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Jüdische Zeitung · 1910-09-23 · 38 (23.9.1910) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
38 (23.9.1910)
Date
1910-09-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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::::::::: nrtionfil -jüdisches drgfin Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und inseratenaufnähme; IX., Liechtensteinstraße II, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11 12 Uhr vormittags und 4-5 Uhr nachmittags. - Manuskripte werdeh nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn Ganzjähr. K 10.—, halbjahr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjahr. Mk. 5—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige ************ * * * Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare^ h. Postsparkassenkonto 104.067. *************** Nr. 38. Wien, Freitag den 23. September 1910. IV. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Wiener Kultuswahlen 19 0. Sitzung der jüdisch-politischen Reichsexekutive. Hie Dr. Mittler — hie Dr. Schwarz-Hiller. Zur Leopoldstädter Landiagswahl. Ohne Unterschied der Konfession. Dr. Hugo Rappaport. Politische Rundschau. Reichsdeutscher Zionistentag. Aus dem jüdischen Leben. Sport. Oberläufer. Hditnng! Leopoldstädter Landtagswähler! Der Jüdische Nationalverein für Österreich“ veranstaltet Dienstag den 27. September 1910 um 8 Uhr abends eine allgemein zugängliche Wähler-Versammlung im Saale des Hotßl Central, II. Bez., Tabor Straße Nr. 8. Tages-0 rdnung: Die Landtagswahl. Referent: Reichsratsabg. Adolf Stand. Frühlingsnacht. Von Mnrdechai Zeh. Feierberg. Aus dem Hebiäischen von J. K. AU bin ich und grau, meine Schultern gebeugt, die Ha..re weiß und dieJugendkräfte schwinden und schwinden . . . Nicht voll sind meine Tage, aber mein Herz ist ei füllt von Wehmut und Kränkung; nicht die Last meiner Jahre haben meine Schultern gebeugt, sondern die Last des Leidens und die Schwere des Lebens. Ich kann nicht weinen, nicht lachen. Versiegt ist die Quelle meiner Tränen, meine Gefühle sind erstarrt. Siehe, die Flüche der „Tauchochah“ lasten auf mir und doch seufze ich nicht.-— Nur eines Abends ei innere ich mich. Ich war ein Knabe noch, lebhaft und empfindsam. Es war eine junge Frühlingsnacht . . . ln meinem kleinen Zimmer brennt die Lampe mit düsterem Lichte. Auf dem Tische liegen Bücher in wirrem Durcheinander: Baba Kama, Kusa i, Jore Deah, Mose Nebuchim, Ri chis Chochmath und die Bibel. Auch unter den Kissen mein.s Bettes sind einige Bücher versteckt, die Bücher der Haskalah. E n starker Schmerz bedrückt mein Gemüt sehr. Das düstere Licht ruft in mir düstere Gedan- Wiener Kultuswahl 1910. Ende November wird im zweijährigen Turnus wieder die Kultuswahl in Wien stattlinden. Dieser Termin ruft die Wiener Zionisten auf, ihre Arbeitskraft für einige Zeit auf ein Spezialgebiet zu konzentrieren, nämlich die Aufklärung der Kultuswähler über die Bedeutung und Aufgaben ihrer Gemeinde zunächst für das Wohl ihrer Mitglieder und sodann für die Wiedergeburt des ganzen jüdischen Volkes. Diese Bedeutung der Einzelgemeinden für das Gesamtvolk hat schon unser großer Führer Herzl klar erkannt, als er 1898 am II. Zionistenkongreß die Parole ausgab: „Erobert die jüdischen Gemeinden!“ Und. eine ganze ReiheösterreichischerZionistentagehatHerzls Parole in bin ende Beschlüsse umgefaßt, zuletzt der im Frühjahr dieses Jahres zu Wien tagende II. westösterreichische Parteitag. Es ist nicht überflüssig zu betonen, daß hier die alte Formel von der Eroberung der Gemeinden durch jene von ihrer „Gewinnung“ ersetzt wu^de. Dies geschah unter dem .Eindruck^_tiet. -von .vielen P ovinzdelegierten erstatteten Berichte, daß in ihren Gemeinden das/mißtrauische Vorurteil gegen den Zionismus geschwunden und freundlichem Wohlwollen, ja sogar wachsendem Verständnis seitens der bisherigen Gemeindeführer gewichen sei, daß diese gern einen Teil ihrer Macht freiwillig aufgeben, um dafür der Mitarbeit der aufstrebenden, von jiidischnationalem Geist erfüllien Generation teilhaftig zu werden. Die Provinzdelegierten wußten auch von den glücklichen Fo gen dieser Wandlung zu j berichten, wie durch das Zusammenwirken der Alten und der jungen naturgemäß eine gegenseitige Beeinflussung und ein Ausgleich der Gegensätze sich ergebe. Die Wiener Delegierten hingegen konnten von einer Wandlung im Sinne ken wach und die vielen mai.nigialtigeu Bücher erwecken in mir seltsame Gefühle. Dann trete ich an das Fenster meines Zimmers und öffne es. Draußen Stille . -. Die Holzläden, die die Fenster bedecken, sind geschlossen. Nur hie und da fällt ein Lichtstrahl duich eine Ritze. Ein armer Handwerker, der noch ah der A beit ist. Oder es sitzt ein Büche, kundiger un lernt. „D.is Haus, in dem keine Thora gehört wird, wird zur Abendzeit verödet und liegt einsam.“ Und wie milde ist dem Juden die Thora am Abend . . . Der strahlende Mond mit dem vollen, kindlichen Gesichte schwebt auf dem blauen Meer und gießt auf die Gasse sein weißes, liebliches Licht, flute t auf mein Fenster, bedeckt mein Gesicht, wie ich auf ihn schaue. Tausende von Sternen funkeln und glänzin an der herrlichen Kuppel des Himmels. Und d s-Licht fließt in die Weite . . . Der laue Wind bringt auf seinen Schwingen würzige Düfte in die Gasse. Die Natur ist voll Giün, Lebin und Ruhe. Die Schöpfung ist ein wundei bares Lied. Die Luft ist vo l liebticher Töne. .Lobet Gott, denn er ist gütig, ewig währet seine Gnade.“ Heilig . . . heilig . . . heilig . . . ihrer Gemeindeführer nichts vermeiden Hier, in der Reichshauptstadt, wo die modernen Ideen der nationalen Demokratie, von Freiheit und Selbstbestimmung füglich zuerst durchdringen sollten, klammern sich die Machthaber an den mittelalterlichen, aus dem dunklen Ghetto stammenden Grundsatz, daß die Herrschaft über die Gemeinden einem engen Kreise reicher Juden Vorbehalten bleibe. Der Behauptung dieses morschen Grundsatzes und der Zurückdrängung der breiten Volksmasse gilt all ihr Sinnen und Trachten, ein dreifacher Wall restriktiver Statutenparagraphe wird gegen die eigenen jüdischen Brüder aufgerichtet und mit Friedensworten auf den heuchlerischen Lippen die Opposition immer wieder mit allen Mitteln niedergetreten. Je regsamer die zionistische Opposition ist, mit um so größerer Standhaftigkeit und Grundsatztreue sie ihr Programm vertritt, um so größerem Haß begegnet si# dort oben. So verwirrend ist dieser Haß, so gering das Verantwortlichkeitsgefühl der Wiener Gemeindeführer, so groß ihre Entfremdung vom Volke, daß sie, welche im Privatleben die ehrenwertesten Männer sind, es über sich bringen können, Reformversprechen, die sie in der Not des Wahlkampfes in Wahlaufrufen und -reden der Judenschaft feierlich verbürgt haben, immer wieder kaltblütig zu verleugnen und zu mißachten. In Erkenntnis dieser Sachlage hat der letzte Parteitag die „Gewinnung“ der judengemeinden beschlossen, das heißt die friedliche oder kampfliche Gewinnung, je nach den Verhältnissen der einzelnen Gemeinden. ln Wien wird uns wohl der Kampf von den Gemeindeführern aufgenötigt werden. Wir scheuen diesen Kampf nicht; er ist für uns ein kategorischer Imperativ. Es war darum nicht mehr als selbstverständlich, daß die jüngst versammelten Und da draußen in diesem He l'gtuin keine Bücher, keine Rollen, keine Ideen, keine Philosophie, keine zusammen-geschrumpften Gehirne und keine losen Gedanken. Einfach und heilig hat Gott alles geschaffen. Meine ganze Seele atmet die freie Luft und groß ist meine Seeliakeit. Die Brust wird weit und das Herz pocht Mein Blick veilieit sich zwischen den Steinen, dem Monde und dem blauen Meere. Ach, mein Gott, mein Gott, wie herrlich ist deine Welt! Wie g oß die Freude, die Gunst und Gnade, die du über sie in deiner Weisheit ausgegossen hast. Wie herrlich ist das Leben in deiner Welt, die du geschaffen. Wie gut ist dieser Abend und wie angenehm ist es, zu leben und Wohlgefallen zu finden an einem solchen Abende unter Gottes H mmel. Und draußen in der Gasse? Aber deine Welt, o Gott, ist herrlich und heilig . . . Ich sehe den Mond, der dort langsam am Himmel geht, sein Antlitz strahlt vor Freude und und Liebe. Ich höre die wunderbaren Me'odien, die blühen in dem geheimen Schatten des Ewigen. Ich sehe den Zauber, der sich in die Weite dehnt.

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