Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 46 (18.11.1910)
- Date
- 1910-11-18
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2438141-2438273-2438319--2164-2441815- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 46 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 Jahre Dr. Straucher geian hat, der leider diesmal der Delegation nicht angehört. Allerdings hätte eine solche Interpellation nur den Wert der Oeffentlichkeit gegenüber klar zu stellen, daß der Jude vogelfrei ist, daß Staatsverträge nur gelten, wenn arische Bürger in Frage kommen. Denn ebensowenig wie früher hätte Graf Aehrental einen Finger gerührt, um der preußischen Praxis, unbescholtene Oesterreicher als „lästige Ausländer“ auszuweisen, wenn sie Juden sind, ein Ende zu bereiten. Die Schwierigkeiten der neuen Türkei. Das Schicksal der Anleiheverhandlungen Dschavid Beys in Frankreich hat vor aller Welt bewiesen, in welcher schwierigen Situation die neue Türkei sich befindet. Vorüber ist’s mit dem Rausch, der die Gemüter erfaßt hatte, als der Tyrann gestürzt wurde und das Reich eine Verfassung nach neuestem europäischen Zuschnitt erhielt. Die harte Wirklichkeit stellt das neue Regime vor die Lösung fast unlösbarer Fragen, wie sie sich aus den geographischen, politischen, finanziellen und ethnographischen Verhältnissen des Reiches ergeben. Noch immer versucht das Ministerium vergebens eine imaginäre „ottomanische Nation“ zusammenzuschweißen, vergebens, weil von den einzelnen Völkerschaften nur Opfer sowie die Aufgabe bisher innegehabter Rechte gefordert und nichts dafür geboten werden kann, nach außen sucht die Türkei vergebens die Sympathien von Mächten, die nichts anderes wollen, als ihren Zerfall. Man will in London, Paris und Petersburg nicht, daß der „kranke Mann“ gesunde, weil die Erbschaft schon geteilt ist. England verfolgt unbeirrt sein altes Ziel, alles Land zwischen Aegypten und Indien zu erwerben, um damit nicht nur den Besitz dieser beiden Länder zu einem gefestigten zu machen, sondern auch endlich die Herrschaft über Suezkanal und Rotes Meer völlig gesichert zu haben, welche England eine Handelssuprematie über alle anderen Staaten verleihen würde, ln aller Gemütsruhe und unter der passiven Zuschaüerschaft Frankreichs wird das persische Reich geteilt und damit steht England an der Grenze der Türkei, hat. seine schwere Hand auf den persischen Golf gelegt und den endgültigen Erfolg der deutschen Bagdadbahn, die in diesen Golf münden soll, zunichte gemacht. Wir wollen hier nicht weltpolitische Fantasien ausspinnen und die Zukunftsmöglichkeiten ausmalen. Die Tatsachen reden eine ganz deutliche Sprache und haben bereits den Jungtürken in der auswärtigen Politik den richtigen Weg gezeigt. Trotz ihres inneren Widerstrebens und ihrer ideologischen Hinneigung zu den Westmächten haben die jungtürkischen Führer zur Politik der geschmähten Fuad Pascha und Abdul Hamid zurückkehren und sich an den Dreibund anschließen müssen. Aber selbst diese Anlehnung an Deutschland und Oesterreich, durch welche die Türkei in einer mächtigen Kombination steht, die auch imstande ist, die Aspirationen Englands und Rußlands einzudämmen, würde den Bestand der Türkei höchstens vor gewaltsamen Eingriffen von außen schützen,aber nicht vor inneren Wirren. Diesen kann nur eine weise und vernünftige Politik der Regierung Vorbeugen. Die Linien einer solchen sind klar vorgezeichnet. Nur, wenn es denjungtürken gelingt, aus der Türkei einen Bund gleichberechtigter und in weitem Ausmaß autonomer Nationen zu machen, wobei die politische organisatorische undmilitärischeVorherrschaft der Türken gewahrt werden könnte, werden diese ihre zentrifugalen Tendenzen aufgeben und freudig an der Festigung des Reiches arbeiten. Wenn aber die Regierung sich dem Irrtum hingeben wird, es gäbe nur eine Nation, die sogenannte ottomanische, zu welcher alles verschmelzen müsse, oder wenn sie eine vollkommene Türkisierung der verschiedenen Völker anstreben würde, so müßte sie kläglich Schiffbruch leiden. Die Türken — und das wird immer wieder vergessen — machen nur ein Drittel der Bevölkerung des Reiches aus und ihre Kultur ist keine höhere, als etwa jene der Griechen, Araber, Armenier etc. Eine Türkisierungspolitik oder auch nur eine fortwährende Beschränkung der von den Nationen bisher innegehabten Rechte würde das Ende der Türkei herbeiführen. Denn niemand wird glauben, daß etwa Bulgaren und Griechen in Mazedonien dann nicht noch stärker nach den benachbarten konnationalen Königreichen tendieren werden als bisher, oder, daß dann die von Aegypten her geschürte arabische: Bewegung abflauen würde. Es ist zu hoffen, / daß die fähigen Köpfe, die heute an der Spitze der neuen Türkei stehen, einsehen werden, daß der Traum von der ottomanischen Staatsnation eine. Ideologie ist und daß die innere Politik anknüpfen* muß an die tatsächlich bestehende nationalreligiöse Selbstregierung, die unter dem despotischen Regime nicht angetastet wurde. Die Türkei wird entweder ein Bund sich kräftig entwickelneer Nationen sein oder sie wird nicht sein. Von neuen Erscheinungen. An erster Stelle sei die „Palästinanumm e r“ der „W e 11“ genannt. Sie repräsentiert sich als ein ganzes Kompendium der aktuellen Palästinafragen. Es ist ganz unmöglich, einzelnes herauszuheben,- die bloße Inhaltsangabe füllt eine ganze Spalte. Die besten Fachmänner und die in Palästina arbeitenden Gesinnungsgenossen behandeln die einzelnen Fragen der Kolonisation, der Kulturarbeit, der Naturgeschichte, der Volkskunde und anderer Gebiete. Zahlreiche Illustrationen, Aufnahmen aus Palästina, schmücken die ganz vorzügliche Nummer. Infolge der starken Nachfrage nach ihr ediert die „Welt“ diese Nummer in zweiter verstärkter Auflage als Sammelsc.hrift überPalästina. Bei dem billigen Preis - des Heftes (K 1.—) wird sich wohl kein Zionist die Gelegenheit entgehen lassen, dieses äußerst instruktive und ungemein reichhaltige Heft ahzuschaffen und durchzustudieren. Die „Welt“ hat mit dieser Nummer etwas ganz Hervorragendes für die Palästinapropaganda geleistet und wieder einmal ihren Wert für unsere Bewegung dokumentiert, der lange Zeit hindurch sehr problematisch geworden war. Imponiert die Palästinanummer der „Welt“ schon durch ihren Umfapg, so präsentiert sich das „Zionistische Merkblatt“, welches soeben von der Berliner zionistischen Zentrale herausgegeben wurde, im Format eines kleinen Taschenkalenders. Trotzdem enthält es eine ganze Fülle von Daten. Wir finden darin außer einigen kalendarischen Angaben sämtliche zionistische Institutionen mit kurzer Angabe von Zweck, Mittel, Tätigkeit verzeichnet, und zwar sowohl jene organisatorischer Natur, sowie jene, welche als Unternehmungen in Palästina arbeiten. Ferner sind alle zionistischen Zeitungen verzeichnet. Aus Palästina bringt das Merkblatt die wichtigsten Daten, sowie kurze Angaben über die nichtzionistischen Palästinainstitutionen und noch vieles andere. Der Verfasser, Gg. Hugo Schachtel in Breslau, in unseren Reihen als ein Mann von deutscher Gründlichkeit und jüdischer Wärme bekannt, hat mit diesem Merkblatt eine prächtige Arbeit geleistet. Für alle in Komitees oder Vereinen arbeitenden Zionisten ist dies Büchelchen ganz unentbehrlich. — Die „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden“ ist leider in ' Oesterreich nicht sehr verbreitet. Es ist wenig bekannt, daß diese dünnen Monatshefte eine wahre Fundgrube für Ethnographie, Biotik, Statistik etc. des Judentums sind, an deren Inhalt niemand Vorbeigehen, kann der sich für das Judentum noch irgendwie interessiert, und der für jeden, der auch nur die kleinste Broschüre über neujüdische Fragen schreibt, unentbehrlich ist. Im letzten Hefte finden wir einen besonders interessanten Artikel von D r. S. Marg o 1 i n über die Frage, warum die Juden in Rußland in so geringem Maße Fabriksarbeiter werden. Er kommt zu dem interessanten und einleuchtenden Ergebnis, daß daran die relative Dünne der jüdischen Bevölkerung im Ansiedlungsrayon schuld ist, in welchem sie nirgends in kompakten Massen wohnen. Aus allen Betrieben, wo eine große Arbeiterschaft eingestellt ist, werden die Juden verdrängt, da sie überall die Minderheit der Arbeiterschaft bilden. In anderen Industriezweigen mit 80—100 Arbeitern nimmt die jüdische Arbeit eine bedeutende Position ein. Im selben Heft finden wir einen Aufsatz über „Studententum und Judententum“ iu Rußland von Dr. S. Weißenberg in Elisabethgrad. Er berichtet über eine Enquete, die 1909 unter 1000 Studenten der Technik angestellt wurde, aus der sich ergibt, daß sogar die Hälfte der konstitutionell gesinnten und ein Viertel der revolutionär gesinnten Studenten gegen die Gleichberechtigung der Juden sind! Sehr treffend sagt der Autor darüber am Schlüsse seiner Studie: „Wenn wir berücksichtigen, daß der Mensch mit zunehmendem Alter gewöhnlich konservativer wird, so dürfen wir unsnur in Anbetracht dessen, daß schon jetzt ein bedeutender Teil der russischen Jugend antisemitisch ist, über die Richtungslinien der nächsten Zukunft nicht tauschen. Der Jude kann sich wieder mit den Dichterworten trösten: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen“ — Tout comme chez nousl Zum Schlüsse sei noch erwähnt, daß in der bekannten trefflichen volkswirtschaftlichen Monatsschrift „P1 u t u s“ von Georg Bernhard, Berlin, kürzlich, in Nr. 3, ein Aufsatz von Dr. Hans Godeon: „Zionistische Banken“ enthalten war. Die Persönlichkeit des Verfassers wird nach jenem Pseudonym keinem Zionisten ein Geheimnis sein. Der Gedanke, durch eine streng sachliche Abhandlung in einem Fachorgan unsere Institutionen in weiteren Kreisen bekannt zu machen, ist ein überaus glücklicher gewesen und wird hoffentlich auch gute Wirkung tun. Dr. H. G. gibt einleitend einen kurzen Abriß des Zionismus und derEntwicK- Palästinas und schildert dann die Tätigkeit unserer Banken. Er erwähnt auch das Industriesyndikat, die PLDC. und den Nationalfonds. Er schließ damit, daß diese Institutionen den Beweis erbringen, daß der alte Grundsatz, wonach Erwerbsinstitute, die in erster Reihe Zwecken dienen, die jenseits des Erwerbes stehen, dem Untergange gewiiht sind, unrichtig ist. Eine Besprechung dieses Artikels finden wir auch in der vielgelesenenWienerZeitschrift:„Der österreichische Volkswirt“ von Walter Federn. Es ist kein Zweifel, daß diese Art, unsere Institutionen in der Oeffentlichkeit zu lancieren, viel öfters von uns praktiziert werden sollte. B. Parteinachrichten. Zionistisches Distriktskomitee für Böhmen. Wir beehren uns zur geneigten Kenntnis zu bringen, daß das auf dem letzten Distriktstag gewählte Distriktskomitee sich wie folgt konstituiert hat: Anton Glaser, Obmann; Dr. Ludwig Singer, I. Obmann-Stellvertreter; Prof. Dr. Alfred Engel, II. Obmann-Stellvertreter; Moritz Löwy, Nationalfondskommissär und Kassier; Ing. Hugo Slonitz, 1. Schriftführer; Angelo Goldstein, II. Schriftführer; Hugo Hermann, Protokollführer. Zuschriften an das D.-K. ersuchen wir von nun an an die Adresse des I. Schriftführers, Prag, Klemensgasse 50, senden zu wollen. * * ♦ Aufruf! Das zionistische Distriktskomitee für Böhmen erläßt an seine Vereine und Vertrauensmänner folgenden Aufruf: Die außerordentlichen Verdienste, die sich Dr. Emil M a r g u 1 i e s im verflossenen Jahre um die Führung der Geschäfte des Distriktes Böhmen erworben hat, die wohl anzuerkennen nur jene imstande sind, welche die Summe von Arbeit, welche in der Korrespondenz des Vorjahres niedergelegt ist, durchgesehen haben, veranlaßten das neugewählte Distriktskomitee gleich nach seiner Konstituierung den Beschluß zu fassen, Dr. Emil Margulies in Anerkennung seiner Verdienste um das D.-K. in das Goldene Buch des jüdischen Nationalfonds eintragenzu lassen. Indem wir Ihnen dies zur Kenntnis bringen, stellen wir an unsere Vereine das Ersuchen, den Dank, den wohl jeder einzelne Verein Dr. Margulies schuldet, dadurch abzustatten, daß die für diese Eintragung notwendigen Beträge von den einzelnen Vereinen baldmöglichst beigestellt werden. * * Gesellschaft für Palästinaforschung- Am Sonntag, den 23. Oktober d. J. fand in den Räumen der Ressource von 1794 zu Berlin die Begründung einer „Gesellschaft für Palästinaforschung“ statt Eine große Anzahl von jüdischen Gelehrten und Angehörigen der besten jüdischen Gesellschaftskreise wohnte der Versammlung bei und bekundete lebhaftes Interesse an den Zielen des Unternehmens, das bestimmt ist, eine alte Ehrenschuld der jüdischen Gemeinschaft einzulösen. Ist doch bisher auffallenderweise gerade von