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Jüdische Zeitung · 1910-11-23 · 46 (23.11.1910) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
46 (23.11.1910)
Date
1910-11-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 46 a. Wirtschaftliche Hebung. Der Gemeinde obliegt die Abwehr des antisemitischen Boykotts durch eine großzügige Sozialpolitik. Insbe-, sondere durch: a) Gründung einer jüdischen Gemeinde-Spar- und Vorschußkasse, die zugleich der Gemeinde als Bankier dienen soll. b) Einrichtung eines Wohlfahrtsamtes, welchem der „Arbeitsnachweis“ und das „Lehrmädchenheim“, ferner zu gründende Handwerkerheime, Dienstbotenschulen und -Heime zu unterstellen sind. c) Xrrichtung eines Emigrationsamtes zwecks Regelung der Durchwanderung. Geistig-sittliche Hebung. Reform des Religionsunterrichtes durch Einschränkung des rein Gedächtnismäßigen und intensivere Pflege der jüdischen Geschichte und hebräischen Sprache. Errichtung eines repräsentativen „Volkshauses", welches als Brennpunkt des jüdischen Lebens nicht nur Sitz der Gemeindeverwaltung sein, sondern auch Lokale für die Gemeindebibliothek, das jüdische Museum, für die Vorträge aus jüdischer •Geschichte und für jüdische. Vereine, insbesondere Turnvereine, enthalten soll. Die Israelitische Kultusgemeinde soll zur jüdischen Volksgemeinde werden und demnach die begonnene Aktion zur Erreichung einer öffentlich-rechtlichen Gesamtorganisation aller K ul tus gemeinden Oesterreichs energisch fortsetzen, damit diese Organisation als Verkörperung unserer Gesamtjudenschaft deren Interessen wirksam nach innen und außen vertreten kann. ' Reform der Vorstandswahlen. Was der große österreichische Staat dem Bewohner des entlegensten Gebirgsdorfes, dem Taglöhner, dem Analphabeten, gewährt und im Interesse seiner gesunden Entwicklung gewähren mußte, kann und muß die intellektuell so hochstehende jüdische Volksgemeinschaft jedem ihrer Mitglieder geben: <^en gebührenden Anteil von Gemeindeleben, das allgemeine und gleiche Wahlrecht. Gerade unsere mittleren und unteren Schichten haben das lebhafteste Interesse am Gedeihen des Judentums, sie sind es, welche unter den schwersten und drückendstein Opfern,, freu,tb£j ihm ausharrjeji., Diese Opfer., bilden eiine Blutsteuer, weiche durch erhöhte Geldleistungen nicht aufgewogen werden kann, und um so größer und drückender wird,'je kleiner der Mann, welcher sie trägt. Der Jude des Mittelstandes und der kleine Jude, sie sind es, welche für ihre Zugehörigkeit zum Judentum, wirtschaftlich und gesellschaftlich leiden müssen und willig leiden, welche ihre Kinder unter Entbehrungen zu fähigen und treuen Mitgliedern unserer Volksgemeinschaft erziehen. Die Reichsten unter uns sind diesen Leiden entrückt, in der Mehrzahl der Fälle sind ihre Nachkommen dem Judentum verloren. Und darum die größeren Rechte? Weg!mit dem Kuriensystem, das unjüdisch ist. Die Behauptung, daß die Angehörigen der m ittle ren un d u n teren Stände nicht fähig wären,-ein Gemeinwesen gedeihlich zu leiten, ist eine ungerechtfertigte Beleidigung und widerspricht dem demokratischen Geiste des alten Judentums. Jedem Juden .das gleiche Recht an der Gemeinde! Reform der Gemeindewirtschaft. Zweck der von uns geforderten Sl e u e r r e f o r m ist es, der bis nun praktizierten willkürlichen Steuervorschreibung und -Eintreibung ein Ende zu machen. Wir wollen durch gerechte Verteilung der Lasten der heute allgemeinen Erbitterung, welche oft genug die Zensiten sogar zum Abfall vom Judentum verführt, den Boden entziehen. Die Steuervorschreibung ist heute willkürlich und muß es sein, weil sie auf Grund ungenügender Evidenznah me der Judenschaft und unzuverlässiger Berichte subalterner Rechercheure erfolgt. Als vollends lächerlich muß es bezeichnet werden, daß der total uninformierte und anderweitig beanspruchte Kultusvorstand als letzte Instanz über die gerechte Besteuerung von 25.000 Zensiten zu wachen hat. So kommt es, daß sich schwer reiche Leute der Besteuerung gänzlich entziehen oder mit einer Bagatelle besteuert sind, s während frisch etablierte Kaufleute, Aerzte, Advokaten, ja sogar H ah d'el sangest eil te, wenn das Kultussteueramt sie zufällig in Evidenz bekam, mit einem Vielfachen der Personaleinkommensteuer belastet werden. Es ist darum keineswegs bloße Schikane, wenn über ein Viertel der Steuervorschreibungen mit Rekurs angefochten werden. Zum Schutze gegen solche Willkür soll eben die Relation mit der Personaleinkommensteuer dienen, welche Maßnahme sich zum Beispiel in der Kultusgemeinde Reichenberg glänzend bewährt hat. Jeder, der zahlen kann, soll zahlen, der Minderbemittelte wenig, bis auf 5 K herunter, der Reiche im Verhältnis zu seiner Zahlkraft. Die einem Millionär seitens der Kultusgemeinde erwiesene Schonung(l) konnte ihn, der „für interkonfessionelle Zwecke“ Millionen bereit hat, nicht abhalten vom Judentum abzufallen! Wirtschaftliche Hebung. Bisher ist auf diesem Gebiete nichts geschehen. Die Zeiten sind ernst, die Macht des Antisemitismus wächst und in immer geringerem Maße ist die Kultusgemeinde bestrebt, die wirtschaftliche .Lage.,, der unteren .Schiehte]|i...z.u...lieben,. „Wfi.ist, eine -vernünftige Zentralisation des Wohitätigkei ts wesens? Wo das großangelegte Netz von Vorschußkässen, Sparvereinen, das dem kreditbedürftigen, arbeitswilligen und arbeitsfähigen Geschäftsmanne Hilfe und Rettung bringt? Auch die Forderung nach Errichtung eines Emigrationsamtes behufs Regelung der Auswan- . derung muß jeder jüdisch denkende und .menschlich fühlende Wiener Jude mit Freuden begrüßen. Wir wollen in diesem Zusammenhänge noch besonders betonen, daß diese bescheidenen Wünsche nur die erste Etappe einer großzügigen Sozialpolitik bilden. Gerade in dieser Beziehung ist es notwendig, daß wirklich moderne Gesichtspunkte alleinherrschend werden. Der Kultusvorstand wie er ist und wie er sein soll. (Rede, gehalten von Herrn Dr. Jakob Ehrlich in der Versammlung vom 14. November 1910 im Hotel Franz Josefs-Bahn.) Die Wiener Kultuswahlen zeigen seit einigen Jahren ein ganz verändertes Bild. Noch vor wenigen Jahren waren es 60 bis 80 Personen, die sich am Wahlakt beteiligt haben. Vor zwei Jahren waren es 3000 und diese Ziffern zeigen eine steigende Tendenz. Einen Wahlkampf hat es nie gegeben. Den Mitgliedern einiger Familien, die selbstverständlich glänzend situiert waren, schien das Mandat lebenslänglich, wenn nicht gar erblich verliehen. Sie erledigten recht und schlecht die Koscherfleischfrage, stellten Rabbiner und Kantoren an, bauten sogar Bethäuser, im übrigen störte sie aber niemand in Ihrem beschaulichen Dasein. Und wenn nicht bei den Neuwahlen ihre Schwiegersöhne, Onkel und Vettern sich auf dem Wege ins Cafebaus bei der Wahlurne aufgehalten hätten, diese Auserkorenen des Volkes hätten sich mit ihren eigenen Stimmen wählen müssen. Das ist seit einigen Jahren ganz anders geworden. Wir sind gekommen und haben erklärt: Es geht nicht an, daß die Vertretung der Kultusgemeinde die unbestrittene Domäne einiger Familien bleibt Die ganze jüdische Bevölkerung muß zur Verwaltung der. Kultusgemeinde herangezogen werden. Es geht nicht an, daß die Vertretung der größten österreichischen Judengemeinde ihre einzige Aufgabe in der Erledigung ritueller Agenden erblickt Sie muß - alle jüdischen Kräfte zusammenfassen, -kein jüdisches Interesse darf ihr fremd sein, sie muß aus dem verstaubten und antiquierten Bureau in der Seitenstettengasse eine starke jüdische Volksvertretung machen. (Lebhafter Beifall.) Wir wollten für uns keine Würden. Wir formulierten aber unser Programm und verlangten dessen Durchführung. Da uns aber die Machthaber der Gemeinde brüsk zurückwiesen, da blieb uns nichts anderes übrig, als den Wahlkampf aufzunehmen. Den Vorwurf des Friedensbruches weisen wir mit Entrüstung zurück, denn in der Kultusgemeinde herrschte bloß die Ruhe eines Friedhofes, die Segnungen des Friedens aber haben wir niemals verkostet Wir Juden waren immer ein demokratisches Volk, wir kannten Keinen Adel, keine Orden und keine Auszeichnungen. Ein armer Hirtenjunge war es, der ein glorreiches Königsgeschlecht begründete. Unsere Richter und Propheten, das waren nicht die Reichsten, wohl aber die Besten, die nur einen Schatz besaßen, die glühende Liebe zum Volk. Unsere Alten habin ein wunderbares Wort geprägt, ein stolzes Wort, das an der;Türe jedes jüdischen Vertretungskörpers prangen sollte. Kol IsroSl achim. Ganz Israel ein Volk von Brüdern. Wie aber unser Kultusvorstand diesen Grundsatz betätigt, das sehen Sie ambesten an seinem Wahlrecht Um gleich vorauszuschicken,was ich zu beweisen haben werde: das Wahlrecht der Kultusgemeinde ist ein Wahlrecht derschwärzesten Reaktion, ein Wahlrecht der anmaßendsten Plutokratie, der übermütigsten Verachtung der weitesten Volksschichten, kein Wahlrecht, sondern ein zum Himmel schreiendes Wahlunrecht, ein Privileg für wenige und ein Raub an ungezählten Tausenden. Wir leben in der Zeit des allgemeinen Wahlrechts. Reichsratswähler ist jeder 24jährige Staatsbürger. Und der Reichsrat hat keine kleinen Agenden. Er beschließt Gesetze für das ganze Reich und beeinflußt durch sein Wort sogar Entscheidungen über Krieg und Frieden. Die Wiener Kultusgemeinde entscheidet zwar nicht über Krieg und Frieden, ja sie kann nicht einmal Frieden stiften, wenn in der Leopoldstadt einige „deutschfreisinnige“ Juden raufen, nichtsdestoweniger muß ein Kultuswähler besonders geaicht sein. Denken wir uns einen 28jährigen Mann, Doktor der Philosophie, Lehrer an einer Wiener Mittelschule. Er hat sich immer für jüdische Angelegenheiten interessiert, fehlt aber in der Wählet liste und will deshalb sein Wahlrecht reklamieren. Der Kultusvorstand nimmt das Statut in die Hand und fragt: „Auf welchen Titel stützt du dein Wahlrecht?“ „Mein Wahlrecht? Ich bin doch seit meiner Geburt Judel Schon in der Volksschule wurde ich wegen meines Judentums verhöhnt und beschimpft, nicht minderan der Mittelschule. Auf der Hochschule

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