Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1910-10-27 · 43 (27.10.1910) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
43 (27.10.1910)
Date
1910-10-27
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438273-2438316--2133-2441781
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 43 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 andere! Angesichts des gemeinsamen Feindes leisten sich die liberalen Herrn den Luxus zweier Kandidaten! Das ist die Einigkeit, das ist das Präludium zum großen Kampfe, zur Wiedereroberung Wiens, das ist die Einleitung zur liberalen Renaissance! Die Führer beider Parteien geben offen zu, daß sie keine Chancen haben!!! Wozu der Lärm? Welchen Sinn hat es, z w e i Z ä h 1 k a n d i d a t u r e n aufzustellen, wenn beide derselben Partei angehören, wenn kein Unterschied der Weltanschauung, keine spezifische Differenz des Programmes irgendwie sichtbar ist? Denn das muß auch unser heftigster Gegner zugeben, daß zwischen Herrn Dr. Mittler und Herrn Dr. Schwarz-Hiller auch bei schärfster Untersuchung mit der Lupe nicht der geringste Unterschied offenbar wird. Aber um so klarer wird es jedermann werden, daß sie etwas gemeinsames haben, nämlich die tiefe Sehnsucht nach einem Mandat. Wahrlich, wer noch an den Liberalismus vor dieser Wahl glauben konnte, die Tatsache der Doppelkandidatur muß ihm diesen Zweifelaus der Brust reißen. Wir sagen es offen heraus und wissen, daß wir in dieser Beziehung auch den größten Teil der Liberalen hinter uns haben, der Kampf zwischen Mittler und Schwarz-Hiller ist ein Skandal für die Liberalen, ein Unglück für die Juden. Die Kandidaten der Leopoldstadt. Der Deutschliberale. Dr Alfred Mittler ist deutsch bis in die Knochen. Er würde gut tun, nach Eger, Trantenau oder Innsbruck zu gehen, zieht es aber vor, die bekanntlich „urgermanische“ Leopoldstadt zu beehren. Er schimpft wacker auf die Slaven, bejammert den Niedergang des Deutschtums in Wien u. dgl. Daß er und seine Genossen, durchaus von Juden gewählt, durch dieses lächerliche und wahnwitzige Vorgehen unsere Volksgenossen in der slavischen Provinz in ihrer Existenz aufs ärgste bedrohen, geniert ihn weiter nicht. Sein höchster Ehrgeiz besteht darin, mit den bekannten Judenfreunden“ Wolf, Geßmann, Weiskirchner etc. in der deutschen Gemeinbiirgschaft an einem Tische zu sitzen und darüber zu beraten, wie man die Tschechen aus Wien hinaustreibt. Seiner Ansicht nach wird dann auch für die Juden in der Leopoldstadt das goldene Zeitalter hereinbrechen. Er ist auch „liberal“ und rühmt sich, seit zwanzig Jahren in der liberalen Partei gearbeitet zu haben. Er hat also zwanzig Jahre wacker geholfen, das österreichische Volk zu verdummen und zu knechten. Seine Partei hat das reaktionärste Wahlrecht geschaffen, die korrupteste Presse großgezogen, diejenigen, die noch bis zum letzten Augenblicke die Wahlreform aufs heftigste bekämpft haben, waren die Deutschfreiheitlichen, ln der Art, wie dieser „Volksmann“ gegenwärtig arbeitet, ist die liberale volkstümliche Schule zu erkennen. Er hält „Volksversammlungen“ ab, wo der Eintritt nur gegen Vorweisung auf Namen lautender Einladungen gestattet ist. Gedungene Fleischhackerknechte werfen jeden hinaus, der nicht vom Kandidaten entzückt ist, Gegnern wird einfach das Wort verweigert. Echt liberales System! * * * Der Freiheitlichsoziale. Dr. Rudolf Schwarz-Hiller, der neue Stern am politischen Himmel, gehört einer Partei an, die. nächstens das Jubiläum des fugfundzwanzigsten Namenswechsels feiepi wird. Er ist Demokrat, Deutschdemokrat, Freiheitlichsozialer, wie es gerade der Augenblick erfordert. Vor wenigen Monaten hat seine Partei in der Inneren Stadt zwei getaufte Juden kandidiert und die jüdische Wählerschaft, welche sich gegen ein solches Ansinnen energisch auflehnte, reaktionär, bigott und fanatisch genannt. Heute ist er durch und durch Jude. Er ist rasch in den jüdischen Verein?„Bnei Brith“ eingetreten und läßt seine Vereinsbriiderln aus den Tempelvereinen für sich agitieren. Sein Vorbild ist der Führer Dr. Ofner, der sich, von ICO Prozent Juden gewählt, das „deutsche Herz nicht aus dem Leibe reißen läßt“, wenn es aber zu Wahlen kommt, Jargonflugblätter verteilen läßt und jargonversammlungen abhält. Seine Partei geht Verträge ein und bricht sie 24 Stunden später. Als Dr. Ofner im Jahre 1907 gegen den Chr'stlichsozialen yi die Stichwahl kam, haben die jüdischnationalen für ihn gearbeitet. Die Freiheitlichsozialen versprachen dagegen, beidert kommenden Kultuswahlen für die Jüdischnationalen einzutreten. Bei der Kultuswahl haben sie aber wütend gegen uns und für die offizielle Kultusclique agitiert. Als man ihnen diesen gemeinen Verrat vorhielt und sie an ihre schriftlichen und mündlichen, ehrenwörtlichen Verpflichtungen mahnte, erwiderten die Führer der Schwarz-Hiller-Partei wortwörtlich: „Jn der Politik gibt’s kein Ehrenwort!“ Dunkle Ehrenmänner! v * * Der Sozialdemokrat. Er gehört einer Partei an, die allen Völkern Gerechtigkeit widerfahren läßt — nur nicht den Juden. Auf den sozialdemokratischen Kongressen werden regelmäßig Resolutionen zugunsten der unterdrückten Finnen und Polen in Rußland, der Rumänen und Deutschen in Ungarn, der Indier und Aegypter beschlossen, ebenso regelmäßig läßt man das himmelschreiende Elend der Juden in Rußland, Rumänien etc. unter den Tisch halten. Die Juden haben dieser Partei einen Marx und Lasalle gegeben, sie liefern ihr in der Gegenwart die begeistertsten und erfolgreichsten Agitatoren, dennoch darf das Wort „Jude“ bei den sozialdemokratischen Tagungen nicht erwähnt werden. Die Leute wollen nicht in den Geruch einer „Juden- .«cluitztruppe“ kommen. Auch der Kandidat Franz Schuhmeier trägt dieser Absicht vollauf Rechnung. Das Antisemitein ist seine Freude und die meisten Nummern seiner „Voikstribi'me“ gleichen, wenn die Juden besprochen werden, der „Volkspresse“ des Christlichsozialen Bielohlawek. Er erweist sich als gelehriger Schüler der getauften jüdischen Sozialistenführer, die in der „Arbeiter-Zeitung“ bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit mit seichtem unflätigen Witz über das Judentum und jüdische Bestrebungen herfallen. Wenn man noch bedenkt, daß die Sozialdemokraten einseitig die Interessen des Lohnproletariats vertreten, so scheint es unerfindlich, warum die Leopoldstädter Juden dieser Partei und ihrem Kandidaten blind nachlaufen sollen. Bevor die österreichische Sozialdemokratie ihre Stellung zu den Juden nicht gründlich geändert hat, kann ihr ein selbstbewußter Jude seine Stimme nicht geben. * * * Der jüdischnationale Demokrat. Lucian Brunner ist das Prototyp des unerschrockenen Juden und wahrhaften Demokraten. Im Wiener Gemeinderat hat er, von den „liberalen“ Oppositionsmännern feige im Siche gelassen, allein den Kampf gegen die Antisemiten und besonders gegen ihren Häuptling Lueger geführt. Während die liberalen Gemeinderäte alle Fußtritte und Beschimpfungen einsteckten und beständig winselten, daß man den gefährlichen antisemitischen Feind nicht reizen dürfe, ist er forsch zum Angriff übergegangen. Er hat den bekannten Kirchenbauprozeß beim Verwaltungsgerichtshof geführt und gewonnen und dem famosen Lueger, dem die feigen Judenliberalen ängstlich aus dem Wege gingen, die Lust benommen, für Judengelder Kirchen zu bauen. Seither datiert die Feindschaft der jüdischoffiziellen Clique gegen Lucian Brunner. Die jüdischen Leisetreter können dem Manne sein ehrliches, rücksichtsloses Auftreten gegen den Wiener Parteigötzen noch heute nicht verzeihen, sie hassen und fürchten ihn. Wenn jemand imstande ist, jüdische und demokratische Interessen uneigennützig und sachkundig zu vertreten, so ist es dieser Mann. Seine Unabhängigkeit nach jeder Richtung, seine bekannte Uneigennützigkeit, sein Rechtlichkeitssinn, seine persönliche Einfachheit vereint mit einer von den Gegnern arg gefürchteten Beredsamkeit machen ihn zum besten Kandidaten, den die jüdische Nationalpartei aufstellen konnte. Man macht ihm seine Draufgängernatur zum Vorwurfe, seine sprichwörtliche Rücksichtslosigkeit. Nun denn: Es ist höchste Zeit, daß sich endlich rücksichtslose Draufgänger der jüdischen Sache annehmen. Die Eigenschaften, die seine Gegner ihm zum Vorwurf machen, sind in den Augen ehrlicher jüdischer Demokraten politische Tugenden! Der Mann hat einem Lueger Furcht und Schrecken eingejagt, er wird dem erbärmlichen Gelichter, das sich in Luegers Erbe geteilt hat, entsprechend entgegenzutreten wissen! Kuranda und Genossen. Wir haben zwar die Bußetage kaum vorüber, aber unser lieber Hofrat Kuranda tanzt, als wäre schon Purim. Tanzt um alle deutschliberalen Rednertribünen herum, und die ganze jüdische Leopoldstadt klatscht Beifall, a’s wäre das goldene Zeitalter des Deutschtums und Fortschritts wieder angebrochen; er zitiert die Manen seines Vaters, damit die Welt anschaulich erkenne, wie groß der Vater war und wie herzlich klein der Sohn ist. Er ist wieder munter und lebhaft geworden, als gelte es, einem deutschfortschrittlichen Paiteifreund zu einer antisemitischen Rede zu gratulieren, oder über die Hinlertreppen eines Ministers zu klettern, um eine große jüdische Sache zu schädigen; oder als wären in der Inneren Stadt Gemeinderatswahlen, bei denen er einen getauiten Juden durchsetzen müßte. Diesmal gilt sein Eifer einer kleineren Sache: der Kandidatur Dr. Mittlers, die er zwar als aussichtslos erklärt, die aber ein heiliger Kampf um Prinzipien sei. Seine Logik hiebei ist wunderbar: Schwarz- Hiller ist jung, die Jüdischnationalen sind jung, wählen darf man aber nur, was alt und abgetackelt ist, wählet also Dr. Mittler; und wenn dessen Partei auch im ganzen Reich schmählichen Bankerott gemacht hat, für die Juden in der Leopoldstadt sei sie noch gut genug. Und nach im erhebt sich der also Gefeierte, spricht von allem, was Menschenherz bewegt und klagt laut über die schlechten Finanzen des Landes, die zu sanieren niemand berufener sei, als das Finanzgenie Mittler. Kurzes Gedächtnis oder freiheitlichsoziale Unerschrockenheit. Ein Dogma der deutschliberalen Religion, deren Prophet der große Kuranda ist, lautet: „Die Wiener waren gescheute, liebe Leutchen, hatten das berühmte goldene Wiener Herz und wählten liberal. In einer unheilvollen Nacht geschah aber etwas Schreckliches. Das liebenswürdige Völkchen verwandele sich plötzlich in den ruppigen „dummen Kerl“ von Wien, der in schwarzem, todeswürdigem Undank von den liberalen Göttern nichts mehr wissen wollte, und ach! Seit jener Nacht leuchtet die Sonne der Freiheit nicht mehr.“ Die gläubige Gemeinde ist allerdings recht klein, ihre Genossen kommen in vorgerückte Jahre und die schlimme Jugend will von den Jubelgreisen nichts wissen. Aber auch die älteren Leute, die an ein Wunder nicht glauben, erzählen seit Jahrzehnten allenthalben, daß die einstmals mächtige liberale Partei an ihrer Feigheit, dem tausendfachen Verrat ihrer Grundsätze, ihrer Unaufrichtigkeit und Korruptheit zugrundegegangen ist. Als demnach Dr. Schwarz- Hiller vor wenigen Wochen in einer Versammlung im Hotel Central von der „korrupten altliberalen Partei“ sprach, hat er nur eine alte Wahrheit ausgesprochen, die so allbekannt ist, daß sie eines Beweises nicht mehr bedarf. Die unschuldigen „Altliberalen“ aber taten in ihrer letzten Versammlung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.