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Jüdische Zeitung · 1910-11-11 · 45 (11.11.1910) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
45 (11.11.1910)
Date
1910-11-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Dort ist es nur gegen die Klerikalen gegangen, das Deutschtum haben sie diesmal nicht retten zu müssen geglaubt. Die Andersnationalen sind von den tapferen Studenten in Ruhe gelassen worden. Sind doch die Nichtdeutschen in der überwiegenden Majorität und da haben sie sich wohlweislich nur ihrer „freiheitlichen“ Gesinnung erinnert. Tapfer sind sie ja nur, wenn sie zehn gegen einen stehen! Ein hervorragendes Zeichen freisinniger Gesinnung andersgesinnten Studenten die Köpfe einzuschlagen und Automobile zu zertrümmern. Der Rektor der tierärztlichen Hochschule hat die Büberei der deutschnationalen Raufbolde mit einem allgemeinen Farbenverbot beantwortet. Mit welchem Recht werden z. B. unsere jüdischen Verbindungen, die ja von diesem Verbote mitbetroffen sind, bestraft, weshalb müssen sie für die Betätigung freiheitlicher Gesinnung durch die Rauf- und Saufbrüder büßen? ' * Jüdische Industrielle. Hei, wie freut sich Rothschild und G u t m a n n, daß ihr Beamter der Zentraldirektor von Witkowitz Ingenieur Ernst Schuster zum Ehrendoktor der technischen Wissenschaften an der Wiener Technik promoviert wurde. Wie haben sie sich selbst zufrieden die Hände gerieben und einander „begratuliert“. Sie haben auch alle Ursache dazu. Ist doch der neugeborene Ehrendoktor ein treuer Diener seiner Herren. Er stellt prinzipiell in Witkowitz keinen jüdischen Beamten an und die Herren Chefs ver- ' drehen, wenn sie deswegen interpelliert werden, scheinheilig und tiefunglücklich die Augen: Wir können es nicht ändern, unsere Beamten sind Antisemiten und wehren sich gegen die Juden. * Ein Sechserl für Karl Kraus. Es war in den Anfängen des HerzPschen Zionismus knapp nach dem Erscheinen des Judenstaates. Da bot der Fackel-Kraus für eine Krone „Eine Krone für Zion“, die perfideste Schmähschrift gegen den Zionismus. Konnte doch der „hervorragendste deutsche Schriftsteller“ Herzl es nicht verzeihen, daß nicht er, sondern Herzl Feuilletonist und Redakteur der „Neuen Freien Presse“ geworden war. Jetzt hat Fritz Wittels, der eine zeitlang der treueste und auch der beste Mitarbeiter der Fackel war, Abrechnung mit Karl Kraus gehalten und durch sein neuestes Buch Ezechiel der Zugereiste auch weiteren Kreisen über Karl Kraus und seine Getreuen die Augen geöffnet. Benjamin Eckelhaft, der Herausgeber der Zeitschrift das Riesenmaul, so wird Karl Kraus im Wittels’schen Buche genannt. Kraus hat sich in seiner Ehre verletzt gefühlt und hat — mutig wie er ist — durch Strohmänner das Buch gerichtlich beschlagnehmen lassen wollen. Es hat ihm nichts genützt. Das Buch wird in Wien überall gelesen und Karl Kraus ausgelacht. Wer bietet noch ein Sechserl für Karl Kraus? Wir wußten, daß Fritz Wittels, der Vorjahren die glänzende Broschüre „Der Tauf jude“ geschrieben hat, nicht lange zur Fackelgarde gehören werde. * DieObjektivität des „wissenschaftlichen“ Sozialismus hört selbst bei den gebildetsten Theoretikern der Partei sofort auf, wenn es sich um Juden handelt. Der geistvolle Renner wetteifert im Antisemitein mit dem Mechaniker Schneider, sein geistiger Zwillingsbruder Bauer leistet sich im „Kampf“ entsetzliche Verdrehungen, wie die, daß der Antisemitismus daran schuld sei, daß sich die jüdischen Sozialisten Rußlands national organisieren, und nun kommt auch die Leuchte der österreichischen Sozialisten auf philosophischreligiösem Gebiet, Karl Leuthner daher, und leistet sich eine ganz erbärmliche Kritik Adolf Fischhofs. ln dem sozialistisch-antisemitischen Organ, „Arbeiterzeitung“ vom 8. d. M. bespricht er das Buch Rudolf Charmatz, über Fischhof, dessen Bedeutung nach Leuthner auf dem Zufall beruht, daß er der erste war, der sich anno 1848 zu reden getraute. Er nennt Fischhof „mittelmäßig“, und immer in zweiter Reihe stehend. Seine beispiellose Kühnheit, die Leutner nicht ableugnen kann, sei eigentlich wieder seine sanfte Natur gewesen usf. Das Köstlichste aber ist, daß Leuthner die politischen Theorien Fischhofs Phantasiekonstruktionen nennt, die innerlich hohl wären, indes bekanntlich Fischhof der erste Verfechter des Gedankens der nationalen Autonomie war, ein Postulat, daß 30 Jahre später von den Sozialisten als der Weisheit letzter Schluß und als eigene Erfindung gepriesen würde: Dieser Gedanke allein würde Fischhofs Namen in der österreichischen Geschichte einen ersten Platz sichern, ob es Herrn Leuthner recht ist oder nicht. Aber freilich, seitdem die Sozialdemokraten die Idee der nationalen Automie schmählich verraten haben, ziemt es sich; daß sie auf deren Vater verächtlich herabschauen. * Ein entsetzliches Unglück ist geschehen. Die Freie Schule muß, den bestehenden Gesetzen entsprechend, ihren Schülern auch Religionsunterricht geben. Wen trifft das am meisten? Natürlich die Juden. Denn ihnen werden im Religionsunterricht starre Dogmen gelehrt, die sie glauben müssen. IhreJ Rabbiner sind Finsterlinge, welche die Universitäten erobern und der Wissenschaft das Licht ausblasen wollen und die jüdischen Oberpriester sind Fanatiker des Wunder- und Religionsglaubens. Daher hüllt sich auch der noch immer mosaische Dr. Ofner in Sack und Asche und klagt in der „Arbeiterzeitung“ sein Herzeleid: Die Kirche will auch den privaten Religionsunterricht beherrschen! Wir fragen: Was geht das den Juden Ofner an? Haben sich die Juden noch immer nicht genug die Finger verbrannt mit dem Geschrei über den Klerikalismus, der eine Sache ist, die sich vor allem die-.Christen unter einander ausmachen müssen? Weiß Herr Dr. Ofner noch immer nicht, daß das Vordrängen der Juden im Kampf gegen den Klerikalismus diesem natürlich nur nützt und nebstbei Antisemitismus erzeugt, Dr. Ofner weiß das noch immer nicht und wird es nicht lernen. Er wird immer wieder ausreiten wie Don Quixote und blau geschlagen zuzückkehren, auch seinem Schildknappen wirds ähnlich gehen und, das ist das Traurige an der Sache, das Judentum kriegt dabei auch etwas ab. Denn dieses muß das Bad ausgießen für die aller Realpolitik und Vernunft abholden Kampfestaten der freiheitlichsozialen Gesellschaft! Die Allpolen gegen die Juden. Es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß zu derselben Zeit, da die galizischen Juden von den Polen bei der Landtagswahlreform übergangen werden, die polnischen Politiker Russisch-Polens gar den Versuch machen, den Juden die politischen Rechte ganz zu nehmen. Wie derWarschauer „Freund“ meldet, haben die allpolnischen Politiker am 28. Oktober mit 34 gegen 17 Stimmen den Beschluß gefaßt, die polnischen Dumaabgeordneten aufzufordern, daß sie für die Begrenzung der jüdischen Rechte bei der städtischen Selbstverwaltung stimmen sollen. Dieser antisemitische Antrag hat in Rußland ungeheures Aufsehen erregt. Die Polen werden in den russischen Zeitungen heftig angegriffen. So schreibt der „Rjetsch“, das Organ der Kadetten: „Die Polen haben mit diesem Beschluß die nationale Unterdrückung auf ihre Fahne geschrieben. Sie haben damit nicht nur ihre Zustimmung zur Begrenzung der jüdischen Rechte in Polen, sondern auch zur Begrenzung der polnischen Rechte in Rußland gegeben. Den Juden in Russisch-Polen wird dieser antisemitische Antrag wenig schaden, aber die Polen werden diesen Verrat bitter büßen. Die Reaktionäre in Rußland werden nunmehr wissen, wie sie die Proteste der Polen gegen nationale Unterdrückung aufzufassen haben. Das Verhalten der Polen war bisher so, daß weder das oppositionelle, noch das offizielle Rußland zu ihnen Vertrauen faßte, aber dieser Streich zeigt, was sie imstande sind.“ Die Juden Russisch-Polens und Galiziens wissen nun, was sie von den Polen zu erwarten haben. Die Allpolen beider Länder haben einen Führer und ein Programm. Seit langer Zeit wird die Bevölkerung in Russisch-Polen gegen die Juden aufgehetzt. Man mißtraut den Juden und sucht sie der politischen Rechte zu berauben. Die polnischen Blätter billigen den Beschluß der Allpolen. Das Lemberger „Slowo Polskie“ gibt sogar den Juden den Rat, sich ruhig zu verhalten und die polnischen Parteien nicht zu provozieren. Zwar geben sich einige polnische Blätter redlich Mühe, die wahre Sachlage zu bemänteln, indem sie darauf hinweisen, daß von offizieller Seite noch Nr. 45 nichts Bestimmtes verläütbart würde', die aufgetauchteri Gerüchte vielmehr suBjektive Meinungsäußerungen einzelner Vertreter der, Partei sind. Wir wollen uns aber keiner Täuschung hingeben, Wenn auch die ällpölriischen Abgeordneten nach den Protesten der liberalen russischen Presse es nicht wagen dürften, öffentlich . in der Duma gegen die Juden aufzutreten, so wird sie der Beschluß bestimmen, der russischen Regierung stillschweigend Helfersdienste zu. leisten. Was sagen aber die Herren Gold, Löwenstein und Gail dazu, nachdem die Allpolen ihre wahren Absichten gezeigt haben?! Wenn sie auch sonst freiwillig oder unfreiwillig ihren Parteigenossen beistimmen müssen, so sollte man meinen, daß der diesmalige grobe Vorstoß sie zur Besinnung bringen könnte. Zur galizischen Landtagswahlreform. Das Kompromiß zwischen Polen und Ruthenen, das nun ganz gefestigt schien, ist plötzlich gescheitert und die Ruthenen haben wieder mit der Obstruktion begonnen. Die Ruthenen sollten 44 Mandate erhalten, also 14 mehr als vor einigen Tagen. Zur Aenderung dieser neuen Wahlreform sollten 150 Abgeordnete anwesend sein und zweidrittel der Anwesenden mußten für die Durchführung der Aenderung stimmen. In vielen galizischen Städten fanden in den letzten Tagen jüdische Versammlungen statt, in denen zur Landtagswahlreforin Stellung genommen und die Forderung aufgestellt wurde, für die Juden eine spezielle „jüdische Kurie“ zu schaffen. Mit scharfen Worten wendeten sich die Redner gegen die jüdischen Landtagsabgeordneten, welche in den Wahlreformdebatten sich teilnahmslos verhielten. Der Landmarschall und die jüdischen Landtagsabgeordneten wurden telegraphisch äufgefordert, den Juden in der neuen Wahlreform' eine entsprechende Anzahl von Mandaten zu sichern. Zionistischer Distriktstag für Böhmen. (Originalbericht der „Jüdischen Zeitung“.) Prag, 7. November. Sonntag, den 6. November, tagte im Festsaal des Jüdischen Rathauses der ordentliche Distriktstag der böhmischen Organisation, an welchem 42 Delegierte teilnahmen. Die Erörterung schwieriger Verhältnisse, großer Aufgaben stand auf der Tagesordnung. Der Präsident Dr. Emil M a r g u 1 i e s eröffnete die Tagung mit einem warmen Nachruf für die Gesinnungsgenossen, deren Verlust im heurigen Jahr die böhmische Organisation in Trauer versetzt hat. Die Herren Dr. H Rappaport, Obmann des Trautenauer Volksvereins, Mitglied des westösterreichischer. Z.-K.; Siegmund Bergmann, Stefan Oesterreicher, Oberoffizial Singer, Prag; Adolf Löbl, Bodenbach; Siegmund Bloch, Sobotten; Dubsky und Löwy, Komotau; Großgrundbesitzer Mandelik, Radbor; Namen, deren Träger, zum Teil über die engeren Freundes- und Parteikreise hinaus, sich das Vertrauen, die Achtung und die Verehrung der Partei erworben hatten. Nach dem Nachrufe, den die Delegierten stehend angehört, wählte man zum Vorsitzenden Ernst Bechert (Teplitz), zum Stellvertreter Max Soudek (Kolin), zu Schriftführern Otto Stern und Antonin Kraus. Der Vorsitzende charakterisierte das Verhältnis der Bewegung zu unserer parteimäßigen Organisation. Wir sind stärker als es Zahlen ausdrücken. Die Erkenntnis von der Richtigkeit und Notwendigkeit des Zionismus wird immer tiefer. Palästina blüht auf, das Interesse für unser Land wird überall lebendig. Daß die hebräische Sprache lebt, das jüdische Volksbewußtsein kräftig wird, all das ermutigt uns zu froher Arbeit. Ein Brief des Präsidenten des Zentralkomitees gelangt zur Verlesung. Hierauf erstattet Dr. M arg u 1 i e s den Rechenschaftsbericht des Distriktskomitees. Es ist ein ausgezeichnetes Expose über die Fragen und Aufgaben der böhmischen Organisation. Es legt in ausführlichster, detaillierter und wieder großzügiger Weise dar, was getan wurde, was noch getan werden muß. Leider kann dieser Bericht, der mustergültig ist, nur kurz resümiert werden. Der Leitung ist es gelungen, ein auf Gruppenempfindungen zurückzuführendes Mißtrauen zu zerstören, Disharmonien zu tilgen und so eine Konsolidierung der Partei durchzuführen. Dazu kommt, daß wir den normalen zahlenmäßigen Stand behauptet haben, wenn auch das Schekelergebnis gegen das Kongreße jahr zurückgegangen ist. Die intensive Behandlung der Kongreßfragen hat die expansive Stimmung im

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