Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 45 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 ferenz für die gediegenen Ausführungen und erteilte dem Obmann des „Jüdischen Nationalvereines“, Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Jakob Ehrlich, das Wort, welcher im Namen der Wiener zionistischen Komitees und des Jüdischen Nationalvereines ungefähr Folgendes sagte: „Die Anerkennung der'jüdischen Nationalität an den Hochschulen ist nicht bloß ein Postulat der Ehre für die jüdischen Studenten, die Durchsetzung dieser Forderung ist überaus wichtig für die Weiterentwicklung des jüdischnationalen Gedankens im ganzen öffentlichen Leben. Wenn einmal eine Behörde vom hohen Ansehen des akademischen Senats der Wiener Universität den jüdischen Studenten rückhaltlos erklärt haben wird:;Es ist Euer unantastbares Recht, Euch offen zu jenem Volke zu bekennen, dem Ihr Eurer Abstammung nach angehöret, dem Ihr Eure Liebe und Begeisterung, Euere jugendliche Tatkralt geweiht habet,“ dann gibt es keinen Halt mehr auf dem eingeschlagenen Weg, dann ist eine gewaltige Bresche geschlagen in eine der stärksten Festungen der jüdischen Assimilation. Und wenn Ihr Euch am heutigen Abend dankbar des deutscbnationale.n Rektors, erinnert, dann ist es auch dringend notwendig, daß Ihr auch Euerer jüdischen Feinde gedenket. So oft wir auf dem eingeschlagenen Wege einen Schritt vorwärts kommen, ist es immer der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, der uns in den Rücken fällt. Als Ihr vor drei Jahren dem Unterrichtsminister ein Memorandum mit Eueren bekannten Forderungen überreichtet, hat Euch der Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde verleugnet, wie er schon das Anerbieten des MinisterpräsidentenTaafe, eine Lehrkanzel für jüdische Geschichte an der Wiener Universität zu errichten, mit Rücksicht auf seine deutsch liberalen Parteifreunde abgelehnt hat. Und als vor wenigen Monaten der Wahlreformsausschuß des Bukowinaer Landtags einstimmig den Juden der Bukowina ihr nationales Recht sicherstellen und eine gewährleistete Anzahl nationaljüdischer Landtagsmandate schaffen wollte, da hat sich der Vorstand der Kultusgemeinde einen würdigen Boten ausersehen, um dieses Werk der Freiheit zu verhindern: den Wotananbeter vom S a 1 z g r i e s, Herrn Hofrat Kuranda hat er gedungen, damit er auf den Hintertreppen des Ministers gegen den von den f ü n f Vo 1 k ss t äm m e n der Bukowina einmütig gefaßten Beschluß, gegen diesen Beschluß, der beim ganzen Judentum begeisterte Zustimmung fand, seinen Protest einlege. Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen kam Redner auf das Rektorsjahr des deutschnationalen Rektors Toldt und des getauften Juden Wiesner zu sprechen, erinnerte an das große Verständnis, das ersterer den Bestrebungen der jüdischen Studenten entgegengebracht habe und an die Mißgunst des letzteren. Es sei immer derselbe Typus, der den jüdischnationalen Studenten enlgegentrete; er sei auch in der Wiener Kultusgemeinde zu finden. — Der Redner schloß seine wiederholt von stürmischem Beifall unterbrochenen Ausführungen ungefähr mit folgendem Appell: Der Kampf um die Verwaltung der Kultusgemeinde hat wieder begonnen. Wir haben schon vor Wochen in der „Jüdischen Zeitung“ erklärt, daß wir ihn ruhig und würdig führen wollen. Die Antwort darauf hat Euch das Organ der Kultusgemeinde, die Oes t. Wochenschrift bereits erteilt. Sie hat den Wahlkampf damit eröffnet, daß sie Euch, jüdische Studenten, die Ihr mit glühender Begeisterung an dem Judentum hängt, die Ihr unser Stolz und unsere Zukunft seid, in unerhörter Weise beschimpft hat. Am Tag der Kultusgemeindewahlen sollt Ihr Zurückschlagen. Ist es Euch mit Eueren Bestrebungen um Durchsetzung unserer nationalen Rechte Ernst, dann helft uns, die Assimilation aus der Kultusgemeinde zu entfernen. Ist dieses Ziel erreicht, erst dann [ist Euer Weg frei! (Stürmischer Beifall.) Hierauf wurde eine Resolution einstimmig unter Beifall angenommen, in welcher dem Rektor der Dank und Zustimmung ausgesprochen wird. Es wird an den Rektor die Bitte gerichtet, die Gleichstellung der jüdischen Nation in der Studentenschaft mit den anderen Nationen tatkräftig zu fördern und sich dafür einzusetzen, daß an der Reichsuniversität der Sprache und Geschichte unserer Väter ein selbständiger Platz eingeräumt werde. Die Antwort des Rektors. Diese Resolution wurde tags darauf von einer Studentendeputation überreicht. Der Rektor, dem auch telegraphische Zustimmungskundgebungen vorgelegt wurden, nahm die Resolution mit Befriedigung entgegen und erklärte: „Ich fühle mich durch Ihre Kundgebung sehr geehrt und freue mich umsomehr darüber, weil ich wegen meiner Inaugurationsrede mannigfachen Angriffen ausgesetzt bin. Ich habe meinen in der Inaugurationsrede dargelegten Standpunkt schon vor einem andern Forum vertreten, als es sich um die Anerkennung der jüdischen Kurie für die Landesvertretung in der Bukowina und um die Entscheidung des Reichsgerichtes bezüglich der Geltung der jüdischen Sprache handelte. Ihre Forderung auf Errichtung einer selbständigen Lehrkanzel für jüdische Geschichte und hebräische Sprache werde ich nach Tunlichkeit vor dem akademischen Senat und den Unterrichtsbehörden unterstützen. In der sich ergebenden Diskussion bemerkte der Rektor, daß den Bestrebungen der Jüdischnationalen ein wichtiger Faktpr, die Wiener Tagespresse fehle. Auf den Einwand, daß diese Presse von Assimilationsjuden, den im Innersten getroffenen Feinden der jüdischen Moderne geleitet werde, erwiderte der Rektor, daß seiner Ansicht nach die nationale Bewegung unter den Juden eine evolutionäre sei und zeigte genaue Kenntnis der Ziele der zionistischen Bestrebungen. Bezüglich der Schaffung von jüdischen Kurien ironisieite der Rektor die Ansicht der Assimilanten, daß man die Juden dadurch in das Ghetto zurückführen wolle und wegen seines Verhaltens in dieser Frage halte man ihn für einen Antisemiten. Auf die Forderung der jüdischnationalen Studentenschaft nach Aufnahme ihres nationalen Bekenntnisses in die offizielle Statistik, erklärte er, daß er sich schon seinerzeit als Mitglied des akademischen Senates hiefür eingesetzt habe. Doch scheiterte es an dem Widerstande der Regierung. Der Rektor versprach schließlich auch, bezüglich anderer Angelegenheiten den jüdischen Studenten seine Unterstützung und verabschiedete die Deputation aufs freundlichste. Die Wiener Kultuswahl. Die Wahlen für den Vorstand der Wiener Kultusgemeinde finden Sonntag, den 27. November 1910 statt. Die Wahl beginnt um 9 Uhr morgens und wird um 2 Uhr beendet. Es kommen in der allgemeinen Kurie 11 Mandate zur Besetzung, und zwar: 8 Mandate mit sechs-jähriger Mandatsdauer a) für die Ende Dezember d. J. infolge Mandatsablauf aus dem Vorstande ausscheidenden Kultusvorsteher: Siegmund Kauders, Leopold Langer, Dr. Markus Spitzer; b) für die verstorbenen Herren Th. Ritter v. Goldschmidt, Emil Horner, Oskar Marmorek, Wilhelm Pollak, Wilhelm Stiaßny). 2 Mandate mit vier-jähriger Mandatsdauer a) für den wegen der berüchtigten Trauerkundgebung des Kultusvorstandes beim Tode Luegers ausgetretenen kais. Rat Leopold Sachs, b) für den verstorbenen Herrn Karl Seligmann. 1 Mandat mit zwei-jähriger Mandatsdauer für den ausgeschiedenen Herrn Dr. Alfred Berger, Wahllokale für die Wähler der Bezirke: Innere Stadt: I., Seitenstettengasse 4. Leopoldstadt (links der Taborstraße): Sektion Abis K, II., Leopoldsgasse 29, Sektion L bis Z, II. Malzgasse 16. Leopoldstadt (rechts der Taborstraße): Sektion A bis R, II., Tempelgasse 3, Sektion S bis Z, Ferdinandsstraße 23. Landstraße und Simmering: III., Untere Viaduktgasse 13. Wieden, Margarethen und Favoriten: V. Siebenbrunnengasse 1. Mariahilf und Neubau: VI., Schmalzhofgasse 3. losefstadt und Alsergrund: Sektion A bis K, IX., Müllnergasse 21, Sektion L bis Z, IX., Seegasse 9. Meidling, Hietzing, Rudolfsheim und Fünihaus: XV. , Turnergasse 22. Ottakring und Hernals: XVI. , Hubergasse 8. Währing und Döbling: XVIII., Schoppenhauerstraße 39. Brigittenau: Ii. Malzgasse 16. Floridsdorf: XXL, Holzmeistergasse 12. Achtung! Die Wiener Parteigenossen werden aufgefordert, unverzüglich mit der Agitation für die Kultuswahlen zu beginnen. Das Bureau des Kultuswahlkomitees befindet sich im zionistischen Zentralverein, IX. Türkenstraße 9, Telephon 14.199. Daselbst werden täglich von 9—12 und 2 7 Uhr alle Auskünfte erteilt. Gesinnungsgenossen, welche sich für die Wahlarbeiten zur Verfügung stellen wollen, werden gebeten, Namen und Adressen im Bureau an-ugeben. Spenden für den Wahlfonds nehmen entgegen: Der Kassier des Wahlkomitees Gg. J. H. Wahltuch, I. Maria Theresienstraße 24 und das Bankhaus J. u. A. Brecher, IX. Kolingasse 5. Kultuswählerversammlung. Mit einer imposanten Versammlung leiteten die Wiener Zionisten die diesjährige Kultuswahlkampagne ein. Die Versammlung, vom „Jüdischen Nationalverein“ einberufen, fand am Dienstag im Hotel Zentral unter starker Beteiligung zahlreicher Wähler unter Vorsitz des Gg. Dr. Emil Krasny statt. Es sprachen die Gg. Börsenrat Adolf Brecher, Adolf Bö hm, Dr. Paul We i ssen grün, Max Markus und Dr. S c h a 1 i t. Die Redner entwickelten unser Kultusgemeindeprogramm und kritisierten die faule Wirtschaft des derzeitigen Vorstandes. Besonders kraß sind die Uebelstände bei der Besteuerung, der Armenpflege, der Verwaltung der Institutionen, doch all dies wird durch das Wahlrecht für cen Kultusvorstand in den Schatten gestellt. Dieses Wahlrecht stelle wohl das reaktionärste Machwerk dar, wie es ärger heute selbst in vielen asiatischen Sta aten nicht zu finden sei. Von den ca. 25.000 Steuerzahlern das Steuer m i n imum beträgt schon ohnedies 20 K haben nur ca. 12.000 das Wahlrecht, weil nach einer von dem Kultusvorstand ausgeklügelten Bestimmung, nur diejenigen Steuerzahler das Wahlrecht Haben, welche die' Steuer bis zu einem bestimmten Termin entrichtet haben! Die Steuer wird den säumigen Zahlern nicht etwa geschenkt, sondern nach dem Termin unbarmherzig exekutiv eingetrieben. So werden die Steuerzahler um ihr Wahlrecht gebracht! Nach den Referenten sprachen die Herren Grünwald und Freuden Mit der Aufforderung zur intensivsten Wahlarbeit für unsere Kandidaten schloß der Vorsitzende die würdig verlaufene Versammlung. Reminiscenzeti. Die letzten Landtagswahlen, bei welchem ich auf Wunsch meiner Gesinnungsgenossen von demokratischer und jüdischnationaler Seite eine Kandidatur übernommen habe, hat wieder meinen verschiedenen guten Freunden Anlaß gegeben, ihr Gift gegen meine politische Vergangenheit auszuspritzen. Darüber kann ich mich nicht ärgern, sondern nur freuen. Unter andern tut sich natürlich die Oesterreichische Wochenschrift hervor, welche mich und meine Mitarbeiter durch jesuitische und erlogene Mitteilungen und Verdrehung der Tatsachen angreifen will. Es stünde uns natürlich gegenüber der falschen Behauptungen das Berichtigungsrecht zu. Es frägt sich nur, ub es der Mühe wert ist, seine Zeit damit zu verlieren und diesen Reptilium der verschiedenen Kultusvorstände die Ehre anzutun, seinem Geschreibsel irgendwelche Beachtung zu schenken. Das Hauptargument, welches die knechtisch gesinnten Juden und Christen immer gegen mich Vorbringen, besteht darin, daß sie behaupten, ich hätte den Antisemitismus gefördert. Und zwar hauptsächlich durch die Kirchenbauprozesse mit der Gemeinde Wien. Eine ähnliche Aeußerung hat beispielsweise der Gemeinderat Dr. Ritter v. Dorn in einer Wähterversammlung zu Gunsten des Herrn Dr. Mittler gemacht. Ich habe nun dieser Tage zufällig ein Kuvert in die Hand bekommen, in welchem sich Zuschriften befinden, welche mir anläßlich der Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes vom 8. März 1899 in der Kirchenbaufrage zugekommen sind. Es sind eine ganze Menge, ebensoviele von Christen als Juden und die erste die mir in die Hand fiel, war von Herrn Gemeinderat Doktor R. v. Dorn. Er schreibt: „Herzliche und erfreuliche Glückwünsche zu ihrem famosen Erfolge.“ Eine Karte schrieb Herr Ernst Neustadt): „Geehrter Herr Gemeinderat! Ich beglückwünsche Sie zu dem außerordentlichen Erfolge, der von weittragender Bedeutung ist. Man muß eben durch Energie und selbstbewußtes Vorgehen zeigen, daß es noch ein Recht gibt gegen Uebergriffe klerikaler Bestrebungen.“ Am meisten jedoch hat sich Herr Dr. Josef Bloch angestrengt, welcher zwei Tage später eine Depesche von nicht weniger als 60 Worten sandte. Dieselbe lautet: „Soeben von einer langen Reise zurückgekehrt, beeile mich, Ihnen zu dem großen Triumph Ihrer Energie und Ihres Mutes herzlichst zu gratulieren. Sie haben nicht bloß die Feinde gründlich geschlagen, sondern auch alle Schwachen und Lauen tief beschämt und bewiesen, was der Mut eines Einzelnen, wenn isoliert, zu leisten vermag. 10./3. 1899. Doktor Bloch, Oesterreichische Wochenschrift.“ Diese spontane Kundgebung ist umso höher anzuschlagen, als ich mit bestem Gewissen sagen kann, daß die Oesterreichische Wochenschrift von mir niemals irgendwelche materielle Zuwendung erhalten hat. Im Uebrigen glaube ich und viele, sehr ehrenwerte Leute mit mir, daß es ehrenvoller ist, von diesem Organ angegriffen, als gelobt zu werden. Lucian Brunner. Wochenrundschau. Deutscher Freisinn. Das deutsche Volk kann wahrlich auf seine Jugend stolz sein! Die Wotans-Jünger haben es wiederum für notwendig gehalten, ihren Freisinn zu betätigen. An der tierärztlichen Hochschule wollten sie es nicht dulden, daß die klerikalen Studenten mit Band und Kappe an der feierlichen Rektorsinauguration teilnehmen.