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Jüdische Zeitung · 1910-09-16 · 37 (16.9.1910) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
37 (16.9.1910)
Date
1910-09-16
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 37 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 XII. Delegiertentag der deutschen Zionisten. (Eigenbericht der „Jüd. Zeitung“.*) F r a n k f u rt, 13. September. Bei ungewöhnlich starker Beteiligung fand am 11. und i2. d. M. in Frankfurt a. M. der XII. Delegiertentag der deutschen Zionisten statt. Es waren ca. 70 Delegerte und zahlreiche Gäste erschienen. Den Beratungen w.ohnte auch der Präsident des engeren Aktionskomitees David W o 1 f s o h n, der Leiter des Palästinaressorts Prof. W a r b u r g und Dr. Franz Oppenheimer bei. Der Präsident der zionistischen Vereinigung für Deutschland erinnert in seiner Eröffnungsrede an den Hamburger Kongreß und an die Jahreskonferenz,. als deren Folge der Sitz der Leitung in der nächsten Zeit nach Berlin verlegt werden wird. Die heutige Tagung werde sich vor allem mit der Neuorganisation und dem Oppenheimerschen Siedlungsgenossenschaftsprojekt beschäftigen. Dr. Bodenheimer erklärt eine Wiederwahl mit Rücksicht auf seine anderweitige Betätigung in der Leitung nicht mehr annehmen zu können. Dr. Bodenheimer war Präsident der Vereinigung seit ihrer Gründung. Präsident David W o 1 f s o h n kündigt in seiner Ansprache an, daß die Leitung der Gesamtbewegung nach Berlin verlegt wird. Die Jahreskonferenz hat zwar von einem „größeren jüdischen Zentrum“ gesprochen, weil einige Mitglieder der Kommission meinten, es würden auch London oder Paris in Betracht kommen. Aber das ist ein Irrtum, denn wie die Verhältnisse liegen, gibt es vorläufig keinen anderen in Betracht kommenden Ort als Berlin und ich bin sicher, daß die Leitung dorthin kommen wird. Dann wird auch die Gesamtorganisation gezwungen sein, sich dort einen Präsidenten zu wählen, weil es eben nicht anders geht, als daß der Sitz der Leitung sich an dem Orte befindet, wo die Arbeit geschieht. Der Präsident warnt vor Pessimismus! dazu sei kein Anlaß.. Unsere Arbeit geht vorwärts und unsere Idee findet allmählich auch in jenen Kreisen Eingang, die uns bisher bekämpft haben. Redner fordert, daß man unentwegt an dem Baseler Programme festhalte. Die Politik derjenigen, die einen Punkt nach dem anderen unseres Programmes über Bord werfen wollen, um sich bei der türkischen Regierung lieb Kind zu machen, sei äußerst gefährlich. Prof.Dr. Otto W arb u rg sprach über „Palästina als jüdisches Arbeitsgebiet“. Erschildeiteden. Aufschwungs derjüdischen Ansiedelungen in Palästina, wo jetzt etwa 30 jüdische Siedlungsdörfer bestehen. Die wirtschaftliche und kulturelle Hebung des Landes drückt sich auch bereits in der Steigerung der Landpreise aus. Die „Ika“ (Jewish Colonisation Assocition), die bestimmt sein sollte, die Führung in der jüdischen Kolonisation Palästinas zu übernehmen, hat ihren Zweck nicht erfüllt und wird wohl auch in Zukunft ihre reichen für die Kolonisation bestimmten Mittel ihr fernhalten. Die Palestine Land Development Company kann wegen ihres kleinen Kapitals nur Bemittelte ansiedeln, mit mindestens 10.000 Mark eigenem Kapital. Einen Versuch im größeren Stil will nun die Oppenheimersche Siedlungsgenossenschaft machen. Von amerikanischen Philanthropen wurde eine landwirtschaftliche Versuchsstation angelegt. So sind die Grundlagen gelegt, und es gilt jetzt, auf ihnen weiter zu bauen. In Jaffa hat sich bereits eine Terraingesellschaft gebildet. Die neu angesiedelten Juden müssen sich aber auch als Ottomanen fühlen und die türkische Untertanenschaft erwerben. Der türkische Staat wird dann in der Ansiedlung keine Gefährdung seiner politischen Interessen erblicken. Die türkische Regierung weiß ja auch, daß Herzls Idee eines selbständigen Judenstaats von ihm fallen gelassen wurde. Es kann auch nicht mehr die Rede davon sein, da ein palästinischer Kleinstaat sich nicht behaupten könnte. Palästina ist landwirtschaftliches Gebiet einseitigster Art: Gartenland, das auf Export angewiesen ist. Anders liegt die Frage der lokalen Autonomie. Jüdische Einwanderung ist den Türken lieber als christliche, sie bildet auch ein Gegengewicht gegen die arabische Bewegung, die darauf hinausgeht, den Osmanen das Kalifat zu entreißen. - Dr. Franz Oppenheimer sprach in einer groß angelegten Rede über sein Projekt der „Siedlungsgenossenschaft“. Der von Dr. H a n t k e erstattete Geschäftsbericht weist ganz bedeutende Fortschritte auf allen Gebieten zionistischen Lebens in Deutschland auf- Zum Vorsitzenden wurde an Stelle Dr. Boden, heimers, Rechtsanwalt Dr. H a n t k e - Berlin gewählt. Dem geschäftsführenden Ausschuß gehören ferner an: Dr. Friedemann, Dr. Heymann, Gronemann und Hermann Struck, sämtlich in Berlin. Das Zentralkomitee besteht aus 21 Mitgliedern. Bemerkenswert ist, daß Leo Motzkin in der Stichwahl gegen Dr. Klee in das Zentralkomitee gewählt wurde. *) Der ausführliche Bericht ist uns erst nach Redaktionsschluß zugekommen; wir können ihn daher erst in der nächsten Nummer veröffentlichen. Nach Schluß des Delegiertentages fand ein zionistisches Meeting statt, das von mehr als 10GO Personen besucht war: Es sprachen: Dr. Hantke, Dr. Bodenheimer, Prof. Warburg, Dr. Moses, Dr. Franz Oppenheimer, Julius Simon und Sekretär Blumenfeld. An die Adresse der „Ito“. Mein offenes Schreiben in der „Jüd. Zeitung“ vom Juni 1910, hat die „Ito“, das offizielle Monatsblatt der Territorialisten, nunmehr beantwortet. Der Herausgeber schreibt hiebei von sich selbst: „Daß ich gegen die Kleinarbeit in Palästina nichts habe und sie sogar begrüße, insofern dadurch das nationale Gefühl und die Liebe zur Scholle gehoben werden. Dieser Satz wird dem Inhalte nach wohl stimmen.“ „Wir können uns aber unmöglich“ — folgt später — an diesen kleinlichen Unternehmungen aktiv beteiligen, nachdem wir alle uns zur Verfügung stehenden Mittel für die Verfolgung eines anderen ähnlichen, aber unserer Ansicht folgerichtigeren und weitgehenderen Zieles reserviert haben.“ Man könnte vielleicht auf diese und andere verschrobene Anschauungen eingehen, wenn mich nicht Mitteilungen, die auf derselben Seite zufällig folgen, jedes Kommentares entheben würden. Es heißt hier (u. zw. zitiere ich, wobei ich nur des Raumes halber Belangloses vveglasse, das offizielle Organ, welches folgendes Programm vertritt: „Die jüdisch-territorialistische Organisation hat den Zweck, ein Territorium auf autonomer Basis für diejenigen Juden zu finden, die in den Ländern, in denen sie jetzt leben, nicht bleiben können oder wollen“): „Bremen. Am 13. d. M. langten hiev 27 jüdische Emigranten an, welche der 41. Partie der Ito-Emigranten angehörten und zum Landen in Galveston nicht zugelassen wurden. Beim Ankommen der Zurückgewiesenen waren Mr. Zangwill, Dr. Jocheimann und Mr. Josef Fels zugegen. Auf der darauffolgenden Sitzung des Londoner Komitees wurde der Beschluß gefaßt, den 27 durch die Zurückweisung stark geschädigten Auswanderer eine materielle Unterstützung zuteil werden zu lassen, die „Ito“ an und für sich natürlich keine Verantwortung für die unberechenbaren Launen der amerikanischen Regierung übernehmen kann. Unter den 27 Leuten wurden ca. 14.000 Frcs. verteilt, wodurch sie auch eine hübsche Summe für die Neueinrichtung in Rußland zurückbehalten konnten. Die Freude und die Dankbarkeit dieser Leute war auch unendlich und äußerte sich in begeisterten Ovationen, die Dr. Jocheimann zuteil wurden.“ Wenn die Sache nicht so : tief traurig wäre, so müßte man wirklich sagen „Risum teneatis amici!“ Nein, meine Herren von der Ito, ich werde keine großen Kommentare zu Euren Artikeln und zu Euren Nachrichten mehr schreiben. Wenn Sie es schon so weit gebracht haben, daß Ihre Kleinarbeit, die Sie für bedeutender als unsere Palistinaarbeit halten, nachdem sie für Galveston Schiffbruch (und kläglich!) gelitten hat, darin besteht, die Opfer wieder nach Rußland zurückzuführen und den Mut habt, diese Lösung als eine glückliche zu betrachten, dann bedarf es keiner weiteren Worte mehr. Es bedarf nur der Aufzeichnung der neuesten Blüte der Golus-Politik. Israel Zangwill aber als der Autor einer Immigration nach Rußland ist kein schlechter Witz. Vielleicht könnte man in Rußland ein lto-Land errichten. Die Menschen wären ja schon dort. Das Prinzipielle habe ich genügend in meinem ersten Artikel abgehandelt. Nun frage ich nochmals. Wollen die Itoisten wirklich nicht die von ihnen selbst gepriesene Palästina-Arbeit unterstützen, anstatt in den Bahnen von heute weiter schreiten? fm letzteren Falle muß die jüdische Oefientlichkeit ganz energisch darauf aufmerksam gemacht werden, wohin der neueste Kurs der Ito geht. Ich bedauere, daß von seiten Zangwill gegen unsere Partei so scharfe Worte gefallen sind. Wir haben nun alle Ursache die Waffen ebenso spitz zu halten und in derselben Weise unseren Freunden von ehemals entgegen zu treten. Denn vor diesen „Freunden“ des jüdischen Volkes müssen wir leider unsere Massen warnen. Wer deshalb gefeiert werden will und gefeiert wird, weil es die Kinder Israels aus Rußland Uber die halbe Welt nach Rußland zurückführt, der ist in der Behandlung der Judenfrage ein Ignorant und Charlatan und die, die ihn stützen und auch jetzt noch zur Ito halten, sind gewissenlos, weil sie ziel- und planlos die Wanderirrungen der Juden propagieren .... München, 7. September 1910. Dr. med. Felix A. Theilhaber. Wie jüdische Gemeinderäte für die Gleichberechtigung der Juden eintreten. Aus Friedek, 12. d. schreibt man uns: Die Demonstrationen und Exzesse, die die deutschnationale Studentenschaft, vereint mit dem Straßenmob anläßlich des Ivria-Hasmonäa-Kommerses vor zwei Jahren veranstaltete, werden wohl allen Lesern dieses Blattes noch erinnerlich sein. Die jüdische Studentenschaft, welche sofort gegen die Demonstranten und verantwortlichen Behörden Stellung nehmen wollte, ließ sich damals von den jüdischen Würdenträgern der Stadt beschwichtigen; versprachen doch diese, alles aufzubieten, um den Veranstaltern Genugtuung zu verschaffen. Daß die jüdischen Herren Gemeinderäte sich hiezu zwei Jahre Zeit ließen, wäre nicht sonderlich bemerkenswert; daran ist man ja gewöhnt! Aber die Art der gewährten Satisfaktion ist jedenfalls einzig dastehend und wird wohl nicht nur die Friedek-Misteker Juden interessieren. Man höre: Die hiesige jüd. akad. Ferialverbindung „Hasmonäa“ ersuchte heuer um Ueberlassung des städtischen Rathaussaales der einzige in Friedek zur Abhaltung eines Balles. Dieses Gesuch wurde vom hiesigen Magistrate im B e i s e i n und im Einverständnis des Kultusvorstehers Alois Reik abgewiesen. Die „Hasmonäa“ hat gegen diese Entscheidung an den Gemeinderat berufen. Nun mußten auch die jüdischen Gemeinderäte an die Arbeit. Mit dem jüdischen Gemeinderate Leop. Landsberger an der Spitze, agitierten sie von Mann zu Mann und traten in öffentlicherGemeinderats-Sitzungfürdie Abweisung des Rekurses ein. Nur ihrem Einflüsse ist es zu danken, daß auch diese Behörde den Rathaussaal verweigerte, trotzdem Herr Alois Reik sich hier endlich seiner Pflicht als Kultusvorsteher bewußt wurde und jetzt für die Ueberlassung des Saales eintrat. — Um den Kampf für das durch diesen Bali so arg bedrohte Deutschtum wirksamer zu gestalten, erschien im hiesigen „Deutschen Wochenblatt“ der Obmann des Preßausschußes ist wieder ein jude — ein von jüdischer Seite inspirierter Schmähartikel gegen die „Hasmonäa“, der von Unwahrheiten und Verleumdungen strotzt. Bezeichnend für den Verfasser dieses Artikels ist es, daß er uns unsere Ehrlichkeit, unser selbstbewußtes Bekenntnis zum jüdischen Volke zum Vorwurfe macht. Wir finden es nicht der Mühe wert, diesen Artikel einer weiteren Kritik zu unterziehen; doch einen Witz können wir den Lesern diecer Blattes nicht vorenthalten! Er bezeichnet die Zionisten als stock- und erzklerikal und vergleicht sie mit den konservativen Bauern Tirol und Vorarlbergs. Herr Landsberger hat aber auch in unserer Nachbarstadt Mistek einen würdigen Genossen. Es ist dies der sattsam bekannte Herr Dr. Lamb e r g, den in der Gemeinderads-Sitzung der hiesige Pfarrer, wenn auch unbewußt, so doch so trefflich den „israelitischen“ Rechtsanwalt genannt hat. Auch er hat sich entschlossen, einmal in einer jüdischen Angelegenheit das Wort zu ergreifen, natürlich nur gegen die Juden. Es ist auch ihm gelungen, die Verweigerung des Deutschen-Haussaales an die „Hasmonaä“ in Mistek durchzusetzen. Stolz reichen sie sich nun die Hände; denn was unseren Gegnern noch nirgends geglückt ist; hier haben sie es zustande gebracht — sie haben die Juden „ins Ghetto zurückgeworfen“. Was für die Allgemeinheit geschaffen wurden — den Juden bleibt es verschlossen. Aber eine große Genugtuung ist unserer zielbewußten jüdischen Studentenschaft in ihrem Kampfe geworden; sie hat einen Sieg errungen, der wertvoller istjals die Ueberlassung eines Saales, einen Erfolg, der nachhaltiger ist als das Gelingen eines Balles; hinter den Studenten steht die jüdische

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