Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 44 (4.11.1910)
- Date
- 1910-11-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile o £. JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 44 r~£in. Wort isfin' der WaTilÖewegürig' gefallen', “äas man . sich wird wohl merken müssen. Es wurde von einer liberalen Parteigröße zum Lobe Mittlers gesprochen und wenn wir ihn richtig einschätzen, wird er nicht yvenig stolz darauf , sein. Um ihn den Juden der Leopoldstadt als den würdigsten Kandidaten zu empfehlen, wurde ihm in Öffentlicherversammlung nachgerühmt, er sei bloß ein Zufallsjude, in Wirk^ iichkeit sei er ein Deutscher. 0 Weisheit, du sprichst wie ein liberaler Jubelgreis! Dieser neue Held des Leopoldstädter Freisinns ist kein Zufallsjude, er ist leider ein-jüdischer Typus. Am Salzgries und in der Leopold Stadt heißt er Mittler, Kuranda und Ofner und schwätzt von der slawischen Hochflut; in Galizien kennt man ihn als den verachteten Moschko, der die schmutzigsten Geschäfte des Polenklubs besorgt und die Ruthenen niedertreten hilft; in Ungarn ist er als chauvinistischer Magyare der lauteste Schreier im Kampfe gegen die Nationalitäten. Nirgends aber will er Jude sein und überall ist er glücklich, wenn man in ihm bloß den Ausnahm- und Zufallsjuden erblickt, dem man das Judentum gern nachsieht, wie etwa dem Kind des Verbrechers den bemakelten Erzeuger Stecken die Juden wirklich noch so tief im Assimilationssumpf, daß wir uns „Zufallsjnden“ als Führer gefallen lassen? Die Antwort, welche die Leopoldstädter Landtagswahl auf diese Frage gibt, ist kein Anlaß zur Begeisterung, sie ist aber auch nicht unbefriedigend. Denn war es seit vielen Jahren eine unbestrittene Tatsache, daß unsere jüdischen Germanen jeden Zusammenhang mit der wirklich deutschen Bevölkerung verloren haben, ist es nunmehr offenbar geworden, daß sich auch ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung trotz einer mehr als vierzigjährigen politischen Tradition von dem heuchlerischen deutschen Freisinn, an dessen Wiege schon die Lüge gestanden ist, abgewendet hat. Und wenn heute auch noch ein großer Teil des jüdischen Bürgertums den großen moralischen Wert einer j ü d i sch national en Kampfkanditatur nicht zu würdigen vermochte und in seiner Ratlosigkeit der Sozialdemokratie zugeströmt ist: uns ist nicht bange; sein Weg wird zu uns führen, wenn es zur Erkenntnis gelangt sein wird, daß in der Sozialdemokratie nicht sein richtiger Platz ist. Aber auch jene Juden, die heute noch von unverantwortlichen und mit Blindheit schreibst du wegen des Schleiers? Gott gebe, es fehlte uns nichts mehr als Schleierschmuck . . . “ Ihrem Schwiegersohn, dessen Knaben sie bei sich hat, schreibt sie kräftig und vielsagend: „Josef fragt immerzu: .Großmutter, hat dir der Vater kein Geld geschickt?1 Er möchte gern schreiben, kann aber nicht. Schickst du ihm Geld, wird er’s lernen.“ Frau Sarel hat ihren Mann in der Fremde und drückt ihre Angst und Sehnsucht also aus (Brief Nr. 45 A): „Ich weiß nicht, wie ich lebe vor Kummer. Ich esse nicht und schlafe nicht. In guten Zeiten, wenn ich zwei Wochen keine Nachricht hatte, meinte ich nicht leben zu können. Und jetzt warte ich schon sieben Wochen. Schwer ist die Zeit und ein Pfennig ist jetzt tausend Dukaten wert Und doch: Verflucht sei mir alles Geld und Gut — wenn ich nur von deiner teuren Gesundheit Nachricht hätte. — Vor Grauen kann ich dir nicht schreiben, was ich dir von unserer Bedrängnis hier schreiben müßte . . . “ Diese Briefe jüdischer Frauen aus dem Anfang des siebzehnten Jahrhunderts werden die Feinsinnigen oft und oft lesen; sie sollten mit manchem Stück aus den Memoiren der Glückei von Hameln zu einem Brevier für unsere Frauen vereinigt werden. Wie Stufengesänge heben die hebräisch abgefaßten' Briefe an, die sich in dem Päckchen vorfanden. Man könnte die Introduktionen zur Githith vortragen: „An meinen innigst Geliebten, der an gesfcKlägiyietv; FührernTifregeleitet/T tjro’fz tausendfacher brutaler Zurückweisungen sich an die Rockschöße deulschnätionaler Politiker hängen wollen, dürfen -Wir nicht verloren geben. Vierzig Jahre Wüsten Wanderung brauchte es, bis aus einem Haufen ägyptischer Sklaven ein zur Freiheit reifes -Volk-wurde! Und unsere Himmelsstürmer wollen in zweiwöchentlicher Wahlagitation aus einem -deutschliberalen Ghetto eine freie jüdische Gemeinschaft schaffen, die erfüllt ist von einem starken nationalen Willen und Vertrauen besitzen soll zu den im jüdischen Volk ruhenden Energien? Keine Rast darf es für uns geben* bis wir dieses leuchtende Ziel erreicht haben Mutig vorwärts in dem begonnenen Kampfe, mit der ganzen1 Begeisterung und dem leidenschaftlichen Feuer unserer Jugend! Die vierzig Jahrie Wüstenwanderung: aus dem Ghetto der Assimilation in das freie Land jüdischer Selbstbestimmung sind noch nicht beendet, aber die fehlenden sollen Jahre des ehrlichen und heißen Kampfes sein, wahre K Fi egs ja h re, die doppelt und dreifach zählen. Zur Landtagswahl in der Leopoldstadt. Zur Stunde, da diese Zeilen geschrieben, werden, kann noch, niemand mit Sicherheit ..behaupten, daß es geljngen werde, den Antisemiten das Luegermandat zu entreissen. Hoffentlich werden es die Jüdischnationalen und Liberalen erreichen, Schuhmeier zum Siege zu verhelfen. Denn obwohl uns eine ganze Weli von der Anschauungs- und Emplindungsweise der Sozialdemokraten trennt, sind wir in diesem Falle, wo es gilt, den Christlichsozialen entgegenzutreten, bemüht, den Sozialdemokraten Hilfe zu,leisten. Schön die Tatsache der Stichwahl selbst und die gewaltige Anzahl der Stimmen sprechen deutlich genug für den großen Erfolg, den die Sozialdemokratie errungen. Aber es wäre überaus verfehlt, daraus zu folgern, daß die Leopoldstadt sozialdemokratisch geworden ist Die rote Flut, die sich am 28. Oktober über alle Kreise des Bürgertums ergoß, darf uns über die innersten Ursachen dieser Bewegung keineswegs täuschen. Stellen wir zunächst fest, daß es sich hier um keine wirtschaftliche, sondern eine rein politische Strömung handelte! Wären es ökonomische Motive allein gewesen, die in erster Linie den Juden den Stimmzettel für den Sozialdemokraten in die Hand gedrückt haben, dann ‘müßte sich diese Bewegung auf gewisse kleinbürgerliche Kreise beschränkt haben. Am 28. Oktober haben aber Großkaufleute und den Wandungen meines Herzens haftet, meinen zukünftigen Schwiegervater . . . und an mein Täubchen, meine Unschuld; die mir zufiel in Süße, wertvoller als Perlen, die Jungfrau Bela.“ Allerdings mutet es späterhin köstlich an, wenn der Bräutigam, den Psalter in Händen, auch über die Mitgift sagt und singt und seine diesbezüglichen, poetischen Anfragen mit dem Akkorde schließt: „Damit genug für das Verständnis. Und ich stehe auf der Warte und harre der Antwort des Herrn, daß sie mich belebe.“ Aber das trübt die Freude darüber nicht, daß der hohe König David in diesen zermürbten Ghettosöhnen wciterlebt, daß der Prophet Jesaija in ihren engen Hütten einkehrt und daß ihnen das hohe Lied die Brust füllt, wenn das Feilschen der Trödelbude verstummt ist. Ein heimliches Fürstentum adelt sie trotz alledem und alledem. Im Geleitwort der Herausgeber ist viel Richtiges über diesen Gegenstand gesagt und möge dort nachgelesen werden. Wenn man das Herzleid der Harrenden vergißt, die diese verschollenen Briefe vergebens erwarteten, möchte man das Schicksal preisen, das uns dieses wurmstichige Päckchen jüdischer Episteln bewahrt hat. Nach drei Jahrhunderten bringen sie dem Epigonen Erquickung und Erhebung und wer sie zu lesen weiß, dem rauschen verschüttete Thermen auf. Dr. Otto Abeies. TFäbrncänfeiv jäValtg, unü^sehr reiche^Mifglieder liberaler Organisationen'' für „.Sqhohräeie’r; gestimmt. Welche war die innerste Triebfeder.: dieser Handlungsweise? Seit Jahrzehnten haben'die Liberalen .die Juden der inneren Stadt- und der Leöpoldstadt an die einzige politische Maxime gewöhnt, man müsse darnach fragen, ob ein ’ Kandidat Chancen habe. Insbesondere für die Juden der Leopoldstadt existiert keine ändere politische Formel. Daß man einen Zählkandidaten aufstellenmüsse, kommt ihnen lächerlich vor. ' Daß man vor der Stichwahl die Verpflichtung - habe; sich zu einem politischen Programm zu bekennen, erscheint den Juden als eine groteske Vorstellung. Bekenntnis zu einer sozialen, politischen oder nationalen Partei, all dies gilt als Unsinn. Wird er durchkommen? Hat er Chancen gewählt zu werden? ln diesen beiden Sätzen erschöpft sich schon seit Jahrzenteri das politische Kredo der Leopöldstadt. Und am 28. Oktober ernteten die Liberalen, was sie'selbst gesät. Sie haben so lange den Wählern anstatt des Glaubens an ein Programm, den Glauben an die Wahlchancen eingeimpft, daß nur der erfolgreiche Kandidat von vornherein Aussicht auf Stimmen hat. Darum war Schuhmeier Trumpf. Hätte speziell die ■ Mittlerpartei nicht großsprecherisch überall verkünden lassen, daß ihr Kandidat Aussicht habe in die Stichwahl zu kommen, sie hätten' nicht einmal die Hälfte der Stimmen erreicht. Das war die innerste Triebfeder, welche Fabrikanten und Großkaufleüte, . Mitglieder der Lederbranche und der Fruchtenbörse in die Arme der Sozialdemokratie trieb. Stärker noch wie die Mitläufer des Liberalismus, strömten die Mitläufer des jüdischen Nationalismus ins Lager des „chancenreichen“ Kandidaten. Alles, was halb- und viertelnational in der Leopoldstadt ist, wählte Schuhmeier/' Können die Sozialdemokraten einen ■ relativ . großen Sieg verzeichnen, so erlitten die liberalen Parteien eine schmähliche Niederlage., Für die Anhänger Ofners und seines Jüngers Schwarz-Hilter . bedeutet der Wahltag das Debacle. .Wie prahlten sie noch vier Wochen vor der Wahl. „Die Leopoldstadt gehört uns. Die korrupten Altliberalen haben im Ofnerbezirk nichts zu suchen.“ Die . Herren glaubten nicht nur an 4— 50U0;Stimmen, sie wetteten auch darauf und für manchen Herrn des freiheitlich- , sozialen Wahlkomitees ist schon darum der Wahltag mit bitteren Erinnerungen verknüpft. Sie erhielten tatsächlich nur 1400 Stimmen. Nichts ist bezeichnender für ’ die Liberalen, als* daß die um Mittler ehrlich überzeugt sind, sie hätten einen großen Sieg errungen. Man bedenke nur,: um 4Q0 Stimmen hat der „Donauklub“ mehr als die Peutschdemokraten bekommen. Welch ein Triumph über das Cafe „Fetzer“ über das Cafe „Donau“. Sie improvisierten rasch eine Siegesfeier und sie hätten nicht lauter jubilie-, ren können, wenn sie die Christlichsozialen niedergerungen hätten. Der Obmann des „Donauklub“ ist überzeugt, daß seine ausführlichen und amüsanten Darlegungen über das „Telephongespräch und den rekommandierten Brief“ —r die Anlaß zur Zwietracht zwischen Mittler und Schwarz-Hitler waren — in erster Linie ihren „Erfolg“ herbeigeführt haben. Und Mittler soll einem echt polnischen Juden zugeflüstert haben: „Gottlob, die Leopoldstädt hat noch Deutsche!“ Wir Jüdischnationale haben alle Ursache, mit dem Ergebnis der Wahl zufrieden zu sein. Jede Partei besteht aus alten Gesinnungsgenossen, neu gewonnenen Anhängern und Mitläufern. Die Zahl unserer Gesinnungsgenossen in der Leopoldstadt ist mit 1000 anzuschlagen. Von den vielen neugewonnenen Anhängern entriß uns die „rote Flut“ diesmal eine ganz ansehnliche Zahl. „Schuhmeier hat Chancen“; dieser Zauberformel erlagen die meisten unserer Mitläufer. Rechnen wir hinzu, daß wir technisch fast vollkommen unvorbereitet — weil zu spät — in denWahlkampf eintraten, daß eine dreijährige Seßhaftigkeit Bedingung fürdas Landtagswahlrecht ist, daß ferner zahlreiche unserer Anhänger infolge der christlichsozialen Praktiken nicht in die Wählerliste aufgenommen wurden, so beweisen die für unseren Kandidaten abgegebenen 466 Stimmen, welche weite Kreise der Leopoldstadt der jüdischnationale Gedanke erobert hat. Wir wissen genau, daß wir mit diesen Erwägungen, die die Objektivität selbst sind, unsere' Gegner, die nur lhit absoluten Ziffern, rechnen