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Jüdische Zeitung · 1910-11-23 · 46 (23.11.1910) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
46 (23.11.1910)
Date
1910-11-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 46 a JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 mußte ich darben, denn ich erhielt als Jude kein Stipendium. Als ich meine Studien beendigt hatte, mußte ich lange auf eine Anstellung warten, da ich das Taufbecken mied. Jetzt bin ich endlich Supplent geworden. Ist dies kein genügender Rechtstitel?“ Doch das Statut sagt: Wie viel zahlst du Kultussteuer? „Kultussteuer? Kann ich von einem Gehalt von 1800 K eine Steuer entrichten? Habe ich nicht von meiner Kindheit an dem Judentum Blutsteuer entrichtet, hängt das Judentum nicht wie ein Bleiklumpen an meinen Füßen, bin ich nicht als Jude beständig zurückgesetzt worden? Und jetzt endlich bietet sich mir die Gelegenheit, alsjude ein Recht ausüben zu dürfen, und da fragt ihr mich, wieviel ich Kultussteuer zahle?“ Darauf antwortet das Statut: „Wenn du n i c h t 20 K S t e u]e r z a hlenkannst, dann bist du ein Schnorrer, von Schnorrern aber lassen wir Kultusvorsteher uns nicht wählen! (Stürmische Entrüstungsrufe.) Daneben steht ein zweiter Reklamant, der sich vergnügt die Hände reibt, als er von der Kultussteuer sprechen hört, denn er hat die Zahlungsbestätigung in der Tasche. Das Examen beginnt. „Wie viel hast du heuer Kultussteuer gezahlt?“ „60 K.“ „Sehr gut“, sagt das Statut. „Und im Vorjahre?“ „Auch 60 K.“ „Und vor drei Jahten?“ „120 K; da war ich Fabrikant in — Brünn.“ „Brünn?“ lacht das Statut. „Und wenn du in Brünn durch 120 Jahre' 120 K Steuer gezahlt hast, das nützt dir gar nichts. Wenn du nicht in Wien drei Jahre wohnst und drei Jahre zahlst, dann bist du kein Wähler. Ja, wenn du durch 50 Jahre hier in Wien ehrlich gezahlt hast und zahlst im letzten Jahre um einen Tag zu spät, du hast dein Wahlrecht verwirkt.“ Der Zweck dieser Bestimmungen ist klar: die Zahl der Wähler soll auf ein Minimum beschränkt, das Volk soll fern gehalten werden, die Herren wollen unter sich bleiben. Wir verlangen selbstverständlich als demokratische Partei das allgemeine Wahlrecht. Wenn aber' der Kultusvorstand nicht so revolutionär (Heiterkeit) sein und das Wahlrecht an die Zahlung einer Steuer knüpfen will, dann müßte er wenigstens den niedrigsen Steuersatz auf einen geringen Betrag, und zwar auf 5 K herabsetzen. Der Kultusvorstand sagt aber: Das geht nicht, die Eintreibung kleiner Steuern ist zu schwierig. Darauf müssen wir ihm aber antworten: das ist eine faule Ausrede. Denn in Berlin, das doch auch eine große Judengemeinde hat, beträgt die niedrigste Steuer 6 Mk., in Warschau, der größten Judengemeinde des Kontinents, beträgt die niedrigste Steuer 2 Rubel, in der Judengemeinde Cze rn owi tz 4 K. Allerdings heißt dort der Präsident nicht Dr. Alfred Stern und ist nicht deutschliberal, sondern heißt Dr. Straucher und ist jüdischnational! (Lebhafter Beifall.) Die Herren werden vielleicht sagen: Die Wiener Verhältnisse sind andere. Wir haben aber in Wien nicht bloß eine israelitische Kultusgemeinde, wir haben auch eine evangelische Pfarrgemeinde. Nach den Bestimmungen über die Beitragsleistungen für Kirchen- und Schulzwecke der evangelischen Pfarrgemeinde A. B. in Wien werden als niedrigste Steuer 2 K vorgeschrieben. (Lebhafte Bewegung.) Und deshalb mag es eine Berechtigung haben, wenn der § 7 des Statuts dieser Gemeinde die Ausübung des Wahlrechtes von der Zahlung des Beitrages abhängig macht, denn den niedrigen Beitrag von 2 K kann selbst das“ärmste Mitglied der Gemeinde leisten. Schämt sich nicht der israelische Kultusvorstand vor der evangelischen Pfarrgemeinde? Das ist aber noch nicht das Aergste. Früher hatte das Statut wenigstens den einen demokratischen Zug, daß alle Wähler in einer Kurie wählten. Die beschränkte Anzahl der Wähler hatte wenigstens untereinander das gleiche Recht, es gab nicht Wähler erster und zweiter Klasse. Während alle übrigen öffentlichen Vertretungskörper einen Schritt nach vorwärts gemacht haben, ist unser Kultusvorstand urnhundertjahre nach rückwärts gegangen. Als unser Lehrer Moses vom Berge Sinai herunterkam und die Juden um das goldene Kalb tanzen sah, da faßte ihn ein heiliger Zorn und er zerschlug die Gesetztafeln. Als aber unser Kultusvorstand sab, daß es in Wien Juden gibt, denen das goldene Kalb alles ist, da geriet er nicht in Zorn, er eröffnete vielmehr den Reigen, er spielte zum Tanze auf, er war der Ballarrangeur bei dieser Unterhaltung und schuf die Kurie der Höherbes feuerten (Stürmischer Beifall.) Die allgemeine Kurie wählt 24 Kultusvorsteher, die Kurie der Höherbesteuerten 12, also ein Drittel sämtlicher Kultusvorsteher. Ist das demokratisch, ist das jüdisch, ist das der Geist unserer Bibel, unserer Ric-hter und Propheten? Sind unsere Reichsten immer die Besten? Und doch genügt die Zahlung einer Kultussteuer von K 200, um das Wahlrecht in dieser privilegierten Kurie zu erlangen. Bringen die Herren wirklich ein solches Opfer? Ich bin überzeugt, daß so manchem von Ihnen die Zahlung einer Kultussteuer im Betrage von K 20 oder 30 viel schwerer fällt als manchem der Herren aus dieser großkapitalistischen Kurie die Zahlung :von K 200. Diese Kurie der Höherbesteuerten blamiert uns vor ganz Europa. Diese Kurie ist nur geschaffen worden, um den Familien Rothschild, Gutmann und einigen anderen Großkapitdlisten eine Großmachtstellung in der Kultusgemeinde einzuräumen. Und verdienen diese Herren wirklich das Privileg? So oft wir in der Oeffentlichkeit angegriffen werden, spricht man von den jüdischen Millionären, als ob ihre Millionen unser nationales Gemeingut wären. Aber nieman/i spricht von der Million Juden, die in Galizien verkommen und verhungern, niemand von den Millionen russischer Juden, die ein unerhörtes Martyrium durchmachen, niemand von unserem jüdischen Intelligenzproletariat, das nach Beendigung seiner Studien dem traurigsten Schicksal entgegengeht Sind sich die Herren' aus der Kurie der Höherbesteuerten ihrer jüdischen Pflichten bewußt? Die Herren Rothschild und Gutmann haben in Mähren ein kleines Königreich. Es heißt Witkowitz. Die Herren haben hier eine Armee von Beamten, die größer ist als der Beamtenstand mancher kleiner Staaten in Deutschland. Finden dort die Juden Zuflucht, die bei dea Türen christlicher Unternehmer keinen Einlaß finden? Neinl Die Herren stellen keine Juden, wohl aber christlichsoziale Agitatoren in Witkowitz an. (Stürmische Pfuirufe.) Der Kultusvorstand hat sich aber nicht damit begnügt, das Wahlrecht auf eine geringe Zahl von Wählern einzuschränken und die Kurie der Höherbesteuerten zu schaffen, er hat noch einen weiteren Damm gezogen, um jede Opposition mit Gewalt niederzuhalten. Er führte die Listenwahl ein, die ein Akt brutaler Gewalt ist. Denken Sie sich die Christlichsozialen würden im Landtag beschließen, daß die bezirksweisen Wahlen aufzuheben sind und daß alle Wiener Landtagswähler gemeinschaftlich eine Liste zu wählen haben. Dies wäre der Beginn einer Revolution, und am lautesten würden die Herren vom Kultusvorstand schreien. Uns gegenüber darf aber der Kultusvorstand machen was er will, ln Döbling haben wir seit vielen Jahren die Majorität, in Mariahilf hatten wir einmal sogar eine Zweidrittel-Majorität, im neunten Bezirk erzielten wir wiederholt starke Majoritäten, nichtsdestoweniger ist kein einziger von den Männern, denen Sie Ihr Vertrauen geschenkt haben, in die Kultusstube eingezogen. Denn Ihre Willensäußerung wurde von den offiziellen Majoritäten im ersten und zweiten Bezirke niedergetreten. Sie dürfen aber nicht glauben, daß die Herren im Vorstande so wenig sittliches Empfinden besitzen, daß sie das Unrecht dieses Wahlsystems nicht einsehen. Vor jeder Wahl versprechen die offiziellen Kandidaten — vor zwei Jahren taten sie es in besonders feierlicher Form — das Wahlrecht einer gründlichen Reform zu unterziehen. Sie haben ihr Versprechen nicht nur nicht gehalten, sondern waren von vornherein entschlossen, es nicht zu erfüllen, denn sie haben nicht einmal den Antrag gestellt, eine Aenderung des Wahlrechtes durebzuführen. Vorjahresfrist begab sich eine Deputation angesehener Männer zu dem Präsidenten Dr. Stern, um ihn zu bitten, er möge mit der Ausführung seines Versprechens endlich beginnen. Dieser jüdische Kultuspräsident hat sie empfangen wie ein Pascha mit 7 Roßschweifen! (Große Heiterkeit). Einen Satz bloß hat er ihnen geantwortet und diesen Satz werden wir uns merken. Er sagte ihnen: „Das fällt mir nicht im Traume ein!“ (Stürmische Pfuirufe.) Ich glaube, wenn sich im schwärzesten Afrika eine Deputation von Hottentotten zu ihrem Häuptling begeben würde, um ihm eine Bitte vorzutragen, er würde sich nicht unterstehen, Männern gegenüber, welche kein anderes Verbrechen begangen haben, als im Interesse des allgemeinen Wohls tätig zu sein, einen derartig unerhörten Ton anzuschlagen. Ich habe eingangs meiner Ausführungen erwähnt, daß der Mangel an demokratischen Geist schuld ist an allen Mißständen der Kultusgeraeinde. So oft der Vorstand in die Oeffentlichkeit tritt, setzt er sich in schreienden Widerspruch zn dem Volksempfinden. Wir hören ja vom Kultusvorstand sehr selten, wenn er aber ein Lebenszeichen von sich gibt, wären wir lieber er hätte geschwiegen. Im Frühling dieses Jahres ist Dr. Karl Lueger gestorben,der gößte Judenhasser der letzten Dezennien. Wir haben während seines langen Krankenlagers gewiß das Gefühl des Mitleids gehabt und über seinen Tod haben wir als gesittete Menschen nichts weniger als frohlockt; wir hatten aber auch keine Ursache, unsere Kleider zu zerreissen und unser Haupt mit Asche zu bestreuen. Der Kultusvorstand hat aber so getan, als ob ein nationales Unglück über uns hereingebrochen wäre. Er hat Klagelieder angestimmt, daß der Prophet Jeremias als Stümper neben ihm erscheint (Heiterkeit.) Er trauerte mehr als Frau Ruzicka, die Präsidentin des christlichen Frauenbundes. (Stürmische Heiterkeit.) Die Sache hat aber; uch eine ernste Seite. Ich bin nicht Chauvinist genug, um gewissen Verhältnissen nicht Rechnung zu tragen. Der Kultusvorstand wurde von dem Ableben des Bürgermeisters offiziell verständigt, es war wohl seine Pflicht, von dieser Verständigung in der üblichen Weise Kenntnis zu nehmen. Das Kondolenzschreiben aber, welches er an das Gemeinderats- Piäsidium richtete, ist eia Dokument, bar jeder Würde. Er hat sich nicht begnügt, seine Anteilnahme auszusprechen, er sprach von der „heiligen Friedensstimmung“, welche die Kundgebungen des dahingeschiedenen durchleuchtet hat und „tief bewegt“ stand er an der Bahre. Wir erinnern uns aber, daß uns der verstorbene Bürgermeister noch im letzten Jahre seines Lebens mit Pogroms gedroht bat und daß er das Ammenmärchen aufgetischi hat, daß die Juden Brunnen vergiftet haben, also jene furchtbaren Beschuldigungen gegen uns wiederholt hat, die im Mittelalter Ströme unschuldigen jüdischenBlutes fließen gemacht haben. Es ist also nicht wahr, daß wir uns dankbar seiner Kundgebungen erinnert haben, es ist GH ESTLE5 -Kindermehl. Altbewährte Säuglingsnahrung auch als KRANKENKOST für Erwachsene, Magenleidend« u. Greise ERTHÜLT BESTE RLPEIHILCB, \ Dose K \M in jeder Apotheke n. Drogerie

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