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Jüdische Zeitung · 1910-11-18 · 46 (18.11.1910) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
46 (18.11.1910)
Date
1910-11-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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(} :j f: n» Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinsfrafie 11, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachrftittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halblähr. K5—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk.3.—. Für das übrige jt * * * * * * * * Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexempläre20 h. Postsparkassenkonto' 104.067. **#**#####*##** Nr. 46. Wien, Freitag den 18. November 1910. IV. Jahrgang. Das jüdisch-demokratische Wahlkomitee gibt hiemit bekannt, daß die Verlautbarung unserer vollständigen Kandidatenliste Samstag, den 19. d. M. erfolgen wird. In der letzten Sitzung wurden bereits folgende Gesinnungsgenossen als Kandidaten für den Wiener Kultusvorstand nominiert: Dr. Isidor Schalit, Arzt, IX. Währingerstraße 3. Adolf Brecher, Bankier, IX. Kolingasse 5. Dr. Jakob Kohn, Hof- und Gerichtsadvokat, XIX. Hauptstraße 5. Dr. Karl Pollak, Arzt, I. Rathausstraße 17. Arnold Karplus, Architekt, VIII. Florianigasse 54. Eisig Torczyner, Kaufmann, II. Große Sperlgasse 5. Dr. Egon Zweig, Hof- und Gerichts-! advokat, I. Schulerstraße 18. Emil Fried, Oberingenieur, XV. Klementinengasse 27. Für die Bezirke Märiahilf, Neubau: Montag, den 21. November, 8 Uhr abends in den Verbandssälen, VI., Königseggasse 10. Referenten: Reichsratsabgeordneter Adolf Stand Ingenieur Robert Stricker. Vorstellung der Kandidaten. Für die Leopoldstadt: Donnerstag, den 24. November, 8 Uhr abends im Hotel Arco, II., Rotensterngasse 7. Referent: Reichsratsäbgeordrieter Adolf Stand. Vorstellung der Kandidaten. i——B Der kültusvorstand wie er ist und wie er sein soll. (Rede; gehalten von Herrn Dr. Jakob’ E h r lieh in der Versammlung vom 14. November 1910 im Hotel . Franz Jösefs-Bahn.) Die Wiener Kultuswahlen zeigen seit einigen Jahrenein' ganz verändertes Bild. Noch vor wenigen Jahren waren es 60 bis 80 Personen, die sich am Wahlakt beteiligt haben. Vor zwei- Jahren waren es! 3000 und diese Ziffern zeigen eine steigende Tendenz;: Einen’ Wahlkampf hates nie gegeben. Den Mitgliedern einiger Familien',’ die’selbstverständlich glänzend situiert waren, schien das Mandat lebenslänglich, wenn.! nicht gar erblich verliehen. Sie erledigten-recht und schlecht die Koscherfleischfrage, stellten Rabbiner und Kantoren an, bauten sogar; Bethäuser, im . übrigen störte, sie aber, niemand inihrem-beschaulichen Dasein. - Und wennnichtbei! den Neuivahlen' ihre: Schwiegersöhne,- Onkel' und-Vettern sich auf dem: Weget ins- Cafdhaus bei der Wahlurhe äufgehaltenhätten; diese Auserkorenendes-Volkes--hätt'en-.sich: mjt ihren: eigenen Stimmen wählen-müssen:: Das ist seit einigen Jahren ganz anders geworden. Wir sind gekommen und haben erklärt: Es geht nicht an, daß die Vertretung der Kultüsgemeinde die unbestrittene Doriläne einiger Familien bleibt. Die ganze jüdische Bevölkerung muß zur Verwaltung der Kultusgemeinde herangezogen werden. Es geht nicht an, daß die Vertretung der größten österreichischenjudertgemeinde ihre einzige Aufgabe in der Erledigung . ritueller Agenden erblickt. Sie muß alle jüdischen Kräfte zusammenfassen, kein jüdisches Interesse darf ihr fremd sein, sie muß aus den! verstaubten und antiquierten Bureau in der Seitenstettengasse eine starke jüdische Volksvertretung machen. (Lebhafter Beifall.) Wir wollten für uns keine Würden. Wir formulierten aber unser Programm und verlangten dessen Durchführung. Da uns aber die Machthaber der Gemeinde brüsk zurückwiesen, da blieb uns nichts anderes übrig, als den Wahlkampf aufzunehmen. Den Vorwurf des Friedensbruches weisen wir mit Entrüstung zurück, denn in der Kultusgemeinde herrschte bloß die Ruhe einest Friedhofes, die Segnungen des Friedens aber haben wir niemals verkostet. Wir Juden waren immer ein demokratisches Volk, wir kannten keinen Adel, keine Orden und keine Auszeichnungen. Ein armer Hirtenjunge war es, der ein glorreiches Königsgeschlecht begründete. Unsere Richter und Propheten, das waren nicht die Reichsten, wohl aber die Besten, die nur einen Schatz besaßen, die glühende Liebe zum Volk. Unsere Alten hab>n ein wunderbares Wort geprägt, ein stolzes Wort, das an der Türe jedes jüdischen Vertretungskörpers prangen sollte. Kol Isroel achim. Ganz Israel ein Volk von Brüdern. Wie aber unser Kultusvorstand diesen Grundsatz bestätigt, das sc hen Sie am besten an seinem Wahlrecht. Um gleich vorauszuschicken,was ich zu beweisen haben; werde: das Wahlrecht der Kultusgemeinde ist ein; Wahlrecht derschwärzesten Reaktion, ein Wahlrecht der anmaßendsten Plutokratie, der übermütigsten Verachtung der weitesten Volksschichten, kein Wahi- | recht, sondern ein zum Himmel schreiendes Wahlunrecht, ein Privileg für wenige und ein Raub an ungezählten Tausenden. . (Stürmischer Beifall.) Wir leben in der Zeit des allgemeinen Wahl- ■ rechts. Reichsratswähler ist jeder 24 jährige Staats-; bürger. Und der Reichsrat hat keine kleinen Agenden. Er beschließt Gesetze für das ganze Reich : und beeinflußt durch sein Wort sogar Entscheidungen : über Krieg lind Frieden.; Die Wiener Kultusgemeinde entscheidet zwar \ nicht über Krieg und Frieden, ja sie kann nicht; einmal Frieden stiften, wenn in der Leopoldstadt; einige „deutschfreisinnige“ Juden räiifen, nichtsdesto-' i weniger muß ein ' K'ultuswähler besondere gealcht sein. Denken wir uns einen 28jährigen Mann, Dok-; tör der Philosophie,' Lehrer an einer Wiener Mittel- | schule: Er hat sich immer für jüdische Angelegen-’ j heiten interessiert, fehlt aber in der Wählerlisteundj j will1-deshalb sein' Wahlrecht reklamieren. Der Kur- dn'svörständ nimmt das-'Statut in die Hand und fragt: „Auf welchen Titel stützt du dein Wahlrecht?“ „Mein Wahlrecht? Ich bin doch seit meiner Geburt Jude! Schon in der Volksschule wurde ich wegen meines Judentums verhöhnt und beschimpft, nicht minder an der Mittelschule. Auf der Hochschule mußte ich darben, denn ich erhielt als Jude kein Stipendium. Als ich meine Studien beendigt hatte, mußte ich lange auf eine Anstellung warten, da~ich das Taufbecken mied. Jetzt bin ich endlich Supplent geworden. Ist dies kein genügender Rechtstitel?“ Doch das Statut sagt: Wie viel zahlst du Kultussteuer? „Kultussteuer? Kann ich von einem Gehalt von 1800 K eine Steuer entrichten? Habe ich nicht von meiner Kindheit an dem Judentum Blutsteuer entrichtet, hängt das Judentum nicht wie ein Bleiklumpen an meinen Füßen, bin ich nicht als Jude beständig zurückgesetzt worden? Und jetzt endlich bietet sich mir die Gelegenheit, als Jude ein Recht ausüben zu dürfen, und da fragt ihr mich, wieviel ich Kultussteuer zahle?“ Darauf antwortet das Statut: „Wenn du nicht 20 K Steuer zahlen kannst, dann bist du ein Schnorrer, von Schnorrern aber lassen wir Kultusvorsteher uns nicht wählen! (Stürmische Entrüstungsrufe.) ’■ ' \ Daneben steht ein zweiter Reklamant, der sich vergnügt die Hände reibt, als er von der Kultussteuer sprechen hört, denn er bat die Zahlungsbestätigung in der Tasche. Das Examen beginnt. „Wie viel hast du heuer Kultussteuer gezahlt?“ „60 K.“ „Sehr gut“, sägt das Statut. „Und im Vorjahre?“ „Auch 60 K.“ „Und vor drei Jahren?“ „120 K; da war ich Fabrikant in — Brünn.“ „Brünn?“ lacht das Statut. „Und wenn du in Brünn durch 120 Jahre 120 K Steuer gezahlt hast, das nützt dir gar nichts. Wenn du nicht in Wien drei Jahre wohnst und drei Jahre zahlst, dann bist du kein Wähler. Ja, wenn du durch 50 Jahre hier in Wien ehrlich gezahlt hast und zahlst im letzten Jahre um einen Tag zu spät, du hast dein Wahlrecht verwirkt.“ Der Zweck dieser Bestimmungen ist klar: die Zahl der Wähler soll auf ein Minimum beschränkt, das Volk soll fern gehalten werden, die Herren wollen unter sich bleiben. Wir verlangen selbstverständlich als d e m O^ kratische Partei das allgemeine Wahlrecht. Wenn aber der Kultusvorstand nicht so revolutionär (Heiterkeit) sein und das Wahlrecht an die Zahlung einer Steuer knüpfen will, dann müßte er wenigstens den niedrigsen Steuersatz auf einen geringen Betrag, und zwar auf 5 K herabsetzen. Der Kultusvorstand sagt aber: Das geht nicht, die; Eintreibung kleiner Steuern ist zu schwierig. Darauf müssen wir ihm aber antworten: das ist eine faule Ausrede. i Denn in Berlin, das doch auch eine große Juden-; gemeinde hat, beträgt die niedrigste Steuer 6 Mk., in Warschau, der größten Judengemeinde des; Kontinents, beträgt die niedrigste Steuer 2 Rubel, j in der Judengemeinde Czernowitz 4 K. Allerdings heißt dort der Präsident nicht Dr. Alfred j Stern und ist nicht deutsch!iberat, sondern | heißt Dr. Straucher und ist jüdischnatio-! nal! (Lebhafter Beifall.) i Die Herren werden vielleicht sagen: Die i Wiener Verhältnisse sind ändere. Wir haben aber i in Wien nicht bloß eine israelitische Kurtusgemefiide,! wir habenauch eine evängelischePfat-rgemeinde.

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