Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1910-11-04 · 44 (4.11.1910) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
44 (4.11.1910)
Date
1910-11-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438273-2438317--2140-2441789
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

nrtidnrl -jüdisches drern mJ^wTuu ■■■■■■■■■■ ■■■■■■■■■ ■ ■ ■ i lui^nTiTiHdTO^ ■ i ■ i J~TTM_1_ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., LiecbtensteinstraBe 11, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.-, halbjähr. Mk. 5.-, Vierteljahr. Mk.3.—. Für das übrige *************** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplari20 h. Postsparkassenkonto 104.067. *************** Nr. 44. Wien, Freitag den 4. November 1910. IV. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Der deutsche Freisinn in der Leopoldstadt. Zur Landtagswahl. Ein Wort an unsere Landtagswähler. Wochenrundschau. Was nun? Galizischer Brief. In einer Mittlerversammlung Erlauschtes. Von der Alliance israölite. Jüdische Privatbriefe aus dem Jahre 1619. ■Vereinsnachrichten. .Sport.' Wiener Kultuswahlen. Det Vorstand der Wiener Kultusgemeinde hat die diesjährigen Wahlen für Sonntag, den 27. November 1910 ausgeschrieben. Es kommen in der allgemeinen Wählerklasse 11 Mandate zur Besetzung, hievon 8 mit sechsjähriger, 2 mit vierjähriger und 1 mit zweijähriger Mandatsdauer. Alle näheren, die Wahl betreffenden Bestimmungen werden in der nächsten Nummer veröffentlicht - * Der deutsche Freisinn in der Leopoldstadt. In der Leopoldstadt sollte der Feldzug zur Wiedereroberung Wiens durch den „Freisinn“ beginnen. Die erste Schlacht ist aber kaum zu Ende, und schon ist es dem blödesten Auge klar geworden, daß dieser Freisinn nunmehr auch hier einfür allemal abgewirtschaftet hat. Welche glänzenden Erfolge des Freisinns seit dem Tode Luegers, welchervon den liberalen Politikern als der Wendepunkt in der politischen Jüdische Privatbriefe aus dem Jahre 1619.*) Es sind Briefe, die sie nicht erreichten. Am 22. November des Jahres 1619 verließ der Bote des Lobt Sarel Gutmans die Prager Judenstadt. Er sollte ein Päckchen Briefe an Wiener Juden überbringen. Sie sind nicht in die Hände der Adressaten gelangt und ein unbekannter Zufall hat sie in das Archiv gebracht. Dr. Alfred Landau und Doktor Bernhard Wachstein haben den kostbaren Schatz sorglich gehoben, ln ihrer trefflichen Ausgabe ist insbesondere der kulturhisto:ische Wert des seltenen Fundes gewürdigt und die Sprache der Briefe wissenschaftlich behandelt. Wer immer in unserem uralten Weinberg graben will, um die Zusammenhänge aufzudecken und sich selbst in dieser jüdischen Gegenwart zu erkennen, wird dieses Buch mit großem Vorteil lesen. Ein Zeitbild, wie es unmittelbarer keine Chronik und kein Geschichtswerk malen könnte, ist in diesen vergilbten Blättern erhalten geblieben. *)-J fi-d isch e Privatbriefe aus dem Jahre 1619. Nach den Originalen des k. u. k. Haus-, Hof- und Staatsarchivs. Im Aufträge der historischen Kommission der israelitischen Kultusgemeinde in Wien herausgegeben von Dr. Alfred Landau und Dr. Bernhard Wachstein. Mit acht Schrifttafeln. Wien und Leipzig bei Wilhelm Braumü Her, 1911. Geschichte Wiens verkündet wurde! Der Verlust Döblings bei den Gemeinderatswahlen, eine lächerlich geringe Stimmenanzahl bei den Reichsratsersatzwahlen in Hietzing, eine Verringerung der Stimmenzahl in der Leopoldstadt Und die der Wahl vorausgegangene Katzbalgerei: wahrhaftig, ein viel verheißender Anfang! Wäre das wirklich ein Stück freisinnigen Deutschtums, was b'fei den Leopoldstädter Reichsratswahlen infolge seiner inneren Morschheit und Fäulnis kläglich in sich zusammengefallen ist, man könnte vielleicht auch als nationaler Jude nicht ohne Bedauern an diesem Ereignis Vorbeigehen. Aber davon ist k^ine Spur! Diese disziplin- und programmlpse Masse, durch kleinliche Bezirksintriguen in zwei Haufen geteilt, geführt von Personen, welche sich gelegentlich glänzend vertragen und die nicht der Widerstreit der Ideen, sondern niedrige Eifersüchteleien: und mit Nachhilfe herbeigeführte Zufälle, au^einandergebracht hatten — man denke nur! an den verlegten Brief und die gestörte Tefepjjionverbindung — diese träge Masse, frjei vqji der Sehnsucht nach einem. Wuchtenden läeäf,-Unberührt von dem Verlangen .nach einem höheren, weithin sichtbaren Ziel, sie war niemals deutsch und niemals freisinnig. Sie ist leider jüdisch und deshalb können wir an ihrem Mißerfolge zwar ohne Bedauern, nicht aber ohne das Gefühl tiefster Beschämung vorübergehen. Ungefähr 8000 jüdische Landtagswähler hat die Leopoldstadt und ungefähr-3000 Stimmen wurden für die „deutschfreisinnigen“ Kandidaten desjudentums abgegeben. Also kein Zweifel: sieht man von den wenigen infolge Abhängigkeit irgendwelcher Ein Leben voll grausamer Not. Angst vor dem Morgen und ein trostloses Heute. Pfändergeben Pfändernehmen, Tribut zahlen, flüchten, in Gefangenschaft schmachten, auf Friedhöfen hausen, in der Gasse verzweifeln — das sind die Leidensstationen. Und doch sind diese Menschen immer noch guten Mutes und voll naiver Hoffnung. Diese Ausgestoßenen und Verprügelten haben sich ein Palladium bewahrt, das ihr armseliges Leben verkläit und adelt: die Lehre. In dem Briefe eines Vaters an seinen verheirateten Sohn heißt es: „Ich will es nicht leiden“ schreibt er ungefähr — „daß du Geldgeschäfte machst und hätte mir dein Schwiegervater sein ganzes Vermögen angeboten, niemals würde ich in diese Ehe gewilligt haben, hätte ich gewußt, daß du Handel treiben, anstatt der Lehre obliegen wirst. Mein lieber Sohn, komm her zu mir nach Prag, ich will dich erhalten, aber laß ab von diesem Wandel! Es muß ja auch deinem Schwiegervater willkommen sein, wenn du einige Jahre nach der Hochzeit nur Thora lernst, sonst hätte er sich doch nicht so sehr um dich bemüht.“ (Brief Nr. 3A.) Auch aus dem didaktischen Brief eines Großvaters an sein Enkelkind (Nr. 18 B) mag man entnehmen, wie hoch diesen verachteten Ktämern und Tändlern ihr Ideal stand. Ist ihnen die Thora eine feste Burg, so bringt das innige Ineinanderweben des Familienlebens manches Stäubchen Sonne in dieses Jammerdasein. Art für diese Wahlwerber abgegebenen christlichen Stimmen ab, waren es ausschließlich Juden, welche für diese Wahlwerber votiert haben. Und wenn es doch wenigstens Juden wären, die infolge ihrer Erziehung und Kultur mit dem Deutschtum Zusammenhängen! Aber selbst davon kann nur bei einem Bruchteil die Rede sein. Jeder Kenner der Verhältnisse wird zugeben müssen, daß ein großer Teil gerade der Leopoldstädter Juden aus Galizien, aus tschechischen Gegenden Böhmens und Mährens, aus Ungarn und anderen Ländern eingewandert ist, die nicht gerade Pflanzstätten deutscher Kultur sind. Diese Massen auf nationaljtidischer Basis zu organisieren, ihnen einen einheitlichen nationalen Willen einzuflößen, das wäre gewiß eine Aufgabe, die kein billig denkender Mensch — er sei Jude oder Christ — abfällig beurteilen könnte. Diese jüdischen Massen aber, die zum Teil die deutsche Sprache nur notdürftig beherrschen, die zum großen. Teile in religiöser Beziehung die Stützen des konservativsten Judentums sind, als den Heerbann des deutschen Freisinnes aufbieten zu. wollen, das vermag nur ' mangelhafter Intellekt oder: politische Gaukelei. Wir haben es wohl in gemischtsprachigen Ländern zu unserem Leidwesen: wiederholt erlebt, daß sich Juden als Anhängsel an fremdnationale Organisationen anhingen und sich zur Unterdrückung nationaler Minderheiten mißbrauchen ließen, aber eine rein jüdische Bevölkerung als eine selbständige nationaldeutsche Organisation, das ist ein Werk, derartig mit dem Fluch der Lächerlichkeit beladen, daß es nur der Geist eines Mittler, Kuranda und Ofner schaffen konnte. Ein Beschneidungsfest wird nicht minder fröhlich begangen, wie ein Hochzeitstag und alle müssen ihre Briefe hastig schließen, denn „die Braut zieht ein.“ der liederumrankte, lichterschimmernde, legendenumsponnene Freitag-Abend. . . . Besonders wertvoll sind uns die zahlreichen Frauenbriefe der Sammlung. Man begegnet stiller Heldenhaftigkeit, fürsorglicher Treue und frauenhafter Anmut. Die Tochter des Abraham Ha Levi Heler (Brief Nr. 6A) hat arge Tage verlebt. In der Gasse war ein Aufruhr und ein Angehöriger war als nackender Bettler aus Nikolsburg heimgekehrt, wo gerade eine blutige Judenjagd - stattgefunden hatte. Sie aber schreibt nach Wien: „Ich will nicht, ihr sollt lesen, was schmerzlich ist und will nicht klagen, weil uns Gott um das Verdienst unserer Vorfahren willen errettet hat.“ Und sie beginnt frisch zu plaudern und frägt sehr interessiert, ob es wahr ist, daß der Herzog von Bayern Nördlingen erobert hat. . . . Eine kluge und ernste Natur mag die Resel Landau gewesen sein. Sie teilt ihrer Tochter mit (Brief Nr. 34): „Bele ist angekommen. Wie kann man in solchen Zeiten ein Mädchen auf die Reise schicken! Beinahe wäresie ins Lager geraten, hätte sie sich nicht mit ihren Habseligkeiten ausgelöst. Du schreibst, bei Euch sind viele Fremde. Auch unsere Gassen sind mit fremden Juden fiberfüllt. Wir sind knapp dem Verderben entgangen. Sie haben die Gasse überfallen. Und in diesen Zeiten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.