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Jüdische Zeitung · 1910-10-07 · 40 (7.10.1910) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
40 (7.10.1910)
Date
1910-10-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2-: JÜDISCHE ZEITUNG. •Nr. 40 Auf dein Wege zum Reichsgericht.*) Dr. Max Diamant (Czernowitz). Der Jude, der sich freut, daß er emanzipiert ist, ist Sklave geblieben. Der nichtemanzipierte Jude, der um seine Freiheit als sein Recht kämpft, ist ein Herr. Wir haben die Anerkennung unserer nationalen Rechte noch nicht erlangt, diejenigen aber, die sich freuen, daß sie emanzipiert sind, zittern schon, wenn sie hören, daß wir um unser Recht kämpfen wollen. Zum Reichsgericht gehen! Wozu das? Wird denn das Reichsgericht Euch Recht geben? Es ist doch besser,, man schweigt. Doch es gibt Leute, die nicht schweigen ohne Rücksicht, ob die Mächtigen ihnen Recht geben oder es ihnen verweigern. Gehen wir denn zum Reichsgericht, damit es uns Recht gebe? Wir wissen sehr wohl, daß der Kampf um unsere nationale Gleichberechtigung keine Rechtsfrage, sondern .eine Machtfrage ist, daß diejenigen, die die, Macht haben, sich heute um unser Recht nicht scheren, sondern nur auf die Behauptung ihrer H errschaft bedacht sind. Doch wir beugen uns nicht, weil ihnen der gebeugte Jude mit dem zerknirschten Gesichte und den scheu blickenden Augen besser gefällt, wir wollen ein jüdisches Geschlecht mit freiem Blick und geradem Nacken — Männer, die sich mit ihrer ganzen Individualität durchsetzen, sich durchkämpfen und sich und ihr Recht nicht beugen lassen. Man hat uns emanzipiert. Aber ein Recht, das wir nicht behaupten, geht verloren, auch wenn es verbrieft ist. Besitzen wir es aber nicht, so werden wir es nie erlangen, wenn wir es nicht erkämpfen. In den Tagen der Volkszählung wird jedem Juden , gesagt, er sei kein Jude. Es gebe in Oesterreich nur acht Nationen und zu einer von dieser muß sich jeder Oesterreicher zählen..Eine jüdische Nation gibt es nicht. Ein Jude, der Rechtsbewußtsein und Stolz hat, läßt sich das nicht bieten. Wenn mir der Volkszählungskommissär sagt: Wir kennen nur acht Nationen, zu welcher gehörst Du? so antworte ich: „Zur neunten“. Ich lasse mir diese Fragestellung, die mich höhnt, nicht gefallen. Ich halte aber nicht bloß die Faust in der Tasche. . Die Verfassung sieht die Möglichkeit vor, in solchen Fällen sich beim Reichsgerichte zu beschweren. Und wenn die Beschwerde auch nicht abhilft, schweigend lasse ich mir das nicht bieten, daß man mein nationales Recht verkümmert, wie ich mir eine persönliche Beleidigung nicht bieten lasse, auch wenn ich nicht weiß, ob ich im Zweikampf Genugtuung finden werde. Das wäre ein gewaltiger Protest, wenn jeder 24 Jahre alte Jude, ob Mann ob Weib (nur wer eigenberechtigt ist, kann zum Reichsgerichte gehen) mit seiner Beschwerde zum Reichsgerichte ginge. Das wäre ein Plebiszit der Juden Oesterreichs. Wer könnte dann noch sagen: über deren Rechte kann man skrupellos hinweggehen. Je mehr hingehen werden mit ihrer Beschwerde, desto deutlicher wird ihre Stimme ertönen, desto aufmerksamer wird man sie hören. Man wird auch fragen, ob sie denn wirklich ein Recht haben. Heute meint die große Oeffentlichkeit, es sei das nicht einmal der Fall. Diejenigen, die da um die nationale Anerkennung kämpfen, seien Heißsporne, denen nur wenige nachgehen. Und es ist wichtig, diesen Aberglauben zu beseitigen. *) Die am 18. September in Lemberg stattgehabte Sitzung der Exekutive der national-jüdischen Reichspartei hat, wie bereits gemeldet, beschlossen, die Juden Oesterreichs aufzufordern, anläßlich der Volkszählung als Umgangssprache „Jüdisch“ anzugeben. Sollten die Behörden Schwierigkeiten bereiten, dann sind Massenbeschwerden an das Reichsgericht zu richten. Anm. d. R. Wir sind eine kleine Nation. Nicht so klein, daß man über uns hinweggehen könnte, wenn wir uns nicht treten lassen, aber auch nicht so'groß, daß wir einzig auf unsere Machtentfaltung bauen können. Wir können nur dann erfolgreich operieren, wenn wir unsfere Interessen nicht bloß mit aller Energie . vertreten, sondern die große Oeffentlichkeit einsieht, daß unsere Forderung eine gerechte ist, wir die Stimme der Oeffentlichkeit, das Gewicht des anerkannten Rechtes, für uns haben. Gerade in der Frage nach unserer nationalen Gleichberechtigung, dem Fundamente für den Erfolg einer nationalen Politik, i s t alles gegen tfns. Hier gilt es, eine große Aufklärungsarbeit zu leisten. Nun hat sich 'das Reichsgericht über die Rechtmäßigkeit Unseres Anspruches auf nationale Gleichberechtigung bereits einmal geäußert. Wie nicht anders anzunehmen war, ablehnend, doch sehr unlogisch. Es wird ein leichtes sein, diesen Gedankengang zu widerlegen! Dann werden 'sich diese Richter und auch die anderen die Frage vorlegen: Haben diese Leute vielleicht doch Recht? Der Kampf um nationales Recht ist unerbittlich. Wie zäh verteidigen die Tschechen oder Polen ihre nationalen Positionen! Haben sich die wohldisziplinierten tschechischen Sozialisten dem Spruche der „Internationalen“ in Kopenhagen gefügt? Wer klares Urteil hierüber hat! konnte das auch nicht erwarten. Einer der besten politischen Köpfe unseres Volkes, Adolf Fisch hof schrieb hierüber im Jahre 1869 („Oesterreich und die Bürgschaften seines Bestandes“, S. 70) folgendes: „Daß eine nationale Minorität sich, gleich einer politischen, in wichtigen Fragen ohne Zwang der Majorität unterordne, ist nicht zu erwarten; denn zwischen der politischen und der'nationalen Partei waltet ein großer Unterschied ob. Die politische Partei verteidigt Ideen oder Interessen, die, wenn auch heute unberücksichtigt, vielleicht schon morgen beachtet werden. Sie kann somit unterliegen, ohne unterzugehen. Die nationale Partei hingegen vertritt eine nationale Existenz und diese kann nicht gedeihen, wenn sie fortwährend bedroht und kaum je wieder erblühen, wenn sie einmal verkümmert ist. Aus diesem Grunde sind die parlamentarischen Rassenkäinpfe gnnz so fanatisch und wild, wie die mit der Waffe in der Hand; denn sie sind Kämpfe ums Dasein, und die Auflehung der nationalen Minorität gegen Majorität und Staat ist oft nur ein Akt verzweifelter Notwehr.“ Wenn man uns so um unser nationales Recht kämpfen sehen wird, wird man es uns um des Staates willen nicht verweigern dürfen. '■ Deshalb ist der Lemberger Beschluß der Reichsexekutive] der jüdischen Nationalpartei, die Verletzung des Rechtes unserer Nationalität mit Massenbeschwerden beim Reichsgerichte anzufechten, das rechte Wort zur rechten Zeit Er wird voraussichtlich bei allen anderen jüdischen Parteien Widerhall und Nachahmung finden, so daß sich alle zusammenfinden werden im Kampfe um unser Recht. Wochenrundschau.;. Das Eingreifen des Jüdischen Nationalvereines in die Wahlbewegung in der Leopoldstadt hat weit über die Kreise der Partei hinaus Befriedigung hervorgerufen. Jene Kleingeister, welche in der Politik nichts anderes sehen, als eine Jagd nach Mandaten, jammern zwar darüber, daß schon wieder ein neuer freisinniger Kandidat aufgestellt wurde, aber all jene, welche begreifen, daß es sich in erster Linie um die politische Erziehung derjuden handelt, freuen sich, daß der jüdische i Nationalverein unbeirrt dieses Ziel verfolgt. Das bewies schon der Verlauf der großen Wählerversammlung vom letzten Dienstag. . Die Teilnehmer, gewöhnt an das armselige Gefasel der Stammtischpolitikaster, horchten gespannt auf, als unsere Redner ihnen mit Geist und Klarheit die Grundzüge einer vernünftigen und folgerichtigen jüdischen Politik entwickelten. Wenn auch viele von ihnen nicht so schnell „umlernen“ können, von der unwiderleglichen Richtigkeit unseres Standpunktes sind alle überzeugt worden. Es bedarf nur einer unermüdlichen -und .energischen Aufklärungsarbeit, die zu leisten der jüdfscherNationalverein festen Willens ist, um die Wiener Juderischaft für sein Programm zu gewinnen. Die einzelnen Phasen dieser Wahlbewegung wirken ohnehin wie Illustrationen zu den Ausführungen unserer Redner. Da erscheint das Blatt des Kultusvorstandes auf dem Kampfplatz, fertigt die Mittler und Schwarz-Hiller mit einer ironischen Geste ab, aber nicht etwa .wegen„ihres falschen politischen Programms, sondern weil sie, wie das Kultusvorstandsblatt im antisemitischen Jargon sagt, nichts anderes sind, als zwei jüdische Advokaten. Solchen werde kein liberaler Christ seine Stimme geben. Auch wir sind dieser, letzteren Ansicht. Aber wir glauben nicht, daß der Grund dafür darin zu suchen ist, daß die beiden Herren Juden sind, sondern darin, daß sie sich als Deutsche gerieren, wie wir das kürzlich an dieser Stelle ausführten. Die Juden werden erst bündnisfähig, wenn sie jüdischnationale Politik treiben, was die Reichsratswahlen bewiesen haben, wo unsere Kandidaten tausende christlicher Stimmen erhielten. Die Politik der „judenliberalen“ führt rettungslos in das Ghetto, die jüdischnationale führt aus dem Ghetto heraus. Das hat mit unübertrefflicher Klarheit Gg. Stricker in seiner letzten Rede dargelegt. Dem Kultusvorstandsorgan wären wir übrigens dankbar, wenn fes uns den Arier nennen wollte, der sich jemals der Juden angenommen hat. — Noch intelligenter will der ins Hock’sche schillernde „Morgen“ die Kandidatenfrage lösen: Man lasse zwischen den „freisinnigen“ Kandidaten einfach das Los entscheiden! Ob die Juden die bankerotte „judenliberale“ Politik fortsetzen oder eine nackte Interessen-, respektive „Realpolitik“, wie das schöne Wort von Fleischers Gnaden heißt, treiben sollen, ob sie einen sogenannten deutschfreiheitlichen Christen, lies: verkappten Antisemiten wählen oder ob ‘sie nicht vielleicht' eine klar durchdachte, moderne, österreichisch-jüdische Politik, wie die Jüdischnationalen sie propagieren, führen sollen, darüber entscheidet nicht Erfahrung, politische Reife, Ueberlegung und Ueberzeugung, sondern einfach der blinde Zufall, das Los. Die Sozialdemokraten hinwieder, welche in ihrer „Arbeiter-Zeitung“ täglich über die Juden schimpfen und den Christlichsozialen fortwährend vorwerfen, daß sie ihren Antisemitismus verleugnen, haben wohl aus Angst, die Leopoldstadt könnte nicht antisemitisch genug wählen, den Abg. Schuhmeier aufgestellt, der sich zu allen Zeiten ganz unverhüllt als Antisemit geberdet hat und erst in der Freitagsitzurig des Gemeinderates die Majorität angeklagt hat, ihr Antisemitismus sei zu „seicht“ und zu „verseucht“. Es ist ein alter Trick der Sozialdemokraten, in der Leopoldstadt einen christlichen Kandidaten aufzustellen, in der Erwägung, daß ihnen die Stimmen der jüdischen „Genossen“ sicher sind, daß sie aber jene der christlichen riskieren, wenn sie einen Juden aufstellen! Wann werden die Juden endlich einsehen, daß es im Punkte der Judenfrage keine verlogenere Partei gibt, als die Sozialdemokratie! Ihre von Assimilanten geschriebene Presse ist des bösartigsten Antisemitismus voll, ihre Haltung in allen die Juden betreffenden Fragen eine doppelzüngige und deshalb viel unsympathischere, als selbst jene der Christlichsozialen. Darüber können die jüdischen Massen nicht genug aufgeklärt werden, denn gerade jene Schichten des Judentums, welche der Sozialdemokratie ihre Stimme deshalb geben, weil sie bei ihr im Gegensatz zu den liberalen Judenklüngeln, eine klare, prinzipielle und moderne Politik sehen, werden, wenn ihnen der antisemitische Charakter der Sozialdemokratie klar gemacht wird, zum großen Teile die treuesten Anhänger der jüdischnationalen Partei werden. Die interessanteste Erscheinung der inneren Politik ist der Umschwung in Ungarn. Es zeigt sich immer deutlicher, daß die Unabhängigkeitspartri nicht eine bloße Wahlniederlage erlitten

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