Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 42 (21.10.1910)
- Date
- 1910-10-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite2 -JÜDISCHE ZEITUNG.;:Nr. 42 führte einige Beispiele hiefür an, und erklärte, daß es mit dem Ehrgefühl der Juden unvereinbar sei, einem solchen Manne die Stimme zu geben, ln trefflicher Weise charakterisierte der Redner hierauf die liberalen Kandidaten. Wiewohl sich seit zwanzig Jahren die Wiener Politik um den judenpunkt drehe, finden die Liberalen nicht den Mut, ihre Stellung zu dieser Frage zu bekennen. Sie drücken sich um diese Frage herum, weil es ihnen unangenehm sei, sich als Juden bekennen zu müssen. Der Kandidat besprach hierauf seine Stellung zur Judenfrage im Sinne des jüdischnationalen Programmes. Die ausgezeichnete Rede wurde mit großem Jubel aufgenommen. Nachdem ein Sozialdemokrat vergeblich versucht hatte, Schuhmeier gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz zu nehmen, sprach in glänzender Weise Gg. Dr. S c h a 1 i t. Trotz der Störungsversuche seitens der Sozialdemokraten gelang es, die Versammlung programmgemäß zu Ende zu führen. Der Wiener Kultusvorstand und die Leopoldstädter Landtagswahl. Wir Zionisten haben stets den Grundsatz verfochten, die sogenannte Israelitische Kultusgemeinde müsse, wenn sie als einzige autonome Behörde der Judenschaft ihren Platz ausfüllen wolle, sich als jüdische Volksgemeinde betätigen. Unsere Gegner, die jetzigen Machthaber in der Seiten stettengasse, sträuben sich gegen die Pflichten, welche die Leitung einer solchen Volksgemeinde ihnen auferlegen würde und verschanzen sich hinter den beschränkten Wortlaut des Judengesetzes und ihrer Statuten. Mit Konsequenz vermögen aber unsere Gegner ihren Grundsatz nicht festzuhalten. Wo sieglauben,sichohnegroßeAnstrengungin Szene setzen zu können, da erheben: sie ihre Stimme, auch wenn es sich nicht gerade um Wahrung rein religiöser Interessen handelt. So suchte der Herr Kultuspräsident das alleinige Verdienst zu reklamieren, daß den Juden Bosniens schließlich doch ein Volksmandat für den Landtag eingeräumt worden ist. So gab ferner der Herr Präsident gelegentlich der letzten Gemeinderatswahlen in der Inneren Stadt als Versammlungsredner in feuriger Ansprache die von uns gewiß gebilligte Parole aus: „Die jüdischen Stimmen gebühren eher einem arischen Antisemiten als einem Meschumed.“ Wenn jemand behaupten will, der Herr Präsident habe durch diese Ansprache das religiöse Gebiet nicht überschritten, so sei dem — zur Vermeidung unnötiger Polemik — beigestimmt. Wo aber bleibt dann ein paar Monate später — bei der Landtagswahlkampagne in der Leopoldstadt — -derselbe Herr Präsident, da doch dieselbe von den Herren Dr. Ofner und Hofrat Hock geführte, taufsüchtige Clique, welche bei den Gemeinderatswahlen so kläglich unterlag, Herrn Dr. Schwarz-Hiller den Juden als Kandidaten präsentiert hat. Die armen Juden, welche um irgendeine Direktive nach der Seitenstettengasse ausschauen, bleiben hilf- und ratlos. Der Herr Präsident schweigt, sein Leibjournalist Dr. Bloch schreibt wohl für Dr. Mittler und gegen Dr. Schwarz-Hiller, dafür wieder wird dieser selbe Dr. Schwarz-Hiller vom Kronprinzen der Wiener Kultusgemeinde, Herrn Max Frank, welcher der Antitaufkampagne sein Gemeinderatsmandat verdankt, bei denBB.feierlich eingeführt unddurch Empfehlungsbriefe, welche an alle „Brüder“ hinausgehen, aufs wärmste der jüdischen Wählerschaft empfohlen. Wo ist da Logik, wo ist da Konsequenz? Wenn der Kultusvorstand seine Aufgabe richtig erfassen würde, die Ehre und das Ansehen der Wiener Judenschaft zu verteidigen, hätte er nimmer zugeben dürfen, daß sich diese jämmerliche Katzbalgerei von jüdischen Landtagskandidaten zum Gaudium der Christlichsozialen abspielt. Aber die Herren in der Seitenstettengasse haben jetzt für Derlei keine Zeit, sie hängen wichtigeren Problemen nach. In geheimen Sitzungen werden jetzt die Geldsäcke jener nachgewogen, die bei der kommenden Kultuswahl in den Vorstand „hereingelassen“ werden sollen— so lautet der Fachausdruck. Die Hereingelassenen werden dann vom wohlpräparierten „Zentralkomitee“ der Wählerschaft präsentiert werden. In der Kultusstube wird’s beschlossen, im Zentralkomitee; wird’s besiegelt und die Wähler bekommen ihren Jomkippur. Wochenrundschau. Die nationale Zersetzung der österreichischem Sozialdemokraten macht unaufhaltsame Fortschritte. Die tschechischen Separatisten haben ihre Angriffe erst gegen die Zentralorganisation der Gewerkschaften gerichtet, welche hiedurch mehr als 30.000 Mitglieder verloren haben, dann gegen die Genossenschafts-Zentrale und erließen neuerdings von Prag her ein von den Abgeordneten Johanis und Dr. Houser, Mitgliedern der tschechischen Parteiexekutive, mitgefertigtes Zirkular mit der Aufforderung, aus der seit 1904 bestehenden Reichskommission der Krankenkassen auszutreten und eine Reichskommission der tschechischen Krankenkassen zu gründen. 'Die „Arbeiter-Zeitung“ klagt: „Man muß gestehen, . die Separatisten sind konsequent, ist .der Separatismus Wahnsinn, so hat er Methode.“ Solange getaufte Juden ä la Austerlitz großschnauzig über die; nationalen Bedürfnisse der Arbeiterschaft -Recht’ sprechen dürfen, wird die nationale Zersetzung der internationalen Sozialdemokratie immer rapider <um sich greifen. * Der Moralist Vergani eintet jetzt den Dank für seine zähem'Angriffe gegen die um Geßmann. Kürzlich gab Landesausschuß Bielohlawek eine Extranummer seiner „Oesterreichischen Volkspresse“ aus, beinhaltend „Neue Enthüllungen über die Verganiten“. Darnach habe der Moralist vom „Deutschen Volksblatt“ zwei Wochen nach Verurteilung des Erpressers Pöschl im Verleumdungsfeldzug Verganis gegen Geßmanns Baukreditbank deren Schätzmeister Gemeinderat Grünbeck offeriert, er, Vergani, wolle den Kampf gegen die Bank einstellen, wenn er bei ihr eine Verwaltungsratstelle bekomme. Vier Zeugen sollen dies bestätigen. Ferner habe Vergani, der ja vorgibt, Luegers Erbe vor der schlechten Politik und Korruption Geßmanns beschütze^ zu müssen, Ende Juli 1910 zur Zeit der wildesten Fehde das „Deutsche Volksblatl“ demselben Dr.' Geßmann zum Kaufe angeboten. Da ist es kein Wunder, daß unser Judentum in den Augen eines , so peniblen Moralisten wie Vergani keine Gnade finden kann. * Vom Bocher zum weltberühmten Gelehrten, zum Vertrauensmann von Königen und Regierungen hat es Hermann Vambery,vormalsBamberger,gebracht. Dieser Tage hat die ungarische Akademie der Wissenschaften die fünfzigste Wiederkehr des Tages gefeiert, an welchem sie den Orientalisten und Forschungsreisenden als Mitglied aufnahm. Auffallend bleibt die Zurückhaltung der ungarischen Regierung, welche die Ehrung einer solchen europäischen Berühmtheit der Akademie überläßt. Prof. Dr. Vambery ist Nationaljude und hat auch wiederholt unseien Führer Dr. Herzl beraten. Mit den Assimilanten als Parteiführer geht es nun auch in der Sozialdemokratie bergab. Der in Wien tagende Gewerkschaftskongreß sah sich genötigt, den Dr. Adler gegen die Schmähungen tschechischer Genossen in Schutz zu nehmen. Auch in dieser Partei sind just die Assimilanten die Hauptschreier im nationalen Kampfe und müssen daher das Schicksal ihrer Stammesgenossen in anderen Parteien erfahren: mehr oder minder sachte abgeschüttelt zu werden! Köstlich ist es nur, diesen Prozeß bei der Sozialdemokratie zu verfolgen. Die Assimilanten, um nicht als Juden erkannt werden, schreiben die Parteiblätter extrem antisemitisch. Wenn ihre Saat aufgeht und die Genossen ordentliche Judenfeinde geworden sind, dann geht es ihnen zuerst selbst an den Kragen! Wenn schon der Vater der Partei, der „Jude Adler" den Genossen nicht mehr heilig ist, wie wird es dann erst den kleineren Göttern gehen? Die Aufgaben der Studentenschaft. (Jahresbericht der Bar-Kochba, Prag.) Das Hochschuljahr beginnt .und aus allen Gauen der Monarchie strömen die Studenten in den wenigen Unterrichtszentren zusammen. Neben dem Studium beginnt für sie auch das Leben in ihren versahiedenen Vereinen. Unsere zionistische Studentenschaft ist mächtig angeschwollen, sie zählt bereits nach Tausenden. Der Geist der sie beseelt, ist ein hoffnungsfreudiger, überall sind sie bereit, mitzuhelfen, bei der kleinsten, bei der schwersten Arbeit stellen sie ihren Mann. Doch die Art ihrer Betätigung hat sich im Laufe der Jahre völlig geändert, ln den Jugendjahren des Zionismus galt" es, vor allem wehrhaft und stark aüfzutreten, den „Judenjungen“ wieder Achtung zu verschaffen, das heilige Feuer der Begeisterung wach zu halten und den Assimilanten Furcht und Schrecken einzujagen. Da waren die Studenten allezeit voran. Heute, wo es sich darum handelt, im Golus wie in Palästina langsame und solide Bauarbeit zu leisten, heißt es vor allem für jeden Zionisten, gute Werkzeuge zu besitzen. Für den Studenten gilt es, in eifriger Arbeit seine geistigen Waffen zu schärfen. - - In den Vereinigungen zionistischer Studenten ist diese Erkenntnis schon lange wach. Immer inten- .siverc zionistische Bildungsarbeit .wird in .den einzelnen Verbänden geleistet. Ein schönes Beispiel dafür bietet uns die „Bar-Kochba“, Prag, deren gedruckter Semesterbericht uns vorliegt. Daß diese Vereinigung klar erfaßt hat, was not tut, geht aus dem Vorwort hervor, in dem es heißt: „Zweierlei sind die Aufgaben eines zionistischen Vereines und insbesondere Studentenvereines: Einmal müssen sie auf die Nichtzionisten einwirken, ihnen unsere Ideale nahebringen, sie uns annähern und sie für uns gewinnen. Aber zwischen dem durch diese Propaganda gewonnenen Zionisten und dem idealen Zionisten, der selbst nach Palästina geht und an dem Werke mitarbeitet, ist ein weiter Entwicklungsweg zu durchschreitsn,-der zu bezeichnen-wäre als die Vorbereitung nach Palästina. Wir wollen uns selbst diesen Weg finden und ihn gehen. Im Besonderen glauben wir, unsere Kräfte nicht so sehr der Propaganda, als vielmehr der uns ungleich schwieriger, aber auch wichtiger erscheinenden Arbeit der Vertiefung des Zionismus widmen zu dürfen. Daß der Verein sich redlich bemüht hat, dieses Programm durchzuführen, davon gibt nicht nur der Jahresbericht Kenntnis, sondern auch die Männer, welche aus ihm hervorgegangen sind. Wir nennen Dr. Hugo Bergmann, Dr. Zuckermann und Dr. Viktor Kellner, um nur die bekanntesten Namen zu erwähnen. Dr. Kellner, dessen geistige Energie namentlich in den letzten Jahren die Prager Bar-Kochbaner befeuerte, ist sofort nach seiner Promotion als Lehrer an das hebräische Gymnasium in Jaffa engagiert worden. Dieser Fall beweist (ebenso wie jener des Dr. Müller, Wien aus „Theodor Herzl“) von neuem, daß auch westeuropäische Zionisten als intellektuelle Kräfte nach Palästina gehen. Der Bericht der Bar-Kochba weist ein reiches Arbeitspensum auf. Seminare für Nationalökonomie, jüdische Geschichte, Hebräisch, Vorträge über alle wichtigen theoretischen Fragen, haben die Mitglieder tüchtig geschult, Veranstaltungen, wie der Festabend, an dem Feiwel und Wassermann lasen, die Bezalelausstellung, an welcher der Verein entscheidenden Anteil hatte, die Gründung eines Bczalelvereines sowie Propagandatätigkeit aller Art, namentlich noch in den Provinzstädten, sorgten für die Agitation nach außen, die Gründung des ersten zionistischen Studentenverein mit tschechischer Umgangssprache sowie die rege Anteilnahme an allen wichtigen Paiteientscheidungen lassen eine energische Arbeit für die Organisation erkennen. Wir haben über diesen Bericht, der uns in geschmackvoller Ausstattung gedruckt vorliegt, ausführlicher gesprochen, weil uns die darin geschilderte Tätigkeit vorbildlich erscheint. Auch andere Studentenvereinigungen haben in den letzten Jahren tüchtig an der Fortbildung ihrer Mitglieder gearbeitet und es ist zu hoffen, daß auf diesem Wege fortgeschritten werden wird. Es wäre vielleicht von Nutzen, wenn sich Vereinigungen der einzelnen Vereine bilden würden, welche an gemeinsam durchzuführenden Aufgaben, wie Veranstaltung von Palästinareisen, Stellenvermittlung usw. herantreten könnten. Solche haben schon früher bestanden und könnten mit Leichtigkeit wieder ins Leben gerufen werden. Wie wir vernehmen, beschäftigt sich auch das Zentralbureau mit dieser Frage und es wird angezeigt sein, etwaige Anregungen an dessen Adresse gelangen zu lassen.