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Jüdische Zeitung · 1910-10-14 · 41 (14.10.1910) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
41 (14.10.1910)
Date
1910-10-14
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr 41 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 der jüdischen Schänker eintreten werde. Dann sprach Abg. Stand. Er schilderte die Not der jüdischen Schänker, die durch die antisemitischen Schikanen der Behörden brotlos werden sollen. Dann wendete er sich gegen den Abg. Stapinski, den man als den zweiten Statthalter Galiziens betrachten könne. Seinem Einflüsse ist es zuzuschrv iben, daß tausenden jüdischen Schänkern die Konzessionen weggenommen wurden, um sie an Bauern und Agitatoren des Polenklubs zu verteilen. Abg. Stand forderte die jüdischen Abgeordneten aller Parteien auf, in der Schänkerfrage vereinigt vorzugehen. Es ist bemerkenswert, daß kein Abgeordneter des Polenklubs in der Versammlung das Wort ergriffen hat. Die Abgeordneten Stand, Breiter, Groß, Liebermann, Hudec und Diamant begaben sich zum Stattha'ter und schilderten die Notlage der jüdischen Schänker. Der Statthalter versprach ihnen, eine Deputation zu empfangen, aber als die Herren am nächsten Tage erschienen, erklärte ihnen Statthaltereirat Grodzicki, daß sie nicht vorgelassen werden können, da sich der Statthalter durch die Resolution, die auf der Schänkerversammlung gefaßt wurde, beleidigt fühle. Die Herren mußten nun eine Erklärung unterschreiben und erst am darauffolgenden Tage wurden sie vom Statthalter empfangen. Statthalter Bobrzynski erklärte der Deputation, daß er, nach der neuen Volkszählung, in jeder Stadt, die eine größere Bevölkerungszahl als früher aufweisen wird, neue Schankkonzessionen ausschreiben werde, um die sich die Schänker, die jetzt abgewiesen werden, bewerben können. Ferner versprach der Statthalter, daß er sich bei der Regierung einsetzen werde, damit die Schänker, die keine Konzession bekommen, irgend eine Entschädigung erhalten! Parteinachrichten. Poale-zionistischer akademischer Jugendtag. Der akademische Verein „Cheiruth“ in Lemberg beruft am Sonntag, den 23. 1. M. im Lesesaal des jüdisch-akademischen Hauses St. Theresagasse 26a einen jüdisch-sozialist sehen (poale-zionisiischen) akademischen Jugendtag mit folgender Tagesordnung ein: 1. Begrüßung, 2. Wahl des Präsidiums, 3. die Arbeit für das P.-Z.-Ideal, 4. Organisation. Alle jüdisch-sozialistischen (Poale-Zion) Hochschüler in Oesterreich werden höflichst eingeladen. Auskünfte erteilt S. G e 1 m a n n, Lemberg, Krasickich 9. * * * Hebräische Sprachkurse. Wir sind von der letzten Sitzung des Zentralkomitees beauftragt worden, für Errichtung hebräischer Sprachkurse Sorge zu tragen. An alle Gesinnungsgenossen in der Provinz richten wir die Bitte, uns Mitteilung zu machen, in welchen Orten die Möglichkeit vorhanden wäre, einen solchen Kurs einzurichten, d. h., in welchem Orte sich genügend zahlende Schüler finden würden, um einen Lehrer erhalten zu können. Wir würden nur solche Lehrer auswählen, welche das Hebräische nach der Berlitz-Methode und in sephardischer Aussprache zu lehren imstande sind. Wir bitten um eheste Nachricht. Zionistisches Zentralbureau, Wien, IX. Türkenstr. 9. Aus dem jüdischen Leben. Jüdische Schulleiter. Aus Czernowitz wird uns vom 12. d. geschrieben: In der gestrigen Sitzung des Stadtschulrates gelangte ein Punkt der Tagesordnung zur Etledigung, der sich auf die Besetzung der Oberlehreratellen an den Knaben- und Mädchen- Volksschulen in der Siebenbürgerstraße und Landhausgasse bezog. Bekanntlich schwebten in dieser Frage seit einigen Monaten Differenzen zwischen der deutschen und jüdischen Gemeinderatspartei. Von jüdischer Seite wu'de verlangt, daß die Besetzung dieser Oberlehrerstellen im Sinne des § 48 des Reichs-Volksschulgesetzes vorgenommen werde, wonach'die Schulleiter jener Konfession zu entnehmen seien, der die Meht heit der die Schule besuchenden Kinder angehört. Dem gegenüber beriefen sich aber die Deutschen auf einen Pakt, welcher zwischen ihnen und dem jüdischen Gemeinderatsklub abgeschlossen wurde, demzufolge die vier Oberlehrerstellen aufgeteilt werden, indem zwei Deutsche und zwei Juden ernannt werden sollten, ln der gestrigen Sitzung vertraten die Repräsentanten beider Parteien beharrlich ihren Standpunkt. Stadtschulinspektor Kaindl schlug die Besetzung dieser Stellen mit Lehrern mosaischer Konfession vor. Bei der hierauf vorgenommenen Abstimmung ergab sich eine Stimmengleichheit, sodaß der Vorsitzende, Bürgermeister Baron Fürth dirimieren mußte. Der Bürgermeister dirimierte im Sinne des Postulates der jüdischen Vertreter, d. h. im Sinne des eingangs zitierten Paragraphen des Reichs-Voiksschulgesetzes, sodaß der Beschluß gefaßt wurde, bei der Ausschreibung des Konkurses dieser vier Stellen die Lehrer mosaischer Konfession zu berücksichtigen. Selbstmord wegen plötzlicher Ausweisung, ln Pawlawsk, einem Orte bei Petersburg, wohnte seit vielen Jahren der fünfzigjährige Uhrmacher H. Kalnin, der als Handwerker im Städtchen das Wohnrecht besaß. Vor kurzem brachte die Polizei in Erfahrung, daß Kalnin sein Handwerk nicht ausübe, sondern andere Geschäfte treibe. Daraufhin wurde er aus Pawlewsk ausgewiesen. Einflußreiche Bürger des Städtchens setzten sich für den Ausgewiesenen bei der Behörde ein, doch waren ihre Bemühungen erfolglos. Kalnin nahm sich die Ausweisung so zu Herzen, daß er Gift nahm. Er starb unter entsetzlichen Qualen. Der Selbstmord hat im Gouvernement großes Aufsehen erregt. Repressivmaßnahmen gegen das Zentralorgan der Zionisten Rußlands. Die erfindungsreiche russische Bureaukratie ist auf ein neues, sicheres Mittel verfallen, um der „rebellischen“ Presse an den Leib zu rücken. Da das System der Belegung mit Geld- und Freiheitsstrafen nach „Gutdünken der Administration“ den Grundfehler hatte, daß die „Delinquenten“ mit für die russischen Verhältnisse nicht allzu strengen Strafen davon kamen, so geriet man auf die Idee, den Schein eines regelrechten prozessualen Verfahrens zu wahren, wobei die Heißsporne von Journalisten viel empfindlicher getroffen werden könnten. Darf man doch der russischen Justiz, ruhig vet trauen; *■ daß sie die staatserhaltenden Pläne einer hochwohllöblichen Regierung nicht leichtsinnig kreuzen werde. Ein Opfer der neuen Preßpolitik der russischen Regierung wurde nun das russische Zentralorgan der zionistischen Organisation Rußlands „Ras’swjet“. Wegen einer Notiz über die Odessaer Dumawahlen wurde die letzte Nummer des Blattes beschlagnahmt und der Redakteur „wegen Aufreizung zum Umsturz (!) der bestehenden Staatsordnung“ zur Verantwortung gezogen. Die Folgen der russischen Judenpolitik. Aus Ekaterinoslaw meldet die „N. J. K.“ Der vor kurzem hier stattgefundene Kongreß des Veibandes für Bergbau, Metallindustrie und Maschinenbau hat in einer Resolution die judenfeindliche Folitik der Zentralregierung aufs schärfste verurteilt. Diese Politik sei ein starkes Hemmnis für die Entwicklung der Industrie. Der Kongreß beschloß, die zukünftigen Kongresse an solchen Orten abzuhalten, wo den Vertretern der verschiedenen Völkern die Beteiligung möglich ist. Duma-Ersatzwahl. Bei den am 14./27. September in Lodz stattgefundenen Ersatzwahl in die Reichsduma hat der Kandidat der vereinigten nationalpolnischen und deutschen Parteien gegen den Kandidaten der jüdischen progressiven Gruppen den Sieg davongetragen. Das Ergebnis der Odessaer Reichsduma- Ersatzwahlen. Wie zu erwaitcn war, haben die unverschämten Mißbräuche und Fälschungen der Herren von rechis ihre Wirkung nicht verfehlt. In der Stichwahl vom 5. (18) September ging der Kandidat der reaktionär-antisemitischen Gruppen, Baron Reno, mit 756 Stimm.n gegen 537 Stimmen, die auf den Kandidaten der Progressisten fielen, als Sieger hervor. — Die Gewaltakte, die diesen Sieg der finsteren Reaktion in der Hochburg des Freisinnes ermöglichten, übertreffen die kühnste Phantasie. So zum Beispiel wurden die jüdischen Hausbesitzer von Polizeibeamten besucht und aufgefordert, in itirer Gegenwait das Wahlbulletin mit dem Namen auszufüllen, widrigenfalls würden sie zu höheren Geld- und Freiheitsstrafen, wegen „Verstößen gegen die Sanitätsvorschriften“ belegt werden. Bei den weitgehenden Machtbefugnissen Tolmatschews in dem von Cholera und Pest heimgesuchten Odessa muß eine derartige Drohung natürlich von großer Wirkung gewesen sein. Die Odessaer Wahlen brachten aber auch ein anderes Ergebnis. Sie zerstörten endgültig die Legende von der Fortschrittsfreundlichkeit der russischen Gesellschaft. Wenn die erste Kurie Odessas bis jetzt in der Reichsduma von Männern desFoitschrittes vertreten war, so geschah dies, weil damals die meisten Wähler hier Juden wa; en. Sobald es aber Tolmatschew und seinen Helfershelfern gelungen ist, die Zahl der jüdischen Wähler durch verschiedene Machinationen erheblich herabzudrücken, war es aus mit dem Odessaer Freisinn. Für den Kandidaten der Progressisten, Doktor Tschauchansky, stimmten noch nicht einmal fünf Prozent der christlichen Wähler. Werden die jüdischen Vorkämpfer der russischen Freiheit etwas daraus lernen? Wie Tolmatschew die epidemischen Krankheitenbekämpft. Der unumschränkte Selbstherrscher Odessas, General Tolmatschew, verfügte dieser Tage die Schließung der städtischen Poliklinik, die 70 Jahre lang funktionierte und jährlich ca. 50.CC0 Patienten Hilfe erwies. Die weise Maßregel wurde dadurch begründet, daß sich unter den Vorstandsmitgliedern auch Juden befänden, die die Klinik in eine Stätte staatsgefähriieher Propaganda verwandeln könnten. Der Vorstand legte gegen diese Verfügung Verwahrung ein, indem er darauf hinwies, daß sich während der letzten acht jahre itn Vorstand nur ein Jude befunden hätte, daß ferner die Mitglieder desselben nie, auch nicht zur Zeit der revolutionären Stürme, Anlaß zu Beschwerden über ihr politisches Benehmen gegeben hätten. Diese Erk'ärung hatte indes keine Wirkung, so daß der Vorstand sich genöt gt sah, an Stolypin zu reku;- rieren. Uebtigens steht diese Tatsache in der Sanitätspolitik Tolmatschews nicht vereinzelt da. Die sanitären „Maßregeln“ Tolmatschews gegen die Pest haben dahin geführt, daß die Bevölkerung jede Hofinung und jedes Vertrauen in die Bekämpfung der Kiankheit durch Polizeibeamte verloren hat. Die Proteste derSanilätskommission führen nur zuheft genAuseinandersetzungen mit Tolmatschew. Dieser Tage hat während der Sitzung der Sanitätskommission ein interessanter Dialog stattgefunden. Das Haupt der Kommission, Damaskin, schlug vor, in den jüdischen Stadtvierteln Juden als Sanitätsinspektoren zu nominieien, da die jüdische Bevölkeiung zur städtischen Administration kein Zutrauen habe. Darauf erwideite Tolmatschew in großer Aufregung, er hätte einen derartigen Vorschlag vom Vorredner doch nicht erwartet: so wichtige Pf.ichten könnte man unmöglich Juden anvertrauen. Auf die Frage nach einem Grunde hiefür, erwiderte er, er erachte cs nicht für nötig, Motive anzugeben. Damit mußte natürlicherweise jede weitere Diskussion über diesen Punkt abgebrochen weiden. Fortgesetzte Ausweisungen aus Rußland. Während der letzten Tage trat die Polizei mit ihren Ausweisungsedikten auch an die Handwerker heran. So wurde dieser Tage mehreren jüdischen Seifensiedern das Wohnrecht vcisagr, die 20—30 Jahre in Kiew seßhalt waren, darunter einem aus dem Grunde, weil die Fabrik, in der er arbeitet, klein und der Steuerinspektion nicht unterworfen sei. Nicht weniger Eifer legt die Petersburger Polizei an den Tag. So erklärte sie dieser Tage die von den Fabrikanten ohne Hinzuziehung der zuständigen Zunft ausgestellten Fachpatentc für unzureichend, um das Aufenthalisrect.t zu erlangen, ln solchen Fällen wird noch eine offizielle polizeiliche Bestätigung verlangt, daß der betreffende Handwerker in der bezüglichen Fabrik beschäftigt war. Bei der famosen Wirtschaft der russischen Polizei ist eine solche Maßregel nur geeignet, einen Anlaß mehr für die Erpressungssucht der Tschinowniks zu bieten. Das patriotische Säuberungswerk wird auch im Ansiedlungsrayon mit Energie betrieben. Aus dem Kreise Pinsk wird über eine ganze Reihe von Ausweisungen jüdischer Pächter berichtet. Unter den Ausgewiesenen befinden sich auch Personen, die dort mehrere Jahrzehnte unbeanstandet lebten. .Jüdische „Täuflinge in Rußland“. Das in punkto Judenfrage erfindungsreiche und kampieslustig voranschreitende Odessa hat sich nunmehr auch cuf dem Gebiete der vom Aufklärungsminister

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