Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 41 (14.10.1910)
- Date
- 1910-10-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 41 Es zeigt sich auch für Außenstehende, daß in dieser „demokratischen' Partei ein furchtbarer Terrorismus' herrscht und die Gleichberechtigung der Nationen in der Organisation eine Fabel ist, was die jüdischen Sozialisten, welche sich national organisieren wollten, am eigenen Leibe schon seit Jahren verspüren. Mögen sie nun einsehen lernen, daß die ganze sozialistische Weltanschauung an dem Uebel krankt, die Macht ideologischer Faktoren zu unterschätzen, vor allem die Kraft der nationalen Idee, welche sich immer und überall als das stärkste Bindemittel zwischen den Menschen erwiesen hat. Das jüdischnationale Organisationsprinzip wird sich auch in den Reihen der jüdischen Sozialisten stärker erweisen, als das sozialistische, und im Kampfe um die nationale Renaissance der Juden werden die jüdischen Sozialisten an unserer Seite sein. * Die Korruption der christlichsozialen Partei ist durch den Brief Hrabas an die Untersuchungskommission des Gemeinderates viel deutlicher beleuchtet worden, als durch den Prozeß Bielohlawek, in welchem Herr Hraba ziemlich schlecht abschnitt. Es handelt sich gar nicht um einzelne bestimmte Korruptionsfälle, wie sie überall Vorkommen, man kann „gerichtsordnungsmäßig“ niemanden etwas nachweisen, aber Hraba zeigt in seinem Brief sonnenklar, daß es sich um viel wichtigeres, um eine Fäulnis der ganzen Partei bis ins innerste Mark handelt. Die Leuchten der „antikapitalistischen“ Christlichsozialen, diese Geßmann, Axmann, Bielohlawek etc. sind nur von einer Leidenschaft beseelt, von der „Gier nach Bereicherung“, wie Hraba, der die Leute aus nächster Nähe kennt, so schön sagt. Auch die Raufereien um Aemter und Stellen, die seit Luegers Tod die Duzbrüder entzweit, ist vor allem eine Jagd nach den damit verbundenen Sporteln und Nebenverdiensten. Vergebens wird versucht, die Aufregung der Bevölkerung wieder einmal auf die Juden abzulenken, und in Versammlungen, wie es neulich die Bürgermeister Neumayr und Porzer in Hietzing getan, von dem verderblichen Einfluß des jüdischen Geistes auf die christliche Kultur zu faseln. In demselben Hietzing ward Hraba bejubelt, als er von den Anbetern des Gottes Nimm sprach. Dem letzten Spießer muß der Unterschied zwischen christlicher und christlichsozialer Kultur heute schon klar sein. Es ist abzuwarten, wohin die unvermeidliche Zersetzung der christlichsozialen Partei führen wird. * Nur wenige Jahre zurück, galt die Länderbank den Antisemiten als Typus der jüdischen Bank und wurde im Kikeriki stets als polnischer Kaftanjude mit fliegenden Schmachtlocken dargestellt Die Leitung der Bank scheint sich das zu Herzen genommen zu h'aben. Sie suchte den Weg zur christlichsozialen Partei und fand ihn. Wie aus dem jüngsten Hraba-Briefe hervorgeht, rollen die Millionen der Stadt Wien und des Landes Niederösterreich befiuchtend durch die Kassen der Länderbank, die wieder „unbegrenzte Summen“ dem christlichsozialen Wahlfond bereitstellt. Für den Lueger-Denkmalfond hat die Länderbank neuerdings 10.000 K, ihr Gouverneur Graf Montecuccoli und ihr Generaldirektor Lohnstein je 1000 K gespendet. * In diesen Tagen,da inPragDeutsche undTschechen einen neuen Anlauf zum Abschluß des nationalen Ausgleiches nehmen, ist ein durch seine Aktualität doppelt wertvolles Buch aus der Feder des bekannten politischen Publizisten Dr. Charmatz erschienen, beinhaltend die gründliche Darlegung des Lebens und Wirkens Doctoris F i s c h h o f. Dieser schier verschollene Name des einst so verkannten Apostels für den Völkerfrieden in Oesterreich, ist durch die jüdisch-nationale Propaganda, die den Namen des großen Juden Fischhof stolz auf ihre Fahne schrieb, wieder populär geworden. Jetzt erfahren wir von Charmatz, wer die Mitstrebenden und Helfer Fischhofs waren; neben dem Tschechenführer Ladislaus Rieger, die Juden Alexander Scharf von der „Sonn- und Montagszeitung“ und Michael Etienne von der „Neuen Freien Presse“. Diese vier Männer hielten zu Emmersdorf einen weisen Rat, entwarfen einen genauen Ausgleichsplan und warben für ihn um die Zustimmung des Führers der deutschen Verfassungspartei, Doktor Herbst. Der zeigte sich erst geneigt, schwenkte aber dann plötzlich mit der Ausrede ab, ein Ausgleich mit den Tschechen, welche eben die Podshaler Brücke statt nach Kronprinz Rudolf, nach dem tschechischen Historiker Palacky benannt hätten, sei ausgeschlossen. Etienne und Scharf machen für dieses Abschwenken Herbsts seinen persönlichen Ehrgeiz verantwortlich, der im Völkerstreit eher Aussicht auf Befriedigung sah, als im Völkerfrieden. Wir Zionisten aber freuen uns, daß es unter uns Juden nebst Kurzsichtigen, welche sich von den deutschen und tschechischen Chauvinisten zur nationalen Hetze mißbrauchen ließen, schon vor Jahrzehnten Männer gegeben hat, welche gleich uns für den Völkerfrieden uneigennützig eintraten. Der Bund der Deutschen Nordm ä h r e n s, bekannt durch seinen brutalen Antisemitismus - selbstverständlich ein „deutschfreiheitlicher“. Verein — versendet Aufrufe an die „liebr werten Volksgenossen“, in welchen er in beweglichen Worten über die Zurückdrängung des Deutschtums in Mähren jammert und zur Zeichnung von Anteilscheinen für einen Grundkaufsfond auffordert. Diese Aufrufe wurden sogar einer ganzen Anzahl unserer Wiener Gesinnungsgenossen zugeschickt. Die nordmährischen Antisemiten wenden sich da an eine falsche Adresse. Warum schicken sie ihre Aufrufe nicht an Dr. Alfred Mittler, Dr. Ofner und Dr. Schwarz-Hiller? Diese Herren werden gewiß durch fette Spenden mit Vergnügen nachweisen, daß in ihren Busen noch immer das treue, schwarzroth-goldene Herz schlägt. * Portugal hat seinen unfähigen, verschwenderischen König verjagt und die Republik etabliert, welche sich nun gegen den Klerikalismus wendet. Das kränkt die Wiener Christlichsozialen, aber sie waren in der ärgsten Verlegenheit, als sie nach jüdischen Prügelknaben suchten und sie nicht fanden, da Portugal die Juden vor mehr als 500 Jahren verjagt und nicht mehr eingelassen hat. Indes hat, wie wir vorausgesagt, das „Deutsche Volksblatt“ bereits das erlösende Wort gefunden. Eine Anzahl vornehmer Juden habe sich seinerzeit der Exilierung durch die Taufe entzogen und ihr mala sangre, ihr schlechtes Blut, gähre jetzt in den Adern der wilden Revolutionäre, insbesondere der portugiesische Adel sei total jüdisch verseucht. Es kann uns Juden nur mit Stolz erfüllen, wenn wirklich unser Blut trotz Verlaufes eines halben Jahrtausends und trotz der Blutmengung mit einer erdrückenden Majorität seine Virulenz bewahrt hat, verwunderlich bleibt nur, daß die Christlichsozialen auch heute so darnach aus sind, unser schlechtes Blut ihrem Volkskörper einzuimpfen. Trägt ja der Judenstämmling Dr. Porzer die goldene Vizebürgermeisterkette und Luegers Busenfreund, der Weihbischof Marschall, war Spezialist im Wässern reicher Hebräer beiderlei Geschlechts. Vielleicht ist das „Volksblatt“ mal konsequent und macht seinen mächtigen Einfluß gegen die taufsüchtigen Felizianerinnen in Krakau geltend, welche auf die mala sangre von Judenmädchen bekanntlich so erpicht sind, daß in abermajs 500 Jahren unzweifelhaft eine republikanische Revolte in Oesterreich ausbrechen müßte, wenn nicht Vergani rechtzeitig vorbaut. * Im PoleniandzuCzenstochau steht eine hochberühmte Wallfahrtskirche mit einem Gnadenbild der Gottesmutter. Dieses mit Juwelen von unendlichem Wert geschmückte Bild ist dem Schutz eines Heeres frommer Paulanermönche anvertraut. Vor Jahresfrist verbreitete sich die Schreckenskunde, das Gnadenbild sei beraubt, und die antisemitischen Monitore, obenan das „Deutsche Volksblatt“, schrien es in alle Winde, daß offenbar freche Judenhände sich am Heiligsten vergriffen haben. Nun ist das Rätsel gelöst. Ein ganzes Konsortium der Gralshüter selbst, wahrscheinlich unterMitwissenschaft des früheren Abtes, hat seit Jahren die echten SteineMarias durch falsche ersetzt, die Schatzkammer des Klosters geplündert und die hohen Pilgerspenden expropriiert. Als Leiter des Konsortiums wurde auf der Flucht der Mönch Maczoch verhaftet, der erst seine Geliebte, eine Dirne, seinem Bruder vermählte, dann mit ihr Ehebruch getrieben und die gestohlenen Klostergelder verpraßt hatte und schließlich den Bruder, als er mit der Anzeige drohte, tranken gemacht, mit der Hacke verletzt und nach Spendung der heiligen Absolution an den Röchelnden, erdrosselt hatte. Das Kloster ist von russischen Soldaten umstellt, welche den Mönchen ihren Raub abjagen und sie zugleich gegen die Volkswut schützen --Die Verlogenheit des „Deutschen Volksblattes“ aber, das sich wohl hütet,'die seinerzeitige Verdächtigrng zurückzunehmen, kommt seinen Lesern nicht zum Bewußtsein und die ausgestreute Saat des Judenhasses schlagt immer tiefer Wurzel. Und der Staatsanwalt? O, der wird nicht müde, durch Verfolgung unbefugter Kolporteure und von Eigentümern maulkorbloser Hunde das österreichir sehe Vaterland zu retten. Die Szenen im Ottakringer Tempel. Ueber die bereits in der letzten Nummer berichteten unliebsamen Vorfälle, die sich am ersten Rosch-Haschonohtage im Ottakringer Tempel zugetragen, wird uns von informierter Seite noch mitgeteilt: Da Oberkantor Guttmann vom Leopoldstädter Tempel vor den Feiertagen erkrankte, verlangte der Kultusvorstand, statt anderweitigen Ersatz zu schaffen, daß der Kantor vom Ottakringer Tempel in der Leopoldstadt an den drei Feiertagen vorbete. Der Ottakringer Tempelvorstand verweigerte seine Zustimmung und es kam ein Kompromiß zustande, nach welchem der Ottakringer Kantor am Jom Kippur im Leopoldstädter Tempel vorbeten sollte. Präsident Stern scherte sich jedoch nicht um das Kompromiß, sondern verfügte, daß der Kantor an allen drei Feiertagen im Leopoldstädter Tempel die Funktionen versehen müsse. Daraufhin demissionierte der Tempelvorstand von Ottakring. Da erschien nun Präsident Stern am ersten Rosch-Haschonohtage unmittelbar nach Schluß des Gottesdienstes — er soll im Automobil vorgefahren sein — und suchte seine Verfügung zu rechtfertigen. Als ihm der Obmann des Tempelvorstandes erwidern wolte, erklärte er, das seien alte Geschichten, die er schon kenne, man solle ihn Weggehen lassen. Auf nochmalige Aufforderung, den Tempelvorstand anzuhören, reagierte er nicht. Da bemächtigte sich der versammelten Tempelbesucher große Erregung und stürmische Rufe: Pfui! Abzug! Sie russischer Autokrat! Schämen Sic sich! Gehen Sie in Pension! ertönten von allen Seiten. So unrühmlich endete die Intervention des sich allmächtig fühlenden Präsidenten der Wiener Kultus*- gemeinde. Die von Herrn Dr. S. R. Landau gegen Herrn Alexander Geller, den verantwortlichen Redakteur der „Jüdischen Zeitung“, eingeleitete Ehrenbeleidigungsklage wurde durch nachstehende, von letzterem abgegebene Erklärung erledigt: Nachdem Herr Dr. S. R. Landau in seiner h. g. Gegenäußerung vom lö.jlll. 1909 spontan erklärt hat, daß er durch die in der „Neuen Nationalzeitung“ publizieren Artikel niemanden in seiner persönlichen Ehre verletzen, sondern lediglich sachlich polemisieren wollte, erkläre ich meinerseits namens der Redaktion der „Jüdischen Zeitung“, daß ich durch den inkriminierten Artikel, betitelt „Eine kleine Abfertigung“, dessen im Zuge des publizistischen Kampfes erfolgten Abdruck in der „Jüdischen Zeitung“ ich bedaure, der persönlichen Ehre des Herrn Dr. S. R. Landau nicht nahe treten wollte. Alexander Geller. Die jüdischen Schanker und Statthalter Bobrzynski. (Von unserem Korrespondenten.) Lemberg, den 11. Oktober, ln Lemberg fand am 8. Oktober 1910 eine Massenversammlung der jüdischen Schänker statt. Dreitausend Schänker protestierten gegen die Beschränkung der jüdischen Schankkonzessionen. Der Referent Janowitsch kritisierte das Vorgehen der galizischen Statthalterei, die 12.000 jüdische Schänker brotlos macht, während sie an Gutsbesitzer, reiche Bauern und Beamte neue Konzessionen verteilt. Er schlug eine Resolution vor, die sich gegen die ungerechte Konzessionsverteilung wendet und in der verlangt wird, daß bis auf Weiteres die alten Schankkonzessionen bestehen bleiben. Abg. Breiter wendete sich in scharfen Worten gegen den Statthalter Bobrzynski. Abg. Liebermann versicherte, daß die sozialdemokratische Fraktion im Abgeordnetenhause für die gerechten Forderungen