Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 44 (4.11.1910)
- Date
- 1910-11-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 44 Erwerb. Während nun zahlreiche nichtjüdische Bewerber, welche von anderwärts ihr reichliches Einkommen haben, mit Schänkerkonzessionen bedacht wurden, werden 10.000 jüdische Familien dem Hungertode preisgegeben. Dieser Expropriation sind früher schon andere Verdrängungen der Juden aus ihrenjahrzehntelang innegehabten geschäftlichen Positionen vorausgegangen; und unlängst-erst lasen wir in diesen Blättern, daß selbst der gewiß harmlose Handel mit Dorfprodukten, der sogenannte „Dorfgeher“-Erwerb verboten werden soll.-- Die abgewiesenen Schanker und die mit Verbot belegten „Dorfgeher“, diese Aermsten der Armen, werden das große Kontingent der erwerbs- und beschäftigungslosen Juden Galiziens nur noch vergrößern und immer näher, immer dringender tritt die folgenschwere Frage an die Juden heran: Was nun?! Viele unserer satten „Glaubensgenossen“ wollen oder können die bedrohliche Lage nicht sehen, sie glauben noch immer, daß dies vorübergehende Erscheinungen: sind, die bald wieder verschwinden werden. Sie wollen oder können nicht einsehen, daß wir einen historischen Prozeß durchleben, daß wir an einem Wendepunkt stehen, an welchem sich unser Schicksal entscheidet, jetzt mit verschränkten Armen, mit fatalistischem Gleichmut zuzusehen, wie die Wogen einer wirtschaftlichen Judenverfolgung über uns hereinbrechen, hieße Selbstmord begehen. - Wir müssen uns offen und ohne Selbsttäuschung -sagen, daß die bisherigen Erwerbszweige für uns Juden endgültig verloren sind und müssen darauf trachten, heue Erwerbsquellen zu schaffen. Die Schaffung neuer Erwerbsquellen ist freilich keine neue Sache. Die Armut des Landes, der ■ Kapitalsmangel und — last notleast — der vollständige Mangel gut geschulter gewerblicher und technischer Hilfskräfte sind Schwierigkeiten, die schwer zu überwinden sind; doch dürfte der bekannte Fleiß, die geschäftliche Tüchtigkeit, die persönliche Bedürfnislosigkeit, welche den galizischen Juden auszeichnen, über manche1 Schwierigkeit hinweghelfen. ' ~ ’ Die Juden müssen'sirh zunächst auf den Großhandel, auf das Import- und Exportgeschäft werfen, das Gewerbe, die Hausindustrie und das Handwerk mehr und besser pflegen.- Ferner muß ein Augenmerk auf den Fabrikationszweig geworfen’werden. Was unser aber am meisten not tut, ist Bildung! Allgemeine — und Berufsbildung. Es fehlt dem Lande, insbesondere den Juden an Schulen. Gewerbe- und Handwerkerschulen sind nicht vorhanden. Die großen Hoffnungen, welche man auf die Baron Hirsch’schen Gewerbeschulen legte, haben sich leider nicht verwirklicht. Die lernbegierige studierende Jugend drängt sich-zu Berufen, die vollständig überfüllt sind und ihren Mann nicht mehr standesgemäß ei nähren können, oder müht sich — oft vergebens — ab, einen mageren Platz an der reich besetzten Beamtentafel zu bekommen. Sie täte besser, sich den realen Studien zu widmen, tüchtige Ingenieure und Techniker zu werden und nicht nur sich selbst ein sorgenfreies Leben zu bereiten, sondern auch Hunderten und Tausenden ihrer darbenden Brüder Erwerb und Brot zu verschaffen. Man wende nicht ein, daß die Juden hierzulande für eine großangelegte Handels- und Industrietätigkeit nicht reif sind. Die westlichen Länder waren es auch nicht, ehe sie auf die heutige Stufe gelangten. Sie hatten eher noch größere Schwierigkeiten zu überwinden, ihnen fehlte das Vorbild, die Erfahrung. Was ihnen gelang, muß auch uns gelingen, man muß nur wollen, muß nur den Anfang machen. Mögen sich Leute finden, Leute der Tat, welche die Initiative ergreifen und den Baustein legen für eine bessere Zukunft. Gorlice. D. Harlig. Brief aus Galizien. (Klosterentführungen. Die Wahlreform. Die Schänkerfrage. Der Wawelbergpreis.) Von unserem Korrespondenten. Lemberg, 1. November. Welche ungeheuren Dimensionen die Entführung jüdischer Mädchen und der Seelenfang in Galizien angenommen hat, beweist der jüngste Monatsausweis des Krakauer Rabbinats, der 40 Taufen von jüdischen Mädchen in einem einzigen Monate verzeichnet Aber nicht bloß an Zahl nehmen diese Verführungen zu, sondern-auch an: Brutalität, die in ihren Einzelheiten an russische Verhältnisse mahnen; Nachfolgend wollen wir zwei besonders krasse Fälle der letzten Tage registrieren.. Ein jüdisches Mädchen in der Nähe von Tämqpol ist aus -dem Elternhause plötzlich verschwunden. Der alte Vater machte sich auf die Suche nach Kattowitz, Berlin und Charlottenburg, kam jedoch überallhin zu spät, da seine Tochter indessen anderswohin gebracht wurde. In Deutschland fiel er vor Aufregung aus einem Eisenbahnkupee und erlitt einen solchen Unfall, daß ihm beide Füße amputiert werden mußten. Seine Frau setzte nun das Suchen fort und erfuhr endlich, daß ihr Kind auf Umwegen zu den Felicianerinnen nach Krakau gebracht wurde. Sie begab sich hin und bat 'um Einlaß, aber vergebens. Sie rief alsdann die Polizei um Beistand an, erhielt jedoch die unglaubliche Antwort, daß sämtliche Polizeibeamte mehrere Tage hindurch in Anspruch genommen seien und daher erst nach einigen Tagen zur Verfügung stehen können.. Daß. die Zwischenzeit zur Wegführung des betreffenden Mädchens dient, ist selbstverständlich. Ein zweiter Fall: Der Vater eines entführten minderjährigen Mädchens aus Narol verlangt durch seinen Vertreter Dr. R. Landau auf Grund einer Entscheidung des Bezirksgerichts in Cieszanöw, wonach das entführte Mädchen vom Kloster der Felicianerinnen herausgegeben werden muß, vom Krakauer Gericht die Durchführung des Urteils des Cieszanower Bezirksgerichts. Das Krakauer Gericht weigerte sich aber gegen die gesetzliche Befugnis, das Urteil zu vollziehen und sandte die Akten nach Cieszanöw zurück. Inzwischen erhielten die Felicianerinnen Kenntnis davon und transportierten das Mädchen in ein anderes Kloster. Auf Grund des bekannten Ausspruchs „Vor den Mauern der Kirche hört die Staatsgewalt auf“, glaubte man, daß die Behörde tatsächlich’machtlos sei, einzuschreiten; nun sehen wir zu unserm Bedauern, daß diese dön Seelenfang sogar offenkundig fördert. —. , . * * * ' * Der Kampf um die Wahlreform für den galizischen Landtag ist in einen Kuhhändel schlimmster Sorte ausgeartet Jede Partei, sucht soviel Mandate als möglich herauszuschlagen. Zwischen den polnischen Parteien kam es zu folgendem Kompromiß: Die Großgrundbesitzer behalten ihre 44 Mandate. Die Landgemeinden erhalten ihre 80 Mandate. In dieser Kuriesoll das Piuralitätswahlrecht eingefübrt werden, so daß die Steuerzahler zweimal wählen dürfen. Die. Städte erhalten 34 Mandate, aber das Wahlrecht haben nur diejenigen, die nach der alten Wahlreform wählen durften. Außerdem soll für die Städte eine allgemeine Kurie mit zehn Mandaten geschaffen werden, in der alle Wähler zumösterreichischen Reichsrat das Stimmrecht haben sollen. - - Das Zustandekommen dieses Kompromisses hängt nur von den Ruthenen ab. Ihnen wurden 34 Mandate zugeteilt, aber die Ruthenen, die 45 Prozent der Bevölkerung bilden,' verlangen 40 Prozentder Mandate. Die Verhandlungen mit den Ruthenen haben nun begonnen und werden in diesen Tagen fortgesetzt. Es ist interessant zu beobachten, wie die Wahlreform von einem Kompromißvorschlag zum anderen immer schlechter wird. Das Wahlrecht wird weder gleich, noch . geheim, noch allgemein sein und man braucht auf diese Mißgeburt von einem Wahlrecht keine’ großen Hoffnungen zu setzen. An jdie Juden wird bei den Kompromißverhandlungen überhaupt nicht gedacht. Die Juden bilden den achten Teil der galizischen Bevölkerung. Sie zahlen im Verhältnis die meisten Steuern und spielen im wirtschaftlichen Leben Galiziens eine große Rolle. Nichtsdestoweniger werden die Juden übergangen, als wijrden sie überhaupt nicht existieren. Aber nicht änur die Polen und Ruthenen, sondern auch die jüdischen Landtagsabgeordneten haben an die neunhunderttausend Juden Galiziens vergessen. Wie soll :raan sich dieses Benehmen der Herren Löwenstein, Ritel, Kolischer erklären? Haben sie aus Furcht vor ein paar jüdisch-nationalen Abgeordneten die Sprache verloren? Die Juden Galiziens werden sich das Vorgehen dieser Herren merken. Die jüdischen Massen sind heute poetisch genug aufgeklärt, um zu begreifen, welch großes Unrecht ihnen zugefügt wurde. * Der amtlichen Zeitung „Gazeta Lvvowska“ zufolge sind 4817 galizische Gemeinden mit zusammen 9687 Schankkonzessionen bedacht worden, wovon bloß 6157 solchen Leuten zufielen, die früher dieses Gewerbe ausübten. 1445 Gemeinden haben überhaupt keine Schankkonzession erhalten. Daß auch ein großer Teil der erteilten Konzessionen Nicht-Juden zugefallen ist, muß nicht erst gesagt werden. Dasselbe Blatt schreibt: „Verschiedene Zeitungen brachten die Nachricht, daß der Statthalter der Schänkerdeputation eine Entschädigung für die brotlos gewordenen Schänker zusicherte. Diese Nachricht entspricht nicht den Tatsachen. Der Statthalter hat sich nur bereit erklärt, eine Aktion zugunsten dieser Schänker, die keine neue Konzession erhalten haben, zu unterstützen. Von irgend einer „Entschädigung kann nicht die Rede sein“. * Der erste Preis des Wawelberg-Konk urses der Lemberger Universität ist heuer dem noch sehr jungen:Advokaturskadidateh Dr. Tgnacz Schipper aus Tärnow für sein Werk’-uber „Die'sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Juden im mittelalterlichen Polet}“ zugewiesen., worden. Dr. Schipper ist auch der Autor des Werkes über die „Anfänge des jüdischen Kapitals im Mittelalter“ und gehört der „Poale Zion“-Partei an. . -. :. Jüdische Protestversammluug. Neusandez, 2. November. (Telegr. der „Jüd. Ztg.“)- Unter-Vorsitz der Gg; Dr. Leon Silbermann, Isak Reich und Dr.: M a n h ei m e r fand heute , hier eine massenhaft besuchte Volksversammlung statt, in welcher nach einem Referate eine Resolution angenommen wurde, in der gefordert wird, daß bei der bevorstehenden' Wählreföfm für den galizischen Landtag eine der jüdischen Bevölkerung entsprechende Anzahl von, jüdischen Mandaten sichergestellt' werde. Es wurden Telegramme an den Statthalter und Landmarschall abgeschickt. Die jüdischen Landtagsabgeordneten wurden aufgefordert, ihre Mandate niederzulegen, falls dieser Forderung nicht Rechnung getragen wird. In einer Mittler-Versammlung Erlauschtes. Der liberale, Bruderzwist um das Landtagsmandät der „Judeninsel“ hat dem zionistischen Beobachter so manche schöne Seele, entschleiert.;. Besonders jene Versammlung im Hotel Continental, welche durch die kühne Abwehr eines, angeblichen Einbruches" der Zionisten so hochberühmt wurde, brachte -eine köstliche: Aussprache -zwischen den mutigen Mannen um Mittler, und. Schwarz-Hiller. Der ehemalige Gemeinderat Helbig, ein Arier, der beim Erscheinen Brunners . gemeint hatte, da müsse' selbst ein Jud’Antisemit werden, empfahl den Dr. Mittler, der nur -zufällig Jude sei. ’ - . .Als: Neustadt! seinen Kandidaten, Dr. Schwarz- Hiller, .als Repräsentanten moderner Ideen pries, rief der junge Kiebinder höhnisch: „BB!“ womit er auf den jüngstvollzogenen Beitritt des Mödernistön in die israelitische Bruderschaftder Bne Brith anspielte.- Neustadt!,-aber-replizierte prompt, die-Nothelfer seines Kandidaten verleugnend: „BB oder NB, das kümmert mich nichts!“ Advokat Dr. H. Jölles, Vizepräsident des Donauklubs und Schwiegersohn des wegen der Kultussteuer renegierten Dr. Geller, griff Herrn Neustadtl scharf an. Der würde noch beute im Ghetto sitzen, wäre der von Dr. Schwarz-Hiller als corrupt verschrieene 'Altliberalismus nicht gewesen. Wenn Neusta'dtldiese Verleumdung bestreite, wie Solle man. ihm glauben, ihm, der noch vor wenigen Wochen mit' einem geradezuc h.a 1 d ä i s c h.e n Furor gegen Dr.'.Schwarz-Hiller vorging. Redner wisse nicht, wie ein'solches Ableugnen im Idiom des Schulchan Aruch heiße.’ Zur Verdeutschung des von Neustadtl verfaßten Manifestes habe Redner. 2 Stunden gebraucht, Das öffentliche Leben müsse vor dem zersetzenden Treiben der Freiheit lieh-sozialen geschützt werden. Die Rede des Doktors Viktor Rosenfeld, der mit öden Kalauern mehr. Reklame für sich als für Dr. "Mittler machte, sei. schönend übergangen. Börsenrat Glatz, der für Schwarz-Hiller 'eintrat, wurde immer wieder von Hof rat Kuranda unterbrochen, Schwarz-Hiller sei ein Verleumder, der sich nun feig verkrieche. Bäcker Riegler mahnte zur Einigung, denn hier werde Persorienkultus in derverwerflichsten Form getrieben. Auf diese Mahnung hin hielt Dr. Mittler das Schlußwort. Den Wutschaum am Mund schrie er: „Mein Gegenkandidat klammert sich wie eine Klette an eine Position, die er sich erschlichen hat und läßt sich eher die Hände abschlagen,. als loszulassen. Aber die Tyrannis des Dr. Ofner in der Leopoldstadt ist gebrochen, seine Schrullenjägerei, seine se n i l.e Pol i.tik ger ich t e t. Das politische Leben darf nicht nach alten Folianten, nach den künstlichen Programmen von Erfurt und Gotha, sondern muß nach den praktischen Bedürfnissen des Mittelstandes eingerichtet werden. Das Bürgertum von Schrot und Korn hat sich endlich gegen Ofners Bosheit aufgebäumt.“- Ja, es hat sich aufgebäumt und die feindlichen liberalen Brüder zur Rechten und zur Linken abgeworfen. Parteinachrichten. Der Innerösterreichische Distriktstag verschoben. Der für Sonntag, den 6. d. M. einberufene ordentliche Distriktstag wurde über Beschluß des D.-K. bis auf weiteres verschoben. Dies allen Organisationen des innerösterr. D.-K. zur gefälligen Kenntnisnahme. Für das innerösterr. D.-K.: Dr. Hugo Löwy, Dr. Hermann Löw, Obmannstellvertreter. f. d. Schriftführer..