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Jüdische Zeitung · 1910-11-11 · 45 (11.11.1910) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
45 (11.11.1910)
Date
1910-11-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 45 JÜDISCHE ZEITUNG. ersten Halbjahr 1910 zurückgedrängt. Einige künstlieh geschaffene und künstlich erhaltene Vereine haben ihre Arbeit eingestellt. Unter den Vereinen, die ein Schekeiplus aufbrachten, wird Brüx genannt. Neu gegründet wurde der „Zionistische Volksverein Theodor Herzl“ in Reichenberg. An seine Spitze trat Herr Dr. Hugo Reichmann. Neugründungen sind ferner die Jüd.-nat. ak.-techn. Verbindung „J o r dan ia“ und der „Verein jüdischer Beamten“ in Prag, der die Jugend in den Erwerbsständen sammeln soll. Ausführlich wird hierauf im Bericht die Lage im rein tschechischen Sprachgebiet auseinandergelegt, die Schwierigkeiten unserer Arbeit beleuchtet, unter ihnen vor allem der stete Rückgang der jüdischen Gemeinden, die im Zusammenhänge mit den schwierigsten wirtschaftlichen Verhältnissen stehen. Infolge Geldmangels konnte unsere tschechische Propagandaliteratur fast gar keine Vermehrung finden. Vor allem tut systematische Aufklärung der tschechischen Bevölkerung not. Im deutschen Sprachgebiete gibt es dagegen nur wenig größere Gemeinden, in denen wir nicht schon festen Fuß gefaßt hätten. Der Präsident des D.-K. sprach in Marienbad, Prag, Budweis (zweimal), Gablonz, Komotau, Karlsbad, Teplitz, Pilsen, Eger. Außerdem sprachen noch eine Reihe anderer Gg. in verschiedenen Städten. Der Teplitzer jüdische Volksverein hat die instruktive Zeitschrift „Palästina“ für alle seine Mitglieder abonniert. Das D.-K. stand, wie schon rein äußerlich die Zahl von 500 Briefen, die große Zahl von Zirkularen, die Korrespondenz mit Einzelnen, die Reisen des Präsidenten bezeugen, in regem Verkehr mit Vereinen und Vertrauensmännern. In Prag wurde besonderes Gewicht auf die Förderung der Jugend gelegt. Es wurde ein würdiges Zentralheim geschaffen, in dem eine intensive Arbeit geleistet werden konnte, eine Arbeit, der in diesen Räumen Boris Schatz und Martin Buber die Weihe gaben. Das Vereinsheim wurde auch der Bruderorganisation der Poalei-Zion zum Heime. Wir freuen uns überhaupt der Beziehungen, des Vertrauens und der Herzlichkeit zwischen dem D.-K. und der Leitung der Poalei-Zion. Die Prager Gg. freuten sich der Anwesenheit der drei hervorragenden Palästinenser Aharoni, Mossinsohn und Boris Schatz, an dessen Besuche sich die Bezalelausstellung und die Gründung eines Kunstgewerbevereines Bezalel in Prag knüpften. Seither sind aus unserer Mitle zwei Männer nach Palästina gegangen, um dort persönlich an dem Aufbau kultureller Lebensformen mitzuwirken. Der eine, Dr. Viktor Kellner, vom Studentenverein „Bar- Kochba“, ans hebräische Gymnasium in J aff a, der andere als Lehrer ans Musikkonservatorium 'in Jaffa. Das Verhältnis zur westösterreichische Verbandsleitung war ein ausgezeichnetes. An die Stelle des alten Gegensatzes zwischen Wien und den Provinzorganisationen ist volle-Einmütigkeit getreten. Westösterreich ist heute eine Einheit. So hat der Wiener Parte itag unsere und unserer Wiener Freunde Stellung gefestigt, unsere Bedeutung in der Weltorganisation eihöht, was bei der Jahreskonferenz in Berlin zur Versöhnung der Gegensätze viel beitrug. Mit den nichtzionistischen Körperschaften kam es oft zu erfolgreicher Kooperation und zu erfreulicher Verständigung. Besonders schön sind die Erfolge der Arbeit für die Siedlungsgenossenschaft, vornehmlich in Teplitz und, seit Oppenheims Vorträgen, auch in Prag. Sehr schön steht es auch um den N a t i o n a 1 f o n d s, der stetig wächst, unberührt von allen Schwankungen der Partei. Trotz alledem braucht die Organisation eine Ausgestaltung, vor allem in Hinsicht auf die Bureaus. Der Kassier und NF-Kommissär M o r. L ö w y erstattet den Kassa- und NF-Bericht. Es gingen in Böhmen in der Zeit vom 20. Oktober 1909 bis 3. Oktober 1910 ein: Für den Nationalfonds K 10.95317, an Palästinaspenden 2665 51, Erlös für Verschleißartikel K 16S9’44, zusammen K 15.290’12. Hierauf begann die Debatte, an der sich zahlreiche Delegierte beteiligten. Präsident Dr. M a r g u 1 i e s erwiderte auf die vorgetragenen Wünsche. Wenn vieles versäumt wurde, so seien denn doch die Vereine selbst schuld. Angeregt und gefordert wurde von Prag aus genug. Bezüglich der Presse erklärt der Präsident, daß die „jüdische Zeitung“ in Wien das o f f i zi el 1 e Parteiorgan ist. Auf Antrag Dr. Gütigs wird hierauf dem D.-K. einstimmig Dank und Vertrauen ausgesprochen, der Rechenschaftsbericht wie der Bericht über Kassa und NF. werden genehmigt. Dem NF.-Kommissär wird besonderer Dank ausgesprochen. Hierauf werden die Wahlen vorgenommen. In das Distriktskomitee werden Anton Glaser, JUDr. Singer, Moritz Löwy, Ingenieur Slonitz, Prof. Dr. A. Engel, Hugo Hermann, Angelo Goldstein gewählt. Zu Revisoren: Prof. Wertheimer, Emil Eisner. Ins Schiedsgericht: Dr. Kuh, Karl Resek, J. M. Redisch. In die Parteileitung: Bechert, Markus, Dr. Hirsch, Beutler, Nadscheradetz, Max Klein, Dr. Löwenstein, Dr. Margulies, Dr. Thieberger, Hoytasch, Fanta (Nachod), Steiner (Karlsbad). Für die drei Stellen in der Zentralleitung werden präsentiert: Dr. Singer, Dr. Kuh, Dr. Margulies, Bechert, L. Steiner, Max Soudek, Anton Glaser, Gutwillig, Frau Elisabeth Perutz. Alle Wahlen wurden sehr beifällig aufgenommen. Es gelangen nun Anträge zur Verhandlung; u. a. stellt Fleischer (Gablonz) den Antrag auf Einsetzung eines Preßkomitees, das sich mit der Preßfrage und der eventuellen Schaffung oder Uebernahme eines Blattes zu befassen hat. In dieses Preßkomitee, in das das D.-K. zwei Mitglieder zu entsenden hat, werden gewählt: Dr. Kuh, JUC. Leo Hermann, Max Soudek, Fleischer. G o 1 d s t e i n dankt dem Präsidium für die ausgezeichnete Leitung der Verhandlungen. Der Vorsitzende Ernst Bechert drückt der Kultusgemeinde für die Ueberlassung des Saales den Dank aus und konstatiert den schönen und ergebnisreichen Verlauf der Beratungen. Mit der Aufforderung, unermüdlich, immer mutig für unsere Bewegung, für das jüdische Volk weiterzuarbeiten, schließt er den Distriktstag. Unter den Klängen der Hatikwah verließen die Delegierten den Saal. Parteinachrichten. Sitzung des Aktionskomitees. Da von Seiten russischer Mitglieder des AK. der lebhafte Wunsch zum Ausdruck gebracht worden ist, daß die zum 22. November nach Köln einberufene Sitzung des AK. nicht dort, sondern in Berlin abgehalten werden soll und man sogar das Erscheinen zu der Sitzung von dieser Aenderung abhängig gemacht hat, hat das EAK. beschlossen, diesem Wunsche gemäß als Ort der Sitzung Berlin zu bestimmen. Die Sitzung findet im Elite-Hotel statt. Auch die anberaumten Sitzungen des EAK., des Direktoriums des JNF. und der verschiedenen Verwaltungsorgane der Banken werden nunmehr in Berlin stattfinden. * . * Zehnjähriges Stiftungsfest des „Jeschurun“ in Troppau. Am 7. und 8. Dezember findet in Troppau das zehnjährige Stiftungsfest des zionistischen Vereines „Jeschurun“ statt. Die Vorbereitungen zu diesem seltenen Fest, welches in größtem Stil veranstaltet wird, sind bereits im vollen Gange und beschäftigen sich schon seit mehreren Wochen acht besondere Komitees, die mit anerkennenswerter Aufopferung mit der Ausarbeitung des reichhaltigen Festprogrammes beschäftigt sind. Eingeleitet wird das Fest mit einer großen Volksversammlung, bei welcher die bedeutendsten Männer der zionistischen Organisation das Wort ergreifen werden. Der nächste Tag ist der Eröffnung der Bezalel-Ausstellung gewidmet, für welche Ausstellungsgegenstände im Werte von mehreren tausend Kronen bereits eingetroffen sind; ganz besondere Aufmerksamkeit werden die prachtvollen, handgeknüpften Teppiche erregen. Die Festschrift des Vereines, welche außer der überaus interessanten Entwicklungsgeschichte des Vereines Originalbeiträge der hervorragendsten Schriftsteller und bekanntesten Maler enthält, wird in den nächsten Tagen fertiggestellt. Die auswärtigen Gäste und heimischen Gg. wird ein rituelles Bankett vereinen, zu welchem Zusagen schon jetzt entgegengenommen werden. Den Abschluß des in jeder Hinsicht hervorragenden Programmes wird ein großes Militärpromenadekonzert mit anschließendem Tanz bilden Die große Zahl der bereits angemeldeten auswärtigen Gäste hat die Einsetzung einer besonderen Wohnungssektion zur Folge gehabt, welche für gute und billige Unterbringung der Gäste sorgen wird. Zimmerbestellungen sind rechtzeitig an Herrn Gg. Karl Weinreb, Troppau, zu richten. Das vollständige Festprogramm wird in der nächsten Nummer bekanntgegeben. * * * Franz Oppenheimer in Prag. Aus Prag, 1. November, wird uns geschrieben: Am 30. Oktober war Franz Oppenheimer in Prag, um für die Siedlungsgenossenschaft Propaganda zu machen. Am Vormittag sprach er vor einem geladenen Publikum — Finanzleute und Fachmänner — denen er in sachlicher und streng wissenschaftlicher Weise und doch gerade die praktischen Seiten hervorhebend, sein Projekt klarlegte. Er zeigte, wo die Hauptfehler aller bisherigen genossenschaftlichen Arbeit zu suchen sind. Er erklärte den Unterschied in der Wirksamkeit der harmonischen und der dis¬ Seite 5 harmonischen Genossenschaften. Er wies nach welch große Wahrscheinlichkeit für das Gelingen des Versuches der landwirtschaftlichen Produktivgenossenschaft bestehe. Seine Ausführungen machten sehr großen Eindruck auf die Anwesenden. Am Abend sprach Oppenheimer im großen Festsaale des jüdischen Rathauses über dasselbe Thema vor einem großen Publikum aus allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung. Es waren unter anderen Professoren der beiden Universitäten erschienen. Oppenheimer sprach mit einer so prachtvollen Wärme, so sachlich und klar, daß er alle Zuhörer nicht nur begeisterte, sondern auch mit dem Glauben erfüllte, daß alle Gründe für das Gelingen des Versuches sprächen. Er führte aus, was das Gelingen des Versuches für die Wissenschaft, für die Soziologie, für die Kolonisation Palästinas vom nationalen und vom finanziellen Standpunkt aus bedeuten würde. Und dann legte er den Weg dar, der zur „Siedlungsgenossenschaft“ führe, er besprach die Art, wie der Nationalfonds sich, also dem jüdischen Volke,das unveräußerliche Eigentumsrecht auf den Grund und Boden Vorbehalte und nur Erbpächter zulasse. Die „Genossenschaft“ wird der Arbeiterschaft den Weg bahnen helfen, an dessen Ende jene ideale, von den Härten des Privateigentums an Boden befreite Siedlungsgenossenschaft steht. Die Bodenverhältnisse und das Arbeitermaterial sind vielversprechend. Daher darf man denn doch wohl auf das Gelingen rechnen; gelungen aber ist der Versuch nicht mit der Ansiedlung und landwirtschaftlichen Durchbildung von 30 oder 40 Arbeitern, sondern wenn der Beweis erbracht wird, daß gute Verzinsung und Amortisierung des investierten Kapitals sicher sind. Als Redner in kräftigen Worten um materielle Unterstützung gebeten hatte, antwortete ihm der begeisterte Beifall der großartigen Versammlung. Das materielle Ergebnis in Prag entspricht den Erwartungen. Viele hundert Kronen wurden in kleinen Beträgen an Ort und Stelle gesammelt. An die Spitze der größeren Sammlung haben sich zwei Prager Finanziers mit je 1000 K gestellt. Es war eine erfolgreiche Veranstaltung. Sozialismus und Antisemitismus. Der Standpunkt der Sozialdemokratie in der Judenfrage ist ein so verlogener, daß man es nur begrüßen kann, wenn einer ihrer Führer sich einmal offen darüber äußert. Dies tut, natürlich nur gezwungen durch eine Polemik, Otto Bauer im letzten Hefte des „Kampf“. Bekanntlich hat Bauer sich in seinem Werke über die Nationalitätenfrage um den Judenpunkt geschickt herum gedrückt, indem er es als eine noch unentschiedene Frage erklärte, ob die Juden eine Nation seien oder nicht. Im neuesten Hefte des „Kampf“ äußert sich nun Bauer unter obigem Titel über Antisemitismus und jüdischen Nationalismus in bemerkenswerter Weise. Er schreibt: „In West- und Mitteleuropa sind die Juden in der Kapitalistenklasse sehr stark vertreten. Sehr oft steht hier dem arischen Arbeiter der jüdische Fabrikant, dem arischen Handwerker der jüdische Zwischenhändler, dem arischen Bauern der jüdische Wucherer gegenüber. Die Sozialdemokratie hatte hier nicht die Aufgabe, das jüdische Kapital gegen seineGegnerzu beschützen, sondern nur die, die Massen zu lehren, daß das jüdische Kapital bekämpft werden muß, nicht weil es jüdisch, sondern weil es Kapital ist.. . . Eine „Judenschutztruppe“ ist die Sozialdemokratie nie gewesen.“ Man sieht, wie höchst einfach und klar, die ganze Frage sich für den Sozialisten und Juden Bauer darstellt. Zuerst skizziert man die Juden als Kapitalisten, genau im Sinne des Antisemitismus und vergißt dabei völlig, daß es selbst hier im Westen ein enormes jüdisches Arbeits- und Intelligenz-Proletariat gibt, jüdische Handwerker etc. (In Wien werden 70 Prozent der verstorbenen Juden auf Gemeindekosten beerdigt) und andererseits, daß der Antisemitismus sich nicht in einer rein wirtschaftlichen Bewegung erschöpft. Ist es denn z. B. mit der sozialistischen Forderung nach gleichem Recht, wenn kein Jude mehr eine öffentliche Anstellung erhält? Wann und wo haben die Sozialisten ihre Pflicht getan und sind dagegen aufgetreten! Was ists mit der Affaire Hilsner? Wo blieben die tapferen Kämpfer für Recht'und Gerechtigkeit aus der

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