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Jüdische Zeitung · 1910-11-18 · 46 (18.11.1910) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
46 (18.11.1910)
Date
1910-11-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite *;; t? H;s; 4Ss ' ¥t: ä -t^ u. fri Viil Nach;5äen.Bestimmungen fiter die Bertragsleistungen für Kircherif ini Schulzweckeider/eyan- ., gelischen Pfärrgemeinde A.;B. in? Wiemwerdeii als niedrigste Steuer-2 K vorgeschrieben. (Lebhafte .Bewegung.) Und.-deshalb mag es eine Berechtigung habßäi^wenn def § 7 des Statuts-diesei^Gemeindedie Ausübung des Wahlrechtes von der Zahlung des Beitrages Abhängig macht; denn den niedrigen Beitragvon 2 K.kann selbst das ärmste Mitglied der Gemeinde leisten: Schämt sieb nicht der israelische Kultusvorstand vor der evangelischen Pfärrgemeinde? Das ist aber noch nicht das Aergste. . Früher hatte das Statut wenigstens den einen demokratischen Zug, daß alle Wähler in einer Kurie wählten. Die beschränkte Anzahl der Wähler hatte wenigstens untereinander das gleiche Recht es gab nicht Wähler erster und zweiter Klasse. Während alle übrigen öffentlichen Vertretungskörper einen Schritt nach vorwärts gemacht’haben, ist unser Kultusvorstand um hundertjahre nach rückwärts gegangen. Als Unser Lehrer Moses vom Berge Sinai herunterkam und die Juden um' das goldene Kalb tanzen sah, da faßte ihn ein heiliger Zorn und er zerschlug die Gesetztafeln. Als aber unser Kultusvorstand sah, daß es in Wien Juden gibt, denen das goldene Kalb alles ist, da geriet er nicht in Zorn, er er öffnete vielmehr den Reigen, er spielte zum Tänze auf, er war der Ballarrangeur bei dieser Unterhaltung und schuf die Kurie derHöherbesteuerten (Stürmischer Beifall.) Die allgemeine Kurie wählt 24 Kultusvorsteher; die Kurie der Höherbesteuerten 12, also ein Drittel sämtlicher Kultusvorsteher. Ist das demokratisch, ist das jüdisch, ist das der Geist unserer Bibel, unserer Richter und Propheten? Sind unsere Reichsten immer die Besten? Und doch genügt die Zahlung einer Kultussteuer von K 203, um das Wahlrecht in dieser privilegierten Kurie zu erlangen. Bringen die Herren wirklich ein solches Opfer? Ich bin überzeugt, daß so manchem von Ihnen die Zahlung einer Kultussteuer im Betrage von K 20 oder 30 viel schwerer fällt als manchem der Herren aus dieser großkapitalistischen Kurie die Zahlung von K 200. Diese Kurie der Höherbesteuerten blamiert uns vor ganz Europa. Diese Kurie ist nur geschaffen worden, um den Familien Rothschild, Gutmann und einiger anderen Großkapitalisten eine Großmachtsiellung in der Kultusgemeinde einzuräumen. Und verdienen diese Herren wirklich das Privileg? So oft wir in der Oeffentlichkeit angegriffen werden, spricht man von den jüdischen Millionären, als ob ihre Millionen unser nationales Gemeingut wären. Aber niemand spricht von der Million Juden, die in Galizien verkommen und verhungern, niemand von den Millionen russischer Juden, die ein unerhörtes Martyrium durchmachen, niemand von unserem jüdischen Intelligenzproletariat, das nach Beendigung seiner Studien dem traurigsten Schicksal entgegengeht Sind sich die Herren aus der Kurie der Höherbesteuerten ihrer jüdischen Pflichten bewußt? Die Herren Rothschild und Gutmann haben in Mähren ein kleines Königreich. Es heißt Witkowitz. Die Herren haben hier eine Armee von- Beamten, die größer ist als der Beamtenstand mancher kleiner Staaten in Deutschland. Finden dort die Juden Zuflucht, die bei dea Türen christlicher Unternehmer keinen Einlaß finden? (Redner bespricht hier die an anderer Stelle dieser Nummer, veröffentlichten Daten). . Der Kultusvorstand hat sich aber nicht damit begnügt, das Wahlrecht auf eine geringe Zahl von Wählern einzuschränken und die Kurie der Höherbesteuerten zu schaffen, er hat noch einen weiteren Damm gezogen, um jede Opposition mit Gewalt niederzuhalten. Er führte die Listenwahl ein, die ein Akt brutaler Gewalt ist. Denken Sie sich die Ctiristlichsozialeh würden im Landtag beschließen, daß die bezirksweisen Wahlen aufzuheben sind und daß alle Wiener Landtagswähler gemein- Jv.-i \ "üNr. 46 schäftlichv eine Liste zu wählen;: häten. Dies wäre » der/ Beginn einer Revolution, "und/ am' . lautesten : würden die/Herren vom ’Kültusvorstani-schreien. -: Uris: gegenüber darf aber der Kujjfjusyorstand: machen wäs’ er will, 'in D ö b 1 Ln-g^. ^jeri/wir seit vielen . -Jahren die Majorität, i inääiVkä’rTä fi J 1 f hatten /wir. einmal sogar eine Zweidritfel-rMajorität, im neunten B ez'irk'erZielten;wir wiederholt starke-;Ma-’. joritäten, nichtsdestoweniger ’ ist kein einziger von den Männern, denen Sie Ihr' Vertrauen geschenkt haben, in die Kultusstube eingezogen. Denn Ihre Willensäußerung wurde von den offiziellen Majoritäten im ersten und zw'e iten Bezirke niedergetreten. Sie dürfen aber nicht glauben, daß die Herren im Vorstande so wenig sittliches Empfinden besitzen, daß sie das Unrecht dieses Wahlsystems nicht einsehen. Vor jeder Wahl versprechen die offiziellen Kandidaten’— vor zwei. Jahren taten sie es in besonders feierlicher Form — das Wahlrecht einer giündiichen Reform zu unterziehen.. Sie haben ihr Versprechen nicht nur nicht gehalten, sondern waren von vornherein entschlossen, es nicht zu erfüllen, denn sie haben nicht einmal den Antrag gestellt, eine Aenderung des Wahlrechtes durchzuführen. Vor Jahresfrist begab sich eine Deputation angesehener Männer zu dem Präsidenten Dr. Stern, um ihn zu bitten, er möge mit. der Ausführung seines Versprechens endlich beginnen. Dieser jüdische Kultuspräsident hat sie empfangen wie ein Pascha mit 7 Roßschweifen! (Große Heiterkeit). E j n e r? Satz bloß hat er ihnen geantwortet und diesen,Satz werden wir uns merken. Er sagte ihnen: „Das fällt mir picht im Traume ein!“ (Stürmische Pfuirufe.) , Ich glaube, wenn sich im schwärzesten Afrika eine Deputation von Hottentotten zu ihrem Häuptling begeben würde, um ihm eine Bitte vorzutragen, er würde, sich nicht unterstehen, Männern gegenüber, welche kein anderes Verbrechen begangen haben, als im Interesse des allgemeinen Wohls tätig zu sein, einen derartig u nerhörten Ton anzuschlagen. Ich habe eingangs meiner Ausführungen erwähnt, daß der Mangel an demokratischen Geist schuld ist an allen Mißständen der Kultusgemeinde. So oft der Vorstand in die Oeffentlichkeit tritt, setzt er sich in schreienden Widerspruch zu dem Volksempfinden. Wir hören ja vom Kultusvorstand sehr selten, wenn er aber ein Lebenszeichen von sich gibt, wären wir lieber er hätte geschwiegen. Im Frühling dieses Jahres ist D r. Karl Lueger gestorben,der gößte Judenhasser der letzten Dezennien. Wir haben während seines langen Krankenlagers gewiß das Gefühl des Mitleids gehabt und über seinen Tod haben wir als gesittete Menschen nichts weniger als frohlockt; wir hatten aber auch (keine Ursache, unsere Kleider zu zerreissen und unser Haupt mit Asche zu bestreuen. Der Kultusvorstand hat aber so getan, als ob ein nationales Unglück’ über uns hereingebrochen wäre. Er hat Klagelieder angestimmt, daß der Prophet Jeremias als Stümper neben ihm erscheint. (Heiterkeit.) Er trauerte mehr als Frau Ruzicka, die Präsidentin des christlichen Frauenbundes. (Stürmische Heiterkeit.) Die Sache hat aber auch eine ernste Seite. Ich bin nicht Chauvinist genug, um gewissen Verhältnissen nich1^ Rechnung, zu tragen. Der Kultusvorstand wurde von dem Ableben des Bürgermeisters offiziell verständigt, es war wohl seine Pflicht, von dieser Verständigung in der üblichen Weise Kenntnis zu nehmen. Das Kondolenzschreiben aber, welches er an das Gemeinderats- Präsidium richtete, ist ein Dokument) bar jeder Würde. Er hat sich nicht begnügt, seine Anteilnahme auszusprechen, er sprach von der „heiligen Friedensstimmung“, welche die Kundgebungen des dahingeschiedenen durchleuchtet hat und „tief bewegt“ stand er an der Bahre. Wir erinnern uns aber, daß uns der verstorbene Bürgermeister noch im letzten Jahre seines Lebens mit Pogroms gedroht hat und daß er das Ammenmärchen aufgetischt hat, daß die Juden Brunnep vergiftet haben, also jene furchtbaren Beschuldigungen gegen uns wiederholt hat, die im Mittelalter Ströme Unschuld i- 'ig dnfj ü-d isc;h eii B1 ujes.-f 1 i e ß:jjn>g emaebt Jiafaen.ES *$4 j"-Es ist?, also 'dich t Ay a h r, daß' wiriuns dank-;bar seiner; Kundgebungen i erinnert/haben, es ist n i c h t. w a h r, daß tiefbeyregf an .der_Bahre geständen:sind, ja, es-kann und darf nieht . wahr sejn. Denn \y^rc_es wahr, so, stünden wir Ja , niedriger a 1 s : W'ü rm e r, - die sich- .wenigstens krümmen, wenn sie getretenwerden. Es wäre/ungerecht, wenn wir sämtliche Mitglieder des Kultüsvorstandes für dieses Kondolenzschreiben verantwortlich machen würden. Der Kultusvorsteher kaiserlicher Rat Sachs war es, welcher sich der Absendung, dieses Schreibens auf das Energischeste widerselzte und der, als sein Protest nichts half, sein Mandat niederlegte. Auch im Fall Taussig hat der Kultusvorstand dem Volksempfinden einen Faustschlag versetzt. Sie werden sich noch alle mit Entsetzen an die furchtbare Tragödie erinnern; die in Rußland vor einigen Jahren über unsere Brüder hereingebrochen ist. Unschuldige Greise wurden hingemordet, Kinder, wurden buchstäblich zerrissen, schwangeren Frauen wurde, der Leib aufgeschlitzt. Ein Wehgeschrei ging über unser ganzes Volk. Unser Herz krampfte sich in Schmerz zusammen und in ohnmächtiger Wut’ suchten wir vergeblich einen Retter. Ein Gedanke brachte uns einen schwachen Trost. Unsere jüdischen Finanzleute werden die russische Regierung, wenn sie hilfesuchend den Geldmarkt aufsucht, gebührend empfangen. Auch hierin haben wir uns getäuscht. Der Kultusvorsteher Ritter v. Taussig war. es, der die russische Anleihe plazierte. Ein Sturm der Entrüstung ging damals durch die jüdische Oeffentlichkeit, der schließlich Taussig wich, indem er sein Mandat niederlegte. Er ist heute tot und ich will ihm keine Vorwürfe machen. Er war eben Kaufmann und es gibt Leute, die an Stelle des Herzens eine Rechenmaschine tragen. Was tat aber der Kultusvorstand? Er hat die Resignation nicht zur Kenntnis genommen und hat Herrn von Taussig gebeten, sein Mandat zu behalten. (Stürmische Pfuirufe.) Herr v. Taussig besaß aber mehr Charakter.als. der.. Kultusvorstand.., Er blieb,bei. seinem Entschluß und der Kultus Vorstand zog unverrichteter Dinge ab. So oft-wir vom Kultusvorstand verlangen,.daß er sich einer jüdischer Sache annehme, macht er ein unschuldiges Gesicht und. beruft sich auf sein Statut, daß ihm nur rituelle Angelegenheiren zuweise. Die Schänkerfrage in Galizien, welche Tausenden von Juden die Existenz kostet, läßt ihn selbstverständlich ganz kalt. Wenn aber eine Möglichkeit vorhanden ist, jüdische Intei essen zu schädigen, da ist. der Kultusvorstand flink bei der Arbeit. (Stürmische Rufe: Bukowina.) In der Bukowina haben heuer die Vertreter aller fünf Volksstämme, das sind die Vertreter der Juden,, der Deutschen, der Polen, Ruthenen und Rumänien, einhellig eine Landtagswahlreform beschlössen, welche auch einer von der Judenheit gestellten Forderung gerecht wird. Die Juden sollten ebenso wie die übrigen Volksstämme eine e i g e ne K u r i e "erhalten und eine bestimmte Zahl von Abgeordneten wählen. Das war ein hochbedeutendes Ereignis. Es ist das erstemal im Golus geschehen, daß man uns Juden nicht zusammen gefaßt hat, um uns zu verfolgen, sondern um uns ein Recht zu verleihen. Was ging diese Wahlreform den Wiener Kultusvorstand an, der doch angeblich g-anz unpolitisch ist? Und doch! Erschickte zum Minister den Hofrat Kuranda, damit hinterlistig d a s. zunichte gemacht werde, was die jüdische Bevölkerung der Bukowina durch jahrelange Kämpfe errungen hatte. (Lebhafte Rufe der Entrüstung. Pfui Kuranda!) Wenn Sie meiner Kritik gefolgt sind, werden Sie leicht festgestellt haben, was unser Kultusgemeindeprogramm ist. Es ist ihnen ohnedies bekannt und ich will es nur in seinen allerwichtigsten Teilen wiederholen: Vor allem: Fort mit der Kurie derHöherbesteuerten (stürmischer Beifall),EinführungdesallgemeinenWahlrechtes, bezirksweise Durchführung der Wahl, Herabsetzung des niedrigsten Steuerzensus auf 5 K, Anlehnung der Kultusstcuer an die Personalein-

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