Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 48 (2.12.1910)
- Date
- 1910-12-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JDGCHE ZEITUNG NflTIDNRL -JUDI5CHE5 DRGF1N HIXK!■■■■■■■■■mmmmmmmmmmmmmmmumm Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk.3.—. Für das übrige *************** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare20 h. Postsparkassenkonto 104.067. *************** Nf. 48. Wien, Freitag den 2. Dezember 1910. IV. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Dem Siege entgegen. Etwas Statistik über die Wiener Kultuswahlen. Der reichsrätliche „Jüdische Klub“. Die Volkszählung und die jüd. Studentenschaft. Taufe, Rasse, Zukunft. Parteinachrichten. Vereinsnachrichten. Ueberläufer. Dem Siege entgegen. Die Wiener Kultusgemeindewahlen. Das Ergebnis der Kultusgemeindewahlen brachte uns einen Erfolg, der uns mit ruhiger Zuversicht für die Zukunft erfüllt. Wir sind wohl dank dem reaktionärsten und brutalsten Wahlsystem Europas, das unserer jüdischen Gemeinschaft das Brandmal des beschämendsten Rückschrittes aufdrückt, in der Minderheit geblieben: der Wiener Kahal hat aber wahrhaftig keinen Anlaß zur Siegesfreude. Der Rückgang der offiziellen Stimmen um mehr als ein Tau-s^-n-dy-auf unserer Seite ein Gewinn von sechshundert Stimmen; bei uns der selbstlose, mit Disziplin und Opferwilligkeit gef ührte Kampf für ein feststehendes Programm, dort die widernatürliche Verbindung einzelner einander vollständig fern stehender Gruppen zur Förderung des Interesses einzelner Persönlichkeiten; b e i uns die hellodernde Begeisterung der gesamten jüdischen Jugend, eine Fülle neuer Ideale, eine frohe Kampfbereitschaft, dort der Eigensinn des kurzsichtigen, zu neuem Schaffen unfähigen, die Jugend mißgünstig von sich fernhaltenden Alters: das alles erfüllt uns mit dem hoffnungsvollen Bewußtsein, daß wir nicht besiegt worden sind, daß wir vielmehr nur noch nicht gesiegt haben. Muschiach’s Zeiten. Drama von Schalom Asch, aufgeführt im Jüdischen Theater im Hotel Stephanie, am 21. November 1910. Unter der Aegide des Vereines „Hasomir“ und den speziellen Auspizien des unermüdlichen Herrn Loubetzky führte das jüdische Theater das Drama „Moschiach’s Zeiten“ von Scholom Asch auf. Von den elementaren Erfordernissen des Dramas, nämlich der Handlung, der Charakterschöpfung und des Dialogs enthält das Schauspiel oder richtiger das Spiel Asch’s nur wenig oder fast gar nichts. Und doch fühlte das Publikum von dieser völlig neuartigen Jargonschöpfung sich stark hingezogen und folgte den Darstellungen auf der Bühne mit größtem Interesse. Denn was von dem Dutzend von Schauspielern auf diesen wirklichen Brettern gesagt und erzählt wurde, kam aus der innersten jüdischen Welt und ihren tiefsten Emotionen. Wer an der Entwicklung der jüdischen Historie in irgend einer Weise teilnimmt oder auch nur der krampfhaft zuckenden Evolution der jüdischen Psyche nicht fremd gegenüber steht, mußte sich sagen: Nostra res agitur! Ein hochbegabter Jude will sein Leben nach Art seiner Ahnen, um sich die Körperwanderung Der vergebliche Versuch der Machthaber der Gemeinde, ihren Kandidaten, deren Wahl von vornherein feststand, eine imposante Majorität zu verschaffen, war diesmal mit ganz verzweifelten Anstrengungen verbunden. Jeder Tag brachte einen neuen Wahlaufruf, und Schreckensrufe wurden ausgestoßen, als stünde wiederder Türke vor den Toren Wiens! Mit dem Kostenaufwand des offiziellen Wahlkomitees könnte ein kleiner Balkanstaat einen längeren Krieg führen. Und warum dies alles? Um eine starke Opposition, welche von Liebe für das Judentum erfüllt ist, zu erdrosseln, um einer neuen Idee, deren sittlicher Größe selbst der beschränkteste Spießbürger seine Reverenz nicht verweigern kann, gewaltsam den Einzug in die Kultusstube zu versperren! Die Kultuswahlen vom 27. November sind von zwei Ereignissen umrahmt, die nicht übersehen wefden sollen. Am Vorabend der Wahlen sprach Dr. Ignaz Zollschan im Festsaal des Gewerbevereines unter dem lauten Beifall des offiziellen Israelitentums unserer judengemeinde, über „Taufe, .Rasse und .Zukunft“. Er schloß ungefähr mit folgenden Worten: „Sollte es aber zu einer solchen Tragik“ — nämlich dem Untergang der jüdischen Rasse — „deren herbe Großartigkeit wir nur allzugern missen möchten, nicht kommen, sollte der Zionismus über das Stadium des Apostolats hinwegkommen und sollte ein Wiedererwachen, eine Regenierung unseres alten Volks wieder eintreten: dann natürlich ist für jeden Juden, der den Stolz auf sein Volkstum zurückgewonnen hat, dieser neu gewonnene Stolz keine Grabinschrift, kein Epitaph; oder er ist vielmehr ein Epitaph nur auf das Judentum der ewigen Schicksalsschläge, auf trübselige Vergangenheit, auf das Judentum der Diaspora; zugleich aber eine Verheißung, eine Bürgnach dem Tode beim Erschallen der großen Trompete am jüngsten Tage zu ersparen, in Palästina beschließen. Vorerst aber will er von seinen Kindern, die weiß Gott, in den verschiedensten Gegenden ihre Wohnsitze haben, Abschied nehmen. Und so kommen sie alle mit ihren Kindern zum alten Großvater. Golusgestalten, die das Leben zermürbte und zerstümmelte. Aeste von einem Stamm sind sie doch einander vollkommen fremd und von ihrem eigenen Großvater verkannt und unverstanden. Jeder von ihnen hat sein politisches Programm, führt große Reden von seinem sozialen oder nationalen Bekenntnis, das mit der stillen heiligen Konfession des Alten nichts gemeinsam hat. Und doch ist die Synthese aller das Judentum, freilich das des Golus. Schon die Kinder des Alten haben nichts mehr von dem tiefen Zusammenhänge des Individuums mit seiner Nation oder richtiger dem Volke in sich. Der Alte wurzelt mit seinem ganzen Wesen im Judentum. Freilich ist dieser Begriff für ihn mit der religiösen Tradition erschöpft. Jedoch das tut nichts. Sein Leben war vom Anfang bis zum Ende jüdisch. Die Kinder aber sind Kaufleute geworden, größere und kleinere, wurden vom Schwungrad des Weltgetriebes ergriffen und weit hinaus, außerhalb der Grenzen ihres väterlichen Judentums geschieuschaft berechtigter Hoffnungen für das auf eigenem Boden zu neuer Kraft erwachsende Judentum der Zukunft.“ — Zwölf Stunden später aber begannen im Zeichen des Kampfes gegen den Zionismus die Kultusgemeindewahlen. Und vierundzwanzig Stunden nach deren Beendigung sollte in öffentlicher Sitzung des Kultusvorstandes das Ergebnis der Wahl verkündet werden, und der Kultusvorstand war beschlußunfähig! Diese drei Tatsachen zeigen uns das wahre Gesicht des offiziellen Judentums. Auf einem unserer Kongresse fiel das Wort von den Rabbinern, die für Zion beten und gegen Zion predigen. Warum sollten also unsere offiziellen Kreise, denen dieser Rabbinertypus höchst willkommen ist, nicht am Abend dem Zionismus begeistert Beifall klatschen und am nächsten Morgen gegen die Regeneration des Judentums stimmen? Und nachdem am Sonntag dank dem Wahlunrecht des Wiener Statuts jene Männer in den Kultusvorstand gewählt worden waren, welche — um mit dem offiziellen Wahlaufruf zu sprechen — „d u r c li ihr bisheriges W i rk e n i m Kultusvorstand das VeVt rauen der Wähler bereits gerechtfertigt haben“, wie soll man von diesen Herren am Montag verlangen, daß diese „um die Hebung des Ansehens der Kultusgemeinde, um die Förderung ihrer zahlreichen Institution verdienten Männer“ in der Kultusstube erscheinen, um dort „ihre selbstlose Arbeit unserer Gemeinde zu widmen und für die Ehre des Judentums in die Schranken zu treten?“ Welche Unsumme von Torheit und Lüge! Welch heuchlerisches System in der Verfälschung des öffentlichen Lebens! Hätten die Herren in der Kultusstube nicht alle Ursache, Tür und Tor zu öffnen, um die heranstürmende Jugend bei sich aufzudert. Judentum . . . Palästina, das sind für sie Dinge geworden, für die noch lediglich Tagediebe einlnleresse haben. Der eine Sohn ist Großkaufmann in Warschau und ihm gehen die Geschäfte im Kopfe herum, wie die sagenhafte Mücke im Kopfe des Titus. Der andere Sohn ist ein Kleinhändler, von schweren Sorgen gedrückt, während die wohlhabende Tochter mit ihrem Gatten Posener-Kültur mit verrenkten deutschen Phrasen zur Schau tragen. Sie haben sich über ihr Verhältnis zum Judentum gar keine Gedanken gemacht, stehen aber noch alle mit beiden Füßen innerhalb seiner Grenzen. Anders aber die Enkelkinder. Diese haben in Rußland das Licht der Welt erblickt und in diesem wunderlichen Lande wird jeder Jüngling zum Politiker. Bios zum Politiker? Doch nicht, zum Agitator, zum Propagandisten, zum Trompeter seiner Weltanschauung. Und so geraten diese Enkei mit ihren Meinungen hart aneinander, mit ihren unversöhnlichen, sich ausschließenden und gegenseitig negierenden Prinzipien. Der eine ist Zionist. Ich brauche daher mich mit seinen Ansichten nicht weiter befassen. Er findet einen harten Gegner im Sozialdemokraten, der ihm Engherzigkeit und beschränkten Horizont vorwirit. Der Dritte ist ein Goluskind. Er hat ja nichts dagegen, wenn die Juden nach Pälästina wandern, er würde sogar mit-