Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 41 (14.10.1910)
- Date
- 1910-10-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. . Nr. 41 auch allüberall die Lage der Juden ist, wir begrüßen deshalb das neue Jahr'mit der Hoffnung, daß es uns ein weiteres mächtiges Vordringen der jüdischen Renaissanceidee bringen wird, der wir mit unverminderter Kraft den Weg bahnen werden. Ein liberaler Held. Herr Dr. M i 111 e r, der Landtagskandidat der deutschen Juden, hat sich ein eigenes Mittel zurechtgelegt, um mit politischen Gegnern im Handumdrehen fertig zu werden. Er stellt sich ans Rednerpult, legt los und behält seine Gegner scharf im Auge. Wagt es nur einer, mißbilligend mit den Achseln zu zucken oder gar einen Zwischenruf laut werden zu lassen, so haut der liberale Held'mit der Faust auf den Tisch, erklärt beleidigt zu sein und geht nach Hause. Er übt dieses Vorgehen nicht nur in gegnerischen, sondern auch in seinen eigenen Versammlungen. So ist der Mann beschaffen, der von seinen Anhängern als rücksichtsloser Kämpfer für Freiheit und Fortschritt und grimmer Feind der Antisemiten gepriesen wird. Der Volksmann, wie er im Büchel steht. Wenn er in der Landtagsstube den Christlichsozialen gegenüber dieselbe Praxis üben wird, so wird es um die Interessenvertretung seiner liberalen (lies: jüdischen) Anhänger traurig bestellt sein. Dieses unmännliche Vorgehen allein sollte seihen Wählern die Augen öffnen. Zwanzig Jahre Arbeit im Dienste der volksfeindlichen,, jedes öffentliche Auftreten perhorreszierenden deutschliberalen Partei nehmen schließlich dem bestveranlagten Manne die Fälligkeit, die eigene Meinung vor dem Volke zu vertreten, also auch die Fähigkeit, in 'den . heutigen stürmischen Zeiten ein politisches Mandat zu tragen. Bei den anderen hat sich diese Erkenntnis schon lange Bahrr.gebrochen, bei uns Juden noch nicht. f Der Mann ist Advokat, hat gute Beziehungen, wird häufig in der „Neuen Freien Presse“ genannt, ergo ist er der „richtige“ Mann. Die Art, wie der liberale Tribun seinen Standpunkt vertritt, ist eine jämmerliche, noch jämmerlicher aber ist der Standpunkt selbst. Er spielt sich vor den Leopoldstädter Juden auf den unentwegt „Deutschen“ heraus, ja sogar auf den „agressiven“ Deutschen. So machte er es in einer Versammlung unserem jüdischnationalen Kandidaten Brunner zum Vorwurfe, daß er seinerzeit im Gemeinderat für die Erteilung des Oeffentlichkeitsrechtes an die tschechische Komenskyschule eingetreten ist. Auf den Vorhalt, daß die Wiener 400.000 Tschechen auch Oesterreicher und nach dem Staatsgruiidgesetze gleichberechtigt seien, erklärte dieser fambse „Liberale“, das sei wohl richtig, aber man dürfe die Gleichheit, wie sie auf dem Papier steht, nicht in die'Praxis Überträgen. Er machte hierbei noch den geschmackvollen Vergleich, daß ein abgestrafter Verbrecher auch Staatsbürger sei und dennoch nicht gleiche Rechte besitzen darf. Schließlich setzte er seinen Ausführungen die Krone auf, und behauptete, man dürfe in Wien keine tschechischen Schulen dulden, weil sonst die Fremden ausbleiben würden! Nach Herrn Dr. Mittler würden also Amerikaner, Russen, Franzosen, Australier etc. niemehr Wien betreten, wenn es tschechische Schulen gäbe. Geistreich! Man könnte über diesen glänzenden und reifen Politiker herzlich lachen, wenn der Blödsinn nicht auch gefährlich wäre. Was sollen die nichtdeutschen Oesterreicher davon denken, wenn ein jüdischer Politiker solche Dinge . vorbringt? Wird dadurch der Antisemitismus nicht förmlich gezüchtet? Solch lächerliche und gefährliche politische Existenzen, wie die Wiener liberalen Judenpolitiker, müssen aus der Welt geschafft werden. Wir Jüdischnationale werden auf dieses Ziel energisch losgehen. Wir wollen den Frieden mit allen österreichischen Völkern und werden es nicht mehr länger ruhig mitansehen, daß man die Juden in den Dienst deutscher Antisemiten, also in ihr Verderben treibt! Köstlich ist auch die Art, wie Doktor Mittler das Jahr 1848 als moralischen Besitzstand der heutigen Deutschliberalen erklärte, und die Ansprüche seiner Clique auf die Heldentaten der Revolution gründet. Das heißt doch die „Kühnheit“ auf die Spitze getrieben! Diese Gesellschaft, die in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren das österreichische Volk politisch ausgebeutet und verdummt, die wütend gegen das allgemeine Wahlrecht gekämpft hat und heute in einem Klub mit Wolfianern, christlichsozialen und klerikalen Agrariern sitzt, will er mit den demokratischen Helden von 48 in einen Topf werfen! Herr Dr. Mittler als Geisteskind der Barrikadenhelden. Höher geht’s nimmer! Vorläufig können wir uns Herrn Dr. Mittler nur vorstellen, wie er von der Rednertribüne wegläuft, nicht aber, wie er auf Barrikaden kämpft. Hätte unsere jüdischnationale Kandidatur nur den Zweck, all den fragewürdigen Gestalten, welche als Deutschliberale, Deutschdemokraten, Freiheitlichsoziale etc. Lage verliert die Unterbringung von paar hundert Juden durch die Ito in Galveston jede Bedeutung. Die mesopotamiscJien Pläne Zangwills sind noch immer nebelhaft und eine ausgesendete Kommission riet vorläufig von einer Kolonisation im Zweistromland ab. Wenden wir uns nach dieser recht traurigen Umschau unserem Vaterlande zu. Ueber die Not in Galizien haben wir schon gesprochen. . Teilnahmslos sehen die assimilatorischen Juden Oesterreichs der Verelendung ihrer Stammesgenossen im Osten zu. Das bischen „Galizischer Hilfsverein“ ist viel zu wenig, um irgendwie die Not zu lindern. Allen Aktionen aber, welche die Selbsthilfe des Volkes zum Ziele haben, stehen die assimilatorischen Juden feindselig gegenüber. Gegen und ohne sie wurde die „Kredit Union“ ausgebaut, sie waren es, welche die jüdische Kurie in der Bukowina zu Fall brachten, sie sind es, welche eine alljüdische Politik durch ihre mosaischen deutschen und polnischen Abgeordneten verhindern. Dafür aber versetzt sie der Tod Luegers in tiefste Bestürzung und sie kondolieren der antisemitischen Wiener Stadtverwaltung in den rührendsten Tönen. Aber auch diese volksfeindliche Clique kann sich auf die Dauer der nationaljüdischen Bewegung nicht entziehen. In der Frage der bosnischen Kurie wollten sie den Abgeordneten des jüdischen Klubs den Rang ablaufeu und bei den letzten Gemeinderatäwahlen in der Inneren Stadt nützten sie den Sturm der Entrüstung über die Bewerbung getaufter Kandidaten für ihre Zwecke aus.’ Doch vergebens sind diese Versuche einer abgewirtschafteten Clique, sich populär zu machen. Die jüdische Bevölkerung, aufgeklärt durch unsere beharrliche Agitation, läßt sich nicht darüber täuschen, daß ihr Sand in die Augen gestreut werden^soll, damit sie die Volksfeindlichkeit und den Absolutismus des Kahalregimes nicht merkt. Der Kampf um das Landtagsmandat in der Leopoldstadt zeigt deutlich, daß die assimilatorischen Kandidaten und ihr Froschmäusekrieg allgemein nur mehr Verachtung erregen, während die Jüdischnationalen immer weiteres Terrain gewinnen. Weite jüdische Kreise sind von einem neuen Geist erfaßt worden, immer mehr dringt der Gedanke der Einheit aller Juden in alle Schichten des Volkes, immer mehr vertieft sich die Erkenntnis von dem untrennbaren Zusammenhang aller jüdischen Fragen, von ihrer gemeinsamen Wurzel und von der einzigen Lösungsmöglichkeit: dem Zionismus! So traurig reichischen Armee anzugehören, obgleich sie doch auch in Polen zu Hause sind.“ Die Acht-Männer-Gruppe hielt beim Herannahen des Unteroffiziers, in der Arbeit inne. Die Leute schienen sich auf einen Sprecher aus ihrer Mitte geeinigt zu haben, der dem Sergeanten paar Schritte entgegenging und, militärisch grüßend, trug: „Wir glauben, Herr Sergeant, gehört zu haben, daß Sie von einer Rückkehr zu unserer Armee gesprochen haben. Ach! ist sie schon wirklich bald bevorstehend?“ Der Unteroffizier sah den Fragenden groß an und spuckte dann energisch aus. „Da soll mich der Teufel holen, wenn ich dies begreife! Jammern dort jene beim bloßen Gedanken an die mögliche Rückkehr, während diese sie kaum erwarten können. Ihr seid doch vom selben Regiment und auch aus Polen? Jawohl, Herr Sergant.“ „Und doch möchtet ihr zum österreichischen Regiment zurück?“ „Gewiß, das Arbeiten hier ist keine angenehme Sache. Eines Soldaten nicht würdig“, replizierte der Soldat. „Da ziehe ich schon für jeden hier zugebrachten Tag, solcher zwei, wie die bei Wagram mitgemachten, vor. Und dort ist es sehr heiß hergegangen! So heiß, daß ich kaum hoffte, lebend davonzukommen, am allerwenigsten mit heilem Trommelfell. Wir leben doch und unser Gehör hat keinen Schaden genommen. Aber die Schwülen, die man vom fortwährenden Aufschlagen mit dem Ladstock bekam, konnten sich in Ehren sehen lassen, während die hier, vom ewigen Graben und Schaufeln . . .“ Säbelgeklirr wurde, hörbar und der Sergeant lief einem, in Begleitung mehrerer Offiziere erschienenen General entgegen, die französischen Soldaten präsentierten das Gewehr, der Sergeant erstattete die Meldung. Der General, es war der Festungskommandant, schritt auf die arbeitende Gruppe und rief ihnen zu: „Les prisoniers polonais — en avant!“ Die Gefangenen ließen ihre Werkzeuge zur Erde gleiten — die Acht-Männer-Gruppe schloß sich der größeren an — näherten sich dem Kommandanten und, in militärischer Ordnung sich aufstellend, warteten sie der kommenden Dinge. „Ich bin beauftragt, auch Folgendes zu verkünden,“ begann der General. „Die Unterhandlungen bezüglich des Gefangenenaustausches haben eine Unterbrechung erfahren und es ist nicht abzusehen, wann sie wieder aufgenommen werden. Euere Lage müßte also unverändert bleiben. Ich habe aber, euch Soldaten polnischer Nationalität, einen ehrenhaften Antrag zu überbringen. Wie ihr wißt, stehen Tausende eurer Brüder in französischen Diensten. So ihr mit ihnen vereinigt werdet und für die französischen Waffen kämpfen wollet, sei euch der sofortige Eintritt in die Legionen gestattet. Der Eintritt muß freiwillig, ohne jeden Zwang erfolgen. Wählet! In die polnischen Legionen oder hier weiter als Kriegsgefangene arbeiten, um nach einer Zeit der österreichischen Armee ausgeliefert zu werden.“ „Zu den Legionen, zu den Legionen!“ erscholl es aus den hundert Kehlen, wie aus einem Munde. „Ich mußte es,“ lächelte der General. „Ihr seit von diesem Moment an freie Soldaten. In euere Kasematten, wo ihr die weiteren Anordnungen zu gewärtigen habt.“ Der überwiegend größte Teil der Soldaten salutierte und stob auseinander; am Platze blieb die Acht-Männer-Gruppe zurück. Der General stutzte. „Wie! Ihr nehmt den Antrag, in die französische Armee einzutreten, nicht an?“ apostrophierte er barsch die Zurückgebliebenen. „Wir sind österreichische Soldaten, Herr General“, antworteten alle acht Männer einstimmig. „Das weiß ich. Aber doch Polen, wie jene.“ Nun trat der Sprecher der Gruppe vor. „Herr General! Uns steht nicht das Recht zu, über das Tun jener Leute ein Urteil abzugeben. Wir — mehrere von uns kämpften mit ihnen schon unter ihrem getreuen Kosciuszko — können ihnen nur den Schmerz über den herben Verlust nachfühlen, keinesfalls aber ihrem Beispiele folgen. Wir