Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 42 (21.10.1910)
- Date
- 1910-10-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Bez., Billrotstraße 26. Agitationszentrale: Cafe „Goldener Brunnen“ (Souterrain) -: II. Bez., Schmelzgasse Nr. 1 (Ecke Taborstraße). Telephon 15.117. Samstag, den 22. Oktober um 8 Uhr abends Wählerversammlung im Hotel Arco 11., Rotensterngasse Nr. 7 a. Referenten: Reichsratsabgeordneter Adolf Stand, Kandidat Lucian Brunner. Weitere Versammlungen werden durch Plakate und Einladungen bekanntgegeben. Landtagswahl in der Leopoldstadt. Wieder stehen wir vor einer Wahl in der Leopoldstadt. Die Jüdischnationalen, welche sich als den Grundstock einer zu bildenden österreichischen demokratischfortschrittlichen Volkspartei, bestehend aus den Besten aller österreichischen Völkerschaften, betrachten, halten es für ihre Aufgabe, in den Wahlkampf einzutreten. Sie haben mich aufgefordert, als Wahlwerber aufzutreten. Nur ungern entschloß ich mich, diesem Rufe zu folgen. Wenn man sechs Jahrzehnte hinter sich hat, sich einer befriedigenden Gesundheit erfreut, ein glückliches Familienleben führt und auch in materieller und sozialer Beziehung eine achtunggebietende Stellung einnimmt, bleibt kein Raum mehr für persönlichen Ehrgeiz. Es handelt sich jetzt um einen Kampf in des Wortes vollster Bedeutung. Einen Kampf gegen Denkfaulheit, Eigennutz und Korruption, einen Kampf für Ideale, in einer Zeitepoche, die erfüllt ist vom Widerstreit schmutziger materieller Interessen, ungezügelter Genußsucht gepaart mit charakterloser Ehrsucht. Das öffentliche Leben wird beherrscht von zahllosen streberischen Cliquen, beeinflußt von einer gesinnungslosen, zum Teil käuflichen Presse, und die große Menge des Volkes folgt lügnerischen Schlagworten, welche ihr das Denken ersparen. Zwanzigjahre langsteheichim politischen Leben unseres Vaterlandes und habe den Niedergang der öffentlichen und privaten Moral miterlebt. Mehr als in jedem anderen Lande ist bei uns das politische Leben zersplittert in eine Unzahl Parteien und Fraktionen, welche innerlich verfault sind, und deren Bezeichnungen nur notdürftig die innerliche Verlogenheit verhüllen, unter welchen sich ein unfähiges und unfruchtbares Strebertum zu verbergen sucht. Einen Lichtpunkt in diesem Meer von Lüge und Heuchelei bilden die Bestrebungen der jiidischnationalenPartei.Hier ist nochechte und wahre Ueberzeugung, eine begeisterte und opferwillige Schar von Männern und, was das erfreulichste ist, eine warmblütige, für alle Ideale empfänglichejugend, ein erfreulicher Nachwuchs. Diese an Zahl kleine Gruppe birgt in ihren Reihen eine große Zahl charaktervoller und talentierter Männer, wie sie keine einzige österreichische Partei aufweist. Und als sie mit dem bestimmten Begehren an mich herantrat, ihre Vertretung zu übernehmen, da mußte ich mich zu dem Opfer entschließen, meine Ruhe opfern, um mit aller Kraft die Fahne der einzigen wahrhaftigen und volksfreundlichen, von echtem Fortschritt beseelten Partei in diesem Ringen zu tragen. Es ist dies keine kleine Arbeit, denn wir streiten für politische Reinheit und Anständigkeit gegen die öffentliche Korruption der Geister und die Denkfaulheit der Masse. Wir sind nur Wenige; aber das Bewußtsein einer edlen Sache zu dienen macht uns stark und siegessicher, sie feit uns gegen alle Verleumdungen und Geringschätzung. Wir Juden, die wir jahrhundertlange Bedrückungen und Verfolgungen erdulden mußten, wissen, wie weh es tut, Unrecht zu leiden, in seinen Rechten verkürzt zu werden. Wenn wir daher zu allererst die Fahne des wahren Fortschrittes erheben, so begehen wir eine Tat, welche nicht nur unseren Volksgenossen zum Heil gereichen soll, sondern auch ein Eintreten für die heiligsten Güter der Menschheit bedeutet. Es ist nicht das erstemal in der Völkergeschichte, daß wir Juden als Pioniere des menschlichen Fortschrittes auftreten. Es ist sozusagen unsere historische Mission. Die Behauptung seines guten Rechtes ist nicht nur eine Pflicht des Menschen gegen sich selbst, sondern auch gegen seine Mitbürger. In diesem Zeichen treten wir in den Wahlkampf ein, unbekümmert um den augenblicklichen Erfolg. Nicht Lügen und Verleumdungen, nicht Hohn und Geringschätzung, nicht die Denkfaulheit der Masse wird uns müde machen in dem Kampfe. Uns gehört die Zukunft. Wer ein dauerhaftes Werk schaffen will,der|mußsich dessen bewußtsein, daß nur Ausdauer im Kampfe, Geduld, Mut, selbstlose Hingebung und rastlose Arbeit etwas Dauerndes und Wertvolles schaffen können. Gerne verzichten wir dafür auf persönliche Erfolge und mit dem Bewußtsein, daß das Samenkorn, das wir in die Erde legen, heranwachsen wird zu einem mächtigen Baum, in dessen Schatten unsere Nachkommen glücklich leben, geläutert und gereift für die höchsten und hehrsten Aufgaben des Menschengeschlechtes. Es entspricht dies Beginnen dem Charakter unseres Volkes. Während andere Völker von einem goldenen Zeitalter in der Vergangenheit sprechen, haben unsere Weisen stets ihren Blick in die Zukunft gerichtet. Wir erwarten das Heil der Menschheit nicht im Rückschritt, sondern in der Zukunft, in der Vervollkommnung des Menschengeschlechtes. Das ist die Messiashoffnung, die unsere Propheten gelehrt haben, und ihnen wollen wir folgen mit dem Rufe: Vorwärts, zum Licht! Lucian Brunner. Wählerversammlungeit. Samstag fanden zwei gut besuchte Wählerversammlungen im Cafe Stephanie und „Zum Eiskeller“ statt, in welchen Kandidat Lucian Brunner unter großem Beifall zahlreich erschienener Wähler das demokratische und jüdisch-nationale Programm entwickelte. Es sprachen außerdem die Gesinnungsgenossen Dr. Abeies und Hermann Plaschkes. Dienstag fand im „Goldenen Widder.“ eine Versammlung statt, die von mehr als 1000 Personen besucht war. Es war auch eine große Zahl Sozialdemokraten erschienen, die sich vergeblich abmühten, die Versammlung zu sprengen. Referent, Gg. Dr. Paul Weisengrün beschäftigte sich einleitend mit der Person des Kandidaten. Er rühmte seine Unerschrockenheit, sein mannhaftes Auftreten gegen die Christlichsozialen und sein offenes Bekenntnis als bewußten Juden. Die beiden liberalen Kandidaten, die einander aus rein persönlichen Motiven aufs heftigste befehden, versprechen wohl immer, sie werden die Antisemiten wirksam bekämpfen. Lucian Brunner hingegen habe — dies müssen selbst seine heftigsten Gegner zugeben — es schon trefflichster Weise besorgt. Er war im Gemeinderate der einzige, der sich getraute, selbst einem Lueger gegenüber energisch die Interessen der Juden zu wahren. Der Referent entwickelte hierauf das Programm des „Jüdischen Nationalvereines“ und zeigte, daß es ein Vorurteil sei, wenn man annehme, daß die Jüdischnationalen nur eine spezifisch jüdische Politik treiben wollen. Der allgemein österreichische Teil des Programmes sei in weitesten Kreisen unbekinnt. Er wies nach, daß im Gegensätze zu allen anderen Parteien, die Jüdischnationalen die einzigen seien, die eine große österreichische Volkspartei aller Nationen schaffen wollen. Nur so könne Oesterreich wieder gesunden. Deshalb müssen die Juden aus den deutschen und slavischen Parteien heraus. Eine solche politische Organisation sei nicht nur im Interesse der Juden, sondern auch im Interesse des österreichischen Staates notwendig. Die glänzende Rede wurde mit großer Aufmerksamkeit angehört und löste stürmischen Beifall aus. Hierauf sprach Kandidat Lucian Brunner, der mit jubelndem Beifall empfangen wurde. Er führte aus, daß er nicht die Absicht habe, mit schmeichlerischen Phrasen die Wähler einzufangen. Er sei gewohnt, die Wahrheit zu sagen, nach oben und nach unten. Auch den Sozialdemokraten gegenüber halte er an diesem Prinzipe fest. Er führte aus, daß der sozialdemokratische Kandidat Schuhmeier, innerlich wahrscheinlich kein Antisemit, ausdemogogischen Gründen, um die christlichen Wähler zu ködein, im Antisemitein die Christlichsozialcn oft übertreffe. Er