Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1910-10-14 · 41 (14.10.1910) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
41 (14.10.1910)
Date
1910-10-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2438141-2438273-2438314--2113-2441759
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 41 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 auf der Wiener politischen Bühne profitlüstern einherschleichen, öffentlich entgegenzutreten, sie wäre tausendfach gerechtfertigt! Freiheitlichsoziale Verwandlungskunst. Die Heuchelei der sich „freiheitlichsozial“ nennenden Leopoldstädler Ableger der verkrachten deutschfortschrittlichen Partei wirkt nun geradezu abstoßend. Diese aus den heterogensten Elementen zusammengesetzte, im wahrsten Sinne des Wortes gemischte Gesellschaft, hat es niemals für notwendig gefunden, mit einem politischen Programm in die Oeffentlichkeit zu treten; sie spekuliert auf die politische Unreife und das kurze Gedächtnis der Juden und unternimmt im Trüben ihren politischen Fischzug. Da sie während der jetzigen Landtagswahlkampagne in ihren Versammlungen ausschließlich auf jüdische Teilnehmer angewiesen ist und mit dem durch die jüdischnationale Propaganda geweckten Selbstbewußtsein weiter jüdischer Kreise rechnen muß, haben die Führer plötzlich ihr jüdisches Herz entdeckt und Dr. Schwarz-Hiller erklärte sogar in einer Versammlung, er sei ein Feind der Abfallbewegung. Nun, vor Tisch las man’s anders. Erinnern sich die Leopoldstädter juden nicht mehr an die vor einigen Monaten stattgefundenen Gemeinderatswahlen im ersten Bezirk? Wir wollen dafür Sorge tragen, daß sie nicht in Vergessenheit geraten. Als damals den Juden des ersten Be-irkes ein Christlichsozialer und die getauften Juden Dr. Wilhelm Neumann und Dr. Rudolf v. Fürth als Kandidaten aufgedrungen werden sollten, sind für diese Kandidaturen mit Feuereifer eingetreten: der Verein der Fortschrittsfreunde in der Inneren Stadt, dessen Häuptlinge die beiden unentwegten Streiter für Kai-Deutschtum, Dr. Alfred Mittler und Hofrat Kamillo Kuranda, sind; weiters Baron Hock mit seinem getauften Generalstab, der die Gelegenheit, sich zu blamieren, nicht ungenützt Vorbeigehen lassen konnte, und schließlich — mit den anderen an diesem Skandal beteiligten Herren werden wir bei anderer Gelegenheit abrechnen — der Erfinder des freiheitlichen Sozialismus Abgeordneter Doktor Ofner, dessen Prophet bekanntlich Dr. Schwarz- Hiller ist. Mit dem Brustton der Ueberzeugung erklärt Dr. Ofner heute jeden als Verräter, der seine Stimme dem Dr. Alfred Mittler gibt — für die Wähler Lucian Brunners sind wahrscheinlich schon freiheitlichsoziale Scheiterhaufen errichtet — und dies alles, obwohl der in die kleinlichen Vereinsintriguen der Leopoldstadt Uneingeweihte trotz größter Anstrengung einen Unterschied zwischen der geistigen und politischen Kapazität der beiden „freiheitlichen“ Kandidaten nicht zu finden vermag. Mit demselben zittrigen Pathos erklärte Dr. Ofner vor wenigen Monaten im Hotel „Post“ jeden Juden als Verräter an dem Freisinn, der nicht die Täuflinge Neumann und Fürth in den Gemeinderat wählt. sind österreichische Soldaten und müssen es unter allen Umständen so lange bleiben, bis wir hievon nur von den berufenen Behörden entbunden werden. Unserem Fahneneid, den wir geleistet, werden wir nimmer untreu werden.“ „Ihr ziehet es also vor, das harte Los der Gefangenschaft weiter zu tragen?“ „Jawohl, Herr General.“ Der Festungskommandant wandte sich nun an den Sergeanten. „Daß mir an diesen Leuten keine Repressalien geübt werden. Ihr Standpunkt ist nicht minder ehrenhaft, als der übrigen. Brave, treue Soldaten sind sie jedenfalls.“ Die Offiziere entfernten sich. Die acht Männer nahmen die Arbeit wieder auf, und, eingedenk der Ermahnung des Festungskommandanten, gestattete ihnen der Sergeant, wenn sie Lust hätten, auch singen zu dürfen. — Die Leute schienen von dieser Bewilligung auch Gebrauch gemacht zu haben, denn der Refrain eines damals improvisierten Liedes hat sich noch bis heute erhalten. Graben, graben! Nicht verzagen, Wenn auch das Herz darüber bricht, Wenigstens wird man von uns sagen, Diese Soldaten wankten nicht. Damals haben die freiheitlichsozialen Wortführer sich die Logik der getauften Juden der' „Arbeiterzeitung“ zueigen gemacht und haben der Oeffentlichkeit einzureden gesucht, daß es Klerikalismus und Verletzung der Gewissensfreiheit sei, wenn die Juden es zu bezweifeln wagen, daß die ihnen präsentierten Kandidaten aus religiöser Ueberzeugung und im Glauben an die katholischen Dogmen Christen geworden sind. Wird Dr. Schwarz-Hiller bestreiten wollen, daß er bei der Versammlung' im Hotel „P.ost“ anwesend war und durch sein Stillschweigen sich mit der uns durch Dr. Ofner, Baron Hock und den getauften Juden Dr. Viktor Hock — und wie die Redner sonst heißen — zugedachten Selbstentmannung solidarisch erklärte? Wäre es nicht seine Pflicht gewesen, mit allen Mitteln zu verhindern, daß Dr. Ofner das ganze Judentum durch seine Aktion bloßstellt? Hat er nicht damals tapfer geschwiegen und gezeigt, daß er nur eine Puppe in der Hand Ofners ist? . In der Leopoldstadt weht aber bekanntlich ein anderer Wind, und wenn auch der Weg vom Hotel „Post“ in die Versammlungssäle der Leopoldstadt ein kurzer ist, die Freiheitlichsozialen sind gewandt genug, in der allerkürzesten Zeit ihren Mantel nach dem Winde zu drehen, ln der Inneren Stadt leidenschaftliche Verteidiger des Renegatentums, in der Leopoldstadt dessen Ankläger und Bekämpfen Eines von den zahlreichen freiheitlichen Jongleurstückchen! Zu den Landtagswahlen. Das war eine Ueberraschung, als die guten Leopoldstädter Liberalen und deren Ableger, die „Freiheitlichsozialen“, in unseren Versammlungen und durch Plakate von der Kandidatur Lucian Brunners erfuhren. Sie stellen sich zwar so, als ob sie an den „Ernst“ dieser Kandidatur nicht zu glauben vermögen, aber der Schrecken ist ihnen in alle Glieder gefahren. Das beweist ihr läppisches Umsichhauen auf die bisher ' so gar nicht beachteten Jüdischnationalen. Sie fühlen et^en instinktiv, daß in Brunner ein Gegner erstanden ist, der ihnen als Verfechter moderner Ideen den Kampf diesmal nicht leicht machen wird. * * * Die vom „Jüdischen Nationalverein“ und „Demokratischen Zentralverein“ veranstalteten Wählerversammlungen waren stets massenhaft besucht. Am Samstag fand im CafeDohaneine Versammlung statt, in der nach einem glänzenden Referate des Kandidaten Lucian Brunner die Kandidatur einstimmig angenommen wurde. Besonders imposant gestaltete sich die Versammlung am Sonntag im Hotel Stephanie. Mehr als 600 Personen, größtenteils Wähler, lauschten gespannt den Ausführungen des Referenten. Herr Lucian Brunner führte in glänzender Rede aus, daß sich die beiden einander bekämpfenden liberalen Parteien programmatisch und taktisch von einander gar nicht unterscheiden lassen. Er zeigte, daß nur persönliche Gründe die Triebfeder des Kampfes der beiden Gruppen seien. Die Sozialdemokraten können bei aller Anerkennung mancher ihrer Leistungen als Klassenpartei für die Majorität der größtenteils aus Bürgerlichen bestehenden Wählern der Leopoldstadt nicht in Betracht kommen. Er wendet sich zunächst an das jüdische Gefühl der Wähler; er habe schon im Gemeinderate einem so mächtigen Gegner, wie Lueger, gegenüber bewiesen, daß er sich nicht scheue offen und mutig als Jude aufzutreten, aber er vertrete nicht nur ein jüdisches, sondern auch ein allgemein demokratisches und österreichisches Programm. Es sei an der Zeit, daß die Juden sich zu einer echt bürgerlichen und dabei doch volkstümlichen Politik bekennen. Die überaus treffliche Rede wurde mit großem Beifall aufgenommen. Herr Plaschkes empfahl in warmen Worten den Kandidaten. Zum Schluß forderte Dr. Schal it die Versammlung auf, für den Kandidaten einzutreten. Er schilderte die wirtschaftliche Tätigkeit der Jüdischnationalen und sprach von der segensreichen Tätigkeit des von den Zionisten in Lemberg gegründeten Kreditinstitutes. Man trage sich mit dem Gedanken auch in der Leopoldstadt ein solches ins Leben zu rufen. Auch in dieser Versammlung wurde die Kandidatur des Herrn Brunner, trotz der Anwesenheit zahlreicher Gegner mit großer Mehrheit angenommen. Montag fand im Cafe Rembrandt eine von 150 Personen besuchte Vertrauensmännerversammlung statt, in der die Kandidatur des Herrn Brunner mit stürmischem Beifall begrüßt und beschlossen wurde, mit aller Energie für diese tätig zu sein. 60 Wähler der Leopoldstadt konstituierten sich als Arbeitskomitee und beschlossen eine große Zahl von Wählern, die sich für die Agitationsarbeit freiwillig zur Verfügung gestellt haben, zu kooptieren. Auskünfte in Wahlangelegenheiten werden' erteilt: Im Sekretariate, IX. Liechtensteinstraße 11, Telephon 12299, in der Agitationszentrale in der Leopoldstadt, Cafe „Goldener Brunnen“ (Souterrain) Schmelzgasse 1 (Ecke Taborstraße), Telephon 15117. Wochenrundschau. Herr Dr. Schwarz-Hiller hat endgültig zum Judentum „heimg’funden“. Er suchte und fand Aufnahme bei der Wiener Loge Bnei-B’rith. Natürlich ist es ein reiner Zufall, daß dies just in dem Moment geschieht, wo sich der Herrr Gemeinderat um das Landtagsmandat in der Leopoldstadt bewirbt, wenn auch böswillige Zungen behaupten, es sei dem strebsamen Herrn lediglich um die ausgiebige Hilfe zu tun, welche die Brüder jedem der ihren bei einer Kandidatur gewähren. Wenn Herr Schwarz-Hiller plötzlich sein treujüdisches Herz entdeckt hat, so zweifeln wir nicht daran, daß seine Empfindung ebenso echt ist, wie anno 1907, als er bei den Reichsratswahlen den Schildknappen Ofners abgab, der sich sein treudeutsches Herz nicht aus der Brust reißen lassen wollte. Wer sich erinnert, wie damals die sogenannten Freiheitlichsozialen den jüdischen Standpunkt als konfessionellen verurteilten, wer noch in Erinnerung hat, wie die Herren von der Rückkehr ins „Ghetto“ fabelten, wie sie in der Anlehnung an die Sozialisten und im Kampf für die Freie Schule das Heil erblickten, der wird von einem tiefen Ekel erfaßt, wenn er sieht, daß dem Herrn Dr. Schwarz-Hiller alle widersprechenden Programme und Ueberzeugungen nur gut sind, um Mandate zu ergattern. Die öffentliche Meinung hat sich übrigens mit seltener Einmütigkeit über diesen Herrn das Urteil gebildet und das Gemeinderatsmandat war wohl sein letztes Beutestück. Traurig für das Judentum ist nur, daß die Bnei-B’rith keinen Anstoß nehmen, solchen Leuten als Sprungbrett zu dienen. Diese Körperschaft hat überhaupt eine sehr merkwürdige Wandlung durchgemacht. Früher nur ein Wohltätigkeitsverein, dessen Mitglieder in der Stille, abseits von dem Lärm des Tages wirkten, ist die Wiener Loge mit der Zeit, wenn auch nicht offiziell, aber dadurch, daß ihre Mitglieder aktiv in die Politik eingreifen und Mandate erstreben, der Stützpunkt solcher Bestrebungen geworden. So war es bei den letzten Kultuswahlen, bei den Gemeinderatswahlen und nun ist es auch bei der Landtagswahl so. Es ist zu fürchten, daß die älteren und vornehmeren Elemente der Bnei-B’rith- Loge zum Schaden des Ansehens derselben nicht genügend Kraft aufbringen werden, um das rücksichtslose Strebertum einiger jüngerer Mitglieder einzudämmen. Dann wird es aber mit dem Prestige dieser Körperschaft bald völlig vorbei sein. * Der Nationalitätenstreit in der Sozialdemokratie lodert in hellen Flammen. Angeblich ist es nur ein Kampf um die Organisationsform zwischen tschechischen Zentralisten und Autonomisten, aber, es ist für jedermann klar, daß der Ruf der Autonomisten: Los von Wien! so viel heißt, als Los von den deutschen Führern! was sie ja auch offen sagen. Die Sozialdemokratie hat bisher stets den Nationalitätenstreit der Bürgerlichen als Narrheit verschrieen und stolz darauf hingewiesen, daß in ihren Reihen die Nationen autonom sind und sich daher vertragen. Nun sitzen plötzlich die bürgerlichen Deutschen und Tschechen am Prager Konferenztisch und kommen zu einer Einigung, während in demselben Prag separatistische Sozialisten die Versammlungen zentralistischer sprengen, so daß die Polizei zum Einschreiten gezwungen ist, und in Brünn die separatistischen, in Olmütz die zentralistischen Genossen aus der Partei ausgeschlossen werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.