Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 39 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438273-2438312--2092-2441736- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 begründete er die Notwendigkeit des Eingreifens des „Jüdischen Nationalvereines“ in-diesen Kampf. Der Referent Gg. Ing. Robert Stricker, lebhaft begrüßt, führte ungefähr aus: Wenn wir den Entschluß gefaßt haben, in den jetzigen Wahlkampf aktiv einzutreten, so sind wir darauf gefaßt, daß man uns mit Beweisen liebevollen Wohlwollens nicht gerade fiberhäufen wird. Aber eines ist sicher: Der Vorwurf, daß wir Jüdischnationalen den sfißen freisinnigen Frieden und die holde liberale Eintracht stören, der Vorwurf wird uns erspart bleiben. Die Liberalen unter sich. .Hat man doch in den letzten Tagen seine blauen Wunder gesehen, wie friedlich und einig der Leopoldstädter Freisinn dasteht Ein heftigeres und ordinäreres Gezänke, als da zwischen den Mittlerleuten und den Schwarz-Hiller-Mannen tobt, kann man sich nicht leicht ausdenken. Wenn die christlichsoziale Polizei nicht rettend eingegriffen hätte, würden sich die Freisinnigen längst alle Köpfe und Rippen eingedroschen haben. Die Wahlschlacht dauert erst wenige Tage, aber von der gerichtlichen Austragung der bereits gefallenen Ehrenbeleidigungen, könnten hundert liberale Advokaten einige Jahre bequem leben und die Herren sind an ein gutes Leben gewöhnt Aber aus alldem machen wir unseren freisinnigen Gegnern keinen Vorwurf. Wir sind nicht zimperlich, wir sind . die allerallerletzten, welche die Nase rümpfen, wenn es bei einem politischen Gefechte lebhaft und geräuschvoll zugeht. Und wenn die Herren Ofnerianer Und Altliberalen sich gegenseitig „Gaukler, Streber und politische Falloten“ heißen, so sind wir viel zu höfliche Leute, um ihnen da zu widersprechen. Die Herren stehen sich ja persönlich und politisch so nahe, sie sind so oft Arm in Arm gegen die bösen Zionisten losmarschiert und werden am besten wissen, was sie von einander zu halten haben. Aber es handelt sich uns nicht darum, wie in der Leopoldstadt gekämpft wird, sondern warum die Leute kämpfen. Erst wenn man sich über die Ursache des gewaltigen Lärmens klar wird, erkennt man die Kleinlichkeit und Lächerlichkeit dieses Tuns und Treibens. Die Ursachen des Streites. Durch die Leopoldstadt tobt eine Revolution, daß alle Tarocktische wackeln. Warum? Sind verschiedene Weltanschauungen, große Gedanken oder große Persönlichkeiten aneinander geraten. Nicht die Spur! Die Leute von hüben und drüben sind gute ehrsame Leopoldstädter Bürger, in ihren Tagesgewohnheiten und politischen Anschauungen ansonsten ganz gleich. Der erschütternde Unterschied besteht nur darin: die einen verkehren im Cafe „Fetzer“, die anderen im Cafe „Donau“. Die einen behaupten daß man im Cafe „Fetzer“ viel besseren Liberalismus und schwarzen Kaffee bekommt als im anderen und umgekehrt. Von sachlichen Differenzen ist keine Rede. Alles dreht sich um die liebwerten Persönlichkeiten der Herren Dr. Mittler und Dr. Schwarz-Hiller. Aber selbst an diesen Personen ist kein sonderlicher Unterschied wahrzunehmen. Sie arbeiten in derselben Branche und verschleißen denselben Ausschußartikel. Sie handeln beide mit politischer Partieware, welche noch aus dem großen Konkurs der alten liberalen Partei stammt. (Lebhafte Heiterkeit.) Nur hat Dr. Mittler noch die alte rostige Finnatafel, auf welcher deutschliberal steht Dr. Ofner und sein erster Kommis Dr. Schwarz-Hiller sind aber moderner und unternehmender. Sie wechseln nach dem Beispiele gewisser Leute jeden Tag die Firma. Vorgestern hieß sie demokratisch, gestern deutschdemokratisch, heute freiheitlichsozial, morgen vielleicht deutschfreiheitlichsozial. Aber das Warenlager bleibt das alte und gleiche wie bei der Firma Mittler. Wir Jüdischnationale haben natürlich nicht die geringste Lust uns für einen dieser Streitteile zu welche in den Hosentaschen die Fäuste ballen und zuhause „gut jüdisch“ sind, übertriefen draußen von Salbung und Weltbürgertum. Unser Beginnen treibt sie nun aus ihrer Lethargie empor und sie rufen empört: „Ihr wolltdie Juden ins Ghetto zurückführen: Ihr wollet Euch von der Kultur und der europäischen Gesittung separieren!“ Gemach, ihr lieben Freiheitschwärmer; die Sache verhält sich anders: „Ihr wollet ein Plätzchen in der Kulturwelt, wir aber wollen die Kulturwelt in uns.!“ * * * Was die Zukunft bringen wird? Wer könnte es sagen? Wir werden sie, die alten Ungläubigen, nicht überzeugen; wir werden sie aber überleben, sagte Herzl. Unser Weg liegt klar vor uns: Vorwärts. Und — gesetzt den Fall — wenn’s auch ein aussichtsloser Kampf und ein endloser Weg wäre: Morituri te salutant! Nur kein Dämmern und Träumen, kein Klagen und Jammern! Besser, hundertfach besser ein rascher Tod, als ein langsames, qualvolles Sterben. Wir aber glauben an die Zukunft, glauben an die befreiende Kraft der Tat, glauben an uns und den Lebenswillen unseres Volkes. Darum rufen wir frohgemut: Neues, kommendes Jahr sei begrüßt! JÜDISCHE ZEITUNG, Nr. 39 engagieren. Wir gehen unseren Weg und werden trachten, die Wähler dieses Bezirkes aus dem häßlichen, rein persönlichen Parteihader heraus und zu uns zu führen. Die Frage wie weit es uns in kurzer Zeit gelingen kann, wird unsere Lust an der Arbeit nicht beeinträchtigen. Wir arbeiten ja nicht für die Wahlen, sondern für die Zukunft, für unser Programm. Die erste Forderung unseres Programmes lautet: „Der österreichische Jude soll bewußt jüdische 'und bewußt österreichische Politik treiben“. Das ist auch unsere Wahlparole. Schon die Bezeichnung „österreichischer Jude“ wird neu und fremdartig anmuten. Man hat bisher auf jüdischer Seite immer nur von mährischen, von böhmischen und galizischeri Juden gesprochen, von Prager, Brünner ' und Wiener Juden, ja in Wien geht die Unterteilung noch weiter. Politisch genommen gibt es keine Wiener Juden, sondern Leopoldstädter, Mariahilfer, Brigittenauer und Kaijuden. Das sind nicht etwa bloße Sonderbezeichnungen, sondern faktische, tatsächliche politische Sonderexistenzen. In politischer Beziehung leben diese Leute streng separiert von einander. Liberales BezirksjudentumI Den politischen .Dratziehem ist natürlich diese Bezirksmeierei sehr angenehm. Das erleichtert die Mandatsfängerei ganz hervorragend. Im einzelnen Bezirke ist eine Kaffeehausklique viel rascher zusammengetrommelt,-sind persönliche und geschäftliche Beziehungen viel besser auszunützen. Zur Illustration dieses Zustandes sei eine kleine Episode aus dem Kampfe zwischen Dr. Mittler und Doktor Schwarz-Hiller mitgeteilt. Bei den gemeinsamen Auseinandersetzungen über die Aufstellung der Kandidaten dekretierten die Ofnerleute: Drüben im ersten Bezirke können, die Altliberalen machen, was sie wollen. Aber did> Leopoldstadt gehört uns, da sind wir die Herren. Man muß sagen, das ist wirklich ein bewundernswertes politisches Prinzip. In der inneren Stadt kann einzig und allein der Liberalismus die Leute retten, aber diesseits der Marienbrücke ist die Menschheit auf freiheitlich sozialen Wege zu erlösen. Ich habe schon gehört, daß man in einer Stadt die Kejirichtabfuhr und Kanalräumerei rayonniert, daß man Bedürfnisanstalten nach dem Stadtplane aufteilt, aber daß man politische Ueberzeugungen nach demselben System regelt, ist originell. (Stürmischer Beifall.) Unsere politische Ohnmacht ist zum größten/ Teile auf das Konto, dieser elenden Bezirksmeierei zu setzen. Wie wäre es denn sonst möglich. Wir Juden sind als Einzelindividüen genommen, sehr tüchtige, intelligente und lebenskräftige Leute. Im Kampfe ums Dasein sind wir den andern weit überlegen. Aber politisch genommen sind 3.000 rumänische Kukuruzbauern mehr als 1 * */* Millionen Juden.','Hundert organisierte.kleine .Vorstadtgreißler, und kleine Gewerbetreibende sind ein politischer Faktor. Im Vergleiche zu ihnen sind alle Wiener jüdischen Advokaten, Aerzte und Beamte zusammengenommen ein politjsches Nichts. Weil eben diese verstreuten Intelligenzen nicht den Weg zu einander finden. Die politischen Macher haben sie in Bezirke eingeschachtelt, damit die Mandatsjägerei leichter wird. Man hat ein Bezirksjudentum etabliert. Wenn der Leopoldstädter Jude mit dem Christlichsozialen kämpft, so schert sich der Mariahilfer den Teufel drum. Und wenn es ihm je einfällt und er will sich dreinmischen, so schmeißen ihn die politischen Bezirksbausknechte hinaus. Das jüdischnationale Programm. Wir Jüdischnationale sind als die ersten diesem Unfug entgegengetreten. Wir wollen die politische und nationale Solidarität aller Juden. Wir betrachten jeden Kampf, an welchem Juden beteiligt sind, als allgemein jüdische Sache. Gleichgiltig ob es sich um Reich, Land oder, Stadt handelt. Wir vertreten dieses Prinzip im ganzen Lande und werden uns auch in Wien Geltung verschaffen. Bezirksgrenzen und Provinzgrenzen werden wir im Judentum nie und nimmer respektieren. Wir können Ihnen nur den Rat geben. Kehren Sie diesen jämmerlichen Pratersjtraß enpatrioten enlichden Rücken! Geben Sie Männern ihre Stimme, welche für die Solidarität aller Juden Oesterreichs eintreten. Solange Sie das nicht tun, wird das schöne billige Schlagwort vom gemeinsamen Kampf gegen den gemeinsamen Feind eine lere Phrase bleiben. Alles Lamentieren und alle Korruptionsriecherei wird nicht helfen. Dem Bezirksjudentume gegenüber bleiben die Antisemiten allmächtig. Jüdische und österreichische Politik. Wir wollen, daß die österreichischen Juden österreichische Politik treiben. Unter österreichischer Politik verstehen wir nicht einen Veteranenpatriotismus, eine schwarzgelbe Gefühlsduselei oder gar einen besonderen Respekt vor kaiserlichen Räten und Rittern des Franz Josefs-Ordens. Wir wollen, daß man endlich mit dieser unfruchtbaren Wiener Lokalpolitik aufhört. Außerhalb Wiens leben aufstrebende Nationen, die vielfach unter ähnlichen Verhältnissen leiden wie wir Juden, die ebenso lebhaft das Bedürfnis fühlen, die Gewaltherrschaft der Reaktionäre abzuschütteln. Die Anerkennung dieses Umstandes und den Versuch mit den freisinnigen Elementen dieser Nationen Bündnisse zu schließen, vereint mit ihnen der Reaktion an den Leib zu rücken, das nennen wir österreichische Politik. Im Gegensätze zu ihr steht die bisher konsequent und ohne jedes ersprießliche Resultat betriebene Wiener Lokalpolitjk, die sich deutsch nennt und in Wirklichkeit nur schlecht jüdisch ist Wir Jüdisch-nationale wollen als national organisierte Gruppe mit den freisinnigen Elementen der anderen arbeiten. Die Reaktion ist kein Wiener Uebel, sondern ein österreichisches Uebel, sie muß von ganz Oesterreich aus bekämpft werden. Mit der ewigen Wiener Raunzerei über die christlichsoziale Korruption ist wenig getan. Was hat man sich nicht alles von den letzten christlichsozialeii Lumpereien versprochen. Man, sah schon die Antisemiten in den Grund gebohrt. Und heute müssen wir uns eingestehen, daß der erhoffte Erfolg sehr; sehr weit hinter den Erwartungen der „Neuen Freien Presse“ zurückgeblieben ist. : T.- ' Die Erben der Christlichsozialen. Die freisinnigen Politiker schreien in einem fort: „Weg mit den Christlichsozialen!“ Und wer soll nachfolgen? Die Herren sind doch nicht so naiv zu glauben, daß Kuranda Statthalter und Neustadtl Bürgermeister von Wien wird? Als ernste Anwärter auf die Nachfolge stehen neben den rein Klerikalen, die deutschnationalen Antisemiten in Bereitschaft. Und da kann ich ihnen nur eines sagen. Wehe den Juden, wenn Wien deutschnational wird. Ich bin in einer deutschen Provinzstadt geboren, ich kenne diese Herren. Hundertmal besser wäre es, die Christlichsozialen blieben. An Rohheit, Verlogenheit und Bösartigkeit - den Juden gegenüber, übertreffen die Deutschnationalen jede andere Partei. Fragen sie einmal Juden, welche draußen, in, deutschnationaler Umgebung leben. Dem Juden gegenüber wird der gebildetste Deutschnationale zur Kanaille. Aber das macht alles nichts. Unsere liberalen |udenblätter und unsere liberalen Judenkandidaten arbeiten unentwegt deutschnational, i Andere Sorgen haben sie nicht! Einige Beispiele: In Wien leben 400.000 Tschechen, nicht als Schmarotzer, nein, sie leisten schwerste Arbeit. In ihrer freien Zeit wollen sie die heimische Sprache und Kultur pflegen. Da kommt die „Neue Freie Presse“ und hetzt und schürt. Wenn dann 100 Lausbuben unter Führung der famosen Herren Wolf und Weidenhoffer nach Favoriten gehen und tschechische Läden demolieren, jubelt dieses Judenblatt über die gelungene Abwehr des slavischen Uebermutes. Ist es denn wirklich klug und unbedingt notwendig, daß die Wiener Juden das deutschnationale Lied plärren! Wir Juden haben doch mit uns selber genug . zu tun. In Oesterreich ist heute deutsche Politik identisch mit reaktionärer und antisemitischer Politik. Es gibt heute keine Deutschen, die nicht auch Antisemiten sind. Den hinausgeschmissenen Hock nehme ich aus. Haben wir Juden also auch nur die geringste Ursache, den Deutschen zu liebe die anderen Völker vor den Kopf zu stoßen und Bündnisse mit den reisinnigen Elementen dieser Nationen abzulehnen. Ich sage Ihnen: Wenn'400:000'unzufriedene Tschechen und. 200.000 bedrückte Juden in Wien gleichzeitig ihr Forderung stellen, werden die Herren im Rathause aus einem anderen Loche pfeifen. (Beifall.) Wenn es in Wien dazu kommen wird, eine Vereinigung der Fortschrittlichen aller, Nationen zu schaffen, so werden wir als Erste mitarbeiten. Wir sehen darin überhaupt die einzige Möglichkeit, dem reaktionären Uebel beizukommen. Das nennen wir bewußte österreichische Politik. Sie können nun sehen wie ungerecht der Vorwurf ist, daß wir Jüdischnationale die Juden in ein Ghetto sperren. Ganz im Gegenteil. Bei den sogenannten Freisinnigen ist das Ghetto. Sehen Sie sich doch die liberale und freiheitlichesoziale Organisation an. Da sind ja nur lauter Juden drinn. Da gibt es ein Ghetto das Donauklub heißt und ein deutschdemokratisches Ghetto. Unsere Politik führt zu den anderen und ins Freie. (Stürmischer Beifall.) Wir Jüdischnationale halten das bloße und ausschließliche Lamentieren über die Schlechtigkeit der Christlichsozialen für überflüssig. Sie, als Wiener Bürger, wissen doch hinlänglich, was Sie von der Ehrenhaftigkeit der christlichsozialen Machthaber zu halten haben. Wir überlassen das Vergnügen, die Christlichsozialen mit dem Maul zu erschlagen, gerne unseren Gegnern, die wirklich nichts anderes zu sagen haben. Wir überlassen das den Herren Mittler, Schwarz-Hiller, Hock und Neustadtl, die ihr Dasein als Redner und Politiker einzig und allein den christlichsozialen Lumpereien zu danken haben. Wichtiger als das ewige Wiederholen alter Klagen ist die Besprechung der Mittel und Wege, wie man diesen Christlichsozialen beikommen könnte, wie sich die Juden ihrer Haut wehren sollen. Der Altliberalismus und sein Ableger, die Deutschdemokratie, haben sich nicht bewährt. Die Bezirksmeierei hat uns keinen Schritt nach vorwärts gebracht. Es ist daher hoch an der Zeit, daß Sie alle Bezirkscliquen von sich abschütteln. Sie sollen in Zukunft nicht mehr Männer wählen, die Bekanntschaften und Beziehungen haben, sondern Männer, die ein gesundes Programm vertreten. Wir bieten Ihnen ein Programm und werden Ihnen auch einen guten Mann bieten. Fassen Sie zu beiden Vertrauen und Sie werden es nicht zu bedauern haben. (Jubelnder Beifall.) Herr E. Torczyner stellte namens einer großen Anzahl von Wählern den Antrag, Herrn Lucian Brunner als Kandidaten aufzustellen. Dieser Antrag wurde mit überwiegender Mehrheit von der Versammlung angenommen und von stürmischem Beifall begleitet.