Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 37 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. A Nr. 37 übrigens bei ihren eigenen Gemeindemitgliedern so sehr diskreditiert, finden so wenig Veitrauen und Glauben, daß ihre Intervention nur Mißtrauen erwecken könnte. Man ist es nämlich gewöhnt, die Kultusgemeinden die von einigen verwegenen Kahalmachern regiert werden, stets an der Seite der Feinde des jüdischen Volkes zu sehen und wenn sie schon politisch hervortreten, so geschieht es nur, um dem Herrn Bezirkshauptmann genehmen Kandidaten — gegen den Volkswillen — zum Siege zu verhelfen. - Der Augenblick ist wichtig, die Juden Galiziens stehen an einem Wendepunkt; es handelt sich darum, ub -die Juden weiter in einem Lande verbleiben, in einem Lande weiter werden leben können, mit welchem sie eine Jahrhunderte alte Geschichte verbindet, mit dessen Völkern sie bis nun Freud und Leid geteilt haben, in dessen Erde die Asche ihrer Vorfahren ruhen oder aber, ob die Juden den Wanderstab ergreifen und diesem Lande, welches sie niemals als vollberechtigte Bürger anerkennen wollte, den Rücken werden kehren müssen. Immerhin erheischt dieser folgenschwere Augenblick gemeinsames zielbewußtes Vorgehen, jeder muß an dieser Arbeit teilnehmen, alle Mann müssen an Bord, ehe es zu spät ist. Von der Woche. Die Enquete wiederum verschoben. |,Gut Ding will Weile haben“. Ob dieses Sprichwort auch auf die nunmehr zum zweitenmal verschobene, nach drei Jahren einberufene Enquete angewendet werden darf? Wir zweifeln. Und jeder Einsichtige wird unser Zweifeln für berechtigt finden. Man bedenke: Als Grund der Verschiebung wird angegeben, die Session folge unmittelbar darnach, danim bleibe für eine gründliche Behandlung des Themas auf der Enquete viel zu wenig Zeit; die Enquete wird also erst Ende Oktober nach der Landtagssession stattfmden. Wir sind gerade gegenteiliger Ansicht und sagen: Das trifft sich gerade gut, daß die Landtagssession der Enqupte unmittelbar nachfolgt. Unter dem unmittelbaren Eindruck der Enquete wird sich Vielleicht der Landtag zu Taten aufraffen I Der Landesausschuß aber ist anderer Meinung. Ihm geht es ja im Ernst nicht darum, den Juden zu helfen, ja, im Hinblicke auf die. immer wieder erfolgende Verschiebung muß man sagen: Er gibt sich redliche Mühe, daß die Enquete nicht abgehalten, daß sie keinen Nutzen bringen und keine Taten zeitigen soll. Ihre Einberufung war ja nur als Ködermittel für, Stimmenfang gedacht; ihre Abhaltung wird .nichts anderes sein. , Der Landesausschuß beobachtet 1Vieler grauer Hände, die den Griff unsichtbarer Schwerter umspannten. Ein heimatlicher Hauch umwehte ihn .... . Und er fühlte sein Herz in ungestümen Schlägen jenen Schatten entgegenbrennen. Er erkannte das Winken der Sieben, die sein Geschlecht über alle anderen getürmt haben und deren Atem dem Rauschen großer Schlachten glich. Sie winkten ihm.dem letzten. Er aber grüßte sie mit wehmütiger Gebärde. Und da er die Gewänder von seinem erschauernden Körper abgestreift hatte, da war sein Leben von ihm abgetan wie ein welker Blütenkränz. ' Ueb'er seinem Haupte fühlte er das Taumeln vieler weißer Wolken und das Beben silberner Steme. Doch in seiner Seele war nicht Tag, nicht Nacht, nicht hell noch dunkel. Nur ein Reigen müder Tage k. eiste darin, grau und nebelvethüllt. Und zerrann ..... Dann tauchte er den Fuß in die Wellen. Zwischen den letzten Säulen dämmerte das blutlose Gesicht des Skythen auf. Seine Finger hielten ein Beil. Seine Augen aber umklammerten den nackten Jüngling mit einem .großen, stillen, zärtlichen Schauern. Das war wie ein dunkles Wiegenlied. Und .wie ein mütterliches Umschlingen. Äristobul stieg tiefer in die Flut. Auf seinen bleichen Lippen stand ein Lächeln. . Ein kühlsüßes wundersames Lächeln. eine zuwartende Haltung. Wenn die politische Konstellation die Abhaltung gebieten wird, dann kanns losgehen. Jetzt, wo keine Wahlen unmittelbar vor der Türe stehen, tut es ihm leid, dieses. Lockmittel aus der Hand zu geben. Vorläufig kann man ja noch viel versprechen. Halten . . . das wird die Enquete! Darum die Verschiebung, darum dieses Nasführen der unglücklichen jüdischen Bevölkerung. * # * Die neue .Polenklub-Partei. Im Polenklub soll jetzt, nachdem die Gegensätze scharf aneinanderstoßen, eine neue Partei entstehen. Die blutarmen Demokraten Krakauer Couleur, die halben Allpolen, die wohl Karriere machen, aber im Interesse des teuren Mandates nicht den Statthalter vor den Kopf stoßen möchten, und schließlich die vier Hausjuden, die unstet und flüchtig zwischen den Parteien herumpendeln, wollen sich zu einer neuen Fraktion zusammenschließen. Ihr Programm entspricht auch ganz dem Charakter ihrer Mitglieder: sie möchten und möchten nicht. Sie sind judenfreundlich, aber . . . Der Judenpunkt des Programmes lautet: „In der Judenfrage betrachten wir nach jeder Richtung, nicht nur in der Theorie, sondern auch praktisch, alle diejenigen Juden als Polen, die nicht nur mit ihren Worten (!) sondern auch mit ihren Taten Polen sind. Wir müssen entschieden alle separatistischen Strömungen bekämpfen. Wir müssen uns im vitalsten nationalen Interesse, welches in der Anzahl polnischer Mandate im Osten des Landes, sowie in der Notwendigkeit der Loslösung der Juden vom Sozialismus und von dem uns feinclichen Zionismus zum Ausdruck kommt, bemühen, die jüdischen Volksmassen für unsere nationale Politik zu gewinnen — u. zw. durch eine ernste Berücksichtigung des jüdischen Massenelends bei unserer volkswirtschaftlichen Arbeit und durch Unterlassung alles dessen, was als eine Zurücksetzung der Juden angesehen werden könnte.“ Der Verfasser dieses Programmpunktes meint es vielleicht gut, aber er scheint die letzten Jahre verschlafen zu haben. Auf diesen Leim gehen heute keine jüdischen Gimpel mehr. * - * * Eine neue polnisch-antisemitische Partei. Die polnische Gesellschaft hat es endlich satt, Verstecken zu spielen, im Herzen antisemitisch zu sein und nach außen Judenfreundlichkeit zu markieren. Darum gebärt sie jetzt eine ausgesprochene antisemitische Partei, die das auch auf der Zunge haben wird, was sie auf der Lunge hat. Die neue Partei, an deren Spitze der Sohn des galizischen Landmarschalls, der junge Graf Badeni tritt, wird das Programm der Wiener Christlichsozialen annehmen und seine bewährten antisemitischen Grundsätze in iGalizien Wirken .lassen. Der Begründer der Partei ist freilich mit jüdischen Stimmen, dank der Unterstützung des jüdischen Bürgermeisters von Büczacz, des sattsam bekannten Stern in den Landtag gewählt:worden. Aber was verschlägt das? Ein 'echtes antisemitisch-schlachzizisches Gemüt kehrt sich an solche Dinge ebensowenig wie der berüchtigte Bukpwinaer Antisemitenführer Wiedmann, 'der von.Jüden gewählt wurde und in der Czernowitzer Synagoge gelobt hat, den freisinnigen Grundsätzen treu zu bleiben. Viele Eingeweihte wollen übrigens wissen, daß der geistige Vater der neuen antisemitischen Partei der Papa des jungen Badeni ist. Man kann ihnen glauben, trotzdem der alte Graf Badeni an der Spitze des Landesausschusses steht, der jetzt eine Enquete in Angelegenheit der Judennot abhalten soll. Das wäre eben nur eine Bestätigung des Satzes: „Die linke Hand soll immer wegnehmen, was die Rechte geben zu wollen den Anschein erweckt. * * * Ein Verbot des „Ehrlich 606“. Professor Ehrlichs.. Heilmittel „606“ hat seinen Siegeszug durch ganz Europa angetreten, bis es in Odessa auf den berüchtigten Stadthauptmann General Tolmatschew stieß und hier endlich seine Wirkung verlor.. Der Sachverhalt wird von den russischen Zeitungen fo'gendermaßen geschildert: Versuche mit dem von Ehilich entdeckten Heilmittel werden in Odessa schon seit langem mit Erfolg gemacht. Als nun im städtischen Krankenhausc der der Arzt, die Abteilung für Syphilitiker leitet, diese Versuche ebenfalls anste.Ilen wollte, mußte er sich vorschriftsmäßig an den Oberarzt wenden. Dieser wollte die Verantwortung nicht auf sich nehmen und wandte sich seinerseits ans Sanitätsamt. Unter der strengen Odessaer Knute wollte auch das Sanitätsamt keinen Entschluß , fassen und .nahmdie Kompetenz des' hochmögenden ‘ Generals ,Tolmatschew in Anspruch. Erst dieser, tapfer- und entschlossen wie immer, traf auf'Grund seiner allseitigen Sachkenntnis die Entscheidung, daß das Ehrlich-Präpärat eine jüdische Scharlatanerie sei, weswegen man,keine Versuche mit dem Teufelsding machen solle. So blieb das große Odessaer städtische Krankenhaus, das dem Verwaltungstalent des sachkundigen Stadthauptmanns unterstellt ist, ohne Experimente mit dem Heilmittel „606“. * *• * Aus dem deutsch-jüdischen Blätterwalde. Wir hatten in der jüngsten Nummer Anlaß genommen, die lächerliche und schäbige Stellungnahme einiger „israelitischer“ Blätter Deutschlands zu der gewissen deutschnational-christlichen Kaiserrede zu glossieren. Das Hamburger -.„Israelitische Familienblatt“ hat im jüngsten Leitartikel das, was wir bisher zitierten, noch überboten. Zunächst konstatiert es echt pfäffisch-byzantinisch seine Uebereinstimmung mit der Auffassung Kaiser Wilhelms vom „monarchischen Gottesgnadentume“, dann wird aber gegen die Behauptung des Kaisers, daß Deutschtum und Christentum untrennbar von einander seien, uhtertänigst opponiert. Dabei gestattet sich das „israelitische Familienblatt“ den abgegriffenen Trugschluß, daß deutsche Reichszugehörigkeit identisch sei mit der Zugehörigkeit zur deutschen Nation. „Auch mit der Religion und mit dem Glauben der deutschen Juden ist ihr Deutschtum durchaus vereinbar. Sie haben das durch zahllose Opfer, durch rastloses, jahrhundertlanges Wirken im Dienste ihres Vaterlandes bewiesen.“ Argumente aus dem vorigen Jahrhundert Das „israelitische Familienblatt“ möge nur seine andersgläubigen „Konnationalen“ fragen, ob die Juden in die schwarz-rot-goldene Gemeinschaft brüderlich aufgenommen sind. Aber das genannte jüdische Blatt tröstet sich. Es ist gar nicht möglich,...das Kaiser Wilhelm den Juden mit seinem Bekenntnisse das Deutschtum absprechen wollte. „Es ist ganz selbstverständlich, daß die Worte des Kaisers splchen Sinn nicht haben können. Wäre dem so, der Kaiser könnte unmöglich mit Herrn Ball in auf so vertrautem Fuße stehen, dürfte nimmer Männer wie James Si mon oder den in diesen Tagen verstorbenen Isidor Loewe zu sich laden.“ Also. weil. der. Monarch, mit verdienstvollen und hochstehenden Juden vertraut ist, kann er nicht der Ansicht sein, daß Judentum und Deutschtum einander ausschließen. Diese Blätterstimmen sind für uns sehr lehrreich. Sie zeigen, wie weit das reichsdeutsche Judentum' noch zurück ist. Derartige Aeußerungen, die bei uns' wohl nur ganz sporadisch Vorkommen, sind drüben an der Tagesordnung. Unsere reichsideutschen Gesinnungsgenossen haben wahrlich kein leichtes Arbeitsfeld und sie werden wohl noch jahrelang zu tun haben, bis sie die Binsenwahrheit zum Siege führen, daß man ein Nationaljude und dabei patriotischer Bürger des deutschen Reiches sein kann. Vorläufig verdrehen die Assimilantenblätte'r ihrem Kaiser die Worte im Munde, um das Gegenteil glauben zu machen. Und doch hat Wilhelm II. unseren verstorbenen Führer Theodor H e r z 1 in Palästina empfangen und ihm seine vollsten Sympathien für die zio n istische, nationaljüdische Bewegung ausgedrückt. * * * Zionistenverfolgung in Rußland. Aus Odessa wird unter dem 13. September telegraphiert: Der hiesige Stadtrabbiner Markus Awinowitzky wurde, im Aufträge des Generalgouverneurs Tolmatschew, wegen zionistischer Umtriebe verhaftet.Ein allenGeneraigouverneuren zugegangener Zirkularerlaß des Ministeriums des Innern fordert dieselben auf,- die zionistische Bewegung unter den russischen .Juden mit der äußersten Strenge zu unterdrücken und sämtliche zionistische. Vereins- Organisationen aufzulösen.