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Jüdische Zeitung · 1910-11-04 · 44 (4.11.1910) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
44 (4.11.1910)
Date
1910-11-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 44 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 können, nicht überzeugen werden. Und wir beabsichtigen dies auch nicht. Wir werden weiter arbeiten und haben nur einen Wunsch: die Liberalen mögen noch mehrere solcher „Siege“ feiern. Ein Wort an unsere Landtagswähler. Den 466 Wählern, die sich ihres Judentums bewußt, bei der Hauptwahl für den Landtag ihre Stimmen unserem Kandidaten zugewendet haben, sei hier unsere Verehrung und kollegialer Dank ausgesprochen! Daß es nur eine kleine Zahl ist, die für einen jüdischnationalen Kandidaten stimmte, darf uns absolut nicht abschrecken, nicht wanken machen in der Arbeit für unser jüdisches Volk! Haben wir ja von vornherein auf keinen Sieg, auch nicht auf eine ansehnliche Minorität gerechnet, was wir in öffentlicher Versammlung wie von hier aus oft genug erklärt haben. Uns handelte es sich darum, Propaganda für die jüdischnationale Idee zu machen;, das ist geschehen, das wollen und müssen wir auch weiter tun, wo und wann immer wir Gelegenheit finden, namentlich aber jetzt bei den bevorstehenden Kultuswahlen! „Gut Ding braucht Weile“, Ausdauer, Mut und Zuversicht! Anders jedoch verhält es sich mit der Frage: wie es denn kam, daß wir bloß 466 Stimmen auf unseren Kandidaten vereinigten? Wenn uns diese Frage von „freiheitlichsozial“ oder „liberal“ sich nennenden Gegnern vorgelegt wird, verweisen wir sie, dje „Mächtigen“, die. nqch.am.Nachmittag des Wahltages in ihren Leiborganen ihren sicheren Sieg verkündeten, auf ihren eigenen schmählichen Durchfall! Diesen „Herren von Wien, beziehungsweise der Leopoldstadt“, wo sie Mandate zu ergattern sich stets anschicken, sind wir überhaupt keine Antwort schuldig. Unseren Freunden aber, namentlich den 466 wackeren Wählern, die sich etwa enttäuscht und entmutigt fühlen könnten, denen antworten wir wahrheitsgemäß: daß die Ursache der geringen Stimmenzahl darin zu suchen ist, daß wir zu spät — erst als wir des rein persönlichen Kampfes der beiden sogenannten freiheitlichen Kandidaten gewahr wurden, also drei Wochen vor der Wahl in den Kampf eii.traten, zu welcher Zeit .viele, die für uns gestimmt hätten, bereits in den anderen Lagern vergeben waren. Wir konnten uns auch keine Wählerliste beschaffen, den wichtigsten Behelf für die Wahlarbeit. Diese für sich so wichtigen Umstände wären aber allein nicht imstande gewesen, da die jüdischnationale Idee im Volke bereits festwurzelt, dieses Ergebnis zu zeitigen. Hier spielte ein ganz anderes bestimmendes Moment mit, nämlich die Angst der jüdischen Wählermassen davor, daß der Christlichsoziale schon im erstenWahlgange gewählt werde, welcher Schrecken ihnen von gewissenlosen Agitatoren eingejagt wurde. Das gab dem ganzen Wahlergebnis das Merkmal der Ueberraschung und Enttäuschung, nicht nur für uns, eine junge Partei, sondern für alle! Wir wünschen gewiß den Sieg des sozialdemokratischen Kandidaten über den Christlichsozialen.. Wir rechneten auch darauf, daß er in die Stichwahl kommt, dazu aber hätten ihm die 5000 sozialdemokratischen Stimmen allein genügt und unsere bürgerlichen Juden mußten nicht gegen ihre Ueberzeugung, ja gegen ihr Interesse als Bürgerliche, von der bloßen unbegründeten Angst getrieben, diesem schon im ersten Wahlgange ihre Stimme zuwenden. . E. Torczyner. Wochenrundschau. Dr. Ofner reist in — Deutschtum. Da nunmehr nicht einmal die Leopoldstädter Juden für das Deutschtum Dr. Ofners und seiner getauften Deutschdemokraten das richtige Verständnis zeigen, hat er sich einen anderen Schauplatz seiner Tätigkeit ausersehen. Er ist nach dem bedrängten Prag gereist, hat dort mit den jüdischen Jünglingen, die zumeist aus Pardubitz und Leitomischl stammen, einen strammdeutschen Kommers abgehalten, und als ihm der Wein die Zunge löste, gab er seinem Kummer beredten Ausdruck. Die Angelegenheit ist leider viel zu ernst, als daß sie mit einem Scherz abgetan werden könnte. Dr. Ofner appelliert nämlich an das deutsche Volk: „Es möge mit den Tschechen bloß einen solchen Frieden schließen, der für die Deutschen ein ehrenvoller sei.“ Welch zudringliche Anmaßung! Wir Juden haben den heißen Wunsch, daß der Kampf zwischen Deutschen und Tschechen, in dem wir Juden schwere Kriegskontributionen zahlen mußten, endlich aufhöre. Die Entscheidung über die Frage, ob der Friede für die Deutschen ein ehrenvoller sei, kommt aber nicht dem Reichsratsabgeordneten der Leopoldstädter Juden, sondern den legitimen parlamentarischen Delegationen des deutschen Volkes zu. Der Eintritt in diese Delegation wurde aber dem Abgeordneten Ofner als Juden bekanntlich verwehrt. Glücklicherweise hört das Deutschtum nicht auf die Auslassungen Ofners, die er in Prag vor einer rein jüdischen Korona zum Besten, gibt, und deshalb ist die Gefahr, daß er den Friedenschluß gefährden könne, ausgeschlossen. Aber im Interesse der jüdischen Reputation muß diese lächerliche Zudringlichkeit eines Juden gebrandmarkt und zurückgewiesen werden. * „Die Judendienerei der Wiener Uran ja“ wird vom „Deutschen Volksblatt“ darin erblickt, daß dieses Institut ] in seinem jüngsten Werbeschreiben auch Vorträge von Juden ankündigt, so von Jakob Wassermann, Felix Salten, Hugo Salus, Franz Karl Ginzkey. Das „Volksblatt“ kann es sich nicht versagen, diese um die deutsche Literatur so hochverdienten Dichter in bübischester Weise zu besudeln. - Auch für den Meschumed Univ.-Prof. Doktor Franz Arnold, vormals Lewisschn, der nicht lange her von den zionistischen Studenten wegen seiner antisemitischen Redeexzesse ausgepfiffen worden ist, fällt sein Teil ab. Hermann Bahr und Frau Selma Hartleben werden taxfrei zu Juden ernannt Arme Urania! Vergebens hast du deinen vielköpfigen Vorstand „judenrein“ gemacht, vergebens hast du den Bücherfeind Bielohlawek und sonstige christlichsoziale Kapazitäten hineingewählt, Torquemada Vergani schleudert seine Brandfackel in dein verseuchtes Gebälke. Arme Dichter von jüdischem Namen, die Ihr den Fremden Euer Bestes gebet und dafür haßvollen Hohn erntet! Vergani und sein Intimus, der Mechaniker Schneider, haben in ihrem Kampf gegen die Geßmannleute eine prächtige Waffe gefunden; sie haben nämlich entdeckt, daß der Allgewaltige vom Steinhof, Landesoberinspektionsrat Gerenyi von einem hebräischen Vater Geyringer herstammt. Gerenyi scheint verloren. Porzer, Porzer, wie wirst du erst die Ahnenprobe bestehen?! * Welch hohe Meinung die Christlichsozialen von der politischen Reife und Charakterfestigkeit der Wiener Judenliberalen haben, erhellt daraus, daß die „Reichspost“ bei Besprechung der kommenden Stichwahl in der Leopoldstadt den kaiserlichen Räten und Kommerzienräten vor den revolutionären antimonarchistischen Roten graulich macht, offenbar, um Judenstimmen für — Preyer zu kapern. * Der neue Kurs in Ungarn erweist sich doch nur als ein wenig verbesserter alter. Das Zurückziehen auf den 67er Standpunkt scheint nur ein letzter Versuch der herrschenden feudalagrarischen Clique zu sein, sich zu behaupten. Wieder sehen wir das alte Spiel, daß das Verlangen des Volkes nach dem allgemeinen Wahlrecht, nach sozialen Reformen und nationalen Konzessionen übertönt werden soll durch die magyarische Erpresserpolitik an Oesterreich. Das zeigt das Vorgehen Khuens in der Barzahlungsfrage, in der es überhaupt keine spezifischen ungarischen Interessen gibt, wie er glauben machen will und in den militärischen Forderungen, in denen Khuen weitergeht als Kossutb. Auch die so ostentativ zur Schau getragene Judenfreundlichkeit des Kabinetts hat sich noch immer nicht darin manifestiert, daß die Statuten des ungarischen Zionsverbandes genehmigt worden wäre. Diesbezüglich hat sich Ungarn als ebenso frei als Rußland erwiesen. Nur durch die Einführung des allgemeinen Stimmrechtes kann der Herrschaft der rückständigen und volksfeindlichen Clique, die schon durch vierzig Jahre Ungarn exploitiert, ein Ende bereitet und Ungarn zu einem modernen Staat gemacht werden. ♦ Heinedenkmal. Es ist erreicht. Wilhelm II hat Schule gemacht. Der Hamburger Senat hat endgültig dem von Korfu verbannten Denkmal Heines, das im Aufträge unserer verewigten Kaiserin vom Bildhauer Haselriis angefertigt wurde, die Aufstellung an einem öffentlichen Platze versagt. Der konservative Senat, der freien reichsunmittelbaren Stadt Hamburg, macht sein Buckerl vor seinem Kaiser. Aber es ist anders gekommen Hamburg hat zum Entsetzen seiner „Spießer“ doch das Heine- Denkmal bekommen. Ueber Nacht, sang und klanglos wurde es aufgestellt. Auf privaten Grund, umgeben von zwei hohen Komptoirhäusern aber weithin sichtbar. Noch lange nach seinem Tode hält Heine alle die Dunkelmänner zum besten. Umgeben von starren, grauen Häusern, die ihn so gerne verdunkeln möchten, thront die weiße Marmorgestalt Hernes auf hohen Sandsteinunterbau. Die schmerzverklärten Züge Heines spotten noch der Kleinlichkeit der Hamburger, die es ihm nicht verzeihen können, daß er Jude und Poet zugleich war. * Die französische Regierung hat den für die Sicherheit des Landes gefährlichen Eisenbahnerstreik dadurch niedergeschlagen, daß sie alle, die Gewalt gegen Arbeitswillige anwandten, verhaften ließ. Deshalb griffen die sozialistischen Abgeordneten in der Kammer den Ministerpräsidenten Briand, ihren früheren Genossen, heftig an. Als der gemäßigte Deputierte Reinach, Vizepräsident der Alliance Israelite, erklärte, er könne das Ministerium erst verurteilen, wenn diesem Ungesetzlichkeiten nachgewiesen würden, schrieen die sozialistischen Kollegen wütend: „Nieder mit denjuden!“ Und Jaures, der Führer der Roten, spielte witzig auf den Fall Dreyfus, dessen Verteidiger Reinach gewesen ist, an: „Wir haben keine Ergänzung der Beweise abgewartet, um ihn dem Bajno zu entreißen . . .“ Vergani fragt in einer Randglosse, was Dr. Viktor Adler zu diesen Herzensergüssen der französischen Genossen sagt? Je nun, die „Arbeiterzeitung“ gibt das „Nieder mit den Juden!“ voll Behagen im Sperrdruck wieder, ist doch damit klar erwiesen, daß die Sozi keine Judenknechte sind. Salomon Reinach, der Zionistenfresser aber, wird unentwegt in der Mühle der Alliance für den Konsum geistigen Brots an ihren 150 Schulen die alten muffigen Mehlsorten „Kosmopolitismus“ und „Freidenkertum“ weitermahlen. ♦ Hohe Politik. Aus Schiras (Persien) wird gemeldet: Die judenstadt wurde überfallen. Es hat Tote und Verwundete gegeben. Sämtliche Häuser des Viertels wurden ausgeplündert. 5000 Juden sind brotlos. Der englische Konsul hat zur Linderung der Not Sammlungen eingeleitet. Rußland und England wollen bekanntlich Persien unter einander aufteilen und halten Persien besetzt. Die Perser wollen sich eine Teilung nicht gefallen lassen und überfallen bei jeder Gelegenheit englische und russische Abteilungen. Die von ihren Priestern fanatisierten Perser stehen im Kampfe mit den Engländern und Russen. Ihr Groll richtet sich aber hauptsächlich gegen Rußland. Da veranstalten die Kosaken Pogrome, lenken die Aufmerksamkeit auf die Juden, beschäftigen die Perser und die Teilung des Landes kann ungestört vor sich gehen. Das Sicherheitsventil tut wie in Rußland so auch in Persien seine Schuldigkeit. Der englische Konsul sammelt inzwischen für die Opfer seines treuen Verbündeten. Hohe Politik. Findet sich unter den Wiener Kulturräten kein neuer Taussig für Rußland? Es soll für seine Unternehmung in Persien Geld benötigen. Was nun? Die Schlacht ist geschlagen und fiel vernichtend für die jüdischen Schänker in Galizien aus. Von den beiläufig 30.C0O Gesuchen um Verleihung von Schänkerkonzessionen, wurde kaum der dritte Teil berücksichtigt und von diesem Dritteil fällt kaum die Hälfte den jüdischen Schänkern zu. Es wurden im ganzen 9687 Schänkerkonzessionen ausgegeben, darunter befinden sich 6157 bisherige Schänker, während der Rest sich auf Gutsbesitzer, Brennerei- und Brauereibesitzer, Dorfkrämer und Bauern usw. verteilt. Bisher waren in Galizien zirka 15.000 Schänker - fast ausschließlich Juden — und dieses Gewerbe bildete einzig und allein ihren kümmerlichen

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