Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438273-2438313--2105-2441750- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 ganze Organisation stehen trauernd' an dem Grabe, das eine unserer Schönsten Hoffnüngen birgt. Wieder ist einer der Besten von uns geschieden; Am 22. September fand in Prag in Gegenwart zahlreicher Vertreter aller zionistischen Organisationen Böhmens die Beerdigung statt. Herr Doktor Emil Margulies, der Präsident des böhmischen Distriktskomitees, der auch das Zentralkomitee vertrat, sprach hiebei für die monistische Organisation und die Korporationen, denen der Verstorbene angehört' hatte, als Freund und Gesinnungsgenosse herzliche, tiefempfundene Worte des Gedenkens. Der zionistische Volksverein Theodor Herzl in Trautenau hat seinen Obmann ins Goldene Buch eingetragen und wird nunmehr einen Oelbaumgarten auf den Namen Dr. Rappaport pflanzen. Die Freunde des Verstorbenen werden aufgefordcit, sich dieser Sammlung zu seinem Andenken anzuschließen. Wiener Kultuswahl 1910. Die Statutentreue oder auch nicht. Wir haben in voriger Nummer dargelegt, daß die Anwendung des ungeheuerlichen § 2 b und die Zurückweisung der Steuer des R.-Abg. Dr. Mahler vom Kultusvorstand damit begründet wird, es sei ihm heilige Pflicht, die Kultusstatuten strikte zu befolgen. Diese Begründung wiederholt sich stets, so oft der Kultusvorstand einen Gewaltakt begeht. Sind aber die Statuten mal unbequem, fliegen sie rasch in den Winkel. So besagt § 7 .des Kultusstatuts, Absatz 2: „Scheidet jedoch im Laufe einer Wahlperiode ein Viertel der Mitglieder des Kultusvorstandes aus, so muß für die.Abgeh enden innerhalb längstens vier Wochen die Ersatzwahl ausgeschrieben werden.“ Nun sind seit vielen Monaten notorischerweise von den 36 Mandaten des Kultusvorstandes sieben erledigt, und zwar die der Herren Bernhard Pollak, Wilhelm Pollak, Goldschmidt, Homer, Marmorek, Seligmann und Stiaßny. Hierzu kam noch vor den Sommerferien die geheim gehaltene Resignation des K.-Rates Leopold Sachs, der sich so gegen den unwürdigen Kondolenzbrief anläßlich des Todes Luegers verwahrt hat und schon vor einigen Wochen .die gleichfalls geheim gehaltene Resignation Dr. Josef Breuers, der sein Amt. mit seiner Eigenschaft als Vater des zur Leitung des Rothschild-Spitals berufenen Doktor Breuer korrekterweise für inkompatibel erachtete. | Da somit neun Mandate erledigt sind, hätte die Ersatzwahl innerhalb vier Wochen ausgeschrieben werden müssen. Es ist jedoch bis zur Stunde der Wahltermin nicht bekanntgegeben worden. Cui bono? Es geschah hoffentlich nur aus Bequemlichkeit oder doch, um die blamable Resignation des K.-Rates Sachs nicht eingestehen zu müssen. .Immerhin bleibt die Statutenverletzung eine Statutenverletzung und die Geheimhaltung der Resignation von Vorstehern eine grobe Verletzung der Pflichten gegen die Wählerschaft, welche ein unzweifelhaftes Recht darauf hat, zu wissen, wer eigentlich ihre Vorsteher sind. Direkte Aktion in Palästina.*) Das Interesse an der Arbeit in Palästina dringt in immer weitere Kreise. Die Zahl jener jüdischen Organisationen, welche um dieselbe bemüht sind, steigert sich von Jahr zu Jahr. Trotzdem könnte weit mehr geleistet werden, wenn neben die Tätigkeit der Organisationen die direkteAktion der Palästinafreunde träte. Je intensiver das Interesse an Palästina wird, desto weniger kann durch bloßes Einfordern von Mitgliedsbeiträgen und Versendung von Jahresberichten der Sache voll genützt noch auch der einzelne Palästinafreund dadurch persönlich befriedigt werden. Nur wenn dieser in irgend einer Weise in lebhafte direkte Beziehung zu Palästina treten wird, kann nach beiden Richtungen hin das Möglichste geleistet werden. In den letzten Jahren haben sich ja auch in Westeuropa die früher fast unbekannten Beziehungen zwischen Palästina und Golusjudentum ausgebreitet. Teils durch die Propagandatätigkeit einiger *) Aus,der soeben erschienen Nummer der Zeitschrift „Palästina“. JÜDISCHE ZEITUNG. Organisationen, teils durch hie und da effolgehde Uebersiedlung intelligenter oder kapitalskräftiget Elemente des Westjudentums nach Palästina, teils durch das Bekan.itwerden einer daselbst immer rascher vor sich gehenden jüdischen Entwicklung sind die Fäden, welche das Golusjudentum mit Palästina verbinden, dichter geworden. Und dies in einem Maße, daß das 1 Bedürfnis nach direkter persönlicher Anteilnahme in jedem Freunde 'der jüdischen Evolution eir\ lebhafteres geworden ist und, dem großen idealen Interesse entsprechend, praktisch ein hoch vieli lebhafteres werdenmüßte: Ein solches Interesse nutzbar zu machen, müßte eine Hauptaufgabe jüdischer Palästinaarbeit sein. So müßten sich, ,'den verschiedenen persönlichen Neigungen und» materiellen Verhältnissen der Palästinafreunde entsprechend, verschiedene Tätigkeitszwecke finden, welche es dem Einzelnen oder kleinen Gruppen Ermöglichten; eine solche direkte Aktion zu führen. Eine der wichtigsten und grundlegendsten Formen solcher Betätiguhg ist natürlich der Ankauf von Grund und Bilden zum Zwecke der Bebauung. Es ist. indirekt yrbarmachupg des Landes selbst und bietet zugleich vielen Juden die Möglichkeit zu gesundender Arbeitsbetätigung. War es aber früher mit großen ^Schwierigkeiten verbunden, von Europa aus Boden,.zu kaufen oder gekauften bebauen zu lassen, so ist heute in dem Palästinaamt .in Jaffa eine Stelle gegeben, welche alle nötigen Transaktionen in genauester und verläßlichster Art durchzuführen in der Lage ist, insbesondere seit es in der Palestine Land Developpement Company ein Instrument besitzt, das alle Funktionen einer. Landgesellschaft' erfüllen kann. Es sei ausdrücklich bemerkt, daß es sich bei Ankäufen von Land durchaus nicht um große Summen handeln muß. So hat erst kürzlich eine Gruppe von Wiener Palästinafreunden in einer jüdischen Kolonie eine Anzahl von Parzellen im Ausmaß von je 5 ha (55‘Dunam) erworben. Eine solche Parzelle kostet bloß 1300 Frcs. Im Falle der Bepflanzung, welche vom Palästinaamt beaufsichtigt wird, betragen die weiteren Kosten durch vier Jahre je 1000 Frcs., Das sind keine uner- , schwinglichen Summen, um so mehr als es sich um eine gute Kapitalsanlage handelt. Dieses Moment ist auch bei größeren Käufen zu berücksichtigen. Die Pflanzungen in Palästina geben durchschnittlich eine sehr gute Verzinsung, 10 bis 15 Prozent sind keine Seltenheit. Und daß der Bodenwert steigt, ist eine bekannte und unausbleibliche Erscheinung. ' Es sollte demnach ,wohlhabenden Palästinafreunden nicht schwer fallen, einen Teil ihres Vermögens im Lande zu investieren. Dann ist für dieselben äußeriieh ein gewisser Wirklichkeitszusammenhang mit der gewünschten Wiederauilebung Palästinas manifestiert. Auch der Erwerb von städtischem Terrain und der Bau städtischer Häuser bedeutet eine Steigerung, jüdischen Besitzes und kann in Anbetracht der in den Städten noch herrschenden Wohnungsnot von großem Nutzen für die Allgemeinheit sein. 1 Die Beteiligung an t gewerblichen Unternehmungen ist gewiß ebenfalls möglich, jedoch von Europa aus schwieriger zu> überblicken. Wenn nun solche Aktionen zugleich geschäftlichen Charakter haben und doch im Interesse der Allgemeinheit gelegen sind — nicht zuletzt durch die damit gegebene Erwerbsgelegenheit für Arbeiter und Beamte — so können anderseits eine Reihe im besten Sinne philantropischer und sozialpolitischer Aktionen ganz gut von Einzelnen oder von kleinen Gruppen ins Werk gesetzt werden. Das stete Wachstum der' jüdischen Siedlung hat naturgemäß das Auftauchqn einer Reihe von sozialen Bedürfnissen zur Folge, für welche die Selbsthilfe oftmals nicht ausreicht, die großen Organisationen nicht immer so leicht das intime Verständnis werden gewinnen können. Es bleiben noch zahlreiche Lücken, welche auszufüllen sehr gut privaten Aktionen von Palästinafreunden möglich wäre. Oft wird hier gerade das individuelle Sachinteresse und die persönliche * Anteilnahme instinktiv Richtiges treffen und Nützliches stiften können. Zunächst bildet die Fürsorge für die jüdische Arbeiterschaft ein Gebiet, auf welchem sehr viel geleistet werden kann. In dieser Hinsicht bildet wohl der Bau von Arbeiterhäusern , . y.ttr:"4ö' i in' den' Kolonien'^därs ^wichtigste Erförde'rnis.' Hieizii wird ^freilich dürclischnittiich die' Kraft des Einzelnen nicht ausreiöhen, so daß es sich nur daruni handeln kann,- zu jeneiii Fonds beiziitragen, der kli diesem Zwecke 'soeben geschaffen wurde. Da' hier aber nur. von ‘direkten Aktionen gesprochen Weiden soll, so sei darauf hingewiesen, daß es noch eine Menge' kleinerer Fürsorgezwecke auf' jenehi Gebiete gibt, so namentlich die Errichtung von' Arbeiterküchen, da die Lebensverhältnisse in dieser Beziehung für die Arbeiter noch recht ungünstige sind. Mit einem' Darlehen von zwei- bis dreihundert Franken ist es mitunter möglich, in einer Kolonie eine solche Küche ins Leben zu rufen, wie dies einigerorten schon geschehen ist! Auch die Kosten für sehr notwendige Arbeitsv ermittlungsstellen werden nicht hohe sein, ebenso gehört — speziell für die eben Eingewanderten ein Ar.beitslosenfonds zu den notwendigsten Bedürfnissen. Manchmal handelt es sich um geringe Aushilfen, welche doch durch den Zweck ihrer Verwendung sehr hilfreich sein können. Und dies ist ja der Unterschied zwischen der klarsichtigen und der üblichen Philantropie, daß jene vom Zwecke ausgeht, auf die Befriedigung notwendiger Bedürfnisse hinzielt*). Nachdrücklich sei auch darauf hingewiesen, wie man auf k u 1 tu re 1 len Gebieten mit geringen Mitteln oft großen Nutzen stiften kann — zum Beispiel durch die Förderung von Volksb i b 1 i o t h e k e n, durch die Anschaffung künstlerischen Wandschmuckes für Kindergärten und Schulen, durch Einrichtung von Stipendien für Schüler des Bezalcl oder anderer Lehranstalten, durch Fonds zur Anlegung von Schulgärten usw. Ein anderes Kapitel bilden wissenschaftliche Arbeiten der Palästinaforschung, literarische Unternehmungen etc. Bezüglich der vor allem in unmittelbarem und ganzem Interesse wurzelnden Beteiligung der Frau auf eigensten Wirkungsgebieten müßten nur die in den Artikeln über „Jüdische Frauenarbeit“ gegebenen Ausführungen wiederholt werden. Und noch eins: daß die direkte Aktion manchmal auch ein unmittelbares Sehen erfordert, wpzu ein lebendiges Interesse eigentlich von selbst führen müßte. Mögen diese Anregungen auf fruchtbaren Boden fallen! Stürmische Szenen im Ottakringer Tempel. Nach Redaktionschluß erhalten wir von einem Besucher des Ottakringer Tempels die Mitteilung, daß es daselbst am ersten Rosch Haschonoh-Tage zu einem peinlichen Auftritt zwischen den Tempelbesuchern und dem Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern gekommen sei. Die Ursache sei eine Differenz zwischen dem Kultusvorstande und dem Ottakringer Tempelvorstande, die sich daraus ergab, daß dieser sich weigerte, seinen Kuntorfür die Feiertaüe an den Leopoldstädter Tempel abzugeben. Präsident Stern erschien am ersten Feiertage persönlich im Ottakringer Tempel, wo es zu heftigen Szenen gekommen sein soll, die erst ein Ende fanden, als sich der Präsident entfernt hatte. Wir werden über diese Vorgänge in der nächsten Nummer ausführlich berichten. Zeitschriften und Bücherschau. Die Zeitschrift „Palästina“. Das neueste Heft der vom Zionistischen Zentralkomitee herausgegebenen Monatschrift „Palästina“ ist außerordentlich reichhaltig. Den Leitartikel „Direkte Aktion“ bringen wir an anderer Stelle. In einem ausführlichen und interessanten Aufsatz plaidiert Davis Tri etsch, Berlin, für die Einführung einer Spitzenindustrie für Palästina, Dr. Alex. Hausmann, Lemberg, setzt seinen *) Die Leitung von „Palästina“ ist gerne bereit, auf jede Art von Anfragen Auskünfte zu übermitteln.