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Jüdische Zeitung · 1910-09-09 · 36 (9.9.1910) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
36 (9.9.1910)
Date
1910-09-09
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 36 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 booten müssen. Haifa ist von allen Hafenplätzen Palästinas in der günstigsten Lage, dadurch, daß es durch das Karmelgebirge vor südlichen und südwestlichen Winden geschützt ist. Außerdem bietet die Bucht von Haifa die beste Möglichkeit zur Anlegung eines Hafens. Das gegenwärtige Projekt für den Hafenbau ist besonders deshalb interessant, weil man durch Abdämmung einen ziemlich breiten Landstreifen gewinnen will, der sich natürlich vorzüglich zur Anlage von Geschäftshäusern, Schifffahrtsbureaus, Lagerspeichern clc. eignet. Aus dem Verkaufe dieses neu gewonnenen Vorlandes hofft die türkische Regierung einen wesentlichen Teil der Kosten des Hafens herauszuschlagen. Dieser Hafenbau wird der ohnehin in den letzten Jahren aufstrebenden Stadt Haifa, die bekanntlich auch die größte deutsche Kolonie Palästinas beherbergt, zu einer noch wesentlich schnelleren Entwicklung verhelfen. Haifa ist die einzige türkische Kopfstation der Mekkabahn und der gegebene Ausfuhrhafen für Getreide des reichen Haurandistriktes. Gegenwärtig wird nun in Haifa ein jüdisches Technikum errichtet, das vorläufig das einzige Institut dieser Art im ganzen türkischen Orient ist. Am Bau dieses Technikums beteiligt sich auch die Zionistische Organisation insofern, als der Jüdische Nationalfonds zur Erwerbung des Grund und Bodens 100.000 Francs hergegeben hat. Lieber den Fortschritt dieses Unternehmens wie der anderen zionistischen Arbeiten in Palästina wird auf dem XII. Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, der am 11. und 12. Sepieniber in Frankfurt a. M. stattfindet, eingehend Bericht erstattet werden. Auf dem Delegiertentag wird auch beraten werden, welches Programm für die weitere Palästinaarbeit der zionistischen Organisation die deutschen Zionisten dem nächsten internationalen Zionistenkongreß, der im Jahre 1911 tagen wird, vorlegen wollen. * * * Die Absetzung des Kaimakams von Jaffa. Aus Jaffa wird berichtet: Große Entrüstung hatte unter der palästinensischen Judenschaft die Haltung des Statthalters von Jaffa hervorgerufen, der jüngst in der Kolonie Ekron, als er sich wegen der Höhe des Oschers (der Getreidesteuer) mit dem Vertreter der Kolonie nicht einigen konnte, vor dem versammelten Bezirksausschuß die jüdische Bevölkerung in heftigen Worten beschimpfte. Die jüdischen Kolonisten wandten sich beschwerdeführend an den Großrabbiner der Türkei Haim Nahum, der ihre Beschwerde dem Minister des Innern Talaat-Bey vortrug. Der Minister erklärte, daß er über den Vorfall bereits durch den Gouverneur von Jerusalem unterrichtet sei und daß er sofort die Amtsenthebung des Kaimakams verfügt habe. An seiner Stelle ist der bisherige Statthalter von Alexandrelte zum Kaimakam von Jaffa ernannt worden. In den jüdischen Kreisen Palästinas herrscht große Genugtuung über die Entscheidung des Ministers. * * * Zur Lage der jüdischen Kolonien in Galiläa. In einer Audienz, die der Chacham-Baschi Haim Nahum vorige Woche beim Minister des Innern Talaat-Bey hatte, brachte er unter anderem die Lage] der jüdischen Kolonien in Galiläa zur Sprache, die in jüngster Zeit viel von den Ueberfällen der Beduinen sowie der Bewohner der umliegenden Dörfer zu leiden halten. Der Minister betonte, daß der in der dortigen Gegend vorherrschende Fanatismus und die Zügellosigkeit der Bevölkerung seit langem Gegenstand seiner ernsten Sorge sei. Was speziell die jüdischen Kolonien betrifft so werde er den Wali von Beirut telegraphisch anweisen, die erforderlichen Maßregeln zu ergreifen, um die jüdischen Kolonien wirksam zu schützen und eine Wiederholung von Vorfällen wie der, die sich jüngst zugetragen haben, unmöglich zu machen. * * * Eine jüdische Handelsgesellschaft in der Türkei. Die Gesellschaft „Agudath Netaim“ ist unter dem Namen „Societe Ottomane de Commerce, Agriculture et Industrie“ legalisiert worden. Das Grundkapital dieser Aktiengesellschaft beträgt 50.C00 Pfund, wovon etwa die Hälfte bisher gezeichnet worden ist. Die von Herrn Eisenberg geleitete Gesellschaft hat ihren Sitz in Konstantinopel und eine besondere Zweigniederlassung in Jaffa. Aus Rußland. Zur Lage in Kiew. Die Kiewer Erziehungsbehörde verstand es, nach der gründlichen und, wie man doch meinen sollte, erschöpfenden „Säuberungsarbeit“ der letzten Monate auch ihr Scherflein zum großen patriotischen Werk beizutragen. Nach dem Gesetze haben nämlich jüdische Eltern, deren Kinder eine offiziell anerkannte Schule in Kiew besuchen, das Wohnrecht in der Stadt. Nun hat die Erziehungsbehörde verfügt, daß in die Brodskysche Schule nur solche Kinder aufgenommen werden, deren Eltern sich über selbständiges Wohnrecht ausweisen können. Prozentnorm für jüdische Kühe. Im Städtchen Chorol (Gouvernement Poltawa) hat der Bürgermeister angeordnet, daß die jüdischen Kühe nur zu 10 Prozent auf der Gemeindewiese weiden dürfen. Wer weiß, was der Prozentnormwahn in Rußland noch zeitigen wird! Nur ja keine Juden. Aus Busilow, Gouvernement Kiew wird berichtet: Die hiesige 12.000köpfige Bevölkerung leidet sehr stark unter dem Mangel eines Arztes, um so mehr, als zur Zeit verschiedene epidemische Krankheiten in der Stadt grassieren. Der einzige russische Zemstw^arzt ist von seiner Arbeit im Zemstwospital und auf dem Lande so sehr in Anspruch genommen, daß die städtischen Patienten in der Regel mehrere Tage hindurch warten müssen, bis sie ihn zu sprechen bekommen. Die Verwaltung des jüdischen Krankenhauses berief einen jüdischen Arzt, die Stadtbehörde bestätigte ihn aber nicht in seinem Amte, während ein lussischer Arzt sich nicht finden läßt. Russische Gerechtigkeit. Das Komitc zur Verteilung der Spenden für die Abbrändler in Moli i l e w hat den jedem Rechtsgefühl hohnsprechenden Beschluß gefaßt, den jüdischen Abbrändlern nur 25 Prozent von dem zugeflosscnen Geld zukommen zu lassen, obwohl die Juden am meisten von der Feuerkatastrophe gelitten haben und das meiste Geld von Juden gespendet worden ist. Neue Wohnrechtsschikanen. Bis vor kurzem durften in Smolensk jüdische Handwerker, die ihre Papiere bei der Gouvernementsbehörde zur Prüfung eingereicht hatten, bis zum endgültigen Bescheid provisorisch in der Stadt bleiben. Vor einiger Zeit hat nun die Gouvernementsbehörde „in Erfüllung der mündlichen Vorschrift des Herrn Gouverneurs“ die Verfügung getroffen, jüdischen Handwerkern nicht eher das Aufenthaltsrecht in Smolensk einzuräumen, als bis ihre Papiere geprüft und in Ordnung befunden worden sind. Infolge dieser Verfügung wurden 50 jüdische Handwerker „bis auf weiteres“ ausgewiesen. Nun soll das gleiche Geschick auch die älteren Handwerker treffen, die weiter nichts verbrochen haben, als daß das Polizeiarchiv ihre alten Scheine nicht aufzubewahren wußte. Zahlreiche jüdische Familien, die während 15 bis 20 Jahren unbehindert in Stadt und Gouvernement Smolensk wohnen durften, sollen nun jetzt dank der Lässigkeit der Polizei und der Laune des Herrn Gouverneurs zum Wanderstabe greifen. Zeitschriften und Bücherschau. Jüdischer Almanach in polnischer Sprache. In den nächsten Tagen erscheint in Lemberg, der von Dr. Leon Reich, sz. Redakteur des „Wschod“, redigierte Almanach in polnischer Sprache, der ebenso wegen seines reichen Inhaltes, als wegen seiner Austattung zweifellos in den weiten polnisch lesenden jüdischen Kreisen lebhaftes Interresse finden wird. Vertreter verschiedener Richtungen im Zionismus und nationalen Judentum, kommen in diesem Sammelwerk zu Worte; die hervorragenden Repräsentanten der jüdischen Kunst haben sich hier ein Stelldichein gegeben. Das Buch ist je nach dem in den Artikeln behandelten Stoff in Gruppen zusammengefaßt, deren Bestandteile inhaltlich ein Ganzes bilden. Eine der vier Gruppen ist unserem Altmeister Nordau gewidmet. In ordnungsgemäßer Reihenfolge stellt sich der Gesamttext wie folgt dar: Viktor Pordes, Przemysl: „Jahwe“ (Gedicht), Dr. Leon Reich: „Zu den aktuellen Fragen im Zionismus“; Dr. D. Pas mnik, Genf: „Die Teleologie in der jüdischen Diasporageschichte“; Prof. Dr. N. Slousch, Paris: „Bei unseren Brüdern in den Höhlen; Adolf Böhm, Wien: „Mesopotamien“; Josef G erst mann, Lemberg: „Ein Kulturzentrum in Palästina“; Prof. Bo: is Schatz, Jerusalem: „Aus der _ Vorgeschichte des Bezalel“; N. So ko low, Berlin: „Nordau: Zionist und Politiker“; Abg. Adolf Stand, Lemberg: „Nordau: Mann der Tat und Redner“; Dr. Leon Reich: „Nordau: Literat und Mensch“; Leopold Pilichowski, Paris: „Jüdische Kunst und jüdische Künstler“; Oskar A1 e ksandrowicz, Drohobycz: „Samuel Hirschenberg“;Dr.Seweryn Go ttl i eb, Krakau: „Ein neues Bibelgewand“ (das Werk Liliens); Mathias Acher, Czernowitz: „ln Sache des jüdischen Theaters“; Prof. Dr. L. Kellner, Czernowitz: „Sprache oder Jargon?“; D. F r i s c h m a n, Warschau: „Die Büchse des Wunderrabbis Majer“ (aus dem Hehräischen); M. C h m i e 1 n i c k i, Wien: „Uebersetzungen aus der jüdischen Lyrik“; 1. Abraham Reisen: An der Schwelle, Stiller Tod, 2. Z. Schnejur-Kirschen, 3. Dawid Ajnhorn, Aus dem jüdischen Gäßchen; Franziska Stöckl, Stryj: „Perez und Naumberg“; Z. F. Fink eist ein, Lemberg: „Silhouette des lustigen Satyrs“ (anläßlich der 25jährigen literarischen Tätigkeit Schalom Alejchems); N. So ko low, Berlin: „Ignatz Bernstein und sein Lebenswerk“; Dr. W. E. Pordes, Przemysl: „Von der jüdischen Kultur“; Z. F. Fi not, Lemberg: „Schach-Mat“ (Ghettoimpression); Dr. A. Ginz, Krakau: „Das Judentum in den Schöpfungen von Slowacki“ (Beitrag zum Jubiläumsjahre des Dichters); Dr. Michael Ringel, Lemberg: Die Polen gegenüber dem Zionismus“; Dr. I. Schipper, Tarnow: „Der Anfang einer jüdischen „Nationalökonomie“ in Polen“; Red. M. Frostig, Lemberg: Die Notlage der Juden in Galizien und Plan einer Hilfsaktion“; Abg. Prof. Dr. A. Mahler, Wien: „Soziale Schichten im Judentum“; Hcrman Blumenthal, Wien: „Unter jüdischen Lumpenproletariern“ (Skizze); Dr. Max Nordau, Paris: „Die Judenemanzipation und der Messiasglaube“; H. York-Steiuer, Wien: „Moses weint“ (Poesie in Prosa); Baruch H a ga n i, Paris: „Ein fürstlicher Zionist, 1U0 Jahre vor Hcrzr; Dr. Maiek Scher lag, Wien: „Tagebuch eines Träumers in den voiheroischen Zeiten“; Oberrabbiner Dr. M. Ehrenpreis Sofia: „Das Problem Herzl“ (Gcdcnfcb att zum 50. Geburtsjahre); Dr. A. Salz, Tarnow: „Der IX. Kongreß“; Davis Trietsch, Berlin: Die Antwort eines Unzufriedenen“; Dr. Alfred Nossig, Berlin: „Aussichten der jüdischen Kolonisation in der konstitutionellen Türkei“; Dr. Max Rosenfeld, Lemberg: „Nähere und weitere Aufgaben der poalezionisüschen Bewegung“; Rabbiner Dr. I. Nacht, Focsany: „Ein Zögling des rumänischen Bethamidrasch am Gipfel wissenschaftlichen Ruhmes“ (zu Ehren Prof. Schächters in New-York); Prof. Dr. L. Weilt, Paris: Jüdische Schulen im modernen Frankreich; Wilhelm Berkelhammer, Tarnow: „Vision“ (Gedicht). Der künstlerische Teil, der vom Maler. Wilhelm Wachtel geleitet wurde, ist vom publizistischen Inhalt ganz abgesondert und stellt sich in einer Reihe von meist unbekannten Reproduktionen folgender Künstler dar: MaurycyGott.icb selig; Leon Hirszenberg, Paris; Josef Aerus, Lemberg; Samuel Hirszenberg selig; Hochmann, Krakau; Arnold Lachowsky, Bezalel, Jerusalem; Max Liebermann, Berlin; E. M. Lilien, Berlin; A. Markowicz, Krakau; Georg Merkel, Paris; Abraham Neumann, Zakopane; Bildhauer Allred Nossig, Berlin; Alfred Penzias, Paris; Leopold Pilichowski; Lena Pilichowska, Paris; Rosenblum, Maler Krakau; Josef Starck, Bezalel, Jerusalem; Hermann Struck, Berlin; Wilhelm Wachtel, Lemberg. An den ersten Seiten des Buches wurden außerdem die Porträts einer Anzahl von Mitarbeitern abgebildet. — Trotz all dieser Vorzüge wurde der Preis des Werkes bloß auf K 5.— (2'A Rubel) festgesetzt, um jedermann, der sich dafür interessiert, den Ankauf eines Exemplares zu ermöglichen. Bestellungen nimmt entgegen Dr. H. Rosmarin, Lemberg, Bernsteinagasse 10. Die „Frankfurter Zeitung“ brachte jüngst einen interessanten Artikel über den Anteil der Juden am Theaterleben Frankreichs. Dort heißt es: „Es ist nicht ganz leicht, die Pseudonyme zu studieren, unter denen sich die Ritter der französischen Theaterkunst aus „Bequemlichkeit“ verbergen, um zu erkennen, welchen Anteil die Juden am Theaterleben in Frankreich und speziell in Paris haben.Die Juden sind auf dem Gebiete der Theaterkunst in Frankreich stärker vertreten als anderswo. Man findet ihre Namen als Dramaturgen, Librettisten, Theaterkritiker und Rezensenten, unter Artisten und Direktoren verschiedener Theater. Zum Glück gibt es nämlich Quellen, aus denen man die eigentlichen Träger der Pseudonyme ersehen kann. So wissen wir, daß der bekannte Dramaturg Croisse eigentlich Wiener heißt, daß der Verfasser vieler wichtiger Stücke und Feuilletonist des „Temps“, Nosler, in Wirklickeit sich Weil nennt, daß ein andrer Weil, der viele Vaudevilles und Revuen geschrieben hat, sich des Pseudonyms Colus bediente, daß Alfred Athis, dessen Stück momentan mit großem Erfolge in einem Pariser Vaudevilletheater gespielt wird, einer der Brüder Nalhanson aus Warschau ist, die sich eine angesehene Stellung in der literarischen Welt erworben haben, daß de Fontaine kein anderer ist, als Henri de Rothschild, der einzige aller Rothschilds, der nicht nur Schecks, sondern auch Dramen schreibt und daß endlich verschiedene Levys ihre Namen in Vely, Yvel usw. umgeändert haben. Es muß zugegeben werden, daß die Zahl der jüdischen Dramaturgen in Frankreich, die mit ihrem wirklichen Namen bekannt sind, keine geringe ist. Wir nennen Abraham Dreyfuß, Henri Bernstein, den Verfasser des bekannten Stückes „Israel“. Hektor Cremieux, Tristan Bernard u. a. Unter den Theater.

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