Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 47 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 47 Herr von Löwenstein läßt verkünden, daß er aus dem Süden zurückgekehrt ist. Er ist arbeitsfreudig wie noch nie und seine erste Tat bestand darin — daß er sich (wie seinerzeit über die Enquete) von einem Redakteur des Krakauer „Tug“ interviewen ließ. Herr von Löwenstein äußerte sich wieder über aktuelle jüdische Fragen, wie Landtagswahlreform, Enquete und Schänkerfrage. Er erklärte, daß es ihm gelingen wird, den Juden eine „gewisse Zahl“ von Mandaten zu sichern und daß die Enquete in allernächster Zeit einberufen wird. Die galizischen Juden können also ganz ruhig sein! — Vor einigen Tagen fand in Drohobycz, im Wahlbezirke des Herrn von Löwenstein, eine große jüdische Versammlung statt, in der zur Landtagswahlreform Stellung genommen wurde. Es wäre doch nur recht und billig gewesen, wenn Herr von Löwenstein seine Pläne vor. Allem seinen Wählern mitgeteilt hätte! Aber er zog es vor, der Versammlung fernzubleiben. Seit den Reichsratswahlen hat es Herr von Löwenstein nicht gewagt, seipen Wahlbezirk zu besuchen. Er weiß also genau, welche Sympathien man ihm dort entgegenbringt. Daran werden die leeren Versprechungen, die er aus der Ferne seinen Wählern schickt, nicht viel ändern. * Tolstoi und der Zionismus. Tolstoi war anfangs ein Gegner der zionistischen Bestrebungen. „Wir wollen die alte Regierungsform vernichten“, äußerte er sich damals, „und nun wollen die Zionisten gar einen neuen Staat gründen.“ Als aber Tolstoi einige Jahre darauf Gelegenheit hatte sich mit dem zionistischen Gedanken näher zu befassen, änderte er seine Ansicht und meinte: „Der Zionismus, der die Juden in Palästina als Ackerbauer und Kolonisten ansiedeln will, verdient von allen freiheitlich gesinnten Menschen unterstützt zu werden.“ * Das Wiener Haus Rothschild steht vor einerschweren Entscheidung. Sein Rechtsfreund, der christlichsoziale Advokat Dr. Püregger hat als Kompagnon der Unternehmung „Venedig in Wien“, all sein Hab und Gut verspekuliert und zieht sich . todwund in die Provinz zurück. Prüfend lassen nun die Rothschilds ihre Augen schweifen von Doktor Gruberzu Dr. Mataja, von Dr. Nejimayer züDoktör Porzer, wem von ihnen die Vertretung der jüdischen Millionen am besten ansteht - * Mechanikus Schneider hat in einer Wählerversammlung wieder mal aus der Schule geschwatzt. Er rief, -es. sei nicht länger zu ertragen, daß die Cfaristlichsozialen um* das Geld für ihren Wahlfond zum Sieghardt laufen. Wer Sieghardt ist? Der derzeitige -Gouverneur der Bodenkreditanstalt, Exzellenz Dr.. Sieghardt ist ein Meschumed und hieß vormals Singer. Als Sektionschef im Ministerium des Innern hat er die Geschäfte der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde besorgt, indem er 1907 die Bestrebungen der jüdischnationalen nach Schaffung jüdischer Reichsratswahlkreise kontreminierte. * Ferdinand Bonn hat ein Schauspiel „Maria Antoinette“geschrieben und um unerkannt zu bleiben, das Pseudonym J. Ch. Lewyson gewählt. Fein ausgedacht! Kein Mensch wird glauben, daß jemand sich Lewyson heißt, wenn er nicht von Geburt an mit diesem Namen beladen ist. Und doch stimmt die Sache nicht. Ein geborener Lewyson hätte sich längst ins Arische umgetauft — — * Die mit Mitteln des Landes Galizien jüngst ins Leben gerufene Ga 1 izische Länderbank kann mit der Organisierung ihres Bureaus nicht zu Ende kommen, denn sie findet trotz eifrigen Suchens nicht die genügende Zahl „qualifizierter“, d. h. arisch-polnischer Beamter. Was sagen Ritter von Löwenstein und Genossen zu dieser Verwendung jüdischer Steuergelder? Parteinachrichten. Sitzung des Zionistischen Aktionskomitees. Am 22. November fand in Berlin die Sitzung des Zionistischen Aktionskomitees, bestehend aus den vom Kongreß gewählten Vertretern der einzelnen Landsmannschaften statt. Die Tagesordnung umfaßte hauptsächlich Fragen internen Charakters, wie Neuordnung der prganisation, Regulierung der Parteibeiträge, die Einsetzung eines Schiedsgerichtes usw. .* Dem Bericht, den. das Engere Aktionskomitee, die Parteiexekutive, den Mitgliedern der Konferenz vorlegle, entnehmen Wir folgendes: Die Repressalien der russischen Regierung gegen alle jüdischen Bestrebungen dauern an. Es sind in der letzten Zeit mehrere Verhaftungen und Hausdurchsuchungen erfolgt. Aus den Mitteln des von den Zionisten zur Zeit der großen Pogrdme gesammelten Fonds werden jetzt vier Knaben ,und 14 Mädchen in verschiedenen Anstalten in Palästina erhalten. Die von Dr. Frartz Oppenheimer auf dem Hamburger Kongreß vorgeSchlagene Siedlungsgenossenschaft ist nunmehr als Erez-Israel-Siedlungsgesellschaft in. b. H. konstituiert worden. Ein großes Landslück in Galiläa, auf dem sie mit der Arbeit beginnen wird, ist von dem zionistischen Paläslinaamt erworben worden. Der Bau von Arbeiterhäusern in den jüdischen Kolonien schreitet vorwärts. Solche Wohnungen sind in den Kolonien Rischon-Ie-Zion, Rechoboth, Pethach-Tikwah und Chederah bereits errichtet. Das Ergebnis der Sammlungen für den Jüdischen Nationalfonds 'wird im Vergleich zum Vorjahre als sehr befriedigend bezeichnet. Einen ausführlichen Bericht bringen wir in der nächsten Nummer. - Zionismus und Rassenfrage. ln seinem bekannten Buche „Das Rassenproblem“ hat Dr. Ig. Zollschan den Nachweis geführt, daß die jüdische Rasse hohen Kulturwert besitzt und der einzige Weg, diesen zu erhalten, in der Repatriierung der Juden in Palästina bestünde, also im Zionismus. Aus einigen Stellen seiner streng objektiv und.wissenschaftlich, gehaltenen Ausführungen. glaubten unsere Gegner, nach weisen“ zu" können, daß Zollschan den Zionismus aber für aussichtslos halte. Gegen diese falsche Auffassung wendet sich Zollschan in der Vorrede zu der soeben erschienenen zweiten Auflage. Er sagt darin: „ln einigen von den Rezensionen kam die Meinung zum Ausdrucke, daß ich die R e p a t r i i erungsversuche für „anorganisch“ halte. Diese Angabe ist durch den Inhalt des Buches nicht gerechtfertigt In einer wissenschaftlichen Behandlung der Judenfrage, die nur die gegebenen, nicht aber programmatische Materialien zu Schlüssen verarbeiten kann," konnte ich 'nur'das Ergebnis, zu dem die vorhandenen Tatsachen mich drängten, niederschreiben. Ein solches Buch hat, wenn es an der Pflicht wissenschaftlicher Objektivität festhält, notwendig den Charakter eines Referats und nicht den eines Programms. Ich war also verpflichtet, die gegenwärtigen Entwicklungstendenzen klarzulegen, und deshalb kam ich zu einem pessimistischen Schluß. Aber auch in dem Buche selbst heißt es, daß die Versuche zur Repatriierung nicht nur der einzige, sondern auch ein durchaus gesurider Weg zur Regenerierung und Erhaltung der Rasse seien. Allerdings müßte die Kraft des Zionismus oder der ana’ogen Bewegungen eine ungleich größere sein als sie derzeit ist. Das ist aber, wenn erst eine richtige Beurteilung der Juden'rage durchgegriffen haben würde, durchaus möglich, mögen auch die derzeitigen Entwicklungstendenzen wie immer gea tet sein. An andererstelle desBuches ist darauf hingewiesen — und.es wurde in dieser These geradezu das tiefste Wesen des Judaismus erblickt — daß der Kulturmensch nicht mehr ein willenloses Produkt der Verhältnisse zu sein braucht, sondern daß er die soziale Lage und die gesellschaftlichen Verhältnisse zielbewußt nach seinem Verstand bilden und formen kann und „soll“. Ich bin keineswegs der Ansicht, daß man eine erwiesenermaßen dem Volksganzen, den Interessen der Einzelnen 1 und allen höheren kulturellen Interessen so verderbliche Entwicklung bloß ihrem sinnlosen Automatismus zuliebe durchaus ungestört weiter wirken lassen müsse. Und da ich den Zionismus — wenn eine gesunde Kritik das Unreife aus ihm entfernt hat — für durchaus möglich und nach allen materiellen und ideellen Gerichtspunkten für eine Forderung des Verstandes halte, so ergibt sich daraus meine Stellung wohl von selbst. — Um nun jedes einer vielleicht ungenügenden Diktion entspringende Mißverständnis zu vermeiden, habe ich diesmal im Schlußkapitel durch einige rein stilistische Aenderungen und Zusätze die betreffenden Stellen stärker unterstrichen.“ Somit ist klargestellt, daß Zollschan die Realisierung des Zionismus für durchaus möglich hält, den er nach einer streng wissenschaftlichen Analyse als den einzigen Weg zur Erhatung und Regenerierung der jüdischen Rasse ansieht. Rußland. Petersburg, 22, November (Tel.) Die Dutpäkommission hat sich mit 11, gegen 10 Stimmen für die Begrenzung der jüdischen Rechte in der Selbstverwaltung Russisch-Polens ausgesprpchpn. Drei Oktqbristen und der Führer der Allpolen Grabski haben sich der Abstimmung enthalten. Das zweite polnische Kommissionsmitglied Abgeordneter Montwil hat .vor der Abstimmung dis Sitzung verlassen. (Wir., verweisen auf unseren . Artikel in der vorletzten Nummer. Wenn die zwei polnischen Abgeordneten gegen die Begrenzung der jüdischen Rechte gestimmt hätten, wäre der Antrag der Regierung durchgefallen. Es war klar, daß sich die polnischen Freiheitshelden der Abstimmung enthalten werden. Wie wir es vorausgesagt haben, haben die Polen der iussischen Regierung stillschweigend Helfersdienste geleistet. D. Red.) Aus dem jüdischen Leben. Jüdische Parlamentsmitglieder in Neusüdwales. Aus Sydney wird berichtet: Bei der Hauptwahl für das. Parlament jn Neusüdwales, die am 14. Oktober stattfand, wurden die beiden einzigen jüdischen Kandidaten mit bedeutender Majorität wiedergewählt. Mr.John J. Cohen wurde für Petersham und Mr. Daniel Levy für Darlinghurst gewählt. Beide Herren gehörten auch dem früheren Parlament an; der erstere hatte in demselben die Stellung eines Koriimissionsvorsitzenden inne. Im vorigen Parlament gab es außerdem noch einen dritten jüdischen Abgeordneten, Mr. A. E. Collins, der den Bezirk Namoi vertrat. Er hat sich diesmal nicht um eine Wiederwahl beworben. — Um das Entgegenkommen der Behörden der jüdischen' Bevölkerung gegenüber zu zeigen, mag erwähnt werden, daß als Wahltag der 14. Oktober festgesetzt wutde, und zwar, wie ausdrücklich hervorgehoben wurde, aus dem Grunde,-damitidie Wahlen.nicht,mit dem Versöhnungstage zusammenfielen und so die jüdirsehen Wähler an der Ausübung ihrer Bürgerpflicht verhindert wären. Alle Wahlen fanden im ganzen Staate an demselben Tage statt. Antisemitische Hetzreden auf einem katholischenLaridesköngreß. Aus Budapest schreibt man:' Vom 14. bis 16. November tagte hier der Kongreß der verschiedenen katholischen Organisationen Ungarns. Im Laufe der Beratungen wurden gegen die Juden heftige Brandreden gehalten. „Wir dürfen-nicht gestatten“, sagte u. a. einer den Redner, Reichstagsabgeordneter Johann Frey, „daß man in der staatlichen Verwaltung den Juden den Vorzug gebe.“ (!) Der Redner tischte ferner seinen Zuhörern folgenden Wahnwitz als „historische Tatsache“ auf: „Vor 30 Jahren traten;.die Juden in Krakau zusammen, um darüber schlüssig zu werden, in welcher Weise die jüdische Herrschaft in Europa gesichert werden könnte. Damals wui de beschlossen, in ganz Europa die Presse zu verjuden. Wer verfügt heute über die Macht? (Rufe: Die Juden!) Wem gehört die Presse? (Rufe: Den Juden!)“ Hierzu muß noch bemeikt werden, daß dem Kongresse die vornehmsten politischen Kreise des Landes beiwohnten, u. a. auch der Kultusminister Graf Zichy und der bekannte antisemitische Ministerialrat Baron Barköczy. Und dei selbe Kongreß hat eine Resolution angenommen, in welcher gegen die „Fälschungen“ der von unchristlichen Autoren verfaßten Geschichtsbücher Einspruch erhoben wird! Eine jüdische Mensa academica in Budapest Unter reger Beteiligung fand am 13. November die von der Vereinigung zionistischer Universitätshörer „Makkabäa“ im Interesse der Errichtung einer jüdischen Mensa academica einberufene Studentenversammlung statt. Der Präsident der „Makkabäa“, cand. med. Viktor jordän, berichtete über die Vorarbeiten zu der Mensa. Die Herren Advokat Dr. Nisson Kahan, Kultusvorsteher Dr. Wilhelm Grauer (in Vertretung der Kultusgemeinde), Rabbiner Dr. Simon Hevesi und der Sekretär des Ungarisch-Israelitischen Kultusvereines Dr. Weiller versprachen die Unterstützung der neuen Institution. — Der Erfolg der Versammlung bedeutet den Sieg der zielbewußten Organisationsarbeit unserer wackern „Makkabäa“. Ein jungjüdischer Almanach in ungarischer Sprache. Ende Dezember d. J. wird in Budapest unter der Redaktion von Dr. Josef Patai ein jungjüdischer Almanach erscheinen, welcher als erstes Werk der jüdischen Renaissance in ungari-