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Jüdische Zeitung · 1910-11-23 · 46 (23.11.1910) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
46 (23.11.1910)
Date
1910-11-23
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 IÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 46 a nich-t-wahr, daß .wir .tiefbewegt an der Bahre gestanden sind, ja, es kann und darf nicht Währ sein. Denn wäre es wahr, so stünden wir ja niedriger als Würmer, die sich wenigstens krümmen, wenn sie getreten werden. Es wäre ungerecht, wenn wir sämtliche Mitglieder des Kultusvorstandes für dieses Kondolenzschreiben verantwortlich machen würden. Der Kultusvorsteher kaiserlicher Rat Sachs war es, welcher sich der Absendung dieses Schreibens auf das Energischeste widersetzte und der, als sein Protest nichts half, sein Mandat niederlegte. Auch im Fall Taussig hat der Kultusvorstand dem Volksempfinden einen Faustschlag versetzt. Sie werden sich noch alle mit Entsetzen an die furchtbare Tragödie erinnern, die in Rußland vor einigen Jahren über unsere Brüder hereingebrochen ist. 'Unschuldige Greise wurden hingemordet, Kinder wurden buchstäblich' zerrissen, schwangeren Frauen wurde der Leib aufgeschlitzt Ein Wehgeschrei ging über unser ganzes Volk. Unser Herz krampfte sich in Schmerz zusammen und in ohnmächtiger Wut suchten wir vergeblich einen Retter. Ein Gedanke brachte uns einen schwachen Trost Unsere jüdischen Finanzleute werden die russische Regierung, wenn sie hllfe— suchend den Geldmarkt aufsucht, gebührend empfangen. Auch hierin haben wir uns getäuscht Der Kuitusvorsteher Ritter v. Taussig war es, der die russische Anleihe plazierte. Ein Sturm der Entrüstung ging damals durch die jüdische Oeffentlichkeit, der schließlich Taussig wich, indem er sein Mandat niederlegte. Er ist heute tot und ich will ihm keine Vorwürfe machen. Er war eben Kaufmann und es gibt Leute, die an Stelle des Herzens eine Rechenmaschine tragen. Was tat aber der Kultusvorstand? Er hat die Resignation nicht zur Kenntnis genommen und hat Herrn von Taussig gebeten; sein Mandat zu behalten. (Stürmische Pfuirufe.) Herr v. Taussig besaß aber mehr Charakter als der Kultusvorstand. Er blieb bei seinem Entschluß und der Kultusvorstand zog unverrichteter Dinge ab. So oft wir. vom Kultusvorstand verlangen, daß er sieh einer jüdischer Sache annehme, macht er ein unschuldiges Gesicht und beruft sich auf sein Statut, daß ihm nur rituelle Angelegenheiren zuweise. Dfe Sc-hJnkerfrage in Galizien, welche Tausenden von Juden die Existenz kostet, läßt ihn selbstverständlich ganz kalt. Wenn aber eine Möglichkeit vorhanden ist, jüdische Interessen zu schädigen, da ist der Kultusvorstand flink bei der Arbeit (Stürmische Rufe: Bukowina.) ln der Bukowina haben heuer die Vertreter aller fünf Volksstämme, das sind die Vertreter der Juden, der Deutschen, der Polen, Ruthenen und Rumänen, einhellig eine Landtagswahlreform beschlossen, welche auch einer von der judenheit gestellten Forderung gerecht wird. Die Juden sollten ebenso wie die übrigen Volksstämme eine eigone "Kurie erhalten und -eine bestimmte Zahl von Abgeordneten wählen. Das war ein hochbedeutendes Ereignis. Es ist das erstemal im Golus geschehen, daß man uns Juden nicht zusammen gefaßt hat, um uns zu verfolgen, sondern um uns ein Recht zu verleihen. Was ging diese Wahlreform den Wiener Kultusvorstand an, der doch angeblich "ganz unpolitisch ist? Und doch! Erschickte "zum Minister den Hofrat Kuranda, damit hinterlistig das zunichte gemacht werde, was die jüdische Bevölkerung der Bukowina durch jahrelange Kämpfe errungen hatte. (Lebhafte Rufe der Entrüstung. Pfui Kuranda!) Wenn Sie meiner Kritik gefolgt sind, werden Sie leicht festgestellt haben, was unser Kultusgemeindeprogramm ist. Es ist ihnen ohnedies bekannt und ich will es nur in seinen allerwichtigsten Teilen wiederholen:? Vor allem: Fort mit der. Kurie der Höherbesteuerten (stürmischer Beifall), E i n f ü h r u n g d e s a 1 lg e‘m e i n enWa h 1- ' rechtes, bezirksweise Dürchfühjung: der Wahl, Herabsetzung des niedrigsten Steuerzensüs auf 5 K, Anlehnung der Kultussteuer ah die Personaleinkommensteuer in ' der Weise, daß sie unter keinen Umständen mehr betragen darf, als die Hälfte der im vorangegangenen Jahre vorgeschriebenen Personaleinkommensteuer, Ausbau der Bezirkskom Mission, Uebertragung der Steuervorschreibung an diese, Umwandlung der Kultusstube in ein wahres jüdisches Volkshaus. (Stürmischer Beifall.) Am 27. November werden Sie zur Wahlurne schreiten. Ich rufe Sie zu keinemjWerk der Rache, wohl aber zu einem Werk der Befreiung. Sorgen Sie dafür, daß der Modergeruch ans der Kultusstube verschwinde. Solange wir es nicht durchsetzen* können, daß die Reaktion aus unserem_ei genen”=Hause verbannt wiTd,"solange sind wir n;icht berechtigt,{draußen im Namen der Freiheit zu sprechen. Solange die Kultusvorsteher selbst den kleinsten Fortschritt in der Kultusstube «nit allen Mitteln verhindern, muß sie die Pose des Freiheitskämpfers, die sie im politischen. Leben anzunehmen pflegen, recht läc'herlich erscheinen lassen. Der IX. Bezirk h^t immer einen ehrenvollen Platz im Kampfe um die Freiheit in der ’Kultusstube eingenommen. Sorgen ‘Sie dafür, daß er ihn auch, im bevorstehenden Wahlkampf behaupte. Erfüllen wir alle unsere Pflicht im Interesse unserer eigenen Ehre und für d i e Ehre d es ga n z en j ü d ischen Volks. ^(Stürmischer Beifall.) 1--- Wahllokale für die Wähler der Bezirke: Innere Stadt: l, Seitenstettengasse 4. Leopoldstadt (links der Taborstrasse): Sektion A^bis -K: II., Leopoldsgasse 29, Sektion L bis Z: II., Malzgasse 16. Leopoldstadt (rechts der Taborstrasse): Sektion A bis R: II., Tempelgasse 3, Sektion S bis Z: II., Ferdinandstr. 23. Landstrasse und Simmering: III., Untere Viaduktgasse 13. Wieden, Margarethen und Favoriten: V., Siebenbrunnengasse 1. Mariahilf und, Neubau: VI., Schmalzhofgasse 3.; Josefstadt undAlsergrund: Sektion A bis K: IX., Müllnergasse 21, Sektion L bis Z: IX., Seegasse 9. Meidling, Hietzing, Rudolfsheim und Fünfhaus \ XV., Turnergasse 22. .Ottakring und Hernals: XVI., Hubergasse 8. Währing und!Döbling.: XVIII., [Schopenhauerstraße 39. Brigittenau: II., Malzgasse 16. Floridsdorf: KXI., Holzmeistergasse 12. Achtung! Das Bureau des Kultuswahlkomitees befindet -sich: IX., Türkenstraße 9, Telephon 14.199. Daselbst werden täglich von 9—12 und 2—7 Uhr alle Auskünfte erteilt Gesinnungsgenossen, welche sich für die Wahl- -arbeiten zur Verfügung stellen wollen, werden gebeten, Namen und Adressen im Bureau anzugeben. Spenden für den Wahlfonds nehmen entgegen: Der Kassier des Wahlkomitees Gesinnungsgenosse J. H. Wahltuch, I., Maria Theresienstraße 24 und das Bankhaus J. u. A. Brecher, IX., Koliiigasse 5. Gruft- und Grabmonumente ROHRER &PÜSCHL Wien, VI. 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