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Jüdische Zeitung · 1910-09-23 · 38 (23.9.1910) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
38 (23.9.1910)
Date
1910-09-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 38 Zur Landtagswahl in der ' Leopoldstadt. Viel Erstaunen hat die Erklärung' des Gemeinderat Dr, Mittler erregt, er sei bereit' von seiner Landtagskandidatur zurückzutreten, wenn auch sein Gegenkandidat Gemeinderat Dr. Sch w arz-H i 11 er zurücktrete und man sich über einen dritten .Kandidaten einige. Oer Kommentar dazu •ist folgender: Ursprünglich war von seiten der fortschrittlichen Elemente die Aufstellung des - i Reichsratsabgeordneten Baron Hock als Landtagskandidaten für die Leopoldstadt geplant und erst infolge der Ablehnung dieser Kandidatur vnn Seite des Baron Hock wurde Dr. Mittler in der Leopoldstadt als Landtagskandidat aufgestellt Die von beiden freiheitlichen Fraktionen, den Altliberalen und Sozialpolitikern besuchte Vertrauensmännerv ersammlung, die eine Einigung herbeiführen sollte, verschärfte nur die ■Gegensätze. Abg. Baron Hock nahm eine neutrale, mehr vermittelnde Haltung ein, während Herr Sig. Mayer von der isr. ^U nion“ aus taktischen Gründen, um christlichsozial e S t i m m e n zu gewinnen fü r einen christli chen Kandidaten ein trat. Da aber die Anhänger des Abg. Dr. Ofner auf der Kandidatur des Gemeinderat Dr. Sch warz-H iller beharrten, verlief die Vertrauensmännerversammlung, die teilweise einen sehr stürmischen Charakter annahm, vollkommen resultatlos. Politische Rundschau. Die politische Saison hat in Oe-terreich begonnen und wie gewöhnlich mit deutsch-tschechischen Ausgleichsverhandlungen. Ganz Oesterreich und nicht in letzter Linie die österreichischen Juden blicken wieder einmal nach Prag, wo neuerlich die Lösung der böhmischen Sphynx versucht wird — mit den besten Wünschen, aber mit wenig Hoffnungen. Wer da weiß, wie der Nationalitätenhader gerade die österreichischen Juden in Böhmen und Mähren schädigt, ganz abgesehen von dem aus ihm resultierenden Antisemitismus, wird ihre Sehnsucht nach nationalem Frieden wohl begreifen. Leider fehlen aber dazu och immer die Voraussetzungen. Weder im deutschen noch im tschechischen Lager herrscht die notwendige Einheit und Klarheit, sondern da und dort dominieit die Disharmonie und der Terrorismus der national-radikalen Phrase. * * * Der „Verband der Deutschnationalen“ stand ja erst vor kurzem vor einer noch nicht beendeten akuten Krise; die antisemitischen Deutschradikalen waren auf dem Sprunge auszuscheiden. Vorläufig blieb es nur bei der diesbezüglichen Diohung; aber die Furcht vor der späteren Verwirklichung schwebt noch immer wie ein Damoklesschwert über dem Kopfe des „Verband der Deutschnationalen“ und beeinflußt seine Haltung in den deutsch-tschechischen Ausgleichsverhandlungen, genau so wie in der Judenfrage. Man rechnet eben mit baldigen Reichsratswahlen 1 ... Analoge Verhältnisse herrschen im tschechischen Lager, wo man schlimme Erfahrungen mit der „S.awischen Union“ gemacht hat und nun einen einheitlichen Tschechenklub plant. Ein Tschechenklub, in dem Herr Dr. Baxa das gioße Wort führt, bedeutet aber für die Juden dasselbe, wie ein „Verband der Deutschnationalen“ in welchem Herr v. Stransky eine führende Rolle spielt. — Stranskys und Baxas Gesinnungsgenossen bilden aber auch durch ihre verhüllten uni unverhüllten Geimsnisierungstendenzen, resp. Tschechisierungsbestrebungen das Haupthindernis des deutsch-tschechischen Ausgleiches, an welchem auch diesmal das Ausgleichowerk scheitern dürfte. * * * Die deutsch-tschechische Frage kann aber auch nicht gesondert gelöst werden, sondern nur JÜDISCHE ZEITUNG. als .ein Teil des gesamt-österreichischen Problems, um so mehr, da auch die polnisch-ruthenische, die italienische und die südslawische Frage ebenso die Lösung.heischen. Dazu aber ist das österreichische Abgeordnetenhaus, keineswegs aber irgend ein Landtag der kompetente Ort. Versagt aber auch im Herbste der parlamentaiische Apparat, dann ist eben die Auflösung des österreichischen Abgeordnetenhauses unvermeidlich. Von der Woche. Ohne Unterschied der Konfession. in der eisten Sitzung, die der Wiener Gemeinderat nach den Ferien abhielt, vet a> der Bürgermeister eine lange Liste von Spendern: darunter einige Juden, die die höchsten Beträge gespendet haben, natürlich für Arme „ohne Unterschied der Konfession und Nationalität“. Wir zählten die Summen aller Spenden zusammen und fanden, daß eine jüdische Spendet in, die auch so dumm war, den Wiener Gemeinderat zum objektiven Verteiler zu machen, mehr gespendet hat, wie alle anderen zusammengenommen. So wird von der hirnverbrannten jüdischen Bourgoisie auf das Hausierverbot geantwortet. ♦ * * Der Premierminister von Südafrika über den Zionismus. Aus Johannesburg wird der „N. J. K.“ mitgeteilt: Die südafrikanische zionistische Vereinigung (South African Zionist Federation) veranstaltete in diesem Jahre zum drittenmal einen zionistischen Basar, verbunden-miteiner Ausstellung der Erzeugnisse der Kunstgewerbeschule „Bezalel“ injerusa'em. Der Reinertrag des Basars ist für den Jüdischen Nationalfonds bestimmt. Das Basarkomitee hatte nun den Premierminister General Louis Botha eingeladen, den Basar und die Ausstellung zu ei öffnen. General Botha leistete dieser Einladung bereitwillig Fo'ge underöffnete dendiitten zionistischen Basar in Südafrika am 17. August mit einer längeren, überaus interessanten Rede, aus der folgende Stellen wörtlich angeführt seien: „Dieser Basar ist hauptsächlich zum Besten des Jüdischen N..tionalfonds und teilweise auch zugunsten der Oelbaumstiftung für unsein verewigten König Eduard VII. veranstaltet worden. Ich brauche Ihnen kaum zu sagen, daß beide Zwecke meine tiefste Sympathie haben. Der Jüdische Nationalfonds will die erfordetliehen Mittel schaffen, um den unglücklichen Juden, die in den Ländern ihrer Geburt grausam verfolgt und unterdrückt werden, eine Heimstätte in Palästina zu bereiten. Es ist wahrhaftig ein niederdrückender Gedanke, daß es im 20. Jahrhundert noch Staaten gibt, die man oft noch als Kulturstaaten bezeichnet und in denen dennoch eine Klasse von Bürgern, die jüdische Bevölkerung nicht nur den schmachvollsten Erniedrigungen, sondern auch den grausamsten Verfolgungen ausgesetzt ist Die traurige Lage des jüdischen Volkes in den verschiedenen Weltteilen hat also zur Gründung des Jüdischen Nationalfonds Veranlassung gegeben und ich wiederhole darum, daß ich diesem Fonds die herzlichsten Sympathien entgegenbringe. Es wird mich aufiichtig freuen, wenn dieser Basar dazu beitragen sollte, die Kasse dieser edlen Institution eiheblich zu füllen. Es ist mir auch bekannt, daß Ihr Nationalfonds die Aufgabe hat, in Palästina ein großes jüdisches Zentrum zu schaffen, welches als die Heimat lhes Volkes angesehen weiden soll. So mögen Sie denn wissen, daß auch dieser Zweck meine vollste Sympathie besitzt. * » * Ein jüdisch-politischer Klub In Bosnien. Unter dem Eindrücke des jüngst in Sarajevo abgehaltenen südslawische n Zionistenkongresses hat sich ein jüdisch-politischer Klub für Bosnien gebildet, an dessen Spitze der Abgeordnete Jesua S a 1 o m und andere hervorragende jüdische Persönlichkeiten stehen. Der Klub hat die Aufgabe, die bosnischen Juden auf nationaler Basis zu organisieren. In al en politischen Frjgen wird der Abgeordnete Salom im Einverständnis mit dem Klub Vorgehen. Bemerkenswert ist es, daß dem KJub auch angesehene aschkenasische Juden angehören. Seite o Der Reichsdeutsche Zionistentag. Der Delegiertentag der deutschen.Zionisten zu Frankiurt, über den wir schm in der jüngsten Nummer kurz berichteten, nahm nachstehenden Verlauf: , Der Obmann der zionistischen Vereinigung für Deutsch'and, Dr. Bodenheimer, wies in seiner Eröffnungsrede auf d e Fortichiitte der zionistischen Bewegung in Deutsch and hin und sprach von unserem Programme: „Wir wollen der We’t beweisen, daß es eme Vermehrung der Ku tur der modernen Staaten bedeutet, wenn die Eigenart ihier Völker si, h mit möglichster Freih *it entfalten kann, und. so wollen wir auch dc-r Türkei den Nachweis ei bringen,, daß es einen polnischen und wirtschaftlichen Gewinn und einen kulturellen Foitschritt für das hochbegabte Volk der Ottom men bedeutet, wenn es, dem jüd sehen Volk freien Raum zur Entfaltung seiner geist'gen Bedeutung auf dem Boden seiner Väter in Palästina gewährt. Das ist das Ziel, für das wir arbeiten und für das wir in loyaler Propaganda dieMitwirkung nicht nur des türkischen Volkes, sondern auch der türkischen Regierung gewinnen wollen.“ Er bespricht die Aufgaben, die sich der Zionistentag gestellt habe. Im Vorde gründe stünden die Neuorganisat on und deren Fin mzienmg und das Siedlungsprojekt Franz Oppenheimers. Der Präsident der zionistischen Weltorganisation, Herr David WolHsohn (stürmisch begrüßt), führte hierauf folgendes aus: „Die deutsche Organisation steht vor der Notwendigkeit, an Stelle Dr. Bodenheimers eine neue Leitung wählen zu müssen, und zwar mit dem Sitze in Berlin. In diese Stadt werde auch die Gesamtleitung verlegt werden müssen.“ Ueber diesen Punkt sagte der Präsi ent: Es genügt nicht, daß man für den Präsidenten eine Majoiität schafft, wir mü-sen ihm von vornht rein mit dem größten Vertrauen entgegenkommen« damit er eine sichere Hand bekommt und den Mut, seine Arbeit zu leisten. Wir Zionisten können uns nicht so leicht mit einem aus unserer Milte begnügen. auch wenn, wir ihn zum Führer wählen, denn wir haften emen Herzl unter uns, und man ist leicht versucht, den Maß.tab nach seiner großen Persönlichkeit anzulegen. Aber um so mehr ist es uns re Pflicht, dem Manne, den wir gewäh t haben, unser Vertrauen zu schenken und seine Autorität zu stärken. Hüten wir unsvor persönlichen Kämpfen; denn siegeßen Bitternisse in die Herzen derer, die am meisten der Begeiferung und Liebe bedürfen. Hüten wir uns, das Band, das uns zusammenhält, leichtfertig zu zerreißen. Wohl sind wir in der Lage, es wieder zusammenzuknüpfen, aber der Knoten bleibt da. (-teifaH.) Eliege kein Grund zu Pessimismus vor. Die Bewegung schreite täglich vorwärts. Es gilt, die ottomanische Regierung zu über eugen, daß es zwischen ihren und unseren Interessen keinen Gegensatz gebe. Meinungen und Ueberzeugung«n einer Regierung seien nicht von Bestand und der Tag werde kommen, da uns d e türkische Regierung die Hand reichen werde. Keiner von uns darf sagen: „Ich werde dasZ:el erreichen“, denn jeder von uns ist sterblich. Wir aber dürfen ruhig sagen: „wir werden es erreichen“, denn dasjüdischeVolk ist unsterblich. Es war, es ist und es wird sein. Und dank seiner unverwüstlichen Lebenskraft dürfen wir auch den festen Glauben hegen, daß der Tag kommen wird, an dem es wieder vereinigt wird mit seinem eigenen Lande, mit Erez Jisroel!“ (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) Rechtsanwalt Dr. Hantke-Berlin erstattete den erfreulichen Bericht des geschäftsführenden Ausschusses, worauf Prof. Dr. Warbu g-Berlin über „Palästina als jüdisches Arbeitsgebiet“ sprach: „Die Stellung d r jüdischen Kreise“, sagt der Referent, „zu dieser Frage ist eine verschiedene. Während die Assimilanten der Palästinaarbejt feindlich gegenüberstehen, halten sich die oitHociöxen K-eise nur aus dem Grunde noch reservieit, weil sie eine Schädigung ihrer religiösen Ideale durch die Art der Arbeit befürchten, während sie der Arbeit selbst Interesse entgegenbringen. Die jüdischen Philantropen hingegen betrachten die Palästinaarbeit nur als ein Mittel, um die Not der im Osten befindlichen Juden zu lindern. Seit 30 Jahren werde von den östlichen Juden Palästinaarbeit geleistet. Es existieren 30 jüdische Dörfer. Jerusalem hat unter 80.000Einwohnern 56X00 J tden, Tiberias unter 8600 Einwohnern 70C0 |uden. Es ist nun Zeit, daß auch die westlichen Juden sich an dieser Entwicklung beteiligen.“ Redner führt nun aus, wie der Zionismus die Organisation dieser Arbeit in die Hand genommen h be, bespricht den Stand des Nattonal f o n d s, der Pa lest ine Land Development Company, den Plan der S i e d 1 u n g sgenbssenschaft, den Aufschwung der Oe 1baumspende und legt dar, daß die Grundlage für die palästinensische Landwirtschaft bereits geschaffen sei. Die nächste Aufgnabe sei nebst Schaffung einer Agrar-

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