Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 45 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 45 Sozialdemokratie in diesem Falle furchtbaren Justizmords? Hören wir weiter: „Anders in Osteuropa. Dort lebt ein zahlreiches Proletariat und ein jüdisches Kleinbürgertum, das sehr schnell proletarisiert wird. Die jüdische Volksmasse hat dort noch ihre eigene Sprache und eigene Sitten. Dadurch wird die Vereinigung der jüdischen Proletarier mit ihren slawischen Klassengenossen zum gemeinsamen Klassenkampf sehr erschwert Der Antisemitismus wirkt dort als Nationalismus, der die Arbeiter spaltet. . . Deshalb muß der Antisemitismus, der die jüdischen Proletarier abstoßt, ebenso bekämpft werden, wie der jüdische Nationalismus, der sie von ihren slawischen Brüdern trennen will.“ Es ist furchtbar traurig, zu sehen, wie selbst der gebildetste und fähigste Theoretiker der Sozialdemokratie in jüdischen Fragen den Verstand verliert, weil er selbst Jude und daher zur wissenschaftlichen Objektivität in diesen Dingen nicht fähig ist Man traut seinen Augen nicht! Wenn die Ostjuden, von denen Bauer selbst zugibt, daß sie alle von ihm in seinem Buche aufgestellten Merkmale einer Nation, „Natur-und Kulturgemeinschaft“ besitzen, sich national organisieren, dann ist dies eine Spaltung der Partei! Das schreibt der Theoretiker der nationalen Autonomie, der Instruktor der österreichischen Sozialdemokratie, welche einen Verband gleichberechtigter, nationaler Organisationen darstellt! Nach dem großen Soziologen Bauer ist ferner nicht der Umstand, daß die Juden eine Nation sind, was er indirekt zugibt, die Ursache ihres nationalen Zusammenschlusses, sondern der Antisemitismus der Polen. Aber selbst wenn man zugeben wollte, daß dieser Unsinn Wahrheit wäre, so ist es doch evident, daß der gerecht derkende Sozialdemokrat dann nicht den jüdischen Nationalismus bekämpfen dürfte, der sich in diesem Lichte als eine Abwehrorganisation Unterdrückter darstellen würde. Der Grund,warum Herrn Bauerdie Besinnung verließ und den Verlust seines guten wissenschaftlichen Rufes riskiert, ist aus seiner kurzen Notiz mit Deutlichkeit ersehen. Ein polnisch-antisemitischer Sozialist, Herr Niemojevski in Warschau, hat nämlich auf ihn und Dr. Adler hingewiesen, als Beweise für die Verjudung der Sozialdemokratie. Damit hat er Herrn Bauer aus der klugen Reserve, in welcher sich dieser bezüglich der Judenfrage bisher gehalten hat, herausgelockt und dazu aufgereizt, die Wege der Herren Austerlitz, Ellenbogen, Ingwer, Diamand etc. zu gehen. Aber bei Bauer, liegt der Fall noch ganz anders. Sind jene rotangestrichenen Juden so verbohrt, daß sie ihre Assimilantentheorien selber glauben, so kennt Bauer ganz genau die Probleme, um die es sich handelt, und weiß sehr gut, daß das, was er da über „Sozialismus und Antisemitismus“ sagt, leere Spiegelfechterei ist. Aber gerade weil er geistig über den andern sozialistischen Assimilanten steht, fühlt er wahrscheinlich deutlich, daß auch in seiner Partei die Stunde der Auseinandersetzung mit diesen naht, und die Angst, die ihn darob faßt, bringt all seine Logik zum Schweigen. Seine Rabulistik wird ihm aber wenig helfen. Die Sozialdemokratie Oesterreichs wird in sehr kurzer Zeit, wie schon diese Auseinandersetzung zwischen Niemojewski und Bauer beweist, in ihren eigenen Reihen Klarheit über den Judenpunkt schaffen müssen. Und da gibt es nur eine Lösung: Die Anerkennung der Jüdischnationalen Organisation als vollberechtigtes nationales Glied der Partei und Einschluß aller Juden, auch der im Westen, in diese Organisation. Zu einer Option für die Herren Austerlitz und Bauer, ob sie Juden oder Deutsche sein wollen, wird es nicht kommen. Dafür wird schon der bewährte Antisemitismus der arischen Genossen sorgen. Aus dem jüdischen Leben. Ein Schritt zur Demokratisierung der jüdischen Gemeinde — in Petersburg. Den Bemühungen der nationaldemokratischen Kreise der Petersburger jüdischen Gemeinde ist es endlich gelungen, eine Verfügung des Petersburger St2dthaüplmannes zu erwirken, wonach das Steuermin:- nium, welches das Stimmrecht in Gemeindeangelegenheiten verleiht, von 25 auf 3 Rubel jährlich herabgesetzt wird. — Wann werden die Leuchten des Fortschrittes und Freisinnes, deren Herrschaft die Wiener Kultusgemeinde ausgeliefert ist, sich zur Gewährung eines ermäßigten Wahlzensus herbeilassen, welcher sogar dem reaktionä-; ren Tschin ungefährlich erscheint? Dr. Stern, der sich so zähe an den 20 K-Zensus klammert, möge doch beim Stadthauptmann von Petersburg Unterricht im Freisinn nehmen! Die Juden in Persien. Die Zahl der Juden sowohl wie ihr wirtschaftlicher Einfluß in Persien wird gewöhnlich unterschätzt. Man darf in ganz Persien wohl 40.000 bis 50.000 zählen. Am dichtesten sitzen sie in Hamadan und Umgegend (Turkistan, Nähawand, Burdjerd), wo sie auf 12.000 bis 15.000 zu beziffern sind. Vielleicht waren Israeliten schon vor der Diaspora, wie in Mesopotamien so auch in Hamadan, dem alten medischen und persischen Herrschersitz, ansässig. Hier in Hamadan ist es der Handelsweg nach Bagdad, der ihnen eine Entfaltung ihrer wirtschaftlichen Fähigkeiten und einen finanziellen Rückhalt bei allen Unternehmungen an der Judenschaft Bagdads sichert. Erklecklich ist auch ihre Stärke in Teheran (5C00). An diesen Plätzen wie auch in Schiras (rund 1000) sind die ärmeren Klassen in der Ueberzahl, doch beginnt Wohlhabenheit und europäische Bildung, namentlich infolge der kulturellen Arbeit der Alliance Israelite Universelle, sich zu Verbreiten, die Schulen in Teheran (seit 1898), Hamadan und in drei Hamadan benachbarten kleinen Städten, in Schiras, Ispahan und Jasd, eingerichtet hat. Als arm wird die numerisch nicht unbedeutende Gemeinde von Ispahan (5000) geschildert. In tiefer Dürftigkeit und in der Stellung von Parias leben die Juden des südöstlichen Persiens in Jasd (etwa 1000) und Kerman (an 200). Hier sind sie noch gezwungen, ihre Nieddrigkeit durch auf die Brust geheftete rote Stoffstücke zur Schau zu tragen; auch wohnen sie in den Quartieren der Parssi, denen der Perser als Bekenner der Lehre Zarathustras gleiche Verachtung zuteilt. Die größte Gemeinde Aserbeidschans befindet sich in Urmia (350 Familien); auch Uschnu, auf der Straße Urmia-Rowandus-Mossul gelegen, zählt eine ansehnliche Gemeinde. Bezeichnend ist, daß sie, die zur Unterwürfigkeit wie Geschicklichkeit sich auszeichnen, in kleiner Zahl, und zwar als Händler unter den kurdischen und lurischen Stämmen des westlichen Persiens wohnen. Am stärksten vertreten sind sie im Bezirk von Soldus, westlich von Urmia, unter dem Stamme der Karapapaks. Im Gebiet von Salmaß bewohnen ihrer 500 bis 600 die Ortschaft Kun-e-scher. Im östlichen Teil der Provinz Aserbeidschan ist der Jude sehr selten anzutreffen. Der Grund liegt in den Judenverfolgungen im 17. und 18. Jahrhundert in Täbris, welche die unter den unduldsamen toleranten Mongolensultanen dort blühende jüdische Kolonie vernichteten. Ein Teil der Juden von Täbris trat zum Islam über, ein anderer Teil flüchtete zu den kurdischen Stämmen, die westlich des Urmiasees die Grenzgebirge beherrschen, wo sie mit Glaubensgenossen zusammentrafen, die, den Handelswegen vonMossul und Bagdad aus folgend, hier sich vereinzelt niedergelassen hatten. Der Besuch des Kakeme, des wandernden Rabbiners, der einmal jährlich schlichtend und mahnend in jede Familie tritt und eine kleine Abgabe für sich einzieht, verknüpft diese verstreuten Israeliten mit der übrigen Judenschaft. Da die Juden des nordwestlichen Persiens einen mit hebräischen Worten untermischten Dialekt sprechen, treten sie mit den dortigen, das syrische Arabisch pflegenden orientalischen Christen mit Leichtigkeit in wirtschaftlichen Verkehr. V ereinsu .V ersamtnlungs- Nachrichten. Wien. (Ness Zionah.) Diese Vereinigung veranstaltet Sonntag, den 26. November a. c., halb 9 Uhr abends, in den Kristallsälen, I., Aspemplatz (Eingang Reischachstraße), eine Akademie mit nachfolgendem Tanze, deren Rcinerträgnis der SiedlungsgenossenschaftinPalästina gewidmet ist. Karten (Regiebeitrag 70 Heller) sind im Klublokal, Cafe Mocca, 1., Scholtenring 12, Cafe Gartenbau, I., Parkring 10 und bei allen Komiteemitgliedern zu haben. — Dienstag, den 15. Novembei a. c. (Feiertag), findet um 4 Uhr nachmittags eine Komiteesitzung im Cafd Gartenbau (Souterrain) statt, zu der Herren und Damen herzlich willkommen sind (Unterhaltung mit Tanz). Anmeldungen des Beitrittes zum Komitee werden gerne entgegengenommen. — An diesem Abend entfällt der Vortrag im Klublokal. Wien. Jüdischer Hand Tun gsgehilfen-Verband (Achwah), Wien II." Taborstr. 20. Mittwoch, den 16. d. M, findet im Vereinsheim ein Vortrag des Herrn Bernhard Tag statt. Thema: Grundlagen und Formen nationaler Arbeit. Beginn 8 Uhr abends. Gäste herzlich willkommen. - Sonntag, den 13. d. M., halb 3 Uhr nachmittags, Versammlung der Frauensektion. Referentinnen Frl. Maier und Frl. Herz. Gäste willkommen. — Unterrichtskurse in Böhmisch, Englisch und Hebräisch sowie ein geschlossener Tanzkurs für Mitglieder unseres Vereines beginnen nächste Woche. Anmeldungen werden noch täglich abends von 8 bis halb 10 Uhr im Vereinslokale entgegengenommen. Wien. (Zionistischer Mädchenverein „Moriah“.) Montag, den 14. d. M. findet im Kongreßbureau, Türkenstraße 9, der III. Vortrag des Zyklus „Geschichte des Zionismus“, u. zw. „Zionismus nach Herzl“ statt. Gäste, Damen, herzlichst willkommen. Sonntag, den 20. d. M., um 5 Uhr nachmittags veranstaltet die „Moriah“ im Kongreßbureau einen Vortragsnachmiltag. Gäste herzlichst willkommen. Regiebeitrag 30 h. Wien. („Hasomir“, Verein zur Förderung jüdischer Literatur und Kunst.) Die nächste Gesangsprobe findet Dienstag, den 15. d. M., um 7*8 Uhr abends im Cafe „Dohan“, II. Untere Augartenstraße 26, statt. |ene Damen und Herren, die der Gesangssektion beitreten wollen, werden zu dieser Probe höflichst eingeladen. Samstag, den 12. d. findet im Cafe „Mocca“, I. Schottenring 12, ein Vortrag über Jakob Gordins Drama „Gott, Mensch und Teufe 1“ statt. Referent: Herr J. A. Loubetzky. Beginn 8 Uhr abends. Gäste herzlichst willkommen. Montag, den 21. d. M. veranstaltet der Verein „Hasomir“ im „Jüdischen Theater“, ll. Taborstraße 12, eine Theatervorstellung. Zur Aufführung gelangt „M u s c h i a c h s Zeiten“ von Schalom Asch. Karten ä 4 K, 3 K, 2 K und 1 K sind zu haben: Bei allen Mitgliedern des Ausschuß und an der Kassa. Brünn. Dienstag, den 18. Oktober fand die ordentliche Generalversammlung der jüdisch-akademischen Lese- und Redehalle statt. Der Präses, Bb. Rudolf Brammer, erstattete den Tätigkeitsbericht über das abgelaufene Vereinsjahr: Das Jahr 1909/10 kann als eines der arbeitsreichsten aber auch erfolgreichsten angesehen werden. Der XV. semest. Bestand der Halle wurde durch einen Stiftungskommers bei dem Herr Dr. N. Birnbaum die Festrede hielt, würdevoll begangen. Im Sommersemester fand eine überaus gelungene Irene Triesch- Bibelvorlesung statt, von der mit Recht behauptet werden kann, daß sie ganz Brünn bei sich sah. Durch Diskussionsabende und interne Veranstaltungen suchten wir unsere jüdisch-nationale Idee zu verbreiten und zu festigen. Am Todestage Doktor Theodor Herzls fand eine schön verlaufene Gedenkfeier statt. Nach Erstattung des Tätigkeitsberichtes wurde dem abtretenden Ausschüße das Absolutorium zuteil und der Dank der Generalversammlung ausgesprochen. Die Neuwahlen hatten folgendes Ergebnis: Präses: cand. ehern. Jacques Spitzer, Vizepräses: cand. ehern. Rudolf Brammer, Schriftführer: chem. Richard Barn, Kassier: ing. M.Tepler, Bibliothekar: chem. Nathan David, Zeitungswart: ing. Wilhelm Spindler. Brünn. (|üd. akad. Verbindung „Veritas“.) Die Chargenwahlen für das Wintersemester 1910111 hatten folgendes Resultat: chem. Albin Goldschmied X. cand. ing. Heinrich Windreich XX, F X, chem. Leopold Feiner XXX- Eger. In der am 11. September 1910 stattgefundenen Generalversammlung des Vereines „Ahavath Zion“ wurde folgende Neuwahl vorgenommen: Herr Sigmund Pergamenter, Obmann, Herr Robert Kohn, Stellvertreter, Herr Emanuel Löbl, Schriftführer, Herr Ph. Dr. Fr. Weiß, Bibliothekar, Herr Ferdinand Koretz, Kassier und die Herren Josef Löwy, Ph. Dr. Spitzer, Arthur Herrmann, Beisitzer. Graz. (Verein „Zion“) Vergangenen Samstag sprach in den Räumen des Kaufmannshauses der Obmann des Vereines Herr Julius Grüner vor einem zahlreichen Publikum über „die Siedelungsgenossenschaft“ nach Dr. Franz Oppenheimer. Die recht interessanten, fesselnden Ausführungen des Vortragenden fanden den lebhaften Beifall der Anwesenden. Für die Siedlungsgenossenschaft wurden größere Beträge gezeichnet. Es wurde durch diesen Vortrag die Idee der Siedlungsgenossenschait in die weiteren Kreise der Grazer jüdischen Bevölkerung getragen und ist zu hoffen, daß der Erfolg unserer Propagandaarbeit nicht ausbleiben wird. Krakau. „Przedswit-Haschachar“, Verbindung jüd. Hochschüler. Die Chargenwahlen für das Jahr 1910/10 ergaben folgendes Resultat: stud. iur. Ignatz Schwarzbart, Präses, Isidor Broder, Vizepräses, stud. iur. Maks Timberg, Sekretär, stud. iur. Hirsch Saizmann, Schatzmeister, stud. iur. Mendel Dunkelblum, Bibliothekar. Lemberg.. (Verein Makkabäa.) Ergebis der Chargenwahlen pro III. Wintersemester 1910/11: J. U. C. Chaim Burstin X, J- U. C. Phöbus Rubinfeld XX. stud. med. Arnold Schwarz XXX- Prag. Am 22. Oktober I. J. fand die XXXVI. Generalversammlung des „Vereines jüd. Hochschüler Far-Kochba in Prag“ statt, in welcher der ab-