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Jüdische Zeitung · 1910-11-18 · 46 (18.11.1910) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
46 (18.11.1910)
Date
1910-11-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Aber an Herrn Dr. Stern, den allmächtigen Präsidenten des Kultusvorstandes, der mit starker Hand die Geschicke des offiziellen Kultuswahlkomitees lenkt, richten wir die Frage: Woher nimmt erden Mut, Herrn v. Gutmann und Herrn Bettelheim, den Prokuristen Rothschilds, als Kandidaten vorzuschlagen? Ist die Aufstellung dieser Kandidaten nicht ein Zeichen niedriger Gesinnung, der Liebedienerei und der Referenz vor dem Geldsack? Oesterreichisch - israelitisch-unionistische Logik. Mit Herrn Siegmund Mayer, dem Präsidenten der österreichisch-israelitischen Union zu verkehren, sei es schriftlich oder mündlich, ist mir immer eine Freude. So unansehnlich das äußerliche Auftreten dieses Stammesgenossen, ist, so sympathisch, warmherzig und geistvoll wirkt er, wenn er spricht oder schreibt. Seine Worte enthalten nichts gespreiztes, nichts ausgeklügeltes, warm offen, mit geradezu jugendlichem Feuer, stets geistvoll und von ehrlicher, uneigennütziger Gesinnung zeugend, empfindet man seine Aeußerungen. Seme Ansichten und Urteile stimmen so ganz mit den jüdischnationalen Anschauungen überein, daß man seine Freude daran haben könnte, wenn er die richtigen Konsequenzen daraus ziehen wollte oder könnte. Aber dabei kommt leider immer die deutsch-liberale Hamlelnatur zum Vorschein. Die Juden haben von keiner der bestehenden politischen Parteien etwas zu erwarten, die bügerlich freisinnigen Kandidaten haben in Wien auf andere als jüdische Stimmen nicht zu rechnen und nur ein Jude kann das Gefühl und Verständnis haben, für seine bedrohten Stammesgenossen einzutreten. Das steht in einem Artikel, welchen er in der letztwöchigen Nummer der „Oesterr. Wochenschrift“ veröffentlichte. Ganz unsere Ansicht. Schwarz-Hiller wurde von Ofner nicht aufgestellt, weil er Jude ist, sondern weil er freiheitlich-sozial ist. Nach Mayer ist dies nur ein verschämtes sozialdemokratisches Programm. Wir stimmen zu. Ebenso gilt dies für Mittler, welcher nicht als Jude, sondern als bürgerlich-freisinnig, ja als Deutsch-freisiniger kandidierte, angeblich, um sich zurückzuziehen, wenn ein christlicher Bürgerlich-freisinniger sich meldete. Das glaubt vielleicht Herr Mayer, ich aber weiß es besser und werde demnächst die Ansichten und Absichten dieses Herrn bekanntgeben. Der Christlichfreisinnige hätte sich ja melden können und er hätte sich gemeldet, wenn es außer den jüdischen Stimmen noch andere Anhänger für einen solchen gäbe. Das Exempel ist vor zwei Jahren gemacht worden. Baron Hock, welchen viele für einen Christen ansehen, hat dann kandidiert; er bekam bekanntlich 'zirka 4500 Stimmen, 700 mehr als Schwarz-Hiller. Aber diese 700 waren gerade sogut jüdische Stimmen, wie die andern. Logischer Weise müßte also der Präsident der Union dafür eintreten, daß ein Jude als Kandidat aufgestelli werde, welcher als solcher kandidiert, insbesonders dann, wenn derselbe bürgerlichfreisinn g über jeden Zweifel ist. Aber nein. Er zitiert Hasner, welcher sagt: Der Protestantismus ist der Rationalismus ohne Kourage. Nun denn Herr Mayer, Ihr Judentum ist der jüdische Nationalismus — ohne Kourage. Hätten alle Juden der Leopldstadt für den jüdischen Demokraten gestimmt — sie verfügen über 8000 Stimmen — dann wäre derselbe in die Stichwahl mit dem Christlichsozialengekommen und von den Sozialdemokraten hätte man erwarten dürfen, daß sie für denselben stimmen würden. Aber unser Unionist — ohne politische Courage müßte doch seine Leopoldstädter Juden kennen. So wie sie früher — ohne Courage durch Dick, und Dünn mit dfen^Seheinlilieräien^rdgertj-so Häügeft^-sf^sich jetzt aittdie Rockschößeider -^ toten’Sori;;-welche enun Hohn.i,und,,:ll^ißac^tgngfür-fSie-haben. . Sie .haben ijies _ so.,gelernt in der .scheinl’ibera,len1Sdiülp jjjnit ln deir' Üniöii: Gdtirage^iirid' Selb'stäcKtün^g fehlt ebeii den' Judfen —-der Assimilätiön:'1 „Sie” "werden mir imein: Mandat .nicht wefekeln?}; riet. dervSchlaur. meiet;Schuhmeier unr,Landtag ,denAntisemiten -yer-i stä/idnisinnig zii, .;C)as fieißt,„um„für ‘njjcb,.gu'sjÖiitr. men, sind'''mir''die'rJüden -'gut ' genüg.'' Respekt brauche ich für sie keinen zu' haben; Der Marin ist aufrichtig und nicht (übermäßig witzig, sonst wäre ihm etwas Gescheiteres eingefallen. Und Recht hat er. So lange ich die Wiener Juden kenne und ihre Vertreter, die Bürgerlich-freisinnigen, halten dieselben jeden Tag für verloren, an welchem sie nicht einen moralischen Fußtritt bekommen. Also war Schuhmeier der richtige Mann für sie. Er hat ihnen den Fußtritt prompt gegeben. Aber auch sonst läßt die Erfahrung unseren wackeren Unionisten im Stich. Der Jude — ohne Courage - wird immer dem Goi und wäre es auch nur ein halber, wiq Baron Hock, dessen Vater sich schon getauft hat, vorziehen, er ist eben nur äußerlich emanzipiert, nicht innerlich; er hält sich eben selbst für minderwertig. Ebensowenig kennt mein Freund Mayer die Volkspsyche der christlichen Wiener. Ihm ist ein Jude noch immer lieber als ein Judenknecht. Eine Ausnahme machen nur die paar vereinzelten Liberalen ä la Helbig, welcher Dr. Mittler als Kompliment zuruft, er sei nur durch Zufall ein Jude, sonst eigentlich gar' keiner. Das sind die echten Antisemiten. Der Wiener Antisemitismus ist der Ausdruck des Widerwillens gegen jene hochmütige, gesinnungslose, kurzsichtige, streberische und feige Clique der Scheinliberalen, welche sie ja bezeichnend nur Judenliberale nennen, welche in der „Neuen Freien Presse“ und gesinnungsverwandten Kreisen ihre Vertretung findet, kurz gesagt, die Assimilation. Der ehrliche Jude, der sich als solcher bekennt, findet ljioch Sympathie bei ihnen. Auch die Rechnung des Herrn Mayer stimmt nicht. Nach ihm verdankt Schuhmeier seine Wahl den christlichen Stimmen, welche bei der ersten Wahl 1000 leere Stimmzettel abgaben. Nun hatte Schuhmeier im ersten Wahlgange 8500 Stimmen, die drei jüdischen Kandidaten 3800 — einige hundert wurden als zersplittert angegeben. Von diesen war, wie ich bestimmt weiß, ein großer Teil auf den jüdischnationalen .Kandidaten gefallen, in einigen Sektionen 12—1^ Stimmen. Wenn man diese addiert, erhält man so ziemlich die Stimmenzahl, mit welcher Schuhmeier gewählt wurde. Hat es sich also darum gehandelt, den Christllchspzialen das Mandat zu entreißen, so ist jeder Erfolg da,, so ziemlich , wie man es erwartete. Daß die Christlichsozialen''nur durch eine ausgiebige Wählerfabrikatiori sich vor zwei Jahren die Majorität, und jetzt ihre große Stimmenzahl verdankten, das weiß jedes Kind., Zum Schlüsse noch einige Beobachtungen, aufrichtig vereehrler Freund. Ihrer Gesinnung nach gehören Sie zu uns"; der jüdisch-demokratischen Partei, ihrer Taktik; nach leider noch immer der gestorbenen Scheinliberalen, die nichts gelernt und nichts vergessen. Sonst müßten Sie wissen, daß: Unsere Wiener Wählerschaft seit Jahren gedrillt ist auf die Partei. Nicht die Person ist es, welcher der Wiener Wähler folgt, sondern der Fahne. Er ist viel zu unselbständig, um anders zu handeln. Eine Aenderung wird es nur geben, wenn sich die christlichsoziale Partei selbst ändert oder wenn sie zerfällt. Aber für das Assimilantentum, das christliche oder jüdische, ist zum Glücke noch lange keine Aussicht. Dann sollten Sie unsere Juden kennen, sie haben nur einen politischen Horizont. Programme kümmern sie nicht. AVer hat mehr Chancen, fragen Sie. Die Lüge, welche die Kleebinderei in ihren Blättern verkündete, daß Mittler Chancen habe, in die Stichwahl zu kommen, hat ihm das Stimmenmehr gegen Schwarz-Hiller verschafft, nichts anderes. Bei der Gemeinderätswahl vor wenigen Monaten war die gleiche Wählerschaft anders gestimmt, weil die Christlichsozialen nicht in Frage kamen. Und endlich hat ja eine Wahl nicht bloß den Zweck des Mandatfanges. Sie ist da, um die Stimmung aller Wähler zu dokumentieren. Deshalb haben wir eine Kandidatur gewagt Ueber den Erfolg war man von vorneherein nie im Zweifel. Aber die Arbeit geschah nicht umsonst. Die Wählerversammlungen haben es gezeigt, daß wir von den alten Juden nichts zu hoffen haben, bei ihnen überwiegt die Furcht vor den Antisemiten alles andere, aber die Jugend war in unsei;m Lager und für die Zukunft arbeiten wir. Das können Sie natürlich nicht wissen, da Sie ja nur auf die Berichte der Presse angewiesen sind, welche uns natürlich todtschweigen. Ich vertraue ■ der Logik der Tatsachen, sie wird mich nicht Lügen strafen und sich bewähren,ebenso sicher, als der Bankerott österreichisch-israelitischer Logik. Wir können warten. Lucian Brunner. Kultuswählerversammlungen. Montag, den 14. d. M,, fand die für den VIII. und IX. Bezirk einberufene Kultuswähler.versammlung, im Saale des Hotel „Franz Josefsbahn“, sta’tt;' die ‘vön mehrmals”300 W ähf e t tt ‘'besucht“ war1'Und ‘eilten5Inipbsänten'lVeiriäüfnhahfti?-,!I'• I trauit ’ r:?ne Näbfi'iBegrüßüng' äehiErs^ieWdribn'dürehi detv Vbrisitzendbn, 'Gg? Dt/-I g n'a^'K'öVh'eri'^ielt Gg.’ Dri'J ä'ik'öbi EWfT-i b H -ein n vortreffliches 'Refefaty daß -wir än leitender Stelle bringen.- Hierauf hieltet die Kandidaten,! Gg: Boreelirat' AidolfcBrefcHäiY Gg. -'Dr. Isidord S c hä'i i F ■und - Gg;:Dr.‘ Jakob K o h n Ansprachen, die sehr beifällig äüfgendmmen wurden. Nachdem noch einige Wähler sich für unser Programm ausgesprochen hatten, wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: R e s u 1 u t i o n. Die ani 14. November im Hotel „Franz Josefbahnhof“ versammelten Kultuswähler begrüßen das Eingreifen der jüdischdemokratischen Opposition in die Kultuswahlen auf das freudigste und versprechen, fürdieWahl der äufgestellten Kandidaten mit allenKräfteneinzutreten. Es fanden noch Versammlungen statt, in Margarethen, Favoriten, Döbling-Währing, Mariahilf, die sehr gut besucht waren und in denen obige Resolution angenommen wurde. Achtung! Parteigenossen! Die Agitation für die Kultuswahl hat begonnen. Diejenigen Gesinnungsgenossen, die sich bisher für die Agitation noch nicht gemeldet haben, wollen dies unverzüglich tun und Namen und Adresse in unserem Bureau, IX., Türkenstr. 9, Telephon 14.199, angeben. Daselbst werden alle Auskünfte erteilt. Bureaustunden: 9—12, 2—7 Uhr. Spenden für den Wahlfonds nehmen entgegen: der Kassier, Gg. J. Wahttuch, I., Maria Theresienstraße 24, Und das Bankhaus J. & A. Brecher, IX., Kolingasse 5. Woclienrundschau. Eisenbach. Die Reklametrommel wird für den Liebling der perversen Assimilationsjuden eifrig gerührt. Er ist Jubilar und soll besonders gefeiert werden. In'deh 'Sö'pHTehsäleri' wird er mit "Künstlern“ (auch Burgtheatermitglieder werden mitwirken) sein Jubiläum feiern. Auch wir wollen unter den Gratulanten nicht fehlen. Eisenbach und sein Budapester Orpheum ist eine Schmach für das Judentum. Tagfür Tag wird dort der jüdische Name in den Kot gezerrt, das Judentum der öffentlichen Verachtung preisgegeben. Widerlich sind dort die „Künstler“, widerlich das Publikum. Dort werden die antisemitischen Instinkte geweckt und gefördert. Wir wünschen ■ Eisenbach, daß er die einzige Schmach des Judentums bleibe und ihm noch die Verehrung der Assimilationsisraelilen erhalten bleibe. * Volksbetrü'ger. Es werden immer neue Schändlichkeiten aus dem galizischen Landesausschuß und von der galizischen Statthalterei bekannt. So erfahren wir, daß u. a. an folgende Schlachzizen Schankkonzessionen verliehen wurden: Graf Stefan Bobrowski, Fürstin Konstancya Sanguszko, Graf Ladislaus Branicki, Graf Ladislaus Mycielski, Graf Josef Potocki, Graf Roman Potocki, Graf Olivier Resegnier, Gräfin Krystyna Potocka, Fürst Andreas Lubomirski, Kasimir Lubomirski. Eine erlauchte, hochadelige Gesellschaft! Wir sind nur neugierig, wie diese hohen Herien und Damen eigenhändig den Schnaps kredenzen werden. Es geht halt nichts über eine vernünftige Sozialpolitik und sollten darob auch hunderttausende von Juden verhungern. Wo bleiben bei diesen Vorgängen die Polenklubjuden: Löwenstein, Sandern, Gail und wie sonst noch diese jüdischen Vertreter heißen mögen. Das innige Bundesverhältnis mit Deutschland in dem wir stehen, erstreckt seine Segnungen natürlich auf alles und jedes, nur nicht auf die Juden. Fortwährend erfolgen Ausweisungen österreichischer Staatsangehöriger jüdischen Glaubens aus Preußen. Eben jetzt wird ein krasser Fall bekannt, wo ein gänzlich unbescholtener Jude, österreichischer Staatsangehörigkeit aus Breslau ausgewiesen wurde, ln den Delegationen, die jetzt tagen, hat sich kein einziger Delegierter gefunden, der den Herrn. Minister des Auswärtigen über diesen unerhörten Fall interpelliert hätte, wie dies im vorigen

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