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Jüdische Zeitung · 1910-10-07 · 40 (7.10.1910) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
40 (7.10.1910)
Date
1910-10-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 40 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 hat, die das nächste Mal wieder gut zu machen wäre, sondern daß es .mit ihrer Politik für immer vorbei ist. Sie hat.eben, vollständig bankerott gemacht, als es,hieß, die Postulate, für welche sie in der Opposition gekämpft hat, in Wirklichkeit um-r zusetzen, als .die Partei zur Macht' kam.-.Mit dem reaktionärsten Wahlrecht .und, der ärgsten, Korruption, kann man doch nicht die wirklichen,'; auf den ethnischen uij,d> sozialen. Gruppierungen beruhenden Machtverhältnisse des Landes matt setzen und. einer dünnen Schichte .eines Volkes, das kaum die Hälfte der.Bewohner des Landes repräsentiert, die Herrschaft sichern. .; ,, Die . österreichischen Parteien , werden mit diesem Umschwung der .Dinge zu rechnen haben und sich, mehr als. bisher , um die gesamtösterreichischen Probleme ..kümmern müssen. Denn infolge der Angiiederung Bosniens und der damit immer stärker. werdenden großkroatischen Aspirationen wird es immer deutlicher, daß der Dualismus, und seine Einrichtungen sich überlebt haben. Durch nichts kann dies besser illustriert werden, als durch die gesetzwidrige Einberufung der Delegationen,. die nur für 1909 gewählt waren. Man weiß wirklich nicht, was sinnloser ist, der Modus der ■Delegationswahl oder ihre Einrichtung selbst. Daß unsere wichtigen gemeinsamen Angelegenheiten von zwei getrennt tagenden Parlamentsausschüssen, die alle Jahre frisch gewählt werden müssen, beraten werden, wodurch von vornherein wirklich wichtige Aenderungen an den Regierungsvorlagen gänzlich ausgeschlossen sind, ist schon an sich nichts anderes als die völlige Ausschaltung der Konstitution. Daß sich die Regierung* aber äueh über jene gesetzlichen Bestimmungen hinwegsetzt, welche die Formen dieser Beratungen regeln, beweist, daß wir völlig absolutistisch regiert werden.Noch trauriger als diese Tatsache ist es, daß die Volksvertreter dafür kein Gefühl haben und den nationalen Streit, der daran schuld ist, höher bewerten, als die durch ihn völlig lahmgelegte Konstitution. Die christlichsoziale Partei, deren Parole: Los von Ungarn einer ihrer zugkräftigsten Schlager war, dem sie auch den Titel der einzigen wahrhaft „österreichischen“ Partei verdankt, sieht sich infolge des Umschwungs in Ungarn vor einem argen Dilemma. Ein großer Teil der Partei will zweifellos den „Kampf gegen Ungarn“ fortsetzen und die ungarischen Nationalitäten gegen die Magyaren hetzen, weil die christlichsoziale Partei in Ungarn nur bei den Nationalitäten Aussichten hat. Eine andere kleinere Gruppe fürchtet offenbar, daß unter den heutigen Verhältnissen jenes Schlagwort sowohl oben als unten unpopulär ist und sich daher für eine Regierungspartei, die notgedrungen konservativ sein muß, nicht schickt. Haben die Liberalen schon den neuen Kurs in Ungarn auszunützen versucht (durch die Reise des Gewerbevereines nach Budapest), so müsse man terhindern, daß sie daraus gegen die ungarnfeindlichen Christlichsozialen Kapital schlagen. Diese Erwägung war ausschlaggebend für die so gänzlich „unpolitische“ Reise Neumayers nach Budapest. Auf alle Fälle ist hier ein neuer Keim der Zersetzung in die christlichsoziale Partei getragen worden, deren Niedergang unaufhaltsam wäre, wenn die Juden die Bildung einer wahrhaft freisinnigen christlichen Bürgerpartei nicht durch ihre Aufdrängungstaktik verhindern würden. Die Ausgleichsverhandlungen in Böhmen scheinen zu irgend einem vernünftigen Resultat zu gelangen. Allerdings darf man nach dem Ausgange so vieler ähnlicher Verständigungsversuche in den letzten jahren, den Tag nicht vor dem Abend loben. Immer wieder stehen in beiden Lagern noch radikalere Parteien auf, welche den geschlossenen Ausgleich bekämpfen und durch ihre maßlosen Forderungen die Bevölkerung aufs neue aufwiegeln. Auch diesmal gibt es zu denken, daß im Momente, wo die bürgerlichen Parteien zu einem Waffenstillstand kommen, im Lager der „internationalen“ Sozialdemokratie der deutsch-tschechische Streit immer heftiger wird. Uebrigens schließen die Bürgerlichen nur unter dem Zwange der Not Frieden. Durch die Lahmlegung der Tätigkeit des Landtages haben deutsche und tschechische Bezirke gleichmäßig zu leiden, da mangels parlamentarischer Bewilligung alle Ausgaben der Verwaltung, bis auf Beamten- und Lehrergehalte sistiert werden mußten. Jedenfalls zeigt sich, daß das Prinzip der Selbstverwaltung von selbst zu einem modus vivendi führt. Dies muß nachdrücklich gegen alle Versuche von. reaktionärer Seite, denj Absolutismus als einzige Rettung ■ vor dem. Nation^litätenstreit zu preisen, betont, werden. — Wie sich die Lage der. böhmischen Juden nach-dem.Nationalitätenstreit gestalten wird,, bleibt, abzuwarten.3-, Jedgsfalls werden die deutschen Parteien noch offener^ antisemitisch werden, da sie Geld ujid Wahlhilteder Juden weniger nötig haben werden als bisher. Daß dies so kommen muß,, haben wir schon lange prophezeit. — Ein Friede in Böhmen .wäre jedenfalls ein bedeutsames, und erfreuliches Moment in der österreichiscfien Politik. Allerdings wäre damit die Situation im Parlament, noch nicht saniert, da die Slovenen, die nunmehr .von den Tschechen im Stiche gelassen werden, vielleicht, weiter, obstruieren werden.. Aber das wichtigste. Hemmnis einer liberalen bürgerlichen Koalitionsregierung in Oesterreich ohne die Vorherrschaft der Polen, wäre damit angebahnt. Deshalb muß man den Prager Verhandlungen vollen Erfolg wünschen. Die Revolutionen Portugal macht dein „Deutschen Volksblatt“ erhebliches Kopfzerbrechen. Revolutionäre, die nicht als „jüdisch“ verunglimpft werden können, gläubige Bauern, die gegen Monarchie und Klerikalismus zu Felde ziehen, eine finanzielle Korruption sondergleichen, an der kein einziger Jude schuld ist, ein Land das völlig zerüttet ist, trotzdem es seit Jahrhunderten so ziemlich judenrein ist, das stellt die ganze antisemitische Weltanschauung auf den Kopf. Wir geben aber doch die Hoffnung nicht auf, daß es dem ehrenwerten Blatt gelingen wird, nachzuweisen, daß niemand anderer als Rothschild die Fäden dieser Revolution in der Hand hielt. Die Landtagswahlen in der Leopoldstadt. Die Aufstellung eines jüdisch-nationalen Kandidaten in der Person des Herrn Lucian Brunner hat in den weitesten Kreisen der Wählerschaft lebhaften Anklang gefunden. Zahlreiche, Korporationen und Einzelpersonen haben ihre Zustimmung gegeben und weitgehendste Unterstützung zugesagt. Es hat sich ein aus Leopoldstädter Wählern bestehendes Komitee, welches die Agitationsarbeit bereits in Angriff genommen, gebildet. Personen, welche sich dem Komitee zur Verfügung stellen wollen, werden ersucht, ihre Adresse dem Sekretariate, IX. Liechtensteinstraße 11, (Tel. Nr. 12299) bekannt zugeben. Die Agitationslokale in der Leopoldstadt werden in der nächsten Nummer veröffentlicht werden. Parteinachrichten. Verlegung des Zionistischen Zentralbureaus nach Berlin. Die Warschauer Zeitung „Unser Leben“ meldet aus Berlin aus sicherer Quelle, daß in der nächsten Sitzung des großen Aktionskomitees, welche am 22. November in Köln abgehalten wird, Präsident W o 1 f s o h n den Vorschlag machen wird, das Zentralbureau und die Redaktion der „Welt“ vom 1. Jänner 1911 nach Berlin unter Aufsicht des Zentralkomitees der Zionistischen Vereinigung für Deutschland zu verlegen. Begründet wird dies mit der geschwächten Gesundheit des Präsidenten, dem die Aerzte jede Ueberanstrengung verboten haben. Die politischen und kolonisatorischen Arbeiten verbleiben wie zuvor unter Aufsicht des Engeren Aktionskomitees. * * * Jahresversammlung der kanadischen Zionisten. Die Federation of Zionist Societies of Canada hat beschlossen, den diesjährigen Delegiertentag der kanadischen Zionisten am 24., 25. und 26. Dezember d. J. in Toronto abzuhalten. Dies wird die XL Jahresversammlung (Convention) seit dem Bestände der kanadischen Federation sein. Die Beratungen werden im eigenen Heim der Torontoer Zionisten stattfinden, das eines der prächtigsten öffentlichen Gebäude der Judenheit Torontos ist. Den Vorsitz in der Convention wird der verdienstvolle Präsident de,r kanadischen Federation, Mister Clarence J. de Sola, führen. Die nächstjährige Convention wird; wahrscheinlich in Winnipeg tagen. « * r * Sitzung des Engeren Aktionskomitees der Zionistischen Organisation. Am 25. September fand in Köln eine Sitzung des Engeren Aktionskomitees der Zionistischen Organisation statt. Die nächste Sitzung des Großen Aktionskomitees wird am 22. November d. J. in Köln stattfindeih Dr. Hugo Rappaport s. A. Ueber die Persönlichkeit des leider zu früh verschiedenen Gg. Dr. Rappaport wird uns von befreundeter Seite geschriebenen: In Dr. Hugo Rappaport, Trautenau, der ganz unerwartet in der Nacht vom 18. September in Prag in einem Hotel an einem Herzschlag starb, verlieren wir eine Persönlichkeit seltener Art. Jahre hindurch war er in dem durch den Kampf der Radikalen und Liberalen durchwühlten Trautenau, dem Wahlkreis des Karl Hermann Wolf, der Vertrauensmann der Liberalen gewesen, der ihnen die politischen Prozesse führte und auf dessen Stimme sie mit Aufmerksamkeit hörten. Und noch heute, wo er an der Spitze der zionistischen Organisation stand, genoß er in ungemindertem Maße das Vertrauen des Bürgermeisters, der seine Hilfe oft in Anspruch zu nehmen pflegte. So groß war sein Ansehen im Orte, wie in ganz Ostböhmen, daß Antisemiten wie Liberale ohne jeden Unterschied bei ihm, der der erste Anwalt dieser Gegend war, von weit und breit her in schwierigen Situationen Rat suchten und ihm ihre wichtigsten Angelegenheiten anvertrauten. Er war der Vertrauensmann der Bevölkerung. Sein Name war dieser schon fast zu einer Sammelbezeichung geworden, so sehr verkörperte er die glänzendsten Eigenschaften der Advokaten. Das führende Blatt der Deutschen Böhmens, die Bohemia, schreibt in ihrem Nachruf, daß er manchem Deutschen in Not eine gesuchte und erbetene Stütze gewesen ist. In seiner Stellung zur Judenheit war er den Weg gegangen, den die meisten seiner Generation gingen. Er war dem Judentum ganz entfremdet gewesen und hatte an den politischen Kämpfen als eutscher teilgenommen. In den Vierzigerjahren seines leider so rasch abgeschlossenen Lebens begann eine innerliche Umwälzung in ihm; eine langsame, anfangs ihm selbst nicht bemerkbare Umwertung der Begriffe. Ungleich so manchem Schicksalsgenossen, die von der Assimilation trotz bitterster Enttäuschungen umsoweniger los konnten, wenn sie sich eine angesehene Stellung erworben hatten, besaß Dr. Rappaport soviel geistige Energie und Unabhängigkeit, soviel ungebrochene Elastizität und Geradheit eines stolzen Empfindens, daß er ohne jeden Einfluß von außen sich ganz selbständig zu einer Formulierung des Problems durchrang, auf die es keine andere Antwort als die zionistische geben konnte. Und als er einen Konzipienten für seine Advokatenkanzlei suchte, da wählte er unseren Dr. Emil Margulies, obwohl er vor dessen zionistischer Gesinnung gewarnt worden war, er wählte gerade ihn, weil er, wie er einmal öffentlich ^bekannte, ohne genauere Kenntnis des Zionismus instinktiv dieses Bekenntnis als etwas Stolzes und Schönes empfand. Dr. Emil Margulies war es dann, der ihn mit der Bewegung bekannt machte; mehr bedurfte es nicht, um ihn zu einen der treuesten und wertvollsten Anhänger zu machen. Zwei Jahre gehörte er zu uns und so rasch wußte er sich das allgemeine Vertrauen und aller Sympathien zu erwerben, daß er auf dem letzten westösterreichischen Parteitag ins Zentralkomitee gewählt wurde und schon zu den maßgebenden führenden Persönlichkeiten zählte. Seine stolze Bescheidenheit, die Vornehmheit des Empfindens, die Leichtigkeit und Schärfe des Erfassens auch der kompliziertesten Probleme, seine geistige Energie, die ihn jeder Situation gewachsen zeigte, und die Weite seines nie am Kleinlichen haftenden Blickes erzwangen ihm überall Achtung, verschafften ihm überall Freunde und prädestinierten ihn zu einer führenden Rolle. Zahlreiche Freunde, die er sich außerhalb und innerhalb der Bewegung so rasch erworben, unsere

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