Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 37 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 37 Auf Antrag D r. Eckstein beschloß :idie Sitzung, dem NF-Bureau nahezulegen, Materialiensortimente zu fixen Preisenzusammenzustellen, um namentlich an'den-Feiertagen, damit zu agitieren- Abends - fand' im großen Saale Deutschen Hauses eine öffentliche Versammlung statt, die von 500 Personen besucht war. Unter den Anwesenden ^fanden sich viele Kultusvorstandsmitglieder mit dem Präses Dr. Hilf , an der Spjtee,. Rabbiner Dr. Spira u, a. Gg., Adolf Böhm hielt einen Vortrag Ober Palästinaarbeit und Siedungsgenossenschaft, die Herren Dr. Friedmann namens des D.-K. Troppau, Jos. Süßmandel namens des Zionvereines Ostrau und stud. jur. K o h n namens der Studentenschaft hielten Ansprachen, die sämtlich warmen Beifall fanden. Das Interesse für Palästina ist in Ostrau sehr groß. Auch Präses Dr. Hilf sagte seine Unterstützung zu. Es ist zu hoffen, daß in Mähr.-Östrau für die SG. größere Summen gesammelt werden. Nach der Versammlung veranstaltete die Studentenschaft Ostraus einen Kommers zu Ehren der anwesenden Mitgliederdes Z.-K., welche Ansprachen hielten. Die Tagung in Ostrau hat einen durchaus erfreulichen Verlauf genommen und war von großem Nutzen für unsere Sache; Vor der Enquete*). Von D. Harlig (Gorlice). Die Juden Galiziensgehen einer traurigen Zukunft entgegen. Schön war ihr Dasein nicht. Ein „päradisus judeorum“ — wie unsere Feinde fälschlich Polen nannten — ist Galizien niemals gewesen. Der Jude war seit jeher der Paria im Lande. Er wurde vom Schlachzizen verachtet, angespien, mit Hunden gehetzt. Aber der gnädige Herr brauchte seinen Juden — seinen Moschko — er brauchte ihn zur Geldbeschaffung, zum Verschleiß des von ihm gebrauten Schnapses und noch zu anderen sauberen und weniger sauberen Geschäften: So kam es, daß der Jude hierzulande um den Preis seiner Menschenwürde, sich einen mehr oder minder ausgiebigen Lebensunterhalt -verschaffte und in geistiger Armut ruhig in den Tag hineinlebte. Das zwanzigste Jahrhundert brachte eine Umänderung dieses Dämmerzustandes. Die „Demokratisierung der Gesellschaft“ drängte den Schlach- *). Die. Redaktion, hat zugesagt, alle ernstgemeinten, die Enquete des galizischen Landesausschusses über die Judennot betreffenden Ausführungen zu publizieren. Sie gibt daher auch diesen Ausführungen Raum, ohne sich in allen Punkten mit ihnen zu identifizieren. Die Enquete ist übrigens neuerlich verschoben worden. dumpfem Sinnen heim, stützte sein Haupt in beide Hände und grübelte. Er wußte nicht warum, worüber und wozu ... Der Jüngling fühlte ein wunderliches Abendwerden in seinem Innern und ihm war, als müßte der Schlaf, der im Palaste seiner harrte, ohne Ende und die weiche Müdigkeit, in der sich seine Glieder wiegten, die letzte sein und ihm durch alle seine Tränen folgen. Sein Herz war sierbenswund von dem jahrelangen unsichtbaren Ringen mit jenem, den er haßte und fürchtete und der ihn dennoch wie ein Dämon bannte. „Ich will dir meinen Traum von heute Morgen erzählen“, sagte er zu seinem Waffenträger, „denn ich fürchte, daß sein falscher Zauber mich übermannt. Mir war, als sprengte ich bebend über die Nachtheide. Des Königs Häscher jagten hinter mir her und die Verzweiflung lastete auf meiner Seele wie ein Schild von Erz. Da vernahm ich hinter mir den ruhigen Trab eines Rößleins. Und wie ich mich wandte, gewahrte ich einen Reiter in dunklem wehenden Mantel, über dessen Falten zwei unendlich stille Augen glommen, deren Schauen wie die Flucht der Sehnsucht war und wie das Zerrinnen alles Wollens und Sinnens. Da ließ mein Herz das wilde Pochen und wurde kühl und unbewegt. .Wer bist du?* fragte ich. .Dein Freund*, versetze der Fremde. ,Ich sah dich nie.' ,Mich kennt keiner. Wenige ahnen mich. Und doch bin ich.mit allen bis ans Ende. Dich aber liebe ich vor allen anderen Menschen. Deine weiße Seele ist wie das Zittern silberschlanker Birken und dein Lächeln JÜDISCHE ZEITUNG. zizen jedesmal mehr zurück von der Beherrschung des Landes und förderte Elemente ans Tageslicht, die dem Juden ans Leben gehen. Das vielgepriesene, für andere Länder, andere Völker segensreiche allgemeine, direkte etc. Wahlrecht brachte Parteien ans Ruder, die die Vernichtung des Juden auf ihre Fahne schrieben. Nicht etwa, die körperliche Vernichtung. Nein, bewahre! Wir sind ja in einem humanen Kultur- und Rechtsstaat und nicht in Rußland. Unsere Feinde haben jnit seltenem Scharfblick herausgefunden, wo der Jude am empfindlichsten, wo die absolut tätliche Wunde zu schlagen ist. Sie nahmen sich die wirtschaftliche Vernichtung des Juden vor und diesem Ziele streben sie mit eiserner Konsequenz, mit allen Mitteln zu. Wir sehen wie die Juden allmählich aus allen geschäftlichen und wirtschaftlichen Positionen verdrängt werden. Kommunale und Landesunternehmungen werden grundsätzlich einem Juden nicht mehr zugewiesen. Güter einem Juden nicht verpachtet. Selbst der Klein- und Zwischenhandel — bislang größtenteils in jüdischen Händen. — wird ihren Händen durch die in letzterer Zeit überaus zahlreich-kreiierten Konsumvereine. und Produktivgenossenschaften entwunden.. Diese letzteren sind um so mehr geeignet ihren Konkurrenzkampf vernichtend für den Kleinhandel zu gestalten, als sic größtenteils von Beamten geleitet werden, die anderwärts in fester Stellung sind und von anderwärts reichliches Auskommen haben. Während für den Juden der kleine Kram, das kleine Gewerbe nicht nur die einzige Lebensquelle bedeutet, sondern aus welcher er noch nicht unbedeutende Steuer und sonstige öffentliche Lasten zu bestreiten hat, weiß der Konsumverein oder die Produktivgenossenschaft nichts von derlei Verpflichtungen. Was Wunder, wenn der Jude immer mehr erwerbs-und brotlos wird und seiner vollständigen Proletarisierung entgegengeht ■ Dem einzigen Erwerbszweig, welcher ausschließlich in den.Händen.,der Juden lag — dem Propinations- und Schankgewerbe — hat nun auch schon das -letzte Stündlein geschlagen. Mit Ablauf des Jahres erlischt das Propinationsrecht und eine Neuregejung dieses .Gewerbes steht bevor. Man wird strikte nach den „gesetzlichen Vorschriften“ vorgehen, verkünden die Regierungsorgane, und wer diese Sprache versteht, wird herauslesen, daß auch dieser allerletzte Erwerbszweig für die Juden endgültig verloren ist. So schwindet den Juden der Boden unter den Füßen nnd sie stehen vor dem Abgrund. * * * Vor etwa drei Jahren hat der Reichsrats- und Landtagsabgeordnete Dr. Loewenstein im galizischen ‘ Landtage eine großangelegte, wirklich großartige klingt süß und traurig wie das Lied der Schwermut. Zu Jericho will ich deiner warten. Gib mir die Hand und vergiß nicht meines Wortes: Morgen geleite ich dich in deine Heimat . .,.* Da erwachte ich und es war Zeit aufzubrechen.“ - - - - „Flieh!“ schluchzte der Waffenträger auf. „Sonst mußt du sterben . . . Weißt du nicht, daß Asrael, der Tod, zu dir gesprochen?“ „Asrael, der Tod . . .“ wiederholten seine Lippen wie im Traum. Die Häuser weiteten sich zu einem freien Platz. Und da war des Königs .Landhaus. An Aristobuls nach innen gekehrtem Schauen glitt der unbewegte Glanz weißer Säulen vorbei und ein Blütengeruch umwogte ihn, bittersüß und schauernd. Dunkle Hände hoben ihn vom Roß. Auf der Treppe stand ein skythischer Hauptmann. Er neigte sich und sah den Knaben mit unendlich stillen Augen an. Sein Angesicht trug die kühle Blässe tiefer Abende. „Du bist willkommen in des Königs Hallen“, sagte er mit weichdunkler Stimme und ein graues Lächeln hing wie Nebel um seine Stirn. „Wo ist die Königin?“ stieß Aristobul hervor und wußte, ehe noch die letzte Silbe verklungen war, daß er vergebens nach ihr trug und daß er sie niemals mehr sehen würde. Er umklammerte eine Säule und wartete stöhnend auf Antwort. „Sie zog“, sprach der Hauptmann, „an die Ufer des Jordan, um in seinen heiligen Wellen ihre Glieder zu kühlen. Sie kehrt morgen zurück.“ „Du lügst!“ schrie Aristobul. „Und wo werde ich morgen sein.“ Seite 3 Rede gehalten. Dr. Loewenstein befaßte sich mit der traurigen Lage der Juden in Galizien, schilderte diese mit beredeten Worten und stellte schließlich den Antrag: der Landtag wolle beschließen, es sei eine Enquete einzuberufen, um zu untersuchen, auf welche Weise dem Elend abzuhelfen und die gänzliche Proletarisierung der Juden zu verhindern wäre. Und es geschah ein Wunder. Der galizische Landtag hat mit überwiegender Majorität diesen Antrag zum Beschlüsse erhoben. Böse Zungen behaupten Dr. Loewenstein habe diese Rede deshalb gehalten, diesen Antrag deshalb gestellt, weil man gerade vor den Wahlen zum Reichsrat stand, und der konservative galizische Landtag habe aus demselben Grunde den Antrag angenommen, um die Juden auf seine Seite zu ziehen. Wir wollen glauben, daß Dr. Loewenstein keine Nebenabsichten verfolgte, als er im galizischen Landtage in beredten Worten die Lage der Juden schilderte. Wir vertreten die — übrigens nicht vereinzelte - Ansicht, daß dem Dr. Loewenstein ernstlich darum zu tun war, ein Mittel zur Linderung der Judennot zu suchen. Hingegen dürfte es richtig sein, daß der Landtag den Antrag Dr. Loewenstein nur als Köder für die Juden betrachtete. Diese Annahme wird noch dadurch bestärkt, daß seitdem der Antrag Dr. Loewenstein verschollen blieb und es den Anschein hatte, daß er niemals mehr das Tageslicht erblicken werde. Sei es, daß man von der Auflösung des Reichsrates munkelte und mit der Möglichkeit von Neuwahlen rechnete; sei es aus anderen Gründen, aber entgegen aller pessimistischen Prophezeiungen feiert der Antrag Dr. Loewenstein soeben seine Auferstehung und der Landesausschuß schrieb nun tatsächlich die Enquete aus. Man mag über diese Enquete wie immer denken, mau kann die gute Absicht des galizischen Landesauschußes, den Juden zu helfen, den Wert der ergriffenen Maßregel anzweifeln; aber die Tatsache allein, daß ein galizischer Landesausschuß eine judenenquete ausschreibt, daß er — ernstlich oder nicht — die Frage aufwhrft, wie den Juden zu helfen ist, verdient schön, daß die Betroffenen—so sehr Betroffenen — sich mit dieser Angelegenheit befassen. Aber welche Enttäuschung! Die bodenlose Indolenz, die fatalistische Nachlässigkeit, Energielosigkeit, die unser ganzes öffentliches Leben charakterisiert, zeigt sich auch hierin ihrer erschrecklichen Deutlichkeit Die gesetzlichen und natürlichen Repräsentanten des Judentums, die Kutt usgeme i n den nahmen mit Ausnahme eines halben Dutzend Städte von der Enquete gar keine Notiz. Diese Kultusgemeinden sind Der Hauptmann schwieg. Jener senkte in dumpfem Schmerz das Angesicht . . . Und da er seine Augen wieder aufhob, tauchten sie in des anderen dunkle Seen.1 Da wußte er: Das war der Tod. Er vernahm ein Flüstern uncT wunderte sich, daß es die eigene Stimme wäre, so sitberkiar und ruhig tönte sie: „Ich bin bereit.“ Vor ihm stand mit stumpftraurigen Augen der Skythe und schwieg verwirrt Seine Wangen waren bleich wie die eines, in dem Heimweh brennt. Und da umringten den Jüngling geschäftige Sklaven. Gemächer glitten an seinem Schritt vorbei wie verblichene Lenze. Eine verhallende Frage riß ihn aus seinen Träumen. Er gewahrte, wie weiche Hände seine Schuhe lösten und den Mantel von seinen Schultern nahmen. Dann war es still.und er allein. Ringsum glänzten steile Marmorwände. An seine Füße schlug die laue Flut des Bades. . . . Und plötzlich war das Wissen da, als hätte er es tagelang mit sich herumgetragen: das Wissen vom Ende. Er richtete sich auf. Sein Angesicht war weiß wie eine Mondnacht. Seine zuckenden Finger mühten sich, die Spangen der Kleider zu öffnen. Dabei dünkte ihn, als käme das Schauern ferner Gärten näher und fügte sich zu einem tiefen feierlichen Dämmern, das den Segen grauer Hände in sich trug.