Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 46 (18.11.1910)
- Date
- 1910-11-18
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2438141-2438273-2438319--2165-2441816- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 IÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 46 jüdischer Seite nur wenig für die wissenschaftliche Erforschung des Landes der Bibel geschehen. Unter den Erschienenen bemerkte man die Professoren Warburg, Sobernheim, Lewin, Mittwoch, Geheimrat Aron, Stadtrat Gimkiewicz, Generalkonsul Landau, Direktor Minolen und viele andere Träger bekannter Namen. Nach einem Bericht über die bisher geleisteten Vorarbeiten erstattete Herr Prof. Warburg ein Referat, in dem er hervorhob, welch große Aufgaben insbesondere in naturwissenschaftlicher Beziehung der Lösung harren. Für Studien auf dem Gebiete der Anthropologie, Ethnologie, Zoologie, Meteorologie, Geologie und Höhlenkunde bietet sich ein weites Arbeitsfeld. Aber auch in Bezug auf wirtschaftliche Fragen muß das Land erforscht werden, das heute aus lOOOjährigem Schlafe zu erwachen beginnt. Endlich birgt der Boden, über den die Stürme der Römerkriege, der sarazenischen und türkischen Eroberung, der Kreuzzüge dahingebraust sind, zahllose Reste alter Kulturen, deren Hebung in historischer und archäologischer Beziehung gleich wichtig erscheint. Allen diesen Zweigen der Forschung will sich die neue Gesellschaft widmen, sobald ihr die nötigen Mittel zur Verfügung stehen. Es wurde demzufolge ein wissenschaftlicher Beirat gewählt, der sich vorläufig aus den Herren.Professoren Sobernheim, Mittwoch, Warburg, Lewin und Herrn Dr. Friedemann zusammensetzt. Den Vorstand bilden außer den genannten die Herren Dr. J. Ginsberg (Vorsitzender), Berthold Israel, Stadtrat Simkiewicz, Geh. Regierungsrat Aron, Maler Struck, Justizrat Dzialoczynski. Die bereits zahlreichen Mitgliederanmeldungen lassen erkennen, welch reges Interesse für die Gesellschaft herrscht und die Hoffnung berechtigt erscheinen, daß ihr bald die Lösung großer Aufgaben gelingen wird. Der Beitrag beträgt für ordentliche Mitglieder (denen alle Drucklegungen der Gesellschaft zugehen) 3(TMk., für außerordentliche Mitglieder 10 Mk. jährlich. Zuschriften sind an Herrn Dr. Ginsberg, Karlsbad 7, zu richten. Das Zustandekommen der Gründung ist der Arbeit unserer Gesinnungsgenossen, besonders den Bemühungen des Herrn Dr. A. Friedemann zu danken. Brief aus Galizien. Lemberg, 15. November. Durch die Obstruktion der Ruthenen haben die Juden in Galizien Zeit gefunden, über die Landtagswahlreform ein wenig nacbzudenken. Sie haben eingesehen, welche Rolle gerade der galizische Landtag, in welchem alle wichtigen Gesetze für das Land beschlossen werden, spielt, und wie wichtig es ist, in dieser gesetzgebenden Körperschaft vertreten zu sein. Es dauerte geraume Zeit, bis die maßgebenden jüdischen Faktoren in Lemberg sich aufrafften, die Forderung nach einer jüdischen Kurie aufzustellen. Doch nun, da an die jüdischnationalen Organisationen die Parole ausgegeben wurde, Volksversammlungen im ganzen Lande zugunsten der jüschen Kurie einzuberufen, müssen wir sehen, daß der Ruf nicht genug Widerhall findet, jüdische Versammlungen fanden in einigen galizischen Städten statt, die einen glänzenden Verlauf nahmen, aber wenn der Protest wirksam sein soll, dann müssen die jüdischen Massen in ganz Galizien aufgerüttelt werden. Noch ist es Zeit, den neunhunderttausend Juden eine entsprechende Vertretung im galizischen Landtag zu sichern, aber der Forderung muß ein solcher Nachdruck verliehen wer. en, daß die polnischen Machthaber und die israelitischen Landtagsabgeordneten darüber nicht hinwegzugehen vermögen. Bemerkenswert ist, daß sich nun auch die Heiren „Polen jüdischen Glaubens“ zu rühren beginnen. Am 9. d. M. fand in Lemberg eine Versammlung der Assimilanten statt,.in der zur Landtagswahlreform Stellung genommen wurde. Der Versammlung wohnten alle jüdischen Landtagsabgeordneten bei. Die Abgeordneten Dr. Ritel und Dr. Landau erklärten, daß die Juden im neuen Landtag genügend vertreten sein werden, da einige neue reinjüdische Bezirke geschaffen werden. Dazu kommen noch die fünf Handelskammermandate. Die Herren gaben wieder einmal ihre leeren Versprechungen, die ja zu nichts verpflichten. Sehr richtig bemerkt das Lemberger „Tagblatt“: Man hat in dieser „jüdischen“ Versammlung vor allem das Polentum lizitiert Den Schutz der jüdischen Rechte in der Wahlreformfrage verlangten sie als Polen im Interesse des Polentums . . . Aber die Herren waren sich wohl bewußt, welche Komödie sie aufführen. Es fällt ihnen gar nicht ein, die jüdischen Forderungen ernst zu vertreten. Einige Redner griffen die israelitischen Landtagsabgeordnete heftig an und zum Schluß wurde eine Resolution angenemmen, in der eine entsprechende Vertretung der Juden im Landtage verlangt wird. Auch zur Schänkerfrage hat die Versammlung Stellung genommen und protestierte gegen die ungerechte Verteilung der Schänkerkonzessionen. Die Versammlung erklärte, daß nach der jüngsten Erklärung im Landtage, die ganze Schuld an diesem Unrecht der galizischen Landesregierung zuzuschreiben ist. Diese Resolution' wurde dem Statthalter zugeschickt. . Die amtliche „Gazeta Lwowska“ teilt mit, daß „nur“ 29 Großgrundbesitzer Schankkonzessionen erhalten haben. Der „Wschöd“ veröffentlicht nun eine Liste dieser adeligen Schänker. Es sind die reichsten polnischen Großgrundbesitzer, die es nicht verschmähten, ihren armen Dorfjuden die Konzessionen wegzunehmen. * * * i Lemberg, 17. Oktober (Priv. Tel.) Heute hat der Wahlreformausscliuß dem Landtage den neuen Wahlreformentwurf vorgelegt. Die Regierung wird aufgefordert, zu Beginn des neuen Jahres eine außerordentliche Landtagssession einzuberufen, um die Wahlreform durchzuführen. Zwischen Polen und Ruthenen ist aber noch keine Einigung. Die Ruthenen verlangen 31 Prozent sämtlicher Mandate, sonst wollen sie der morgigen Sitzung fernbleiben. Es hat sich in der heutigen Sitzung kein israelitischer Landtagsabgeordneter zum Worte gemeldet. Die Rückkehr der Juden zur Landwirtschaft und die Palestine Land Development Company.*) Von Dr. Arthur Ruppin, Jaffa. Die Hauptschwieiigkeit, welche sich einer Konzentration der Juden in Palästina entgegenstellt, liegt auf wirlschaftlichem Gebiete, nämlich in der mangelnden wirtschaftlichen Anziehungskraft Palästinas. Gewiß, die Juden Osteuropas leben in materieller Not und möchten auswandern, aber ihr Ziel ist nicht Palästina, sondern Amerika. Mit schönen Worten und dem Appell ah das nationale Gefühl läßt sich die Richtung des Auswandererstromes nicht ablenken; er geht mit eherner Notwendigkeit dahin, wo die Existenzaussichten1, am besten sind, ln Amerika, dem großen Industrielande, findet der bemittelte undunbemittelte Jude als Unternehmer oder Arbeiter sein Brot, und zwar in demselben oder ähnlichen Berufe, den er in der Heimat ausgeübt hat; in Palästina, dem Ackerbaulande, findet er es in der Regel nur dann, wenn er sich von seinem bisherigen Berufe abkehrt und der Landwirtschaft zuwendet. Das ist nicht leicht. Leroy-Beaulieau behauptet sogar, es sei überhaupt unmöglich, daß ein Städter jemals ein Bauer werde. Das schießt über das Ziel hinaus und kann dadurch widerlegt werden, daß es in Palästina immerhin eine gewisse Zahl von Juden gibt, die den Umwandlungsprozeß von Städtern zu echten Landwirten durchgemacht haben. Aber soviel ist unzweifelhaft, daß die Umwandlung große Anforderungen an den Menschen stellt und in sehr vielen Fällen mißlingt. Was läßt sich tun, um die Juden in der Landwirtschaft heimisch zu machen? Wollte man systematisch Vorgehen, so müßte man jüdische Kinder in Europa oder in Palästina in landwirtschaftlichen Schulen und Betrieben für die Landwirtschaft erziehen und sie dann als Kolonisten in Palästina ansiedeln. Aber dieser Weg ist ebenso langwierig wie kostspielig; jedes Kolonisten Ausbildung und Ansiedlung würde 15.000—20.000 Mark kosten, und es ist nicht abzusehen, woher diese enormen Geldmittel genommen werden Sollen. Nach unserer Ansicht wird dieser Weg immer nur den Charakter eines Laboraloriumversuchs haben. Er mußte im Anfänge der Kolonisation eingeschlagen werden, um verschiedene technische Fragen klarzuslellen und einer großen Kolonisation den Weg zu bereiten, wie ja auch in der modernen Großindustrie der Laboratoriumsversuch der praktischen Anwendung im Großen vorhergeht. -.Will man nicht einige Hunderte, sondern viele Tausende von Kolonisten schaffen, so muß das Privatinteresse mit privaten Mitteln zur Kolonisation treiben. Aber wie ist das zu erreichen? Die Erfahrungen der bisherigen jüdischen Kolonisation haben gezeigt, daß es im allgemeinen unmöglich ist, Leute im reifen Alter, die bisher Händler und Handwerker waren, zu Ackerbauern (im engem Sinne des. Wortes im Gegensatz zu Pflanzungsbauern} zu machen. Um diese Klippe zu umgehen, gibt es zwei Möglichkeiten: *) Aus der Palästina-Nummer der „Welt“, deren Anschaffung wir .allen Gesinnungsgenossen j wärmsten empfehlen. 1. Bemittelte Leute sollen nicht Ackerbauer, sondern ‘ Pflanzungsbauer werden, d. h. fruchttragende Baumpflanzungen erwerben. Die Rentabilität dieser Pflanzungen ist in dem dafür außerordentlich geeigneten Boden Palästinas eine sehr hohe. Die Pflanzungen brauchen, wenn sie einmal Frucht tragen, keine besonders große Pflege und können ohne Gefahr auch von Leuten, die bisher keinerlei landwirtschaftliche Kenntnisse besaßen, bewirtschaftet werden. Freilich werden diese Leute damit keine Lanwirte; aber sie leben in einem landwirtschaftlichen Milieu, und ihre Kinder, die in diesem Milieu aufwacbsen, werden bereits zu wirklichen Landwirten werden, besonders wenn dafür Sorge getragen wird, daß die Kinder in den Dorfschulen oder durch Wanderlehrer elementaren landwirtschaftlichen Unterricht erhalten und ihr Interesse für die Landwirtschaft von Kindheit an durch Schulgärten usw. geweckt wird. Das ist vor allem hinsichtlich der Töchter nötig, bei denen der Mangel an landwirtschaftlicher Erziehung und landwirtschaftlichem Interesse in den jetzigen jüdischen Kolonien höchst unangenehm auffällt. Manches Kolonisten Existenz ist dadurch unmöglich geworden, daß die Frau keinerlei Verständnis und Interesse für die ihr in einem geordneten landwirtschaftlichen Betrieb zufallenden Aufgaben hatte, und wichtige Zweige der Landwirtschaft, z. B. die Milchwirtschaft und die Gemüsezucht, konnten sich in den jüdischen Kolonien hauptsächlich deshalb nicht entwickeln, weil die Frauen sich der Arbeit nicht annahmen. Die jüdischen Kolonien in Judäa, die hauptsächlich Pftanzungskolonien sind, liefern den Beweis, daß die zweite Generation sich bereits sehr gut in den landwirtschaftlichen Beruf, auch den eigent-’ liehen Ackerbau, einlebt. Und diese zweite Generation ist es, auf die der Zionismus sein Augenmerk und seine Hoffnung richten und wegen der er die Eltern zum Erwerb von Pflanzungen anfeuern sollte. 2. Leute ohr eoder mit geringem Kapital können sich nicht fruchttragende Pflanzungen kaufen. Wenn sie alt sind und die Landwirtschaft nicht kennen, haben sie keine Aussicht, in der Landwirtschaft in Palästina ihre Existenz zu finden. Wenn sie aber jung sind, können sie als Arbeiter in Palästina in mehreren Jahren die Landwirtschaft erlernen.'Haben sie die nötigen Kenntnisse erworben, so muß ihnen durch Verpachtung von Land oder durch Gewinnbeteiligung in einem Großbetriebe oder durch die Errichtung von Siedlungsgenossenschaften, wie sie Franz Oppenheime propagiert, die Möglichkeit geboten werden, in einer einigermaßen selbständigen Stellung durch besonders starke Anspannung ihrer Arbeitskraft einen besonders hohen Lohn zu erzielen, der es ihnen erlaubt, im Laufe mehrerer Jahre ein kleines Kapital zu ersparen, mit dessen Hilfe sie kleine Häuslei stellen erwerben, eine Familie gründen unß sich durch Lohnarbeit, aber auch durch eigene Viehhaltung, Gemüsebau und Geflügelzucht weiter bringen können. Bisher fehlte dem jüdischen Arbeiter in Palästina diese Möglichkeit. Er kann sich von seinem Arbeitslohn, so lange er unverheiratet ist, zwar ernähren, aber die Gründung einer Familie und der Aufstieg zur Selbständigkeit sind ihm verschlossen. Es ist als sicher anzunehmen, daß Leute mit Kapital und junge Arbeiter in großer Zähl nach Palästina gehen würden, wenn die einen die Sicherheit hätten, daß sie für ihr Geld fruchttragende und rentable Pflanzungen erhalten, die andern, daß ihnen in der angedeuteten Weise ein Weg zur Erringung von Eigentum und Selbständigkeit offen stände. Beide Sicherheiten fehlen bisher, und deshalb ist der Zustrom nach Palästina ein sehr schwacher. Viele Juden liebäugeln mit dem Gedanken einer Uebersiedlung nach Palästina, und wenn ihnen die Sache etwas leichter gemacht und etwas näher gebracht würde, so würde der Wunsch zur Tat werden; ohne das bleibt er aber ein Wunsch und zerrinnt schließlich in wesenloses Nichts. Der zionistischen Organisation fällt die Aufgabe zu, an diese Zagenden und Hoffenden heranzutreten, ihren Wünschen und Gedanken eine feste Richtung zu geben und ihnen den Weg zur Verwirklichung zu zeigen. Ein erster Anfang hierzu ist durch die Gründung der Palestine Land Development Company gemacht worden. Sie wendet sich zunächst an die bemittelten Juden, denen sie durch eine zweckentsprechende Parzellierungstätigkeit die Möglichkeit