Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 40 (7.10.1910)
- Date
- 1910-10-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werdfn nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn': Ganzjähr. K 10.—, halbjahr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk.3.—. Für das übrige ********** ** *** Ausland'ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare^ h. Postsparkassenkonto 104.067. #■***•*■**■***•*•**** Nr. 40. Wien, Freitag den rf. Oktober 1910. IV. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Die Landtagswahl in der Leopoldstadt. Auf dem Wege zum Reichsgericht. Wochenrundschau. Wiener Kultuswahl 19 0. Direkte Aktion in Palästina. Aus dem jüdischen Leben. Sport. Vereinsnachrichten. Die LandtaoswaMen in der Leopoldstadt. Kandidat: Lucian Brunner Bankier, Wien, XIX. Bez., Billrotstraße 26. Wählerversammlungen: Samstag,. den. 8.. Oktober:- Cafe Dohan, II., Untere Augartenstraße 26. Beginn 8 Uhr abends. Sonntag, den 9. Oktober: Hotel Stefanie, II.,Taborstr. 12. Beginn halb 11 Uhr vormittags. Ferner finden Dienstag, den 11. und Samstag, den 15. d. M. Versammlungen statt. Ort und Zeit werden durch Plakate und Flugzettel bekanntgegeben. Die Elfjährige. Skizze von David Pinski. (Autorisierte Uebersetzung.) Die Mutter sagte ihr am Jom Kiper wiederholt, daß sie zum Fasten zu jung sei und bezeichnete ihr einige Stellen im Machsir*), die sie hersagen sollte. Sie ließ ihr Weißbrot mit Huhn, Aepfel, Weintrauben und ein Stückchen Kuchen zurück und ging in die Synagoge. Die Kleine blieb allein und ihr war sehr traurig zu Mute. Traurig und einsam sah es auch in der Stube und auf der Gasse aus. Furcht und Zittern schienen in der Luft zu liegen, als halte die Welt den Atem an und warte voll banger Sorge auf den Richterspruch. Das geöffnete Bett mit den Polstern, auf denen die Abdrücke der Köpfe deutlich zu erkennen waren, das unaufgeräumte Zimmer, die müde brennende Wachskerze — zum Gedächtnis der Verstorbenen angezündet — die von Zeit zu Zeit prasselte, als würden die Tränen, die bei ihrem Entzünden geflossen waren, auf sie niedertropfen; die Fensterscheiben, durch die ein trüber, bewölkter Tag hereinblickte, gleichsam die tränenden Augen der Stube — all das drückte tiefe Schwermut, verzweifeltes Warten aus und auf allem lag eine unendliche Traurigkeit. Die Landtägswahl. Wenn irgendwann vdie Notwendigkeit der jüdischnationalen Politik selbst dem blödesten Auge klar g$\toprden ist, so ist es diesmal bei dem Kampf um das Landtagsmandat Luegers der Fall. Der vollständige Marasmus der sogenanten judenliberalen Politik ist nie deutlicher und nie erbärmlicher zu Tage getreten. Ist schon die deutschliberale Partei selbst zu einem Jarrimergebilde herabgesunken, wie traurig sieht es erst mit ihfefl jüdischen Nachläufern und Aufdrängem aus, die vergeblich um Einlaß in das zerfallene Haus dieser Partei betteln odpr den Kopf in den Sand eines freiheitlich-sozialen Programms stecken und nun meinen, man sehe nicht mehr, daß sie Juden sind. Man fragt sich vergebens, .ob die Politik dieser Leute auch nur das geringste an sich hat. das sie rechtfertigen würde. Man kann eine charakterlose, aber gescheite Politik ebenso verstehen, wie eine ehrliche, aber ungeschickte. Unverständlich aber, auch für Leute ohne jede politische oder historische Bildüng^ ist ejme. Politik, die weder Charakter noch Vernunft hat, die rein töricht, lächerlich und feig ist. Töricht ist es, zu glauben,' daß ein jüdischer Abgeordneter, der vor der Tür der Deutschen Parteien um Anerkennung seines Deutschtums winselt, jemals irgend eine Beachtung erzwingen, einen Einfluß gewinnen, den Juden nützen kann: Fall Kuranda. Lächerlich ist es, zu denken, daß die Christlichsozialen auch nur einen Mann an das antiklerikale Lager verlieren werden, wenn ein jüdischer Kulturkämpfer für die Lösbarkeit der katholischen Ehe, gegen das Zölibat der katholischen Priester und gegen den katholischen Dogmenunterricht in der Schule streitet: Fall Ofner. Feig ist es, Es bedrückte ihr junges Herz und sie verspürte Lust zu weinen. Ihr war, als bereite sich ein großes Unglück vor und es drängte sie, zu fasten, um Gott zu versöhnen, daß er alles Böses abwende. Das Kind öffnete das Machsir an der Stelle, wo die Mutter den ersten Einbug gemacht hatte und begann zu beten. Die unbekannten Worte blickten sie fremd und strenge an und ängstigten sie. — Doch das sind ja dieselben Worte, die das Herz Gottes erweichen, und sie und ihre Mutter und die Brüder von jeder Gefahr behüten können! So betete sie denn mit tränenerstickter Stimme und begann jämmerlich zu weinen. Sie weinte aus ganzer Seele, herzzerreißend, als sei sie von einem großen Unglück niedergedrückt. Die Tränen flössen ihr in den Mund, daß sie kaum atmen konnte, aber sie betete unausgesetzt, trotzdem sie mit den verweinten Augen die Buchstaben kaum unterscheiden konnte. — So betete sie fleißig, fleißig; schon.ist die erste bezeichnete Stelle hergesagt — die zweite und die dritte . . . Erst später, viel später, als sie sich durch das viele Weinen erleichtert fühlte, erinnerte sie sich an die guten Sachen, die die Mutter ihr zurückgelassen hatte. Da stellte sie sich zum Tische hin, um sie in der Nähe anzusehen — nur um sie anzusehen . . . nicht den Mut aufzubringen, sich als das zu bekennen, was man ist: als Jude. In dieses Narrenhaus assimilatorischer Politik dringt der jüdischnationale Gedanke wie ein Arzt. Wenn auch die politische Bildung bei allen Völkern und am meisten bei den Juden verzweifelt gering ist, so ist doch Hoffnung vorhanden, daß jeder halbwegs vernünftige Mensch wenigstens ihr ABC erlernen wird, wenn man es ihm durch Jahre vorbuchstabiert und er durch die Schläge, die er infolge seiner schlechten Auffassung immer wieder abkriegt, zum Lernen gedrillt wird. Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist in Oesterreich und namentlich in Wien das antisemitische, das heißt antijüdische Prinzip das herrschende. Nicht der Jude als Kapitalist, nicht der Jude als Arzt oder Advokat, nicht der Jude als Hausierer, Handwerker oder Proletarier, nicht der Jude als Freisinniger oder Sozialdemokrat wird bekämpft, ausgeschlossen, verdrängt und beschimpft, sondern der Jude als Jude, in.seinem ganzen Dasein, alle Juden, welcher Berufs- oder Denkungsart immer sie sind. Eine Abwehr, eine Verteidigung kann daher nur ausgehend wenn, der Jude als Jude sich wehrt» wenn die Juden, die als solche angegriffen werden, sich als solche wehren und die Summe ihrer Intelligenz und Tatkraft, ihrer Steuerkraft und politischen Rechte dem Antisemitismus entgegenstellen. Das allein kann die Situation der Juden bessern. Wenn sie aber, erschreckt von den Angriffen, nichts anderes wissen, als ins Wasser zu springen — ins Taufwasser — oder sich in Masken zu hüllen — noch dazu in verschlissene aus einem politischen Ausverkauf — dann sind sie rettungslos verloren und zu dem Haß gesellt sich die noch tötlichere Verachtung. Wer diese Grundwahrheit nicht versteht, dem ist nicht zu helfen. Dem werden wir vergebens die politischen Leitgedanken der jüdischnationalen Bewegung klar zu machen versuchen, ihm werden wir nicht begreiflich machen können, daß die eineinhalb Millionen Juden Oesterreichs vereinigt ein politischer Faktor, daß sie bündnisfähig wären, wie die Reichsratswahlen bewiesen, daß ihre Stimmen in den Parlamenten in die Wagschale fielen, wo oft die wichtigsten Beschlüsse (Ungarischer Ausgleich, Annexionsvorlage, Budget etc.) oft von drei bis vier Stimmen abhängen! Wenn man die Leopoldstäter Wahlbewegung betrachtet, dann könnte man wirklich daran verzweifeln, daß es möglich wäre, den Juden die Elemente einer vernünftigen Politik klar zu machen. Aber die Jüdischnationalen verzweifeln nichl. Sie allein unter allen jüdischen Strömungen haben ein Programm und politische Gedanken, sie allein haben Kampfesfrische und Energie, sie allein glauben noch an das Judentum und seine Zukunft. Mit jugendlicher Begeisterung und der festen Zuversicht, welche der Besitz der Wahrheit verleiht, ziehen sie in den Kampf in der Gewißheit, daß früher oder später der Sieg ihnen zufallen muß. *) Gebetbuch dür die Feiertage.