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Jüdische Zeitung · 1910-12-02 · 48 (2.12.1910) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
48 (2.12.1910)
Date
1910-12-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 48 nehmen, dem glänzenden Ideal einer trüben Gegenwart ein gastliches Heim zu bieten? Sie aber sehen bloß wackelnde Vorstandsstühle und zittern um ihre Macht! Es mag ihnen durch die skrupellose Ausnützung eines rückständigen Statuts, durch die Geldmittel und den Einfluß einiger Persönlichkeiten wohl gelingen, den Siegeszug der Wahrheit für kurze Zeit zu hemmen, sie werden es aber nicht verhindern können, daß sie ihr Ziel schließlich doch erreicht. Mag auch mancher von uns am Wege zusammenbrechen, es werden immer neue Männer kommen und an der Tür der Kultusstube wird unsere Idee solange stürmisch Einlaß begehren, bis jeder Widerstand vergeblich sein wird. Etwas Statistik über die Wiener Kultuswahlen. Das Ergebnis der Sonntag, den 27. November durcbgefChrten Kultuswahl konnte, da die Montagssitzung des Kultusvorstandes beschlußunfähig war, erst am Mittwoch verlautbart werden, a) Wahl von acht Vorstandsmitgliedern für eine sechsjährige Mandatsdauer. Anzahl der abgegebenen gültigen Stimmzettel: 4446. Die absolute Majorität beträgt daher: 2224. Diese haben erreicht die Kandidaten des Zentralwahlkomitees: Dr. Markus Spitzer mit 3031 Stimmen Dr. Jakob Engel „ 2994 n Siegmund Kauders „ 2973 n Richard Bettelheim „ 2876 » Carl Lemberger n 2867 n Leopold Langer „ 2864 n Jakob Gärtner „ 2831 » Salomon Brod „ 2772 w In der Minorität blieben die Kandidaten: zionistischen Adolf Brecher mit 1582 Stimmen Dr. Isidor Schalit „ 1574 n Dr.'Jäkob Kohn ' "„ ”1480 n Emil Fried „ 1482 n Dr. Kari Pollak „ 1476 » Eisig Torczyner „ 1408 n Ferner die Herren: Hermann König mit 164 Stimmen Hermann Eltbogen „ 163 n Dr. Jakob Deutsch „ 151 n b) Wahl zweier Vorstandsmitglieder mit vierjähriger Mandatsdauer: Anzahl der abgegebenen gültigen Stimmen: 4385. Die absolute Majorität beträgt daher: 2193. Diese haben erreicht die Kandidaten des Zentralwahlkomitees: Dr. Heinrich Schreiber mit 2776 Stimmen Emanucl Grünwald „ 2351 „ gehen, wenn sie — das Golus mitnehmen. Er ist in die Judengasse verliebt, in die HeimlichKeiten des Bet-Hamidrascli, in die Poesie der Armut, in all dieses Getriebe der kleinen Judenhäuser, die im Ghetto sind. Wenn das alles mitgenommen wird, dann soll ihm Palästina eine zweite Heimat werden. Sonst zieht er sein Golusstädtchen vor. Da ist noch ein Geschwisterpaar, ein Student, der überhaupt nichts ist und eine Studentin, die in Liebe zum Polentum aufgeht. Allenthalben ist ein Student, der nichts ist, eben nichts. In Rußland aber ist er es auf Grund einer Lebensanschauung. Wenn sein Inneres zerwühlt ist, wenn er niemandem angehört, keinem Volke, keiner Partei, keiner Klasse, so hat eben die Welt an ihm ein Verbrechen begangen und c-r fühlt sich berechtigt und verpflichtet seine innere Liebe hinauszuposaunen, um die Gesellschaft anzuklagen. Seine Schwester aber, die Studentin aus Krakau geht wie eine Nachtwandlerin in ihrer Verehrung zu Polen einher und träumt von jener Jüdin Esterka, die das Glück hatte, von einem polnischen König zurGeliebten erkorenworden'zu sein. Polnische Kultur ist bei ihr die Kultur und polnisches Leben das Leben ihrer Seele. Und sie rät dem alten Großvater, der nach Palästina sterben gellt, er solle eine Hand voll polnischer Erde in In der Minorität blieben die zionistischen Kandidaten: Dr. Arnold Karplus mit 1522 Stimmen Dr. Alfred Lanzer „1461 „ Ferner Herr: Dr. Jakob Deutsch mit 520 Stimmen c) Wahl eines Vorstandsmitgliedes mit zweijähriger Maridatsdauer: Anzahl der abgegebenen gültigen Stimmzettel: 4373. Die absolute Majorität beträgt daher: 2187. Diese hat erreicht der Kandidat des Zentralwahlkomitees: Herr Dr. Anselm Halpern mit 2777 Stimmen ln der Minorität blieb Herr Dr. Egon Zweig mit 1523 Stimmen. Da die Zionisten den zur Wiedetwahl gelangten Herrn Dr. Spitzer und Kauders keine Gegenkandidaten gegenüberstellten und für Mariahilf die Unterstützung des Dr. Engel zuließen, ist die Stärke der reinoffiziellen Stimmen mit 2876—2351, die der reinzionistischen Stimmen mit 1582—1408 zu veranschlagen, also ein Verhältnis von noch nicht 2:1. Von der Gesamtzahl der abgegebenen Stimmen fielen den Zionisten 35 Prozent zu. Die Bedeutung dieses Ergebnisses wird erst klar, wenn wir das Ergebnis der früheren Kultuswahlen überfliegen, wobei der Einfachheit halber jeweils die Höchstzahl der erreichten Stimmen angeführt sei. 1900 griffen die Zionisten, verbündet mit der jüdischen Volkspartei-zum erstenmal ein und überrumpelten den ahnungslosen Gegner, indem sie 1407 gegen 1913 offizielle Stimmen aufbrachten und eine Stichwahl erzwangen, aus der die Oppositionellen Gewitsch und-Eltbogen siegreich hervorgingen. Von 3150 bei der Hauptwahl abgegebenen Stimmen hatte die Opposition 45 Prozent auf sich vereinigt. 1902 organisierte der Kahal eine gewalttätige Gegenwehr, so daß! die Gesamtstimmenzahl auf 4735 stieg. Dieser Zuwachs kam allein den Offiziellen zugute, die bis zu 3398 Stimmen anwuchsen, während die Zionisten bei 1414 Stimmen, nur 30 Prozent der Gesämtstimmenzahl, stehen blieben. 1904 kam es zu keinem Wahlkampf, da Marmorek und Landau im Kompromißwege als Oppositionelle in den Kultusvorstand aufgenommen wurden. Die Gesamtzahl der Stimmen, die fast geschlossen der Kompromißliste zufielen, betrug bloß 1668. 1906 sank die offizielle Liste auf 2414, die zionistische stieg bis 1887, d. h. 44 Prozent der Gesamtstimmenzahl von 4416. Dr. Alfred Stern bekam nur 2228 Stimmen, also ganze 19 über die absolute Mehrheit. Dr. Schallt und Brecher kamen in die Stichwahl, in der sie allerdings gegen Schramek und Simon unterlagen. 1908 führte Dr. Stern, welchem die oppositionelle Flut schon bis zum Hals reichte, jenen Gewaltstreich durch, indem er den § 2b der Wahl- -ordnung in Aktion setzte und mindestens 7000 mit seinen Ranzen tun, damit sie ihm als letztes Gut in den Sarg gelegt werde. Und dieses junge Volk redet, schreit, diskutiert vier Akte lang um den Alten herum, der an sich selbst irre wird. Der letzte Akt schließt symbolisch mit Schofarblasen und Vision. Schalom Asch hatte einen guten Einfall. Er ist aber zu wenig Dramatiker und ist allzusehr seinem lyrischen Empfinden ergeben, als daß er fähig wäre, den aufgegriffenen Gedanken dramatisch auszubauen. Trotzdem aber folgt man den Reden auf der Bühne mit großem Interesse. Was hier angedeütet wird, ist nichts anderes als die leider so arg zerklüftete Ideenwelt unseres eigenen Volkes in der Gegenwart. Vom „Gott der Rache“ bis zu „Muschiachs Zeiten“ liegt ein weiter Weg. Daß ihn Asch in so kurzer Zeit zurückzulegen vermochte, soll ihm als großes Verdienst angerechnet werden. Dem „Hasomir“ aber und dessen spiritus rector, Herrn Lubetzky, gebührt Dank, daß sie das jüdische Publikum durch die Vermittlung dieses Spieles einen Blick in die moderne Jargonliteratur gewähren ließen. Dr. D. Rolhblum. der Steuer rückständige Wähler streichen ließ, so daß die Wählerzahl von 17.380 im Jahre 1906 auf 11.200 zusammenschrumpfte. Da die Minderbemittelten, welche von dieser Streichung zumeist betroffen wurden, das Reservoir für die zionistische Agitation bildeten, sank naturgemäß die Liste der mit einer Anzahl von Bethausvereinen verbündeten Zionisten aut 1139 Stimmen — nur 22 Prozent der Gesamtstimmenzahl von 4997 — und die offizielle Liste stieg dank einer kräftigen Agitation bis 3961 Stimmen. 1910 aber sind wir Zionisten aus eigener Kraft und trotz der Fortanwendung jenes fluchwürdigen § 2 b wieder auf 35 Prozent der Gesamtstimmenaufgeriickt. Aus dieser Zusammenstellung erhellt, daß die Zionisten — ungeachtet der durch Gewaltakte und Rechtsbrüche verschuldeten Rückschläge — stetig an Terrain gewinnen. Dies ist leicht erklärlich. Denn die alte deutschliberale Generation stirbt allmählich aus und die junge jüdischnationale Generation besetzt ihre Positionen. Darum heißt es mit zäher Beharrlichkeit an der vielverheißenden Parole unseres großen Herzl festhalten: „Eroberung der Kultusgemeinden 1“ E. Z. Der reichsrätliche „Jüdische Klub". Donnerstag, den 1. Dezember fand eine Sitzung des reichsrätlichen „Jüdischen Klub“ statt, welche der Besprechung verschiedener Parteifragen, sowie der politischen Lage der österreichischen Judenschaft und der Stellungnahme zu den in Verhandlung stehenden parlamentarischen Angelegenheiten gewidmet war. Vor dem Eingänge in die Beratungen widmete der Klubobmann Dr. Straucher dem in der Blüte seiner Jahre aus der rastlosen Arbeit für das jüdische Volk gerissenen Klubmitgliede, Dr. Heinrich Gabel, ergreifende Gedenkworte, in welchen er die mannigfachen Verdienste des Verewigten auf allen Gebieten des jüdischen Lebens und der parlamentarischen Tätigkeit würdigte. Trotz dieses schweren und unersetzlichen Verlustes ist der Bestand des Klubs nicht gefährdet, denn die Bedeutung dieser wichtigen, jüdisch-parlamentarischen Körperschaft baut sich nicht auf der Anzahl der Mitglieder, sondern auf den bewährten Grundsätzen der jüdischnationalen Politik auf, welche in den Bedürfnissen und Empfindungen der. jüdischen Bevölkerung ihren Ursprung, ihre Daseinsberechtigung und unversiegbaren Kräfteborn hat. Dieser Politik Stabilität und weitestes Verständnis zu verschaffen, ist die Aufgabe der jüdischnationalen Reichsparfei, deren bisherige zufriedenstellende Entwicklung auch weiteres, gedeihliches Wachstum verbürgt. Dem Ausbau der jüdischnationalen Organisation, sowie der Frage der in Angelegenheit der Volkszählung einzuleitenden Aktion sollen die Beratungen der am 11. d. in Wien stattfindenden Tagung der Reichsparteileitung gewidmet sein. Dor.t wird die Taktik des Vorgehens genau festgelegt, sowie für Einheitlichkeit der Aktion, deren exekutive Leitung den Mitgliedern des Klubs als Ehrenaufgabe erscheint, Sorge getragen werden. Mit Befriedigung wurde konstatiert, daß in Angelegenheit der Schänkerfrage während der Parlamentsferien seitens der berufenen Faktoren, insbesondere der Klubmitglieder, alle entsprechenden Schritte unternommen wurden. Der Klub erachtet es als heilige Pflicht, seine Fürsorge den unglücklichen Opfern der Regelung der Propinations- und Schänkerfrage zu leiten und sowohl Schritte, die zur Linderung der traurigen Lage der Hilfsbedürftigen eingeleitet werden, aufs kräftigste zu unterstützen sowie die Initiative zu notwendigen Aktionen zu ergreifen. Der Klub findet keinen Anlaß, im Verhältnis zur gegenwärtigen Regierung seine bisherige oppositionelle Haltung aufzugeben, denn noch immer harren die wichtigsten und dringendsten Forderungen der jüdischen Bevölkerung, welche seitens des Klubs der Regierung mehrfach unterbreitet wurden, vergebens ihrer Erfüllung und die Judenschaft, die ihre einzige Rettung in der Selbsthilfe erblickt, ist vom Zustande der faktischen Gleichberechtigung entfernter als je. Der Sprecher des Klubs wird Anlaß nehmen, dieser prinzipiellen Auffassung in der Budgetdebatte Ausdruck zu geben. Taufe, Rasse, Zukunft. Ein Vortrag Dr. Zollschans. Samstag, den 26. November hielt Gg. Doktor Zollschan, der Verfasser des soeben in zweiter Auflage erschienenen „Rassenproblems“ im Feslsaale des Niederösterreichischen Gewerbevereines auf Einladung der Oesterr. Israel. Union einen Vortrag unter obigem Titel. Lange vor Beginn war der Saal bereits überfüllt. Dr. Zollschan sagte einleitend, daß bisher Gegenstand jüdischer Politik immer nur die J u d e nh e i t, d. i. die Gesamtheit der jüdischen Einzelindividuen war: Kampf für Gleichberechtigung, Kampf gegen den Antisemitismus. Es ist abermög-

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