Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 38 (23.9.1910)
- Date
- 1910-09-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Kreditbank, die Agitation dafür, daß die Einwanderer möglichst bald die ottomanische Untertanenschaft annehmen. Er schließt: .' Jetzt ist es Zeit, die Gerüste aufzubauen, die Kadres auszufüllen, damit das große Werk der Vollendung entgegcngehen kann, denn unsere Palästinaarbeit verheißt den Juden des Ostens Erlösung, d n-Juden des Westens Achtung und der Menschheit die: Wiederauferstehung jenes großen Kulturzentrums, von dem unsere westlichen Kulturen ihre besten Impulse empfangt n habt n und das in Zukunft berufen sein wird, der Menschheit unermeßliche Dienste zu leisten und ihr neue Kulturschätze und Ideale zu bringen.“ (Stöimiseher mii utenlanger Beifall und Händeklatschen.) ' Or. Franz Oppenheimer von stürmischen Ovationen empfargt-n, referierte überdies edlungsgeuossenschaft. „Man hält mein Piojekt der Siedlung.-genossenschaft für eine Utopie. Ein Utopist Ist aber nur derjenige, der eine Gesellschattsordiiung aus dem Kopf erfindet Die Siedlungsgenossenschaft liegt jedoch in der natürlichen Entwicklung nnd in der Tendenz der Wellgeschichte. Mommsen hat die Tendenz der Weltgeschichte in jenem prägnanten Satz ausgedtückt: „Weltgeschichte ist dir Kampf zwischen den asiatischen Sultanismus und europäischer Bürgerfreiheit“, oder anders ausgedrückt, die Weltgeschichte ist der Kampf zwischen Herrschaft und Genossenschaft. Die ganze jüdische Geschichte ist nur ein anha tender Kampf gegen SuhaniSmus und für die Freiheit, ln Rußland und auch in Deutschland sogar führen noch heute die Juden diesen Kampf Jedes Aufsteigen dis Sultanispius in der Weltgeschichte ist von einem Verbote der Genossenschaft begleitet, jeder Sieg der Freiheit von einem mächtigen Aulblühen derselben. Nach der französischen Revolut on. nach derN.eder: läge der -englischen Hnchschutzzollpolitik, nach dem Siegeder deutschen Revolution 1848 blühte in allen diesen Ländern die Genossenschaft mächtig auf. ■ - Die Genossenschaft als Gemeinde und als politischer Körper ist der Schlußstein al'er Demokratie. Die Genossenschaft ist nur zu schaffen durch eine Organisation der Landarbeiter. Diese sind aber bisher noch nicht orgamsieit Die Gründe liegen zum Teil im Mangel an Bildung unter den Landarbeitern, zum Teil aber in der Macht der Grundbesitzer. Die Landat beiter können nur in der Produktivgenossenschaft organisiert werden. Bisher aber sind all diese mißlungen aus den verschiedensten Gründen. Eine industrielle Produktivgenossenschaft kann nicht glücken. Daraus folgerte man, daß auch landw rtschaft iche Genossenschaften unbedingt mißlingen mußten. Diese aber haben immer geglückt. Es gab eigentlich nur eine wirkliche landwiitschaftliche Genossenschaft, diejenige in Irland, deren Entstehung und Geschichte der Redner skizzierte. Es entsteht die Frage: Warum mißlingen d:e Industriellen, Genossenschaften, während landwirtschaftliche glücken? Der Giund dieser Tatsache ist in dem Gegensatz zwischen dem feindlichen Wettkampf und dem friedlichen Wettbewerb zu suchen. Im friedlichen Wettbewerb stehen die Käufer, d.-h, sie teilen - ihre Einkaufsquellen und ihre geschäftlichen Vorteile e'nander mit Die Verkäufer jedoch halten alle Geschäftsvorteile streng vor einander geheim, was Dr. Oppenheimer als den feindlichen Wettkampf bezeichnet. Die Landwirte nun stehen im friedlichen Wettbewerb zu einander, die Kaufleute jedoch im feindlichen Weitkampfe. Aus dieser Tatsache ist die Fiage zu beantworten, mithin folgt daraus, daß während industrielle Genossenschaften immer zugrunde gehen, die landwirtschaftlichen Genossen>chaften unbedingt-gelingen müssen. Dr. Oppenheimer geht nun auf die näheren Details.der zu gtündenden Siedlung.-genossenschaft In Palästina ein. ' Mit seinem überaus eindrucksvollen und mächtigen . Appell zur Unterstützung seines Projektes schließt , der Redner seine mit brausendem Beifall mitgenommene Rede. " ’ An diese Referate schloß sich eine eingehende Generaldebatte. Am zweiten Tage folgte ein instruktives Referat des Parteisekieiärs Blumenfeld über die „Zionistischen Agiiaiionsmithoden“. Die 7000 deutschen Zionisten müßten mehr und mehr zu der Kraft des Wollens iind des Eikemens getührt werden, damit sich Ihnen der wahre Zionismus offenbare imd in ihnen ein statkerD. mm gegen zetsplitternde, isolierende Stiömungen errichtet werde, die von auß.n her die nationalen Bestrebungen des Judentums bedrohen. Er schlägt fo'gende Thesen vor: Der Delegie'tentag ist der Aisicht, daß der nationale Charakter unserer Bewegung in der Agitttion unzweideut g betont weiden müsse; insbesondere soll entscheidendes Gewicht auf den prinzip:ellen Unterschied zwischen dem Zionismus, als der Jüdischen Volksbewegung, und allen andern jüdischen Organisationen gelegt werden. Der Delegiertentag erblickt in den Gruppenverbänden die zuverlässigste Grundlage für eine systematische Agitation. Er besih'ießt daher, die O gani -ierung von Gruppt nverhänden überall dun hzu ühren, und macht es denOitsgiuppen zurptlicht, sich dem Gruprenveband ihres Bezirkes anzuschließen.“ (tng1 nommen. Der Delegierte' tag nahm hierruf die Neuwahlen für den geschäftsfuhi enden Aussihuß und das Zentralkomitee vor. Zum Vorsitzenden wurde Doktor Hantke-Berlin gewählt Außer ihm bilden den ge¬ JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 38 schäftsführenden Ausschuß die Herren Dr. Friedemann, Rechtsanwalt Grbnemann, Dr.' Heymann und Ma.er Hermann St uck. In . das Zentralkomitee wurden gewählt die Herren: Dr. Bodehhefmcr- Kö'n, Blumenfeld-.Berlin, A. Wiener-Kattowitz, Dr. Moses-Mannheim, Julius Simon-Mam heim, Wollsteinei-Beilin, Dr. Kalmus- Hamburg, Hugo SchaiMtel-Breslau, Dr. Kollenscher- Po-ien, Dr. Jeiemias-Ppsen, So dheimer-Frankfurt, Lichthelm-Berlin, Dr. Ascher-Dessau, Dr. Stein- Köm'gsbeig, Dr. Leszynsky-Berlin, Leo Motzkin- Betlin. Dr. Hantke ergreift sodann das Wort und dankt dem Delegiertentag für die eh envolle .Wahl. Mit din Wünschen reicher Erfolge für die Zukunft schließt er den 12. Delfegierientag. Die Delegierten stimmen die „Hatikwah“ an. Das russisch-jüdische Rayonelend. Der Petersburger.Korrespondent des „Berliner Tageblatt“ referiert seinem Organe nachstehendes über-.das-Rayonelmd: „Es gibt in Rußland einige Ausnahmen in der Behänd ung der Juden^.die aus der.liberalen Aera Alexanders 11. stammelt. Die ausgedienten Soldaten, die Kaufleute der e>sten Gilde, d.e Angehörigen qer akademischen Berufe und eine Reihe von Handwerkern haben grunJsäiziich das al gemeine Wohntecht. Aber von die^.-n Privilegien ist kaum noch etwas geblieben. Der'große Gedanke, den Juden allmählich das allgemeine Wohriieiht zu gewähren, ist längst preisgegebiri worden. Imitier mehr wurde das Rieht der jüdis.hen Staatsangehörigen durch di - Gesetzgebung und noch mehr durch die Verwaltungspr-ixis eingeschränkt. Die ausgedienten Soldaten weiden heute in. das jüdische Ar.siedlungsgebiet zurückgeschickt, die Kaufleute der ersten Gilde mußten auf den g ößten Teil ihrer jüdischen Angestellten verzichten, dife Zahl der akademisch gebildeten Juden wu-de durch das Ausnahmegesetz betreifs -der Festsetzung einer Prozei.tzahl für die Aufnahme von jüdischen Abiturienten in die Hochschulen zwangsweise hinaufgeschraubt, und die jüdischen Handwerker vollends wurden durch endlose Schikanen aus den inneren Gouvernements vertrieben. Beständig entstehen in den inm-ien Gouvernements von Rußland Massen von Juden, die rechtlos sind. So ist es gekommen, daß in den russi.-chen Prov nzen jaußerha b des den Juden zugewiesenen Ansiedlungsrayons nur eine Viertelmi.lion Juden wohnen. Wie wenig diese Z <hl bedeutet, ei sieht man daraus, daß aus dem Ansiedlungsrayon eine und eine halbe Million Juden nach Amerika und den anderen Lände n ausgewandert sind. Der Rest sitzt im Ghetto. Er sitzt denn auch hier sehr dicht, so dicht, daß sich schlimme Folgep gar niiht verin.iden lassen. Im Ansiediungsgehiet und in Polin machen die Juden 115 Prozent aus, während sie es in den übrigen Provinzen und in Sibirien noch nicht zu einem halben Prozent bringen. Die russische Ausnahmegesetzgebung gegen die jüdischen Bewohner hat die notwendige VV irkung, daß sich unter den zusammengi-pf rchten Juden eine Reihe soziälpsychologischer Erscheinungen geltend machen, die auf das- Land geradezu vegiftend wiiken müssen. Da weiden aus einer Stadt Massen von Juden vertrieben, der«-n einziges Verbrechen darin bestand, daß sie ohne Wohniecht an einem Platze saßen; da wird aber auch im Ansiedlungsgebiet selbst die Bewegungsfreiheit der jüdischen Bewohner empfindlich eingeschränkt. Es i:t nur ein Schein, daß die Juden wenigstens auf dem dreiurdzwanzigsten Teil des Reiches Bewegungsfreiheit besitzen._ In Whkiicnkeit handelt es sich uni einen zwedausendsten T« 11 des russischen Reichsgebietes. Denn duf dasüoif darf derjüdisihe Bewohner auch dort niiht. übet siedeln. Er muß in der Stadt b’eiben. Deshalb wohnen die Juden in diesen Städten des Ansiedlungsrayons dichtgedrängt; sie machen hier 40 Prozent aus, ja sie steigen an einzelnen Orten bis auf 75 Prozent. Außeihtlb der Städte dürfen sie ebgn seit 1882 kein Land mehr kaufen oder pachten. Deshalb ist es ihnen auch unmögüih gemacht wordm, ein jüdische < Bauernzentrum zu schaffen. >Es gibt trotzdem no h etwa 2C0.0C0 ackerbauende JuJen in Rußland, atnr sie stammen aus früheren Zeiten. Heute ist ihnen dieser Tätigkeitszweig verschlossen. Man vei steht zugleich, welche Berechtigung der Vorwurf hat, daß sieh die jüdische Bevölkerung nicht mehr mit dem Ackerbau abgibt.“ Der Artikel berichtet des weiteren über die Emigr; ton und fährt fort: „Die Lö-ung des jüdischen Problems in Rußland kann nicl t durch die Abschiebung der russischen Juden auf das Ausland ei folgen, so sympathisch man auch allen Bestrebungen, auf diese Weise das tus ische Elend zu mildem, gegenüberstehen wird. Rußland selbst muß die Mittel und Wege finden, um seine jüd sehe Bevö kerung aus dem Ghetto zu befreien und ihnen die Möglichkeit zu b;eten, ihre nicht gt ringen geistigen und wi.tr schaftlichi n " Kräfte im Rahmen des Gemeinwohls freier als bisher zu entfalten. Diese Etkenmnis kommt erfreulicherweise auch in Rußland selbst mehr und mehr zum Durchbruch. Die Forderung einer gioß n Zahl der Dumaabgeotdneten, die Wot-nrechtsbeschränkung der Juden aufzuheben, i könnte wenigstens einen ersten Schritt zur Emanzipation der russischen. Juden bedeuten,, indessen scheitern alle die Bemühungen an dir reaktionären Partei, gegen die sowohl die Regieiung wie die Duma machtlos sind. Jedenfalls liegt es im Sinne dei. Humanität wie im eigenen, wohlverstandenen Interesse der europäischen Kulturstaaten, alle Bestrebungen zu unterstützen, die sich auf eine Be? fieiung der .russischen Juden aus den engen.und entwürdigenden Schranken des heutigen Ghettos richten.“ ,, . | Dr. Hugo Rappaport. \ Vor Schluß des Bh ttes erhalten wir die erschütternde Nachricht, daßGg. Dr. Hugo R.appaport plötzlich in Prag verschieden ist. Der Veiblichene, ejn Mann von seltener Energie, und Geisteskraft, war ein treuer Anhänger unseter Sache, der er durch sein entschiedenes und gleichzeitig maßvolles Auftieten sehr viele Freunde in einer Gegend warb, die früher für unsere Bewegung ein unentdecktes Land war. Dr. Rappapoit wohnte auch dem letzten Kongreß bei und et warb sich in der Landsmannschaft die Sympathien .aller Delegierten in hohem Grade. Auf dem letrtin Zionistentag in Wien wurde Gg. Dr. R. ppapoit jns Zentralkomitee für Westösterreich gewählt. . Wiederum beklagt unsere Bewegung den Verlust eines hervorragenden Anhängers, der ihr viel zu früh, in der B.üte seiner Jahre,' entrissen wurde. Dr. Emil Margulies, der den .Verblichenen mit der Bewegung bekannt machte, und mit ihm befreundet war, wiid das Zentralkomitee bei der Beerdigung vertreten. Versammlung des Israelitischen Rates in Konstantinopel. (Eigenbericht der Jüdischen Zeitung“.) Konstantinopel, 19. September 1910. Sonntag versammelte sich der „Medjliss umi“, der G oße Lraelitisctie Rat, unter dem Vorsitze des Gioßiabbiners Nthoum. Von 80 Mitg.iedein waren 53 anwesend, per Großrabbimr wies aut die großen finanziellen Schwieiigke ten des Rates hin, die er übei winden mußte und die guten Erfolge, die er trotzdem erzielte. Er wendete sich dann der Erzichungs'rage zu. Der R;t n öge beschließen, daß in den Schulen der Unterricht in seinen Methoden n odernisiert und den praktschen Bedürfnissen angepaßt werden soll. Die hebräische und türkische Spr; che sollen nicht mehr gepflegt werden als bisher. Neue Lehikräfie sollen angestellt; deren Ausbildung durih das zu ei weitet ndeSemmar vervo'lständigt weiden. Dei Großrabbimr beschwor die Anwesenden, dem Seminar vollste Aüfmei ksarakeit zu widmen, da dieses für die Piovinzen tähige und untei richtete Rabbiner heranziehen soll, welche heute mangeln, hr teilte firner mit, daß ein Philsntirp, Herr Kadcri, eire bedeutende Summe für zwei Kinteiasyle in Haskoi ge-pendit hat. Hierauf begründete Farchi die von 53 Mitgliedern des Medjliss gegibme Demission damit, daß ihr Mandat seit 30 Jahren nicht eineuert worden sei urd daß es auch den Betreffenden wegen zu hohen Alters, teils wegen Mangel an Zeit unmöglich ist; ihie Mandate auszuüben. Im Interesse der Nation müßten die Mandate erneuert werden. Der Gmßrabhiner habe bereits an den Staatsrät das Ersuchen gerichtet, daß die Mitglieder der Medjliss für eine Periode von zehn Jahien gewählt werden und alle zwei Jahre ein Fünitel ausscheidi n sollen. Dir G oßrabbincr will aber die Demission nicht zur Kenntnis nehmen, bevor nicht die Versammlung eine Kommission gewäh t hätte, welche mit der Administration der Gemeinde und mit Nominierung der neuen Mitglieder zu bebauen wäre. Nach diesem Voischltge, welcher von der Versammlung akzepFe t wurde, w urde die Kommission wie folgt: Als Präsident der Großrabbiner, ferner Isa; c Pascha Molko, Moise Dalmedico, M. Raphael Kruchi, Abraham Effendi Fresco, Elie Montias, Dr. Welliach. Aus dem jüdischen Leben. Die Wahlen in Südafrika. Am 15. September wurde das Eigcbnis der Wahlen für das er.-te Parlament der „Vereinigten Staaten von Südafrika* bekamt gemaiht. Danach s'nd bisher dtei Juden ins Pariament gewählt geworden: Mr. Max Langermann (Nationalist) für Krt'get sdoip, Mr. Lionel Phillips (Unionist) für Yeoville und Mr. Morris Alexander (Schwiegersohn des Ptofessors Dr. S. Schechter, Rektois des Jüdischen Seminats in New York) für einen Bezirk in K psiadt. Mr. Alexander ist Mitglied des G oßen Aktionskomitees der Zionistischen Organisation.'