, die Sammelstellen zu reorganisieren. Es schweben zurzeit verschiedene Verhandlungen wegen Bodenkäufen in Palästina. Ein großes Gut in Galiläa ist vom Palästinaamt für gemeinschaftliche Rechnung des JNF., der PLDC. und der Siedlungsgesellschaft erworben worden. Auf dem Gebiete des Baues von Arbeiterhäusern haben der JNF. und der ihm angegliederte David und Fanny Wolffsohn-Fonds nunmehr ernste Anfänge gemacht. In den Kolonien Rischon leZion, Rechoboth, Petach-Tikwah und Chedera befinden sich Wohnungen im Bau oder sind schon vollendet. Die Siedlungsgenossenschaft ist nunmehr als „Erez Israel-Siedlungs-Gesellschaft m. b. H.“ formell konstituiert worden, damit sie zur Erleichterung der Sammlungen Anteilscheine herausgeben kann. Nach den bevorstehenden Sitzungen wird nun ein Vertrag zwischen dem JNF. und der Siedlungsgesellschaft abzuschließen sein, der die Angliederung der letzteren an den JNF. festlegt. Der Boden ist, wie oben erwähnt, schon gefunden, und ein geeigneter Leiter wird wahrscheinlich noch vor den bevorstehenden Sitzungen engagieit werden. Die Sammlungen, die während mehrerer Monate nur langsam vorwärts kamen, zeigen nunmehr die Tendenz, in einem raschen.Tempo zu steigen. Der erste Tag der Sitzung wurde mit Verhandlungen über den Entwurf des neuen Organisationsstatuts ausgefüllt. Da ein Resultat nicht erzielt werden konnte, mußten die Verhandlungen neuerdings vertagt werden. Zur endgültigen Redigierung des Organisationsstatuts wurde eine 21gliedrige Kommission gewählt, der u. a. auch der Vizepräsident der westösterreichischen Organisation Gg. Dr. Emil Margulies angehört. Die anderen Sitzungen, die der Beratung verschiedener politischer Fragen gewidmet waren, wurden für vertraulich erklärt. Es wurde beschlossen, den nächsten (X.) Z i onistenkongreß im Monate August 1911 in Basel abzuhalten. Anläßlich des Kongresses soll, wenn möglich, eine Ausstellung veranstaltet werden, die die kolonisatorische Tätigkeit in Palästina und die nationalkulturelle Arbeit in Palästina und in der Diaspora veranschaulichen soll. Es wurden ferner Beschlüsse bezüglich der Regelung der Finanzen und Besteuerung des Reingewinnes der Banken gefaßt. * * * Sitzung der Exekutive der j&disch-nationalen Partei Oesterreichs. Sonntag, den 11. Dezember findet in Wien die zweite Sitzung der auf dem Krakauer Parteitag gewählten Exekutive der jüdisch-nationalen Reichspartei Oesterreichs statt. * * Zehnjährige Jubiläumsfeier des „Jeschurun“ in Troppau. Die Vorbereitungen zu dem zehnjährigen Gründungsfest des zionistischenVereines Jeschurun“, welches am 7. u n d 8. D e z e m b e r a. c. stattfindet, sind bereits im vollen Gange. Das Festprogramm ist bereits festgesetzt und lautet: 7. Dezember, 8 Uhr abends, Festversammlung, „Drei Hahnensaal“, 8. Dezember, 10 Uhr vormittags, Besuch der Bezalelausstellung, Kultusgemeindesaal. 8. Dezember, 1 Uhr mittags, Bankett, Promenade-Restauration. 8. Dezember, 8’Uhr abends, Promenadenkonzert mit anschließendem Tanz, „Drei Hahnensaal“ Zu der Festversammlung hat bereits der Reichsratsabgenordnete Adolf Stand als Festredner

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