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Jüdische Zeitung · 1910-09-30 · 39 (30.9.1910) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
39 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnähme; IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn Ganzjähr. K 10.—, halbjahr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.-, Vierteljahr. Mk.3.—. Für das übrig ,*■************** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplafe20 h. Postsparkassenkonto 104.067. *************** Nr. 39 Wien, Freitag den 30;; September 1910. IV. Jahrgang. Beispiel des Niederganges und Tiefstandes dieser „freiheitlichen“ Gruppen, daß jeder anständige, selbstbewußte Jude von Eckel über diesen Marasmus ‘streberischer und 'mandatsgieriger Kaffeehausgrößen erfaßt wurde. . T reffend charakterisierte in der Dienstagversammlung des Jüdischen National Vereines der Obmann, Gg. Dr. Jakob Ehrlich, die Lage als das „Begräbnis der politischen Vernunft innerhalb der. Wiener Judenschaft“. Er fügte hinzu, Aaaß die Leopoldstädter Juden die Leidtragenden bei diesem Begräbnis abgeben. War auch die Charakteristik richtig, so belehrte uns die Versammlung des jüdischen Nationalvereines, j daß die Juden nicht gewillt sind, diese j Rolle, bei der Agonie der Assimilation zu spielen. Die Juden sind yielhiehr vom i Wunsche beseelt, Pate bei der Wiedergeburt einer neuen Judenpolitik und einer neuen Parteimoral innerhalb der österreichischen Judenheit zu stehen. . Die Ausführungen der jüdisch-nationalen Redner, ihre glänzende Kritik der desolaten Verhältnisse und der verkrachten Assimilationsparteien*Jä|fiM?Slcfe., , Namen „deutsch-demokratisch“ und „freiheitlich-sozial“ drapieren und ihr positive Vorschlag, eine bewußte jüdisch-nationale Politik zu inaugurieren, entfesselten Stürme des Beifalles. Den Höhepunkt erreichte die Begeisterung der Versammelten, als ein Leopoldstädter Wähler vorschlug, aktiv in den Wahlkampf einzugreifen und einen eigenen Kandidaten in der Person unseres bewährten Gesinnungsgenossen Herrn Lucian Brunner zu nominieren. Dieser Vorschlag wurde mit ungeheurer Mehrheit angenommen und die Verkündigung der Annahme mit minutenlangem Beifalle begleitet. Die nachfolgende Rede des nominierten Kandidaten belehrte auch diejenigen,welchen die jahrelange aufopferungsvolle Tätigkeit des Herrn Brunner und seine umfassende politische Erfahrung, sowie oft bewiesene mannhafte Treue dem jüdischen Volke und den wahrhaft freiheitlichen Prinzipien gegenüber unbekannt gewesen sein mochten, daß man keine bessere Wahl hätte treffen können. Seine Ausführungen, besonders die, welche sich mit der Judenfrage befassten, ließen einen Mann erkennen, der auch in I Hinkunft gewillt ist, mit der ihm eigenen j Entschiedenheit und Unerschrockenheit für i die Bedürfnisse und die Ehre seiner Volksgenossen einzutreten. Wir hoffen, daß die Dienstag-Versammlung den Gesundungsprozeß der Wiener Judenschaft eingeleitet und unseren so oft für fremdnationate Ziele und streberische Politikaster mißbrauchten Stammesgenossen die Augen geöffnet hat. Wir erwarten, daß alle politisch reifen Juden, deren Horizont über die enge Bezirksgemarkung der Leopoldstadt hinausreicht, sich uns anschließen und int Kampfe um die wahre Emanzipation des jüdischen Volkes aus dem Ghettokreis politischer Kurzsichtigkeit und unverantwortlicher kleiner Kliquenwirtschaft unterstützen und ihre Stimmen auf den wahrhaften Volksmann und treuen Nationaljuden Lucian Brunner vereinigen werden. Nachstehend lassen wir den Bericht über die ausgezeichnet verlaufene, von mehr als 800 Personen besuchte Versammlung folgen: Der Obmann des Jüdischen Nationalvereines“, Gg. Dr. Jakob Ehrlich eröffnete mit einer Begrüßung der Erschienenen die Versammlung, und schilderte die jämmerlichen Verhältnisse, die bei den politischen Cliquen herrschen, die sich um das Leopoldstädter Landtagsmandat raufen. In überzeugender Weise AUS DEM INHALTE: Die Landtagswahl in der Leopoldstadt. Rundschau. Schutz- und Abwehrvereine gegen Kahalwillkür. Wiener Kultuswahl 19.0. Von der Woche. Juden l Wählt Schwarz-Hiller. Gedicht von Beda. Galizischer Brief. Sport. . Überläufer. ■Allen unseren Lesern und Gejsiimiings - Genossen entbietet die besten Gliiekwünsehe zu 5671 rwn tp&n Die „Jüdische Zeitung' Die Landtagswahl in der Leopoldstadt. . Lucian Brunner — Kandidat. Wer noch den geringsten Zweifel an der Ohnmacht und vollständigen Depravation der verschiedenen assimilatorischen Klüngel des Wiener Israelitentums hegen ' konnte, dem wurde sie durch den abscheulichen, persönlichen und würdelosen Streit der beiden Kaffeehausgesellschaften, die sich um Dr. Schwarz-Hiller und Dr. Mittler , scharen, benommen. Die letzten zwei Wochen boten der Oeffentlichkeit ein derartiges Neujahr. Von Moses Waldmann, Wien. ln wenigen Tagen wird das jüdische Jahr 5670 'gewesen sein. Nach alter Väterweise sollten wir Rückblick halten und die Zukunft bereiten. Wir sollten uns fragen: „Was hat uns das vergangene Jahr gebracht, was birgt das kommende in seinem Schoße?“ * * * An gleicher Stelle sagten wir voriges Jahr: „Was uns nottut, ist Gegenwart und Zukunft; Vergangenheit haben wir genug!“ Wir wollen das Wort stehen lassen. Aber es sei gestattet, hinzuzufügen: Uns fehlt eine menschenwürdige Gegenwart und wir haben genug an trauriger Vergangenheit. Es ist ein bei unsoft geübter Brauch, anläßlich des Neujahrs die Leiden zu erwähnen, die im abgelaufenen Jahr über uns hereinbrachen, die Gewalt- und Willkürrakte, denen das jüdische Volk ausgesetzt war, Revue passieren zu lassen. Wir wollen davon absehen. Traurige Vergangenheit haben wir genug. Das macht den Unterschied zwischen uns und den anderen jüdischen Parteien. Sie weinen über ' unser Schicksal und wir sehnen uns nach der befreienden Tat. Sie erzählen immer noch von der Vergangenheit. Ihre jüdische Anschauung trägt die Marke: „Es war einmal.“ Uns aber wandelt sich alles in Hoffnung und Sehnsucht nach Befreiung und [ unser Glaubensbekenntnis beginnt mit: „Es wird | und muß sein!“ Sie, die anderen, wollen Ruhe, wollen keine unliebsamen Störungen; und mag es die Ruhe der Erstarrung, die Stille des Todes sein. Wir aber ringen nach Betätigung, wir wollen Arbeit und Befreiung, und mag’s auch Sturm und Donner und rauschenden Kampf geben. Sie, die andern, wünschen Einheit; „Einheit“ mit der Kulturwelt, „Einheit“ mit den umwohnenden Völkern. Und begnügen sich, wenn’s eine Scheineinheit ist, wenn’s nur nicht bemerkt wird, daß es Unterschiede gibt. Wir aber wollen vor allem Einheit mit uns selbst. Einheit in uns und Geschlossenheit unseres Volkes, jeder Schein ist uns verhaßt. * * * Wenn man ihnen von unserer Zukunft spricht, so antworten sie: „Wir bestehen schon Jahrtausende; Verfolgung und Unterdrückung haben nicht vermocht, uns niederzuringen.“ Daraus ziehen sie den Schluß: „Infolgedessen werden wir auch in Hinkunft bestehen“, und lassen den Abfall und die Zersetzung, die Fahnenflucht und die schändlichste Untätigkeit gewähren. Wir aber sagen: „Unser schier ewiger Bestand gibt uns die Gewähr, daß unsere Bemühungen um die Erhaltung unseres Volkes nicht vergeblich sind; aber was nottut, ist Arbeit, ist ewige ununterbrochene Betätigung. Jahrtausendlange Geschichte bietet keine Gewähr für den Bestand. Auch ein Volk lebt nicht ewig; muß wenigstens nicht ewig leben. Jammervoll und schändlich wär’s jedoch, wenn ein jahrtausendaltes Volk tatenlos seinem Untergang und seiner Zersetzung zuschauen würde.“ « * * Unser ganzes Programm läßt sich am besten in folgende Worte zusammenfassen: „Wir wollen leben!“ Und leben bedeutet für uns in Freiheit und ungestört leben. Frei wollen wir sein; frei am Leibe, frei in unserer Seele! Das Ducken und Verkriechen, das Geduldetsein und Gehetzwerden, der fremde Haß und mehr noch das fremde Mitleid sind uns in unserer Seele zuwider. Wir halten uns nicht für die Auserwählten der Menschheit wie unsere Protestrabbiner und unsere Großen; aber wir lassen uns auch nicht, weder offen noch verblümt, als Parias und Minderwertige behandeln. Wir freuen uns nicht über den jüdischen Baron und über den jüdischen Würdenträger; wir bekennen uns aber dafür stets zu unseren Aermsten und Verachtetsten. * * * Darüber aber sind die Anderen empört* daß wir uns unserer Eigenart nicht schämen, daß wir unser Judentum wie eine Kokarde tragen, daß wir nichts beschönigen und nichts verheimlichen. Sie,

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