Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 37 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 37 Bürgerschaft, die nahezu vollzählig in einer Petition an den Gemeinderat sich mit den Jungen identifiziert hat. Selbstbewußt bittet sie nicht mehr, sondern sie fordert gleiche Rechte für die Juden und stellt ihre vermeintlichen Vertreter öffentlich an den Pranger. Die hiesige Judenschaft wird sich auch durch den ausweichenden Bescheid der Gemeindevertretung nicht beirren lassen, der nichts anderes als die altbekannten heuchlerischen Phrasen enthält. In den nächsten Gemeinderat werden sie nur selbstbewußte Vertreter ihres Volkes entsenden. Finnlätidische Lehren. Die Entscheidung der russischen Regierung, bej der rechtlichen Gleichstellung der Russen in Finnland die gesetzlichen Beschränkungen der dortigen Juden in Geltung zu belassen, hat eine allgemein-symptomatische Bedeutung und ist lehrreich für' viele Teile der Gesamtjudenheit. Es genügt nicht, daß wir unseren Unmut über diese Bestimmung der Zarenregierung Ausdruck geben. Viel Aussicht auf Erfolg haben unsere Proteste ja doch nicht. Von jeder unserem Volke widerfahrenen Unbill müssen wir lernen, und die entsprechenden Konsequenzen aus ihr ziehen. Die Lage der Juden in Finnland gehört zu den seltsamsten Erscheinungen und Aeußerungen des neuzeitlichen Judenproblems. Ein einheitliches Kulturvolk, wie das finnische, kreiert barbarische Judengesetze, welche die zarischen Judenentrechtungen noch übertreffen. Und als der finnische Seim (Landtag) mit seiner radikalsozialdemokratischen Mehrheit während der „Freiheitstage“ an eine Lösung der Judenfrage in diesem Lande herantrat, vermochte J2r sich nicht zu einer generellen Lösung, zur gänzlichen Gleichberechtigung der Juden zu erheben, sondern begnügte sich mit der Gewährung von Bürgerrechten an die in Finnland geborenen oder seit mindestens zehn Jahren ansässigen Juden. Dieser — übrigens nicht sanktionierte — undemokratische Beschluß des finnischen Landtags zeigt, daß man auch in den radikalen Kreisen des finnischen Volkes eine gewisse Angst vor den aus Rußland kommenden Juden hegt. Die gewöhnliche Bezeichnung ' „Antisemitismus“ reicht hierbei nicht aus. Die Motive sind hier tiefer zu suchen. Die Finnländer befürchten eine Stärkung der russischen Kultur durch die russischen Juden. Die russische Regierung müßte demnach die Interessen der Juden in Finnland wahrnehmen. Sie tut es jedoch nicht und hält an ihren „Prinzipien“ fest; sie will von den Juden auch keinerlei Nutzen ziehen. Darin liegt eine Warnung an diejenigen russischjüdischen Kreise, die trotz aller barbarischen Maßregeln der Zarenregierung, trotz aller blutigen Greueltaten russischer Volksgruppen gegen die Juden es nicht unterlassen, sich der russischen Kultur anzuschließen und sogar mancherorts als Pioniere derselben zu wirken. Eine Erscheinung, wie man sie ähnlich auch in anderen Ländern, wie z. B. in Galizien, antreffen kann. Das Schicksal der Juden in Finnland lehrt uns, daß wir am besten tun, unsere eigene nationale Kultur vor allem zu pflegen. Nur dadurch allein können wir von uns die Gefahr abwenden, in das Feuer anderer zu geraten, die sich befehden — eine Gefahr, durch die gerade unser Volk so häufig und so schwer zu leiden hatte. Aus dem jüdischen Leben. Dr. Wilhelm Holzer gestorben. Im Alter von 76 Jahren starb in Lemberg der in allen Kreisen des galizischen Judentums bekannte Philantrop Dr. Wilhelm Holzer, welcher lange Jahre hindurch Mitglied des Lemberger Gemeinderates und Kultusvorstandes war. Dr. Holzer gehörte keiner Partei an. Seine immer hilfsbereite Hand, sein wohltätiger Sinn ließen ihm keine Zeit sich um die aktuellen Tagesfragen zu kümmern. Seine unerschöpfliche Gpferfreudigkeit brachten es schließlich so weit, daß er-selbst ganz verarmte und die letzten Jahre seines Lebens in Elend verbrachte. Sein Tod wird in allen Kreisen betrauert und sowohl zionistische als auch assimilatorische und nichtjüdische Blätter •widmeten ihm tiefempfundene Nachrufe. Der Lemberger Kultusvorstand erkannte dem Toten ein Ehrengrab zu und beschloß eine Dr. Wilhelm Holzer-Stiftung ins Leben zu rufen. M. A. Klaussner gestorben. Donnerstag den 8. d. erlitt in Berlin der 62 jährige Sekretär der Deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Israeiite, Herr M. A. Klausner einen tödlichen Unfall. Der Verstorbene war eine der populärsten Gestalten unter den Berliner Juden. Seine außerordentliche Begabung, sein unermüdlicher Arbeitseifer stellten ihn an die Spitze der Deutschen Alliance dessen Mitgliederzahl er in kurzer Zeit von 5000 auf 40.000 hob. Dem Zionismus gegenüber verhielt er sich, was inbezug auf seine Stellung, seinen Werdegang und seine kosmopolitische Ueberzeugung fast selbstverständlich ist, ablehnend. Indessen war er, natürlich in seiner Art, ein überzeugungstreuer Jude, der oft und eindringlich seine Stimme gegen den Abfall vom Judentum und gegen die Gleichgiltigkeit der i,vornehmen“ jüdischen Kreise erhob. Uebrigens gestaltete sich in der letzten Zeit sein Verhältnis zum Zionismus freundlicher. Wie ein Berliner Korrespondent einer jüdischen Zeitung berichtet, soll er einen Tag vor seinem Tode gesagt haben: „Ich erkenne ja das große Verdienst der Zionismus an, daß er die Jugend dem Judentum wiedergewonnen hat!“ Dem Wiener Kultusvorstand wird zur Nachahmung die Einführung hebräischer Kurse empfohlen, die laut dem nachstehenden Communiquee in Czernowitz am 20. September d. J. beginnen. Der Kultusrat der israelitischen Kultusgemeinde inCzernowitzhat, vielfachen Wünschen der hierortigen jüdischen Bevölkerung, sowie einem dringenden Bedürfnisse Rechnung tragend, beschlossen, auch in diesem Schuljahre (1910/11) drei hebräische Kurse mit hebräischer Unterrichtssprache, und zwar: 1. für Anfänger, 2. für Fortgeschrittene und 3. für zu einem höheren Unterrichte reifere Kinder, vorläufig provisorisch und probeweise, abhalten zu lassen. Mit der Erteilung des Unterrichtes an diesen Kursen ist eine geprüfte, vollkommen befähigte und ■ von unserem ehrwürdigen Rabbinate qualifizierte Lehrkraft betraut. Der Unterricht be- . ginnt am 20. September 1910. Die Einschreibungen werden sofort in der Kanzlei der israelitischen Kultusgemeinde vorgenommen. Dies wird mit dem Beifügen zur allgemeinen Kenntnis gebracht, daß sich der Kuitusvojstand vorbehält, die. näheren Modalitäten, diese hebräische Schule betreffend, insbesondere was das in den einzelnen Abteilungen (Klassen) zu entrichtende Schulgeld anbetrifft, nachträglich bekannt zu geben. Vom Vorstande der israelitischen Kultusgemeinde. Der Präses: Dr. Strauche r. Am 4. d. M. fand in Gorlice auf private Initiative eine Versammlung statt, um zur ausgeschriebenen Enquete in Angelegenheit der Judennot Steilung zu nehmen. Der hiesige Advokat Dr. Stern, welcher die Versammlung präsidierte, hob bedauernd hervor, wie wenig Interesse die Enquete unter den Juden erwecke und wie sehr ein einheitliches Vorgehen in dieser Frage und in allen jüdischen Fragen notwendig wäre. Die Versammlung beschloß, sich unmittelbar an die größeren Kultusgemeinden und im Wege der Presse an alle jüdischen Gemeinden zu wenden und diese aufzufordern, die dargebotene Gelegenheit nicht unbenützt vorübergehen zu lassen. Es wurde auch ein achtgliedriges Komitee gewählt, welches einer demnächst einzuberufenden Volksversammlung Bericht zu erstatten hat. : Generalversammlung der „Kredit-Union“. Da die letzte ordentliche Generalversammlung der Lemberger „Kredit-IJnion“ deshalb von dem Handelsgericht als ungültjg erklärt wurde, weil die Verlautbarung nur in jüdischer Sprache erfolgte, mußte Sonntag den 11. d. M. eine neuerliche Generalverversammlung mit derselben Tagesordnung abgehalten werden. Die am 28. Februar beschlossenen Statutenänderungen wurden auch jetzt vorgenommen. Zum Schlüsse hielt Direktor Eisler dem Abg. Gabel, der sich um die Gründung der „Kredit-Union“ große Verdienste erworben hatte, einen tiefempfundenen Nachruf. Vereinsu IVersammlungs- Nachriehten. Voranzeigen. Mödling. Sonntag den 18. September findet im „Jüdischen Bildungs- und Geselligkeitsverein“ ein Vortrag des bekannten arischen Sozialdemokraten Herrn Dr. Karl Schalk über „Zionismus als Kulturbewegung“ statt. Krumau. Die Einweihung des neuen Tempels findet Sonntag, den 18. September um II Uhr vormittags statt. Wien. (Verein der jüdischen Handels- und Privatangestellten,’ II. Taborsträße 20 (Souterrain). Samstag den 17. di M. findet im Vereinsheini ein g e s e 11 i g e r Abend statt. (Mitwirkung beliebter Kunstkräfte.) Beginn 9 Uhr. Gäste - herzlich willkommen. Mi11woch den 21. d. -M:‘ Vereinsabend mit Vortrag des Herrn Friedrich P o r g e s über „Heinrich Heine“. Beginn 9 Uhr abends, Gäste willkommen. Wien. „Hasomir“ Verein zur Förderung jüdischer Literatur und Kunst. Gesangsektion. Die nächste Probe findet Dienstag deii 20. d. M. 7'/■! Uhr abends, im Cafe „Rembrandt“, II. Untere Augartenstraße 11 statt. Stimmbegabte Damen und Herren, die der Sektion beitreten wollen; werden zu dieser Probe höflichst eingeladen. Berichte. Göding. Am 3. September veranstaltete die jüd. akad. Ferialis Hatikwah ihren Gründungsfestkommers, der einen glänzenden Verlauf nahm. Der große Saal zur Krone war bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Nach der Begrüßung der Verbindungen: Veritas, Makkabäa, Unitas, Zephyra, Gamala (welche korporativ erschienen war), Achiwah, des ersten jüdischen Turnvereins in Wien, des N. F. K. Herrn Arnold Bittner, des Lundenburger Frauenvereines, der Tischgesellschaft „Bude“, durch den cand.jur. Leopold Czuczka, folgte die Festrede des cand, ehern. Robert N e u m a n n, welcher über die Stellung der jüdischen Akademiker an den Hochschulen sprach. Hierauf folgte die beifälligst aufgenoniniene Tendenzrede das A. H. Ing. Edmund Gold, welcher von der schlechten politischen Lage in Oesterreich ausgehend, die Verhältnisse des Zionismus und die Stellungnahme der Bürger zu demselben auseinandersetzte. Ganz besonders wirkte der Schluß der Rede auf die Lundenburger, in welchem es hieß, daß wir unsere Väter kaum mehr für. unsere nationale Idee bekehren werden, daß aber einst wir selber und unsere Kinder als Juden und nicht als Deutsche auftreten werden. Mit einem launigen Damentoaste des F. jur. Leo Spitz, wurde der offizielle Teil des Kommerses geschlossen, hierauf folgte ein sehr animiertes Tanzkränzchen. Lemberg. Die zion.-akad. Verband Judäa konstituierte sich für das XVII. Semester: stud. iur. Heinrich Fast, Senior, stud. iur. Jakob Brenner, Consenior, stud. iur. Salomon Leder, Sekretär. Wien. (Jüdischer- Sehul verein;: IX. Bezirk; Seegasse 16.) Mit Beginn des Schuljahres tritt der Verein in das zehnte Jahr seines gemeinnützigen Wirkens. Um den Bestand desselben zu sichern und den ste s zunehmenden Ansprüchen Rechnung tragen zu können, ist die Vermehrung der Mitglieder und Förderer eine dringende Notwendigkeit. Wir empfehlen all unseren warmfühlenden Glaubensgenossen, die Tätigkeit dieses Vereines zu fördern. Die Einschreibungen finden statt: Ab 20. September: Montag und Mittwoch 41/.—7'/» Uhr abends, Sonntag 10—12 Uhr vormittags. Iglau. (Jüd.-akad. Ferialverbind. „Hasmonaea“). Am 21. Juli eröffnete die jüd.-akad. Ferialverbindung „Hasmanaea“ offiziell ihr drittes Semester mit einer Eröffnungsdamenkneipe, welche auf der Bude der Verbindung im Maximsaale des Grand-Hotels stattfand. Aus der Officialis ist besonders hervorzuheben: Die Begrüßungsansprache des X cand. jur. Ernst Sommer, die Rede des Fuchsen W. P o 11 a k, der launige Damentoast desA. H. Dr. S. Werne r und der Toast auf die A. H. A. H. des Fuchsen H a mlisch. Nach der Kneipe wurde getanzt. Am 26. Juli hielt die Verbindung anläßlich des Todestages Theodor Herzls einen Trauerkonvent ab, in dem A. H. Dr. S.Werner über seine persönlichen Beziehungen zu unserem unvergeßlichen Führer sprach. Am 26. August war es nun ein Jahr, daß die ersten Hasmanaeakappen auf der Gasse erschienen. Am 25. versammelte sich die gesamte Kouleur, die Gattinnen der k. H. A. H. die Couleurschwestern, die Vertreter des jüd. Volksvereines „Theodor Herzl“ und des „jüd. Turn- und Sportvereines“ im Maximsaale, um den Tag festlich zu begehen. Es sprachen Bursch Erwin Spitzer über die Zwecke und Ziele der „Hasmonaea“. In der Jnoffizialis, die als Präsidium A. H. Dr. Wagner (Unitas) führte; brachte die Vorlesung einer Kneip-Zeitung und einer Gegen-Zeitung die fröhlichste Stimmung hervor. Eine Sammlnng für den JNF ergab K 16. Triest. Im Laufe des Sommers hat sich hier ein fünfgliedriges Komitee gebildet, welches unter dem Titel „Comitato Divertimenti pro Circolo Sionistico Trieste“ (Vergnügungsausschuß „zugunsten“des Zionistischen Vereines in Triest) den Zweck verfolgt, durch Veranstaltungnn geselliger Natur Propaganda für die zionistische Idee zu machen. Das Komitee hat als solches die Anerkennung seitens der Direktton des genannten Vereines gefunden, und hat trotz mannigfacher Schwierigkeiten bereits eine größere Anzahl gutbesuchter Ausflüge veranstalten können und konnte dabei zu seiner besonderen Befriedigung konstatieren, daß das Häuflein der „Getreuen“ stetig zunimmt. Nicht nur die hier weilenden, aus aller Herren Ländern