Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 38 (23.9.1910)
- Date
- 1910-09-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2~ ' ’ : _ JÜDISCHE ZEITUNG. . Nr. 38 dem Schöpfer der Reichsorganisation, dem verstorbenen Abg. Dr. G a b e 1, einen warmen Nachruf. Nach Vornahme der Konstituierung, Wahl eines Generalsekretärs, Schaffung eines Bureaus und Besprechung wichtiger Organisationsfragen, wurde eine eingehende Debatte über die End*1 des Jahres in Oesterreich stattfindende Volkszählung abgeführt. Es wurden folgende Beschlüsse gefaßt: Die Reichsexekutive wird die Landesorganisationen veranlassen,daß durch Volksversammlungen, Aufrufe und anderen Agitationsmitteln die jüdische Bevölkerung aufgeklärt und aufgefordert wird, bei der Volkszählung als Ilmgangssprache „jüdisch“ anzuführen, im Fälle der Verletzung des Rechtes der jüdischen Bevölkerung, ihre Umgangssprache frei und zwanglos anzugeben, durch willkürliches Vorgehen irgend welcher Funktionäre, sollen Massenbeschwerden gegen dieses Vorgehen an das Reichsgeiicht überreicht werden. Bezüglich der vom jüdischen Klub einzuhaltenden Taktik wurde nach einem eingehenden Referate des Reichsratsabgeordneten Stand und nach durchgeführter Debatte einstimmig beschlossen, sofort bei Zusammentritt des Reichsrates eine gemeinschaftliche Sitzung der Reichexekutive und des jüdischen Klubs nach Wien einzuberufen, bei welcher die vom jüdischer. Klub einzuhaltende Taktik bindend festgestellt werden soll. Nach Beratung und Beschlußfassung über Angelegenheiten vertraulicher Natur, wurde die Sitzung vom Präsidenten geschlossen. j_ Hie Dr. Mittler — hie Dr. Schwarz-Hiller. Die Versammlung, die der Donauklub am jüngsten Donnerstag in Sachen der bevorstehenden Landtagswahlen veranstaltete, nahm einen derart heiteren Verlauf, daß :;auch der blas’eiteste Teilnehmer auf seine Rechnung kommen mußte. Der Heerbann Schwarz-Hillers — fast durchwegs halbwüchsige, unreife Elemente —war sch'echt abgerichtet und unterbrach von allen Anbeginn den Referenten, Herrn Dr. Mittler, mit unsinnigen Zwischenrufen. Dr. Mittler stand inmitten dieser künstlichen Brandung und sprach gottjämmerlich vom Niedergang der christlichsozialen Partei. Er vergaß sich und erzählte, wie ihm längst durch persönliche Intervention die krassesten Fälle der Benachteiligung jüdischer Parteien (Dr. Mittler sagte: „Angehörige einer bestimmten Konfession“) seitens der städtischen Verwaltungsbehörden bekannt seien. Dr mußte er sich die Rufe einiger bewußter Juden gefallen lassen: , W a r u m; h a b e n i S i e, Herr Gemeinderat, diese Fälle bisher verschwiegen? Sie wollen die Stimmen derjuden bekommen? Während der Redner gemütlich berechnete, wie viel Geld das christliche Regime verschusteit habe, war der Kampf zwischen den Schwarz-Hillerischen und Mittlerisehen' zum mannhaften Ringen Biust gegen Brust gediehen. Da konnte man die erquicklichsten Schimpfereien hören und die possierlichsten persönlichen Feindseligkeiten zwischen den Mitgliedern der beiden Tischgesellschaften vom Cafe Donau, beziehungsweise Cafe Fetzer kennen lernen: Der Vorsitzende hatte — den Bedürfnissen der Versammlungsteilnehmer Rechnung tragend —^ die Sitzung unterbrochen. Nach Austragung der Schimpfduelle begann Dr. Mittler von neuem , und jetzt hörten beide Teile aufmerksam zu. Er erzählte nämlich von dem edlen Dr. Karl Lueger und den fu.chtbaren Undank,, den er von seiner entarteten Partei ernte. Seinen Leibarzt habe man in die Verbannung geschickt. „Und Sie werden sehen, meine Verehrten,“ fuhr er tränenselig fort, „man wird noch den Leibdiener des Verewigten, den armen, alten Pumera in Pension schicken.“ Die Sommeikampagne gegen den „Gott Nimm“, habe den Freiheitlichen den vollständigen moralischen Sieg über die chrisilichsoziale Partei gebracht (fienetische Zustimmung der beiden feindlichen Lager) und wenn man bedenke, daß auch mehrere Christen, ja sogar Christlichsoziale in den Versammlungssälen ei schienen seien, müsse man sagen, daß der endgiltige Sieg unmiitelb. r bevo: stände .. Der unvermeidliche Herr Kleebinder junior i benützte die fiiedliche Stimmung und flatterte von I Tisch zu Tisch, um für Mittler zu werben. Das j ’ ' erboste Herrn Schwarz-Hiller auf das höchlichste und er gab das Signal zu neuem Lärm. Da der zweite Referent, Heir Gemeinderat Eder nicht erschienen war — ein anderer Christ war leider nicht aufzutieiben — und Herr Dr. Mittler sich n:cht bewegen ließ, eine Kardidatenrede zu halten, eik'ärte der Vorsitzende die Versammlung für geschlossen. Der Augenblick schien Herrn Dr. Schwarz- Hiller günstig, den Präsiiententisch zu erobern und die Wähler zu bearbeiten. Da erschien die Polizei und machte dem Fastnachtsspuk ein unsanftes Ende. * * * Jeder unbefargene jüdische Wähler des II. Gemeindebeziikes, der an dieser Versammlung teilnahm, hat nun beide Gruppen kennen gelernt. Er höite Herrn Dr. Mittler, der das Wort Jude nicht einmal in den Mund zu nehmen wagt und er sah Dr. Schwarz-Hiller, einen Mann, dessen Qualitäten tief unter denen des Herrn Dr. Mittler stehen, mit seinem Anhänge an der Arbeit. Wir sind überzeugt, daß sich die vernünftigen und gewissenhaften jüdischen Wähler auf einen dritten einigen werden. zionistischen Vertrauensmänner aus a’len Bezirken Wiens einhellig die Wiederaufnahme des Kampfes um die Wiener Kultusgemeinde beschlossen haben. Zugleich konstituierten sie sich unter dem Namen „jüdisch-demokratisches Wahlkomitee“. Dieser Namen soll keineswegs die Gesinnung der Initiatoren verbergen. Sind wir ja stolz auf unseren Zionismus als den sittlichen Kern unseres Wesens, aber es soll zum Ausdruck gebracht werden, daß wir keine engherzigen Parteiziele verfolgen, sondern die Sache des ganzen Volkes führen. Jeder aufrechte Jude finde unter unserer Fahne „Jüdisch-demokratisch“ seinen Platz. Wir werden den Kampf führen, doch nur würdig und sachlich. Es ist ein notwendiger Kampf, aber immerhin ein Kampf gegen Brüder. Darum läßt s ch auch erwarten, daß die G( genseite ihrerseits die ritter'.ichen Kampfregeln nicht außeracht läßt In diesem Zeichen beginnen wir die Wiener Kultuswahlbewegung 1910. *? * Montag, den 19. d. M., fand eine Vertrauensmännerversammlung der Wiener z:ohistischen und nationaljüdischen Organisationen in Sachen der bevorstehenden Kultucgemeindewahlen unter Vorsitz des Gg. Hof- und Gerichtsadvokafen Dr Eeon M. Zweig statt. Es nahmen teil die Vertreter des zionistischen Zentralkomitees, des jüdischen Nationalvereines, des zionistischen Distrikstskomitees, des zionistischen Zentralvereines und der Vertrauensmänner-Bezirksorganisatlonen. Es wurde beschlossen, auf Grund des zionistischen Programmes in den Wahlkampf einzutreten. Dieser Beschluß, wurde einstimmig und mit lebhaftem Beifalle aufgenommen. Von der national-jüdischen Reichsorganisation. Sitzung der Exekutive. Am 18. September fand in Lemberg eine Sitzung der Exekutive der jüdischnationalen Reichspartei in Oesterreich statt. An derselben nahmen teil: die Herren Dr. Salz. Präsident, Reichsratsabgeordneter Stand (Wien), Dr. Frucht und Doktor D i a m a nd (Czernowitz), W e i ß g 1 a s (Zastawna), Dr. Löwenherz und Doktor Schreiber (Lemberg), Tropp (Stanislau). Der Präsident der Reichsexekutive, Dr. Salz, eröffnete die Sitzung und widmete Groß unJ weit ist die Welt, und Freude und Sanftmut und heilige Lieblichkeit. Und draußen in der Gas-e? Kramläden, Schenken, Bethäuser und Chedarim! Haben die noch eine Welt? Eine Welt von Mond und Sternen, von Luft und Licht, von blauen Himmeln und Frühlingsnächten, von singenden Vögeln und von dem Großen, das aus dem LoblieJe spricht, von staiken Gedanken und Vergnügen der Seele? Da draußen in der Gasse . . .! Und meine Jugend hat nichts von diesen Freuden gekannt. „Die Anger sind voll Schafen und die Auen stehen dick mit Korn, daß man jauchzet und singet“ Der Talmud, die „Bücher der Moral“, die Satzungen waren meine Logik des Lebens. Ich habe sie gesehen, wie meine Gasse und den Mai kt. Die Psalmen, die Haskalah und die Wissenschaft aber waren das Lied meines Lebens. Ich weiß, daß die Auen dicht mit Korn stehen und die Quellen in Bächen zwischen den Beigen rieseln. Sie tränken das Wild des Feldes, junge Löwen löschen daraus ihren Duist Aber Täler, Anger, Quellen, Bäche, Berge, ich habe sie nie im Leben gesehen. Ruhe ringsum. Lieder klingen an mein Ohr. Mein Herz wird schwer und schwül. Warum will ich weinen? Was wollen meine T.änen? Wie ist mir so weh! Wo ist meine Jugend?! Wo ist mein Leben?! Wo ist meine Welt?! O Gott . . . 1; Habe ich denn gewußt, was Jugend und Leben ist? Habe ich im Fiühling meiner Jugend gefühlt, was jeder Baum, jeder Ha’m, jede Blume, jedes Gewächs, jede Mücke, jeder Wurm, jeder Vogel Jetzt im Fiühling fühlt! Und die Jugend, wie schön und gut Lt sie! Aber vielen Menschen blüht kein Frühling.. Und da in der Gasse? Vor dem „Tore“ aber wacht das Leben, blühen die Jünglinge, sprießt der Baum, ist die Wange rot. Und da? Und das Leben in deiner Welt, o Gott, ist gut und lieblich und vo ler G.ück=el:gkeit und voller Ruhe und voll heiligen Empfindens. Und in allen Heizen ist Freude und Eintracht, Glaube und Hoffnung, Gebet und Dank. Und viele Jünglinge fühlen die Macht der Liebe, und Lust und Freude ain Leben. Leben, Leben, Leben, Leben . . . o Gott! Und da in der Gasse? Da in der Gasse, da auf diesem Ameisenhaufen scheint die Sonne nicht, strahlt der Mond nicht, funkeln die Sterne nicht. Die N..tur blüht nicht und und das Leben lebt nicht. Da aut diesem Ameisenhaufen Sturm und furchtbarer Kampf. Da kämpft Leben mit Leben u m das Leb.n. Und die Liebe wird aus dem Herzen gerissen. Die Augen und das Herz, Vorzüge des Lebens in ihier Heirliehkeit, sie sind so überflüssig und „Vermittler der Sünde“. Wehe dir, deine Augen sollen nicht sehen und dein Herz mcht gelüsten. Und was siehst du auch und wonach trägst du Veilangen hier in der Ga.-se?! Der Rücken ist gekrümmt, des Gesicht fahl, die Wangen eirgefal'en, der Bart spitz und die Stirne von Soigen duichfurcht. Aber in den Augenhöhlen funkeln die Augen. Und Augen wollen sehen und können sehen! Und das Herz pocht in bangem Sehnen. Aber fühlt denn der Wurm unter der Erdscholle, daß eine Handdicke über ihm sich Leben entfaltet und eine Welt voll Licht ist?! Sieh dort im Hinteigiunde grünende Alleen. Hochragende Bäume, wie schön ist ihr junges Grün. Meine Augen lieben, auf ihnen zu verweilen aus der Ferne. Ich erinnere mich noch des Bildes aus den warmen Somnurtagen. Mein Herz ist voll Schwermut, meine Gefühle steigen. Ich werde auf die Gasse gehen. Einsam und allein will ich lustwandeln mit dem Monde in den grünenden Alleen.- Ich ging auf die Gasse. Da ist es still, so still. Meine Schwermut nimmt zu. Das Leben, die Natur, die Alleen, sie sind ja die Grenzwächtcr vor meiner Gasse! Von di üben schlägt das Bellen eines Hundes an mein Ohr. Die Gasse umfängt mich.