Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1910-10-27 · 43 (27.10.1910) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
43 (27.10.1910)
Date
1910-10-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2438141-2438273-2438316--2132-2441780
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. ' Nr. 43 Der Stimmzettel ist folgendermaßen auszufüllen: |t « m t (Cljitrrthttt* ober gefdjäftiguttg JUoljitdrt Ii e $ 4$ n ttt ü 1| 1 t nt Lucian Brunner Bankier XIX. Bezirk, Billrothstraße 26. Die Wahl findet Freitag, den 28. Oktober statt. Die Stimmenabgabe erfolgt in der-Zeit von 6 Uhr früh bis 5 Uhr nachmittags. Zentrale und IV. Sektion: j Cafe „Goldener Brunnen“ (Souterrain), II., I Schmelzgasse 1. Telephon 15117. j I. Sektion: Cafe Dohan, II., Untere Augartenstraße 26. Telephon 14590. I HgifationslDkale: II. Sektion: Restaurant Hirschbein,II.,Schiffamtsgasse 20. III. Sektion: Cafe Stefanie, II., Stefaniestraße 2. Telephon 21159. IV. Sektion ist in der Zentrale. V. Sektion: Caf£ Ostende, Kaiser Josefstr. 31. Tel. 13467. VI. Sektion: Gasthaus Franz Hager, II., Ausstellungsstraße 43. ' Die Herren Wähler werden ersucht, bevor sie zur Wahl gehen, sich in einem der Agitationslokale einzufinden, wo alle Auskünfte erteilt werden. Daselbst sind auch Stimmzettel zu haben. Die bürgerlichen und studentischen Wahlleiter sowie die den einzelnen Sektionen zugewiesenen Agitatoren finden sich um 6 Uhr früh in den Agitationslokalen ein Die Agitatoren haben sich sofort bei dem Wahlleiter zu melden. In zwölfter Stunde. In zwölfter Stunde soll den jüdischen Wählern der Leopoldstadt nochmals klar und eindringlich gesagt sein, aus welchen prinzipiellen Motiven die politische Organisation der bewußten Juden in den bevorstehenden Wahlkampf eingreift. Jeder Kenner der Verhältnisse dieses Bezirkes weiß, daß die furchtbare Lage der Wiener breiten jüdischen Massen nicht zum geringsten Teile auf die wahnwitzige Politik der Juden - oder vielmehr ihrer unberufenen Führer — zurückzuführen ist. Die deutschnationalen, tschechischnationalen' und polnischnationalen jüdischen Politiker haben die jüdische Menschenware nach Wien verschleppt, die der Herr von Wien zu Sklaven niederster Sorte herabgedrückt hat. Sie haben den furchtbaren nationalen Boykott am Gewissen, der draußen am flachen Lande den kleinen jüdischen Gewerbetreibenden, Landwirt und Zwischenhändler von der Scholle riß, in die Großstadt jagte und ihn zum Schnorrer, Luftmenschen und Desperado degradierte. Die deutschen Trutzfeste, an denen schwarzrotgoldene getaufte und ungetaufte Juden heilrufend im Vordertreffen standen, haben so und so viele arbeitsame, brave, kerngesunde jüdische Kleinbürger dem Boykott, ja dem iötlichen Haß der tschechischen Mitbürger preisgegeben und sie dem Wiener Elend zugeführt. Gleiches haben die jüdischen Exaltados im tschechischen und polnischen Lager verbrochen. Jeder jüdische Politiker, der in einem fremdnationalen Lager steht, begräbt eine Unzahl jüdischer Existenzen und verhindert das so dringende Friedenswerk der nationalen Verständigung. Die beiden »freiheitlichen“ Kandidaten müssen also schon aus diesen rein wirtschaftlichen Motiven bekämpft werden. Aber auch die Sorge um die jüdische Zukunft und die Ehre unseres Volkes erheischt die größte Kräfteanspannung in diesem Wahlgange zu Gunsten des bewußt jüdischen demokratischen Kandidaten. Wie sollen uns unsere Feinde achten, wenn wir Leute mit unserer Vertretung betrauen, die anderen Völkern ihr gutes Recht auf die eigene Nation verkürzen möchten, wie es Herr Dr. Mittler gegenüber den Wiener Tschechen getan hat? Wie sollen die freien Geister aller Völker dieses Reiches uns vertrauen, wenn wir einen Vertreter in ihre Mitte entsenden, der, wie Dr. Schwarz-Hiller in der eigenen, der jüdischen Gemeinde, das reaktionärste Wahlrecht favorisiert? Wie sollen wir dieser furchtbaren, judenfeindlichen Entwicklung, die uns immer enger die Kehle zuschnürt, standhalten können, wenn wir nicht jener Bewegung eine Gasse machen, die die Zusammengehörigkeit aller Juden des Reiches proklamiert, das.Prinzip der Selbsthilfe -als erstes Gebot der jüdischen Politik erkennt und mit Einsetzung allerKräfte an der Regeneration unseres zermürbten Volkstums arbeitet? Nein. Die Gutgesinnten, die Treuen, die Gewissenhaften, die Weitblickenden müssen diesmal ihre Stimmen zählen und zeigen, daß wir es endlich satt haben, Leute mit unseren Armen in die wohlige Atmosphäre der politischen Aemter hinaufzuheben, die uns dann kaum mehr kennen wollen und die ihr Volkstum verleugnen, wo immer es nur angeht, uns zum Schaden und der Oeffentlichkeit zum Spott! Unser Mann, der auf dem rein demokratischen Programm des Jüdischen Nationalvereines für Oesterreich“ kandidiert, steht als moderner, bewußter Jude dem Nationalitätenhader fern. Er hat während seiner bisherigen politischen Tätigkeit gezeigt, daß man den Schild seines Volkes blank erhalten kann, ohne ein verbohrter Chauvinist oder ein lächerlicher Hurrahnationalist zu sein und er hat es durch die Tat bewiesen, daß man als volkstreuer Jude den anderen Völkern des Reiches viel leichter die Hand zum Frieden reichen kann, wie als vermummter deutscher oder slavischer „Israelit“. Die letzten Wochen der Wahlkampagne haben uns reiche Ernte gebracht. Unsere Versammlungen waren wahrhaft erhebend. Die begeisterte Teilnahme der jüdischen Bevölkerung, das Verständnis für unsere Bestrebungen, die überaus erfreuliche, eifrige Mitarbeit der treujüdischen Elemente aller Schichten gibt uns und unseren Führern die besten Hoffnungen, wie immer auch der Wahltag ausfallen mag. Ein Stein ist in die stagnierenden Wässer geworfen worden und es wird sich nicht an den Stimmen des jüdischnationationalen Kandidaten ermessen lassen, wie tief der Sumpf aufgewühlt wurde. Aber an dem Terrorismus unserer Feinde, an der unwürdigen'Totschweigepolitik der „liberalen“ Presse und an der massenhaften Verbreitung der häßlichsten Lügengerüchte über die unantastbare Person unseres Kandidaten kann man ersehen, daß wir ungeahnt gewachsen sind. Mögen unsere Freunde, an der Urne demonstrieren, daß sich unsere gute und große Sache nicht niederzwingen läßt und mögen sie den Mut der Ueberzeugung allen Ränken und Lügen zum Trotz an den Tag legen. Unser ist die Zukunft! Der „liberale“ Skandal in der Leopoldstadt. Nun beginnen allmählich auch die Juden der Leopoldstadt einzusehen, daß die liberale Partei faul bis ins Mark ist. Monatelang erzählte man sich in allen Kaffeehäusern, daß nunmehr der große Augenblick des Zusammenbruches der christlichsozialen Wirtschaft endgültig gekommen sei. Eine Periode „liberaler“ Renaissance werde anbrechen; man solle nur die alten, bewährten Führer frei walten und schalten lassen. In der Tat, niemals war die Lage für eine ernste Bekämpfung der antisemitischen Machthaber - so günstig. Die ganze Bevölkerungseufzt unterder Lebensmittelteuerung, die Fleischpreise steigen ins Unendliche und der Verrat der städtischen Interessen an das ausbeuterische Agrariertum muß dem kurzsichtigen Auge sich offenbaren. Mit unendlichem taktischen Geschick nützt die Sozialdemokratie die Situation aus. Was machten aber unsere Liberalen? Anstatt in die äußeren christlichen Bezirke zu gehen, anstatt das christliche Bürgertum zu sammeln, beschränkten sie ihre ganze taktische und agitatorische Tätigkeit darauf, in jüdischen Versammlungen auf die Christlichsozialen zu schimpfen. Noch nie ist eine Partei so offenkundig herabgekommen. Jetzt weiß man es genau, warum in so rasendem Tempo, gleichsam im Handumdrehen, Lueger triumphieren konnte. Der Agitator, der die Liberalen so rasch bemeistern konnte, er war wirklich kein Künstler ersten Ranges und seine historische Bedeutung wird durch die heutige Wirksamkeit der Liberalen sicherlich nicht vergrößert. Aber das, was heilte sich in der Leopoldstadt ereignet, übertrifft alles

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.