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Jüdische Zeitung · 1910-10-27 · 43 (27.10.1910) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
43 (27.10.1910)
Date
1910-10-27
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 43 so, als hätte man ihnen etwas unerhört Neues erzählt und ein großes Wehgeschrei erhob sich. In den Halbfeiertagen des Laubhüttenfestes werden zwar sonst Gedächtnisfeiern für die Toten nicht abgehalten, hier mußten aber vor drei und vier Dezennien verstorbene Männer aufmarschieren, damit sie durch ihr Zeugnis bestätigen, daß Mittler und Kuranda die größten Freiheitshelden der Gegenwart sind. Armer Schwarz-Hiller, wehe dir, wenn du die „Altliberalen“ nicht sofort besänftigst, oder was noch besser ist, sie gänzlich vernichtest, da du sie doch schon tötlich getroffen hast. — Wir wußten, Schwarz-Hiller werde als tapferer Streiter den letzteren Weg wählen. Flugs sendete er eine Zuschrift an die „Neue Freie Presse“, in welcher er bestreitet, die ihm in den Mund gelegte Aeußerung je gemacht zu haben. Und hiezu gehört wirklich sehr viel Tapferkeit. Denn nicht jedermann würde den Mut besitzen, eine Aeußerung, die er in öffentlicher Versammlang vor vielen, heute noch lebenden Zeugen gemacht hat, einige Tage später abzuleugnen. Nun ist wieder alles gut und Schwarz-Hiller spricht nur mehr von der Fleischteuerung, von der Wohnungsnot, von der Bier- und Sanitätsumlage und von sonstigen hübschen Dingen, welche den Redner mit einer schönen, sozialen Drapierung umgeben und ihn nicht in Gefahr bringen, den Zorn auch nur eines „altüberalen“ Krämers wachzurufen. Deutschfreiheitliche Monstreversammlungen. Das Rezept für die Veranstaltung solcher Verlammlungen ist einfach, ln der „Neuen Freien Presse“ wird verlautbart, daß irgendwo eine Monstreversammlung der Deutschfreiheitlichen stattfindet. Den Zutritt haben nur geladene Gäste, aber auch die nicht ausnahmslos. Viele unserer Gesinnungsgenossen - darunter Advokaten, Aerzte, bekannte Kaufleute — fanden in die letzte „Monstreversammlung“ keinen Einlaß, obwohl sie sich mit Karten des Dr. Mittler auswiesen', in denen er ihnen versichert, „er würde sich durch ihre Teilnahme an der Versammlung sehr geehrt fühlen“. Erlauben sich gar einige so Geladene, gemeinschaftlich in die Versammlung zu kommen, werden sie mit Gewalt daran gehindert. Gegen Gewalt gibt es aber wieder nur Gewalt, was sich die Herren für die Zukunft merken mögen. Im Uebrigen ist man in einer Versammlung christlichsozialer Möbelpacker und Schwerfuhrwerker — diese zwei an sich ehrenwerten Stände mögen uns den Vergleich mit den liberalen Bankrotteuren verzeihen — seines Lebens entschieden viel sicherer, als in einer Versammlung „deutschfreiheitlicher“ Juden. In der letzten „Monstreversammlung“ im Hotel Continental legte insbesondere Gemeinderat Mittler eine Forschheit an den Tag, um die ihn ein Radaubruder aus der Umgebung Schönerers beneiden muß. Der Gemeinderat Helbig hatte erklärt, Mittler sei nur Zufallsjude, eigentlich sei er ein Germane. Dieses Kompliment war Mittler solchermaßen zu Kopf gestiegen, daß er in der Versammlung einen derartigen Heldenmut an den Tag legte, daß man sofort an den Teutoburger Wald dachte, in dem Mittlers Vorfahren doch zweifellos gekämpft haben. Kaum wurde er Lucian Brunners ansichtig, welchem, obwohl er zur Versammlung geladen war, der Eintritt gleichfalls verwehrt wurde, als er von der Tribüne herunterschrie: „Hauts ihn, den Brunner“, welchen Ruf er einigemal wiederholte. Allerdings, diesen Heldenmut zeigte Mittler bloß aus größerer Entfernung, umgeben von seinen brüllenden Parteigenossen. Als ihn der Zufall in die Nähe Brunners brachte, meinte er nur mehr: Brunner möge sich schämen; worauf Brunner prompt antwortete :„ Warum denn? Ich habe ja meine Schulden gezahlt“; hierauf verduftete Herr Mittler aufs rascheste. Warum ihn da plötzlich der Mut verlassen haben mag? Zionistischer Abituriententag. Die gesamte Wiener jüdischnationale Studentenschaft versammelte sich Dienstag, den 18. Oktober im Hotel „Post“ zu einer Abiturientenversammlung. Sie wurde von der Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler, die als berechtigter Vertreter der jüdischen Studentenschaft die Vorbereitung und Leitung desselben übernommen hatte, veranstaltet. Der Abend gestaltete sich zu einer der glänzendsten Wiener jüdischen Veranstaltungen. 500 jüdische Studenten, Vertreter fast aller jüdischnationalen österreichischen Studentenkorporationen, füllten den Saal. Auch eine große Zahl von Abiturienten war erschienen, die für unsere Ideen gewonnen werden sollten. Den Abend eröffnete der Präsident der Lesehalle, JUC. Robert Sonnenmark mit einer Begrüßungsansprache. Als erster Referent sprach Dr. Karl Pollak, der in beredten Worten die jüdischen Studenten und besonders die Abiturienten zum Eintritt in eine jüdische Korporation einlud. Hierauf ergriff Dr. Egon Zweig das Wort. Der Inhalt seiner glänzenden Rede war eine ernste Mahnung an die jüdische Studentenschaft, im Kampfe um die jüdischen Ideale auszuharren und an deren Verwirklichung zu arbeiten.- Weiters mahnte er die Studenten zum Eintritt in die Lesehalle, sie dadurch auszugestalten und zu einem mächtigen Angelpunkt jüdischer Interessen; zu machen. — Als letzter sprach, stürmisch begrüßt, Herr Abgeordneter Adolf Stand. Er pries die Studenten als die ersten und wichtigsten Kämpfer für politische Ideen und fot^- derte sie ebenso wie sein Vorredner auf, mit der größten Energie iür das jüdischnationale Programm, das auf allen Gebieten der jüdischen Kultur befruchtend gewirkt hat, zu arbeiten und auch praktisch ihre Fähigkeiten in den Dienst der Sache zu stellen. Stürmischer Beifall lohnte alle Redner. In kurzen Worten setzte cand. phil. Max Präger die Ziele und Zwecke der Halle auseinander. Hierauf folgte der gemeinsame Kommers, der von Herrn Theodor Kohn („Unitas“) prächtig geleitet wurde und den schönen Abend würdig beschloß. , Parteinachrichten. Der ordentliche innerösterreichische Distriktstag findet am Sonntag, den 6. November 1910, präzise 10 Uhr vormittags im Saale des zionistischen Bureaus, Wien, IX. Türkenstraße 9, statt. Tagesordnung: 1. Rechenschaftsbericht des abtretenden D.-K.; 2. Dotierung deS Distriktsfonds; 3. Neuwahlen; 4. Eventualia. Sämtliche Vereine und Gesinnungsgenossen werden dringend ersucht, die noch nicht verrechneten Schekelblocks sowie die restliche Parteisteuer ehestens abführen zu wollen, da laut Bestimmung des Organisationsstatuts nur jene Vereine Sitz und Stimme .am Distriktstag haben, von welchen ordnungsgemäß Schekel und Parteisteuer verrechnet wurden. Je 25 Mitglieder eines Vereines wählen einen Delegierten. Angefangene 25 werden als volle Zahl gerechnet. Anträge sind schriftlich bis spätestens Samstag, den 5. November 1910, 4 Uhr nachmittags, im zionistischen Bureau einzubringen, bis zu welchem Termin auch sämtliche Zahlungen geleistet sein müssen. Für das D.-K.: Dr. Hugo Zuckermänn, Dr. Leopold Meisel. * * * Sitzung des Großen Aktionskomitees. Für die am 22. November und den folgenden Tagen in Köln stattfindende Sitzung des Großen Aktionskomitees ist vorläufig folgende Tagesordnung festgesetzt worden: 1. Bericht des EAC.; 2. Organisationsstatut; 3. Ehrengericht; 4. Kongreßort und -Zeit; 5. Agrarkreditinstitut; 6. Chalukah; 7. Finanzlage; 8. Presse; 9. Institutionen; 10. Verschiedenes. * * * Beratung der Organisationskommission. Für den 30. Oktober ist eine Beratung der von der Jahreskonferenz eingesetzten Kommission zur Beratung des neuen Organisationsstatuts nach Köln einberufen worden. Zu derselben wurden auch je ein Vertreter der Föderationen „Misrachi“ und „Poale-Zion“, die gegen das neue Statut prinzipielle Bedenken geltend gemacht haben, eingeladen. * * * Die Chalukah. Nachdem durch das Aufrollen der Schmittah- Frage in diesem Jahre durch einige Rabbiner Jerusalems den Kolonisten große Schwierigkeiten entstanden sind, hat in Rußland eine heftige Bewegung gegen die Chalukah eingesetzt, die sich sogar schon in erregten Manifestationen geäußert hat. Das russische Zentralkomitee hat daraufhin öffentlich vor derartigen planlosen Kundgebungen gewarnt, und .-das EAK. hat mit Rücksicht darauf, daß die Frage der Chalukah eine allgemeine, die zionistische Gesamtorganisation betreffende ist, beschlossen, dieselbe auf die Tagesordnung der AK.-Sitzung zu setzen. Nationalitätenfrage und Wissenschaft. Die Sensation der Woche ist die Rede, welche der Neugewählte Rektor der Wiener Universität, Prof. Bernatzik, anläßlich der Inaugurationsfeier gehalten hat. Wir haben die markantesten Stellen derselben bereits abgedruckt. Die Bedeutung der Rede liegt nicht darin, daß der berühmte Jurist etwas Neues gesagt hätte — das war durchaus nicht der Fall — sondern, daß der Rektor der ersten Hochschule des Reiches, also der berufenste Interpret österreichischer Wissenschaft bei einem besonders feierlichen Anlaß ausgesprochen hat, daß Oesterreich ohne Rücksicht auf die „historisch politischen Individualitäten“ nach Nationen gegliedert werden müsse. Diesem Gedanken wird dadurch eine unendlich größere Resonanz in der Oeffentlichkeit verliehen, als bisher, so lange er nur von einem kleinen Häuflein Jüdischnationaler und Demokraten, soweit sie noch dem alten Programm Fischhofs treu geblieben sind, verfochten wurde. Wohl haben die Theoretiker der Sozialdemokratie jenen Gedanken übernommen und weiter ausgebaut, aber in der Praxis verleugnet diese Partei das Programm der nationalen Autonomie und führt es nicht einmal in der eigenen Organisation durch. Wie anders sähe es heute in Oesterreich aus, wenn die alte wahrhaft demokratische Partei Fischhofs, welche noch Ideen hat und für Ideen stritt, nicht von den Interessen- und Beutepolitikern verdrängt worden wäre! Die Rede des Rektors wird die Idee der nationalen Autonomie, welche im Grunde schon 60 Jahre alt ist, in die weitesten Kreise tragen und ihr eine viel größere Popularität geben, als sie sie jemals durch die Agitation des kleinen Häuflein Ihrer wahren Verfechter hätte erlangen können. Rektor Bernatzik hat übrigens in seiner freimütigen Rede der Regierung einen schweren Schlag versetzt. Bekanntlich hat sich diese über einen Beschluß des Parlamentes hinweggesetzt und, gestützt auf ein angeblich wissenschaftliches Gutachten der statistischen Zentralkommission, verordnet, daß bei der diesjährigen Volkszählung keine Frage nach der Nationalität neben jener nach der Umgangssprache statthaben soll. Der berühmte Jurist Bernatzik, der anders als die Professoren der statistischen Zentralkommission, von der Regierung unabhängig ist, ironisierte sehr fein das famose Gutachten dieser Herren und wies nach, das die „angeblichen“ Schwierigkeiten in der Erhebung der Nationalität in Wahrheit gar nicht bestehen, sondern das Kriterium derselben einfach in dem Bekenntnis deslndividiums liege. Wer die Nationalität nach der Umgangssprache bestimme, wie es bekanntlich die Regierung tun will, der verschleiert, nach Bernatzik, den wahren Sachverhalt. Das ist stark, aber gesund. Wir sind neugierig, wie die hochweise Regierung sich dieser Rede gegenüber verhalten wird. Sie kann auf keinen Fall schweigen und diese fürchterliche Bloßstellung ruhig hinnehmen. In seiner wahrhaften Art hat sich der Rektor auch um die Frage der Anerkennung der jüdischen Nationalität nicht herumgedrückt. Er verlangte, daß im künftigen Nationalitätengesetz ausgesprochen werden müsse, ob den Juden Nationscharakter zuzuerkennen sei oder zumindest jenen Juden, welche sich als jüdischnational bekennen. Ein Rektor, der so spricht, wird gewiß im eigenen Wirkungskreis, bei der Frage der Anerkennung der jüdischen Nationalität an der Hochschule, der berechtigten Forderungen der jüdischen Studentenschaft sich geneigt zeigen. Die Rede Bernatziks hat zweifellos der verlogenen Nationalitätenpolitik, welche sowohl von der Regierung, als auch den bürgerlichen und sozialistischen Parteien betrieben wird, einen gewaltigen Stoß versetzt und dem Gedanken der nationalen

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