Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 45 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 ,-JÜDISCHE LEITUNG. Nr. 45 Lehre, daß.zionistische Korporationen ihre Weisungen ausschließlich von der eigenen Parteileitung zu empfangen gewillt sind. Uns Zionisten aber eine Gönnerschaft für die Apostaten zuzumuten, ist der Gipfel de'r Lächerlichkeit Waren doch wir es, die schon 1898 — beim ersten Eingreifen in die Wiener Kultuswahlbewegung — in unser Programm die Kardinalforderung nach Veröffentlichung der Apostasieen ^schrieben und diese-Forderung gegen den zähen Widerstand des Vorstandes schließlich durchsetzten. Wie wenig ernst es übrigens dem Vorstand- und seinem Bloch noch heute uni die Bekämpfung der Taufe zu tun ist, werden wir in dieser Kampagne zu erweisen noch Gelegenheit haben. So dunklen Ehrenmännern, konkludiert Bloch, wie es die Wiener Zionisten sind, welche Kultusmandate um jeden Preis ergattern wollen, dürfe man öhneweiters das Wort brechen — — —' Bloch hat schließlich noch die Stirne, unseren Präsident Dawid Wolffsohn als Gewährsmann gegen die Wiener Zionisten aufzurufen. Mit welcher, Wirkung zeigt die entrüstete Erklärung Wolffsohns, die wir vorstehend bringen.! Die Wiener Judenschaft ist, weiß Gott, arg zersplittert und zerrissen. Nur einen Punkt gibt es, worin erfreulicher Weise alle jüdischen Gruppen einig sind: nämlich' in der Einwertung der Person Bl ochs. Scheint er doch selbst überdrüssig geworden, länger eine Maske vorzunehmen. Als ihm ein Zionist ins Gewissen reden wollte, warum er denn jede Gewalttat des - Kultusvorstandes decke, meinte der Edle achselzuckend: „Das ist meine Parnosse!“ Dreimal wehe über eine Gemeinderepräsentanz, die sich eines solchen Sprachrohres bedient! Die Anerkennung der jüdischen Nationalität. Im großen Saale des Hotel Post versammelte sich Montag, den 7. November die Wiener jüdische Studentenschaft um zur Inaugurationsrede des Rektors der Wiener Universität Hofrat Bernatzik Stellung zu nehmen. Cand. med. Theodor Kohn („Unitas“) eröffnete die Versammlung und begrüßte die zahlreich erschienenen Korporationen, sowie den Referenten Abg. Prof. Dr. Mahler, den Obmann des „Jüdischen Nationalvereines“..Gg. Jakob Ehrlich, den Vertreter des D.-K. Gg. Dr. Löwy und Gg. Dr. Egon Zweig. Großen Beifall ernteten die eingelangten Begrüßungstelegramme aus dem ganzen Reiche, von welchen wir nur die der akademischen Ko porationen „Emunah“, „Hasmonea“, „Hebronia“, „Jüdakad. Kulturverein“, Czernowitz; Kartell jüd.-nat. Verbindungen, Prag; „Tikwa“, Suczawa; „Judea“, Budapest; „Zefirah“, Czernowitz; „Makkabea“, Budapest; „Charitas“, Graz; Lesehalle, Brünn; „Zion. Sportklub“, Budapest’erwähnen wollen. Sodann ergriff unter großem Beifalle R.-Abg. Prof. Mahler das Wort, welcher in einer großangelegten Rede die nationale Frage ‘ und die Bedeutung derselben für das Judentum erörterte, deren markantesten Stellen hier wiedergegeben seien:; Durch viele Jahrzehbfce ist in vielen*Versammlurigen^pezielttner immer vferkündet worden, wie der nationale Gedanke der große Fluch .für die Menschheit; sei. lEr sei 'es. der. die Menschheit wieder in die Barbarei; zufückführe-, von. dem die; Menschheit sozusagen? binaufstreben könne . zu .einem reinen Menschentum. Nur durch die ganze Loslösung von ihm 'kariür öer Mensch" rein werden. ' Es wird niemand leugneg .können, daß nationale Kämpfe und StreitigkeitjnTdhendlich viel Unglück und Unheil angerichtet haben. ■ Wir in Oesterreich sind Zeugen dafür, wie er zur Hemmung jeden Fortschrittes und jeder Kulturentwicklung. dient. Um den nationalen Gedanken richtig'' zu ■■'erfassen, muß lhan "sich darüber klar sein, daß Volkstum sowohl wie Nationalität im wesentlichen nur Ausgestaltungen und Weiterbildungen der Familie sind. Wenn wir die Volkswirtschaft studieren, die Geschichte vergangener Zeiten, darnach befragen, so stimmen beide darin überein. Die Bande, die sie zusammenhält, ist die Annahme einer gemeinsamen Abstammung von einem Urvater -und von einer Urmutter.- Der zweite Faktor ist die Kultur. Ein Element muß noch als etwas Wesenhaftes hinzutreten, es ist die gemeinsame große Geschichte. Nur wer neben der gemeinsamen Abstammung die gemeinsame Größe der. Vergangenheit empfindet, wird den Wert der Verwandtschaft zu schätzen verstehen. Wo gibt es ein Volk auf der Welt, welches mit größerem Stolz zu seinen ' Ahnenauf blicken kann als wir Juden. Das ist unser Adelsbrief, unsere Legitimation. So lange wir alle i uns eins fühlen mitunseren großen Ahnen von Moses angefangen bis zu jenen, die auf den spanischen Scheiterhaufen verbrannten, so lange wir darum beten, daß ein Fünkchen ihres Geistes in uns auflodern möge, so lange bleibt das jüdische Volk lebendig. Als zweites gehört dazu, um eine Kultur und ein Volk zu konstituieren, eine gemeinschaftliche große Literatur. Wenn diese die Liebe verkündet, wenn sie. den Einzelnen begleitet von der Wiege bis zum Grabe, wenn sie die Seele der Gemeinschaft geworden ist, dann ist ihre Trägerin ein Volk. Zu einem Volke gehört auch eine gemeinsame Spräche, in der die Literatur abgefaßt ist, und ist es gleichbedeutend, ob viele oder wenige diese •Sprache pflegen. Dies alles sind Elemente, die im wesentlichen die Vergangenheitsmomente dar-- stellen. Das einzige gemeinsame große gegenwärtige Interesse kann nur in der Erhaltung und Förderung des Volkes kulminieren. Der Rektor der Wiener Universität, ein Rechtslehrer, hat sich auch als Führer im Rechte erwiesen. Er hat gesagt, daß nur die Allgemeinheit bestehen können, wenn' einzelne Teile bestehen. Er hatuns verkündet, daß in Oesterreich mit seinen’ vieVen Völkern und Nationen, jede Gemeinschaft, die den Willen zum Volkstum hat,.auch die Möglichkeit haben muß, diesen Willen zum Ausdruck zu bringen. Was aus diesem Munde verkündet wurde, dieses Recht der Nationen auf Existenz, das Recht der Völker auf Selbstbestimmung hat uns die Zuversicht gegeben,- daß die Zeiten vorbei sind, da man glaubte, mit Polizeigewalt Nationen abschaffen zu können. .Das jüdische Volk hat bestanden, trotz aller Ministerien. Was wir dem Rektor sagen können, ist Dank. Es hat bei uns wiedergeklungen, wir geloben es, wir wollen mitarbeiten, daß es zur Wahrheit werde. Stürmischer Beifall folgte diesen Ausführungen. Der Vorsitzende dankte namens der Obmännerkon- Bloch hetzt. Unser Blatt hat kürzlich als Geleitwort für die Kultuswahl , betont, daß die Wiener Zionisten den ihnen aufgezwungenen Kampf ritterlich führen wollen and gleiche Ritterlichkeitvon den Gegnern erwarten. Die Antwort gibt uns nun das offiziöse Organ des Kultusvorstandes unmittelbar anschließend an die amtliche Wahlausschreibung in einer Notiz „Dunkle Ehrenmänner“, worin der Ehrensubventionist Blochgegen die Wiener zionistische Partei wahre Stinkbomben wirft Der Zweck ist klar. Die Zionisten sollen sich in den giftgetränkten Köder verbeißen und dann — nach alterprobtem Rezept — als Krakehler, als Friedensstörer ausgeschrien und dem ruhigen Wähler verekelt werden. Diesmal aber ist B1 o c h s Mache so plump, daß sie selbst vom ungeschultesten Auge durchschaut werden muß. Gelegentlich der letzten Landtagswahl in der Leopoldstadt hatte die „Jüdische Zeitung“ den Freiheitlichsozialen vorgehalten, daß sie bei der Reichsratsstichwahl 1907 aus Dank für die Unterstützung ihres Dr. Ofner durch die Zionisten uns Hilfe für die Kultuswahl 1908 versprochen haben, ohne aber dies Wort einzulösen. Hetzer Bloch macht aus dieser Notiz im Handumdrehen eine „Enthüllung“ gegen uns. Darnach sollen wir Zionisten der Ofner-Gruppe unsere Wahlhilfe gegen die Antisemiten unter der Bedingung der Gegenhilfe bei der Kultus wähl angeboten, also geradezu verkauft haben. Ist es wirklich erst nötig, auf diesen Anwurf zu erwidern? Wir Zionisten haben bei der Stichwahl 1907 selbstredend Herrn Dr. Ofner ebenso spontan und bedingungslos gewählt wie jüngst den Sozialisten Schuhmeier und ebenso spontan kam uns das Versprechen der Freiheitlichsozialen zu, die, ja damit als Anhänger demokratischer Reformen nur programmgemäß handelten. Nachdem Bloch sich durch solche Verdrehung eine Platform geschaffen, hetzt er flott weiter: Nun sei es kein Wunder, daß die Zionisten bei der letzten Gemeinderatswahl in der Inneren Stadt, weil ihnen hier keine Kultusmandate versprochen wurden, gegen, die zwei liberalen Mischemudimkandidaten nicht mittaten und daß zionistische Studentenvereine die erbetene Agitation verweigerten. Es ist notorisch, daß viele Zionisten damals eifrig gegen dieMischemudim agitiert und zu deren Niederlage redlich beigetragen haben. Die zionistische Partei aber hatte keinen Anlaß, sich für die Angreifer zu exponieren, welche ja nicht auf ein jüdisches, sondern auf ein deutsches Programm kandidierten. Sollte sich wirklich so ein deuischfortschrittlicher Wahlwerber an einen zionistischen Studentenverein herangemacht und sich dort einen Korb geholt haben, dann war es nur eine gesunde vorzüglich. Zum Kapitel Ausstattung ebensowohl wie zum Inhalt, gehören die Reproduktionen, deren Auswahl eine äußerst gelungene ist. Und dies nicht nur nach den Namen der Künstler und der gewählten Werke, sondern auch darin, daß sie einen Begriff davon geben, welchen Reichtums die jüdische Künstlerseele fähig ist. Wir finden hier die stille Verträumtheit Hirszenbergs und die zuckende Lebendigkeit Max Liebermanns, die adeligkeusche Linienführung Liliens, wie die breite Gegenständlichkeit Strucks etc. Die angebliche Einseitigkeit des jüdischen Schaffens wird damit vor allen Augen widerlegt. Von den zahlreichen Beiträgen literarischen Charakters, deren Wert sehr verschieden ist, fällt ganz besonders das Gedicht „Kirschen“, nach dem jüdischen des S. Schneir, von Hugo Zuckermann, auf. Man ist verblüfft, so viel entzückende Anmut, Lieblichkeit und naive Frische bei einem jargondichter zu finden. Ein Gegenstück dazu bildet B i a 1 i k, der mit zwei Beiträgen vertreten ist. — „Winterlieder“ aus dem Hebräischen übersetzt von Israel Auerbach und die „Toten der Wüste“, übertragen von Ernst Müller. — Erstaunliche Kraft der Sprache, Großartigkeit und Originalität des Ausdrucks erheben Bialik zu einem Meister ersten Ranges. Besonders das von Müller frei übertragene Gedicht „Die Toten der Wüste“ ist von klassischer Wucht und Monumentalität Man hat im Westen Bialik hisher zu wenig beachtet. Wenn man die besten Namen der neujüdischen Literatur nennt wird zwar auch seiner genannt, aber wenige kennen ihn und wissen, daß er haupthoch über alle anderen hinausragt. Eine Uebersetzung seiner sämtlichen Gedichte, wie sie jetzt geplant ist, wird hoffentlich dazu beitragen, ihn bekannter zu machen. Es geht mit unseren ostjüdischen Poeten so, wie es bei Lessing von Klöpstock heißt: Wir loben sie bei allen Anlässen, aber wir lesen sie sehr wenig. Ueberblicke ich die Beiträge mehr theoretischanalytischer und wissenschaftlicher Natur, so scheint mir hier die Hauptstärke des Almanachs zu liegen. Meinem Vorsatz getreu, will ich keine Auszüge geben, sondern nur zu einigen ganz willkürlich herausgegriffenen Artikeln ein paar Bemerkungen machen. Der Almanach wird eröffnet durch einen Essay Bube rs: Der Jude und sein Werk. Vielen ist die preziöse, ein bischen selbstgefällige und anspruchsvolle Sprache Bubers nicht angenehm. Auch mir liegt sie nicht recht. Aber trotzdem hat jeder das Gefühl, daß Buber, auch dort wo er nicht gerade originell ist — und das ist auch der Gedanke, daß das Judentum Streben zur Einheit ist, nicht — aus dem Tiefsten schöpft, die letzten Geheimnisse der Seele bloßlegt und in Harmonie ist mit dem Unbewußten. Und das macht ja den Mystiker. Fast ein - Gegenstück in Form und Inhalt ist Mathias Achers Beitrag. Achers psychologische Analyse ist weit verschieden von der- Bubers. ln ihr ist keine Spur von Mystik. Bei ihm ist es ein konstruktiv-logischer Vorstand, der streng geschult, auch im Psychischen keine Unklarheit dulden will. Während der Mystiker das Unbewußte quasi hellsüchtig zum Bewußtsein heraufbringt, steigt dieser Logiker mit dem klaren Lichte seines Geistes in die Tiefen des Unbewußten hinab, um sie zu beleuchten. Im Uebrigen können wir Juden, um ein bekanntes Wort zu zitieren, froh sein, daß wir „zwei solche Kerle haben“. Es wäre noch so manches zu sagen, über P a s m a n i k, von dem wir erwarten, daß er uns einmal ein größeres Werk bescheren wird, von An in, in dem wir einen theoretisch-politisch geschulten Kopf besitzen, von Coralnik, der so recht der Typus des jüdischen Skeptikers ist, und noch von vielen andern, die den rein literarischen Teil bestreiten. Ich will aber den Almanach nicht ausschöpfen. Er soll gelesen werden, damit die vielen Anregungen, die er zu geben imstande ist, ihre Wirkung tun. Daß diese nicht gering sein wird, davon bin ich überzeugt. Darum wünsche-ich dem „Jüdischen Almanach 5670“ recht viele Leser. . Adolf Böhm.