Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 47 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 47 - jODlSGHfc ZEITUNG. Seite 3 für die Wähler der Bezirke: Innere Stadt: I., Seitenstettengasse 4. Leöpoldstadt:' (links der Taborstrasse): Sektion 'A bis K: II., Leopoldsgasse 29, Sektion L bis Z: 1L, Mälzgasse 16. Leopoldstadt (rechts der Taborstrasse): Sektion A bis R: 11, Teinpelgasse 3, Sektion S bis Z: II, Ferdinandstr. 23. Landstrasse und Simmering: III., Untere Viaduktgasse 13. Wieden, .Margarethen und Favoriten: V., Siebenbrunnengasse 1. Mariahilf und Neubau: VI., Schmalzhofgasse 3. s' Josefstadt und Alsergrund: Sektion A bis K: IX., Müllnergasse. 21, Sektion L bis Z: IX., Seegasse 9. Meidling, Hietzing, Rudolfsheim und Fünfhaus : XV., .Turnergasse 22. Ottakring und Hernals: XVI., Hubergasse 8. Währing und Döbling: XVIII., Schopenhauerstraße 39. Brigittenau : ii., Malzgasse 16. Floridsdorf : XXI., Hölzmeistergasse 12. Agitationslokale. Zentrale: IX. Türkenstraße .9, Telephon . Nr. 14199 Für den I. Bezirk: Cafe Marienbriicke (Herz), I. Rotenturm- - Straße 31. Telephon 21930, 16625. Für den II. Bezirk links der Taborstraße :■ Restaurant Hirschbein, II. Schiffamtsg.1 20, Telephon (Cafe Schwarz) 15713 (II. Leopoldsg. 25): ‘ ” " Für den II. "Bezirk rechts der Ta'borstraße: Cafe Rekiam, II. ,Praterstr. 34, (^eiephon .16409 l ' Für die Bezirke: III., XI. Selcherei-Salzer, III., Radetzkyplatz 4. ‘ Füi' dib^irkb IVpV.X:' Restaurant' Hamberger, V. Schloßg. 5. Für die Bezirke VI, VII: Caf£ Krestan, VI. Schmolzhofg. 6, Für die Bezirke VIII, IX: 1. Zentralbureau IX, Türkenstr. 9, Telephon Nr. 14199. 2. Cafe Jägerhof, iX. Porzellang. 22, Telephon 13763. Für die Bezirke XVI, XVII: Privat-Restaurant Slein, XVI. Ottakringerstraße 35, Telephon 14813, im Cafe Jungmann, XVI. Ottakringerstraße 37; Telephon 14813. Für die Bezirke XVIII, XIX: Cafe Döbling, XIX. Döblinger Hauptstr. 39, Telephon D. 195. Für den XX. Bezirk: Qafe Neptun, XX. Mathildenplatz 7, Telephon 13524. Achtung! Das Bureau des Kultuswahlkomitees befindet sich: IX., Türkenstraße 9, Telephon 14.199. Daselbst werden täglich von 9—12 und 2—7 Uhr alle Auskünfte erteilt. Gesinnungsgenossen, welche sich für die Wahlarbeiten zur Verfügung stellen wollen, werden gebeten, Namen und Adressen im Bureau anzugeben. Spenden für den Wahlfonds nehmen entgegen: Der Kassier des Wahlkomitees Gesinnungsgenosse J. H. Wahltuch, I., Maria Theresienstraße 24 und das Bankhaus J. u. A. Brecher, IX., Kolingasse 5. Nicht ehrenvoll — aber auch nicht gesund. Kandidatenrede des Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Jakob Kohn. Ueber die Wahlordnung der israelitischen Kultusgemeinde i:i Wien ist vieles schon gesagt worden und trotzdem noch nicht genug, insolange dieses Wahlrechtsystem von der jüdischen Allgemeinheit nicht als Wahlrechtsschande empfunden wird. Diese Tatsache kann jedoch nur erklärt werden mit dem bekannten Motto des Polenklubs: Nie honorowo . \ ale zdrowo. i Noch glaubt die große Menge, insbesondere der Kultuswähler, es sei zwar das Wahlsystem nicht ehrenvoll . . : aber gesund, denn es bleibt mit dessen Hilfe eine Verwaltung am Ruder, die das Bestmögliche aus den vorhandenen Mitteln leistet. Dieser Aberglaube kann jedoch nur im Dunkel völliger Unkenntnis der Tatsachen gedeihen, denn schonein flüchtiger Blick auf die Ziffern, welche uns der Bericht des Kultusvorstandes beschert, enthüllt den offenkundigen M i ß e r f o 1 g unserer Gemeindeleitung auch in administrativer Hinsicht. Ueber die Gebarungsergebnisse in den Jahren 1908 und 1909 gibt Tabelle 111 auf einem Oktavblättchen Auskunft, in allen Rubriken recht summarisch, damit eine allzu grelle Aufklärung dem Augenlicht der Wähler nicht allzu schädlich sei. So besagt der Abschnitt A, daß für Kultus- und rituelle Angelegenheiten ein Zuschuß von rund 300.000 K nötig war. Die wichtigsten Institutionen sind hier zweifellos.die fünf Gemeindebethäuser und die 5-1 Vereinsbethäuser. Letztere erhalten als Subvention insgesamt rund- 60.000 K jährlich, während der Zuschuß von ca. 35.000 K per Gemeindehaus nicht allzu hoch gegriffen sein dürfte; also verwaltet die Gemeinde ihre Tempel über dreißigmal So teuer als wie die Tempelvereine... Das Unterrichtswesen (Abschnitt B) verlangt gleichfalls einen Zuschuß von jährlich durchschnittlich 300.000 .K. Der Effekt des Unterrichtes ist bekanntlich gleich Null. .Das ist begreiflich, wenn man das Wesen des Sammelunterriqhtes kennt und weiß, daß an Sonntagen die naturgemäß sehr lernunlustige Schuljugend oft eine Stunde.;und mehr schon mit dem: Hin- und Rückweg verliert und dann nicht selten erfährt, sie habe den ganzen freien Vormittag nutzlos Verlören; weil der Herr Religiohslehrer einen Schnupfen hat. ' . ' ... , Nun sollte. man meinen, daß die Gemeinde zumindest durch eigene S c h u 1 e n die Erziehung einer. Prätorianergarde des Judentums sicherstellt. Doch während Budapest sieben konfessionelle Volksschulen besitzen soll und an die Errichtung einer konfessionellen Mittelschule geht, unterhält die -Wiener Kultusgemeinde aus ihren Mitteln — keine einzige ko n'fessionelle Schule. Der nächste Abschnitt C, nämlich das Beerdigungswesen deckt mit einem Ueberschuß von rund 400.000 K die Zuschüsse für Spital- und Altersversorgungshaus von rund 3C0.C00 K zur Gänze und erübrigt noch etwas für die Wohltätigkeit, welche mit weiteren 200.000 K auf die Erträge der Kultussteuer angewiesen ist. Ueber den breiten Raum, welchen die Wohltätigkeitsinstitutionen mit rund 600.000 K in dem Gesamtbudget einnehmen, wird noch manches und bei anderen Gelegenheiten zu sagen sein. Sicher ist, daß damit dem jüdischen Elend auch nicht einmal annähernd geholfen, ja dasselbe nicht einmal nennenswert gelindert werden kann, während wir gesehen haben, daß die Wurzeln des Judentums, nämlich Kultus und Unterricht verdorren. Denn die Funktionäre der Tempelvereine sind fast ausnahmslos Kandidaten für das Versorgungshaus und der Mangel an Religionslehrern verschuldet den ganz fruchtlosen sonntägigen Sammelunterricht. Schließlich ersehen wir aus dem Abschnitt G, daß an Kultussteuern rund eineinhalb Millionen eingehoben wurden; für die Verwaltung der rein administrativen Agenden wurden verausgabt im Jahre 1908 727.429 K und im Jahre 1909 571.437 K, also das einemal die Hälfte, das anderemal über ein Drittel.der Einnahmen. Warum sich in dieser Post eine Differenz in zwei aufeinanderfolgenden Jahren von 150.000 K ergibt, ist nicht mit einem Worte in dem Berichte angedeutet! Dagegen bringt derselbe Bericht wörtlich die beiden Adressen, welche der Kultusvorstand an den Kaiser hat gelangen lassen, der Wiener Kultusvorstand als Repräsentanz der israelitischen Untertanen . . . Derselbe Wiener Kultusvorstand, welcher es ängstlich vermeidet, von mehr als ein Fünflei ihrer 13.000 Kultuswähler gewählt zu werden. Wir glauben, der Wiener Kultusvorstand hätte als Legitimation für sein Erscheinen vor dem Kaiser einen Jahresbericht mitbringen sollen nebst photographischer Aufnahme seines Gemeindehauses inderSeitenstettengasse. Dann hätte auch der letzte Wiener Wähler eingesehen, daß die Wiener Wahlschande nicht ehrenvoll — aber auch nicht gesund ist! Privilegierte Meschtitnodim. Daß die Machthaber der Wiener Kultusgemeinde durch Statut und Wahlordnung den Typus des privilegierten Kultuswählers geschaffen haben, ist sattsam bekannt, neu aber und der gründlichsten Verlautbarung wert ist die Tatsache, daß nunmehr auch unter den Meschumodim gewissen erlauchten Personen ein Privilegium dadurch verliehen wird, daß die Veröffentlichung ihrer Apostasie unterbleibt. Nach harten Kämpfen hatten die Zionisten dem Kultusvorstand das Zugeständnis abgerungen, daß alle Apostasien in Wien wohnhafter oder aus-Wien gebürtiger Juden zu veröffentlichen sind und diese Methode hat sich auch glänzend bewährt, da seit dem Jahre 1902 die bis dahin ständig steigende Zahl der jährlichen Apostasien fast ununterbrochen sank, während die "Zahl der Rück- und Uebertrittezunt Judentum stieg. Bloch war der erste, welcher dieses System durchbrach, indem er schon im Vorjahre den Namen der Sängerin Schnabel aus Bielitz, welche laut Apostatenbuches der Kultusgemeinde vom Judentum abgefallen war, im Gegensatz zur „Jüdischen Zeitung“ nicht veröffentlicht hat. Blochs Praktik' scheint nun den Beifall des- Kultusvorotandes gefunden zu haben. Im Jahre 1910 haben nämlich drei „Zierden des Judentums“ diesem den Rücken gekehrt, ohne daß selbst im Apostatenbuch der Kultusgemeinde1 hierüber ein Vermerk zu finden wäre. Diese'Zierden sind: Siegmund Sonnenschein, k. k. Ministerialrat' im Eiseribahnministerium, Wien, IX. Türkenstraße 10, Dr. Emil Glaß, Arzt, Universitätsdozent, Wien, L' Schottenring 10, ' Dr. Eugen Stiaßny, k. u. k. Regimentsarzt, Sohn des seligen Baurates u. Kultusvorstandes Stiaßny, Wien, HL Kegelgasse 30. Die Nachricht von der Taufe des Herrn Sonnenschein war schon im Frühjahr von der „Neuen Nationalzeitung“ besprochen worden, doch erst im September hatte Bloch sich aufgerafft, m einei Briefkastennotizentscbuldjgeacl-En stammeln, Sonnenschein sei m Schlesien ausgetreten und die hiesige Kultusgemeinde habe daher von seinem Austritt nichts erfahren. Nun ist es abgesehen davon, daß Sonnenschein tatsächlich in Wien apostasierte, notorisch, daß die auswärtigen Bezirkshauptmannschaften und Kultusgemeinden jeden Abfall an die Kultusgemeinde des Wohnortes, also hier Wien melden. Da der Herr Kultuspräsident Dr. Alfred Stern bei der letzten Gemeinderatswahl in der Inneren Stadt mit so löblichem Eifer gegen die Meschumodim zu Felde zog, wird er gewiß sofort untersuchen, warum die Veröffentlichung der Apostasien Glaß-Stiaßny-Sonnenschein unterblieben ist und wird vom Ergebnis seiner amtlichen Nachforschung die Wiener Judenschaft gründlich unterrichten. Wochefinindschau. Der jüdische Dichter S. F r u g feiert jetzt sein dreißigjähriges Schriftstellerjubiläum. Das erste Gedicht Frugs erregte in jüdisch-literarischen Kreisen Rußlands solches Aufsehen, daß man den jungen Dichter aus seinem Steppendorfe nach Petersburg berief. Kurze Zeit darauf, im Jahre 1881 fanden in Rußland die Judenpogrome statt. Da begann Frug seine Trauerlieder zu schreiben, die den Schmerz des jüdischen Volkes zum Ausdruck brachten. Aber nicht nur die Gegenwart, auch die Judenverfolgungen der früheren Jahrhunderte hat Frug in seinen Gedichten behandelt und er hat in ihnen die höchste Stufe der Poesie erreicht. Was Stil und Form anbetrifft, kann man seine Gedichte geradezu vollendet nennen. Er ist ein Meister der Sprache, ein Künstler, auf den das jüdische Volk stolz sein kann. Möge er uns noch viel bescheeren. * 8999